Ausgabe 
18.9.1915
 
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uach Calais, das kollegiale Dreigespann mit der Bayn nach London.

Bei Mr. Porten fanden sie wirklich ein ausgezeich­netes Heim. Es war ein sehr vornehmes Hans'. Hiev lernten sie die abgeschlossene WohNweise urrd die eigen­tümliche Lebensart des Briten an der Quelle kennen. Die Hausfrau, ebenfalls Engländerin, wenn auch in Hambürg geboren und erzogen, war eine reizende hellblonde Ers­cheinung von etwa vierzig Jahren. Ihre beiden Söhne, >er eine ein sehr selbstbewußter Bankvolontär, der andere noch Handelsschüler, waren ein paar gefällige, geweckte Jungen und nahinen die Gelegenheit, mit den deutschen Mädchen ein gutes Französisch sprechen zu können, emsig wahr. Das machte einen wohltuenden Eindruck gegenüber den andern Britenjungen, die im Hause aus und ein gingen und die Nase über alles Nichtenglische zu rümpfen ge wöhnt waren.

Die acht Tage vergingen schnell. Als Luise Wernken sich zur Abreise rüstete und Mistreß Porten Hörle, daß Lotte Wölslm nicht gebunden war, drang die freundliche Frau in Lotte, dazubleiben. Mr. Porten mußte in der zweiten Au- austwoche nach> Hamburg und würde sie dann mitnehmen. Lotte schwankte, aber die kleine Wernken redete ihr eifrig zu.

Ihr war ja alles gleich. War sie doch nur ein haltloser Jrrfahrer ohne Heimat, ohne Zweck und Ziel.

Und in Hamburg mich nicht vergessen! Hier meine Adresse."

So entschied sich Lotte zu bleiben.

Am Ultimo kam Harry Porten von seiner Bank mit großer Verspätung atemlos nach Hause.

Krieg auf dem Kontinent! Rußland und Frankreich gegen das Deutsche Reich!!"

Gleich darauf langte Mr. Porten an, die Stirn in Falten, das graue Auge finster.

Das Entsetzliche jetzt ist es da! Krieg! Ganz London hallt von dem Rufe wider. Sind die Menschen verrückt ae worden?" .

Seine Handelsbeziehungen gingen'zu drei Vierteln nach Hamburg. Das war ein Schlag für den Mann.

friedliche Gartenhaus war von den Händeln der Machte nur wenig gedrungen. Man sprach in Gegen­wart der Damen fast.nie oder nur ganz flüchtig (o'on ^ der Kriegs ruf um so niederschmetternder,

^etzt wurde es auch in dem stillen Vorort unruhig. In den B.attern spitzten sich die Nachrichten immer mehr zu. Eine Meldung ragte die andre. In zwei Zeilen las man drei Widerspruche. Alle Logik war aus den Spalten der Lei­tungen verschwunden. Nur die Leidenschaft leuchtete aus der Druckerschwärze. Die Extrablätter besäten die Straßen.

Dre Deutschen sind in Belgien eingebrochen!"

Die Deutschen gehen nach Lüttich!"

Jetzt betäubte ein vernichtender KNall alles

England erklärte Deutschland den Ktneg!

J, erst allmählich einen Begriff von

der Wirklichkeit. Aber nun verlor sie fast den Verstand Nun war sre rn Feindesland. Plötzlich über Nacht! So viel wußte sie vom deutschen Soldatenwesen, daß Erich einer der ersten war, der mitmußte. Vor vier Jahren hatte er sein ^ahr neben Gerhard bei den Pionieren abgedient.

Ef- Seit ihrer Flucht kein Lebenszeichen von chm! Und sie allein war schuld daran.

s,.. Die ganzen Löschen und Monate, in denen sie vor sich

Nebel Är.rn Nucht gewesen war, die Gedanken in einen Nebel gehüllt, hatte sre nicht ern einziges Mal irgendeine

zu"denken^ D/el^>^E,Flucht gezogen. Es graute sie, daran zu denken. Dort, wert m der Ferne, hatte sie die Grenze k.£ ei at winken sehen. Aber über die Grenzpfähle grinste es ihr entgegen, Scham und Schmach. Jetzt ordnete sich mit einem Schlage bte Wirrnis ihrer Gedanken Sie kannte nur noch erneu Triebe Heimwärts um jeden Preis'

Zuerstach der Stadt, Näheres zu hören.' c gnädiges Fräulein," sagte Harry Porten, Sie

nncklen n $r "ll"" nach der City. Ich werde Sie begleiten müssen. Erlauben Sie mir das. Es ist ja entsetzlich rn den Straßen. Alles gegen die Deutschen. Dre Menschen sind in einer Stunde alle wahnsinnig geworden,"

?r tC f faan !H c C ?' lnnsen Manne und eilte mit ihm fort Zeiten ' mtt e "} et Schnelligkeit, die in anderen

tr ert Di^FaVb" Es Wien alles elek-

ti Fahrt durch bte schmutzigen Straßen der Vor- ftaote war fürchterlich. Ihr deutsches Lhr hörte aus tausend

unV abertausend Mündern, nein, aus verzerrten, zähne­fletschenden Mäulern, dre ein viehisches Wesen bekamen, dis rohesten Schmähungen gegen das Deutsche Reich, gegen den Kaiser, ihren Landesherrn, gegen das verbündete Oesterreich. In der City stiegen sie aus, weil der Wagen in dem Ge­dränge nicht mehr vorwärts kam.

