679
An Hofe der Herzogin Unna Amalia und Karl Augusts ware!n die Frauen ihres Geschlechts ein- und ausgeaanaen. Zu Goethe, tjt Herder, zu Wieland, zu Jakob Reinhold Lenz, au Corona bchröter, zur Jagemann, zu Pius Alexander Wolf, zu Ottilie von Goethe hatten sie in näheren oder weiteren, immer aber freund-! 'chastttchen Beziehungen gestanden. 'Gespräche, Anekdoten, Bilder Und Briefe waren als heiliges Vermächtnis auf sie übergegangen. Die hatte sie gehütet in verschlossenen, ineinander verkapselten! Kassetten. Nur in ihrem Zimmer, an dessen Wänden die Schatten- rrsse Charlotte von Steins, des Herzogspaares, Goethes und der anderen Unsterblichen von Weimar hingen, war sie recht daheim. Da stand um sie herum die Vergangenheit und sprach zu ihr. Was war alle Gegenwart gegen jene Zeit, in der von dem kleinen simplen Stäbchen aus sich in Wahrheit erst der Glanz odellgsten Geisteslebens über deutsche Lande gebreitet? Die große Znt, sie war dahin. Warum mußte sie, die fast schon Scl-atten' nxrr, tioo) atmm m Tagen, Dte nüchtern waren lnTo 'arm, ohne Hochschwung und ohne inneres Leuchten, ohne Tiefe und ohne Andacht?
Und doch kam sie noch einmal heraus aus ihrem dämmererfüllten Zimmer, tastete sich hinunter in Marie Luisens Stuben und saß dort am Fenster, vor dem sich die Straßen verzweigten. Mit wertgeoffneten, staunenden Augen, die allein jung geblieben in dem welken faltigen Gesicht, saß sie da und schaute hinaus. Zn ihrenr dunkelbraunen Kleide, in der Unbeweglichkeit ihrer Haltung erschien sie wie eine vom Alter gedunkelte Holzstatue in Altarnlschen. Man wußte nicht, war das Leben in ihr erloschen oder sammelte es sich intensiv im staunenden Blick der stillen Augen, die schauten, schauten und' nicht müde wurden. War das ein "T raum, was sich da vor ihr entfaltete? War es Wirklichkeit?
Klirrend kam es die Straßen Alt-Weimars entlang geschritten. Remment um Regiment marschierte vorbei. Das ging immer inl gleichen Schritt mrd Tritt, das waren tausend, tausend Füße und batten doch einen Takt; das waren tausend, tausend Herzen und hatten doch einen Schlag; das waren lausend, lausend Menschen und hatten doch ein Ziel; das waren tausend, tausend Seelen und hatten doch nur ein Lred:
„Ihr woll'n wir treu ergeben sein.
Getreu bis in den Tod,
Ihr wöll'n wir unser Leben weih'n,
\_Der Flagge Schwarz-Weiß-Rot."
Sie sagte nichts und sie fragte nicht: „Was ist geschehen? Warum marschieren die Soldaten, warum starrt rings die Welt von Elsen und Waffen? Stumm, in sich zusammengekauert, saß sie in ihrem Lehnstuhl, wenn sich Freunde, Nachbarn. Verwandte um Marre Luise sammelten und in den kleinen Stuben flüsterten von dem großen Krieg, in dem Deutschland mit seinem Bundesvolk d«n Heldenkampf bestand, gegen sieben Feinde. War sie nicht mehr fähig, zu erfassen, was jetzt geschah, sie, die doch immer lebhaften und regsamen Geistes geblieben?
An einem goldenen Spätherbsttag trug man einen jungen schwerverwundeten Soldaten in Marie Luftens Schlafzimmer in bas breite Himmelbett. Er hatte ins Lazarett sollen, aber Marie Luise war nicht müde geworden zu flehen, daß man ihr den Enkel ihrer alten verstorbenen Herzensfreundin Cornelie Berkh ins Haus gebe, damit.sie ihn gesund pflege. Ulid Alt-Weimars Lazarette lmiren überfüllt von Verwundeten, die geblutet auf den Kampfstätten in Ost und West. Schmerzenslager stand dort neben, Schmerzenslager, Aerzte und Helferinnen reichten nicht aus, alle Dienste zu tun, allen Leidenden Hilfe zu bringen. Der junge Berkh, er mochte nur genesen in dem alten Haus, dessen Atmosphäre noch gesättigt war vom Ateip der Goethezeit.