Die ganze Gegend brodelte wie ein Hexenkessel. Ent­setzliche Vorwürfe gegen die barbaRschen Grausamkeiten der deutschen Heere, die Lotte für unmöglich hielt, schlugen an ihr Ohr. In dem johlenden, wüsten Chaos verstand fle das meiste nicht. Endlich faßte Harry Porten sie unter den Arm und bog ut eine Nebenstraße ein.

Das ist ja unmöglich für Sie, gnädiges Fräulein! .Wir wollen zurückkehren."

Sie folgte willenlos. Sie war gebrochen an Leib und Seele, als hätte man sie körperlich mißhandelt.

Weh' dir, daß du eine Deutsche bist in diesem wahn­witzigen Lande!" sagte eine fremde Stimme zu ihr.

Ja, weh' mir!" murmelte sie bitter lachend.

Sie hielt sich die nächsten Tage zu Hause.

Man wird Sie schlagen, wenn man Ihre Nationalität erkennt!" warnte Mr. Porten.Ich kenne diese Gentlemen, meine Landsleute. Sie können häßlich gemein werden, wenn sie die Besinnung verlieren. Und die verlieren sie immer, wenn das Geschäft gestört wird. Man muß sich schämen!"

^ Als sich die gröbsten Stürme der britannischen Leiden­schaften etwas gelegt hatten, fuhr Lotte mit Mr. Porten noch einmal nach London.

.Abreisen? Ein Schiff? Unmöglich! Sie müssen jetzt aushalten wie alle andern, die^hier vom Kriege über­rascht wurden. Jetzt sind Sie meine Gefangene, mein gnädi­ges Fräulein. In meinen Mauern finden Sie jeden Schutz. Sie kennen unfern Spruch, das Beste, was wir hier aus der Insel haben: Mein Haus meine Burg!"

Schaudernd fuhr Lotte durch die Straßen.

_ Air den Buchhandlungen hingen gräßliche Bilder aus, unflätige Karikaturen ihrer Landsleute. Deutsche Soldaten mit roten Nasen, Flaschen mit Bier und Schnaps am Säbel­gurt, betrunken zur Front taumelnd, wo ihnen die betrunke- nen Kameraden mit grinsenden Gesichtern zuwinken. Kaiser Wilhelm mit verzerrten, lächerlichen Zügen, auf jeder Schnurrbartspitze ein paar Hochländer, auf dem Kopf einen zerbeulten Napoleonshut, von einer englischen Faust, die eine Shagpfeife umklammert, eingehauen. Der Kronprinz mit verweintem Kindergesicht auf einem Steckenpferd, in der Rechten einen zerrissenen Tennisschläger.

Und so ging es die Straßen entlang. Wohin man sah, Hohn und Spott gegen die blutsverwandte Nation auf dem Kontinent.

(Fortsetzung folgt.)

Enkel der Unsterblichen.

Skizze aus der Kriegszeit von G r e t e M a s s e (Hamburg). '

Vom Giebelzimmer des Häuschens, dessen oberstes Stockwerk ste bewohnte, indes in den unteren Räumen Marie Luise, die mm auch schon erne alte Frau und Großmutter geivorden, lebte, konnte ste Hinschauen zu dem Park, in dem die Bäunie rauschten um Käthes Gartenhaus, in dem jeder Weg geweiht war durch die Schritte der Großen von Wewiar, die einst darüber hingewandelt und die nun alle, alle schon so lange die kühle Erde deckte. Vor mehreren Zähren iwch war sie manchesmal an den Usern der »Zlm entlang geschritten, an denen die Weiden sich mit tief Herab­hangenden Zwergen hinab zu L>em nur leicht bewegten, kaum merklich zitternden Wasserspiegel neigen. An guten Tagen war sie M ^ai'chlual noch ein Stückchen unter den schattigen breit- ästigen Bäumen der Allee, die zum Schlößchen Belvedere hin- whrt, gewandelt nun aber verließ sie das Haus nicht mehr. Die Fuße waren alt geworden und schwach. Sie konnten die Gestalt, so zart, gebrechlich iknd schattenhaft sie auch war, Nicht weit mehr tragen, höchstens an den Sonntagen, indes der Krückstock au?

ihnen klapperte, die Treppen hinab in di« Stilben, in denen Marie Lüste, die Frau ihres nun schon lang«

SKj? ei1 Lohnes 1)011 Schacht, über mühsame wertvolle Stickereien gebeugt, die Tage verträumt«.

Sie hatte nie etwas wissen wollen von der häßlichen nüch- Gegenwart. Immer, immer, auch, als sie noch jung undj iiÄÄ h,ar ' Augen rückwärts gewandt tu die Herr-

«rat» X fla T n 6 C1 ^ Ui der Weimars Glanzzeit geivesen. Mit dem , ^ren Tage sich abgespielt in den seichten! Ms^b"<E-Weimars,, m fernem Schlosse, seinen Parks, seinen Alleen, dem nahen Tiefurt, ivar ihr innerstes Leben tief ver­wurzelt. In ihrem Kreise hatten ihre Väter Heimatsrecht gehabt.

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