Aber zu tief ins edelste Herz, ins innerste Leben war die Kugel gegangen Zu tief schon hatten die jungen Augen in das Geheimnis des Todes geschaut, um noch sehend zu werden für das Leben. Mit Fieberrosen auf den Wangen, die großen Augen voll unirdischen und veilchcnfarbmen Glanzes, wie ein junger hingesteckter Kricgsgott lag er da, als wollte er mit jeder Stunde weiter ins Leben blühen. Sie alle, die ihn pflegten mit nie ermüdender, geduldiger Aufopferung glaubten es. Die alte Frau ün Sessel aber wußte es: so glüht und blüht nur, was 'sich zu Tode glüht und blüht.
Und still, ohne Seufzer und ohne Laut, aufrecht wie ein! Soldat, ging er durchs Tor, das Tod und Leben trennt, cm- w j^ te c lickte, die Vorhänge bewegten sich leise im Windhauch, der durch ein offenes Fenster kam, die dunkelroten Astern m den Vasen leuchteten nur und dufteten nicht.
Sreffah, wie die junge Gestalt sich streckte, wie Schatten er- Menen um den Mund, ivie die verkrampften Finger sich lösten, die nichts mehr festhalten konnten.
Da reckte sie sich hoch aus ihrem Sessel und nahm den Krückstock und tastete sich zu ihm.
Lange stand sie und sah schweigend zu ihm hinab.
^6 sre in seine Hände, was sie alle Tage wie ihr völligstes gehütet: Ein Zweiglein vergoldeter Lorbeerblätter aus gerückt ^ am ' beU ein ^ k er ä°ö ht Luise Goethen aufs Haupt
« leid wie jene waren!" flüsterte sie. „Ihr Enkel der
Unsterblichen seid wert, daß euch ihr Lorbeer kränzt."
Augenblicksaufnahmen aus militärischen Reisen in der Türkei.
. Der baperische Major Franz Carl Endres war bis zu semer schweren Erkrankung Generalstabschef der ersten, von Liman v. Sanders befehligten türkischen Armee. Während seiner mlli- tanichen Wirksamkeit rn der Türkei hatte er Veranlassung zu weiten Reisen, durch die er Land und Leute in den verschiedensten t-^len des Rkiches kennen lernte. Und nun veröffentlicht er aus der Fülle von Blldern, die diese Reisen ihm vermittelt haben, erscheinenden neuen Hefte der „Süddeutschen Monatvhefte das ganz dem Balkan und der Türkei gewidmet ist, nn paar Llugenblicksaufnahmen — schnelle, flüchtige Bllder, die doch oft welle Fernblicke eröffnen.
' Hindenburg in Kleinasien.
Der Wagen des deutschen Offiziers bahnt sich keuchend seinen Weg durch die Nacht und den Schlamm des Amanus-Gebirges. Snt acht Tagen Regen, endlich eine Vollmondnacht, deren Pracht der Reisende genießt. Ein schwacher Feuerschein zuckt durch die wnt auseinander stehenden Bäume. „Ich nehme die Zügel. Wie nah schien das Licht. Wie fern ist es! In einer halben Stund« sind „wir am Feuer. Soldaten sind es. Vielleicht zwanzig, die zur ägyptischen Armee wollen. Sie sitzen um ein helles großes Feuer Einer smgt ein sckiwermütiges, türkisches Lied mit leiser näselnder Stimme. Ein paar rauchen Zigaretten. Einer liegt auf dem Rucken und spielt mit einem Grashalm. Ich trete in den Kreis Sw wollen sich.zur Begrüßung erheben, aber ich heiße fte sitzen blechen und fange,an, sie zu fragen. Da werden sie zw. ^.au/lckM. Es ftnd alles einfachste Menschen, können nicht lesen, nicht Ichreiben, selbst ihre Sprache ist lückenhaft, wortarm und Wger., Sw wissen nicht recht, was gegen Aegypten beabsichtigt W- alle selbst, gegen wen sie fechten. Ich erzähle ihnen,
von deutschen Siegen gegen die Russen. Da leuchten ihre Augen und fünf, sechs rufen gleichzeitig: „Hindenburg!" Und sie be- schreiben ihn mir. ,Der große Pascha! Der große deutsche Mann! Der Schrecken der Moskowiter! Gott schenke ihm Leben! Mög« seine Seele zufrieden bleiben!" Mitten im wllden Amanus, fern, fern von reder menschlichen Wohnstätte, sangen dir, MarschalL Hindenburg, diese armen Knechte und Hirten ein stammelnd Lob- tted, das mehr als manches wohlgeformte Poem dein Soldaten-, Wüssten mu ^' Schwingen deines Ruhmes überfliegen die
Die Kamele wünschen das nicht.
Dann schildert Endres eine Etappe. Ein Bahnhof, wo Güter aus Guter ankommen, uxid wo doch gerade das Notivendigste fehlt
— Ordnung. Ordnung zu schaffen wird ein Deutscher an di« Spitze der Etappe gestellt. Ein echter Dithmarscher; Endres nennt ihn: ^örn Uhl. Der griff mit starker Hand ein, trennte das Fest« vom Feuchten, schaffte Verpflegung, einen Blumengarten legte er sogar an, und die türkilchen Unterbeamten waren gelehrig und von Tag zu Tag ward die Etappe besser und besser. Nur einmal
— geht das Gerücht — soll Jörn Uhl im Kampfe mtt Kamelen sich befunden haben und unterlegen sein. Er wollte besonders? geformte Lasten, die klappernde Gegenstände enthielten, mit Ka- Elen weiter befördern .Aber das Kamel .heißt nicht umsonst Kamel. Es ilt wirklich dumm! Lasten, die Geräusche verursack>en. ttebt es nicht. Unser Jörn Uhl steht dozierend vor einem Kamel.
Er ipricht fließend Türkilch und mir, wenn er mal flucht, kommt was Plattdeutsches aus dem Gehege seiner Zähne. Die Umgebung lau,cht seinen Worten. Das Kamel kniet gottergeben und boshaft- hinterlistig da, um seine Last zu empfangen. Man naht mit den klappernden Kästen. Da brummt das Kamel. Erneute Beratung' Denn wenn das Kaniel brummt, ist es böse, und wenn es böse ist. wird es gefährlich. Mer Jörn Uhl läßt nicht aus. Mit Energie wird die Last verstaut. Das Kamel erhebt sich brüllend. Der Inhalt seiner Bürde klappert, wie ein Sack voll Blechgeschirr. Hoppla... das Kamel erschrickt! Es erhebt sein unsagbar lwch- mutiges, dummes Gesicht in den Himmel... es beginnt zu laufen. Neues Geklapper! Heiliger des Himmels... es galoppiert! Der Wärter fliegt auf die Seite ... es rast! Eine Eselsherde fdK'ut vor dem klappernden rasenden Ungetüm. Andere Kamele zeigen ihren Unmut durch Brüllen an. Wenn sie auch zu rasen anfingen! Weltuntergang! Die Leinen der Last reisen, der Inhalt stürzt, nieat, ^oUert, tost umher. Alles schreit, läuft, hält die Tiere.
Ern Türke geht auf Jörn Uhl zu und sagt ihm ernst und mit trauriger Mime: „Die Kamele nmnsckien das nicht!" „Na denn Nicht," sagte Jörn Uhl und wandte sich der sinkenden Sonne zu.
Vom anatolischen Soldatest.
Von der Bedürfnislosigkeit des anatolischen Soldaten macht man sich kaum eine rechte Vorstellung. Er nennt nichts sein eigen> ist zufrieden und glücklich, ivenn er Brot und Suppe, Wasser und ein Zelt hat. Und wenn er weiß, daß man ein Herz für ihn hat, ihm die paar Anforderungen, die er an das Leben stellt, durch eigene Arbeit und Fiirsorge.erfüllt, dann geht er für den. den er auf 'diese Weise lieb gewonnen hat, durchs Feuer. Ein sinnendes Wesen liegt in der 'Natur des Orientalen. Sein Fatalismus sUnnpst ihn gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens ab. viel zn sehr sogar, denn er erzeugt Gleichgültigkeit und damit Untätigkeit. Nichts yt ihm lieber als träumende Rulie, die er oft mit beustau- licher Natirrbettachtung verbindet. M>ends, ivenn das Padr yan.rs


