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Er schob die Schübe auf unb wühlte in den Papieren.
9lcin !"
Er setzte sich in den Schreibstuhl und grübelte.
„Halt — damals — als ich aus dem alten Bau hierher umzog! Die Kisten — auf dem Boden!"
Er rannte die Treppe hinauf und zog m einer Kammer ein paar Kisten vor. Sie steckten voller Akten, Briefe, Zei- tungen. Endlich stieß er auf ein Paketchen, fest verschnürt und versiegelt. Mit wilder Hast griff er danach, besah es, befühlte es und stürzte wieder die Treppe hinunter. Die Schere flog knirschend durch den Bindfaden. Obenauf lagen ein paar vergilbte Zeitungsblätter. Er faltete sie mit zitternden Händen auseinander und las das Datum.
Sein Blick glitt die Spalten hinunter. Saar blätterte
„Hier — da! Ich hab's! — Endlich! — endlich!
Er schlug auf den Tisch, daß es dröhnte, und las. Es war ein kurzer Artikel. Langsam richtete er sich hoch und starrte ins Leere. Er stand auf und ging zum Fenster und wieder zurück. Die Brust arbeitete stoßweise. Er war in
einer tollen Erregung. „ .
„Himmel, ich danke dir! Jetzt ist meine Stunde gekommen. Meine Stunde! Va6 victis!"
Dann wurde er ganz ruhig. Sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck an. Er steckte das^Blatt in die Brusttasche und zündete eine schwere Zigarre an.
Mit einem triumphierenden Lächeln, auf der Stirn einen eisernen Entschluß, trat Adalbert v. Saar auf den Hof.
(Fortsetzung folgt
Aus der „Bärtigen Ente".
Die „Bärtige Ente" (Le Cnnard poilu) ist der Titel einer französischen Feldzeitnng, die wöchentlich einmal erscheint und an der Front verbreitet wird: Exemplare der Numniern dieser
Svldatenzeitung sind selbst in Frankreich mir schwer zu haben, und -es ist daher von Interesse, aus amerikanischen Quellen einiges Nähere über die „Bärtige Ente", ihren Betrieb und ihren Inhalt zu erfahren. Ganz überwiegend ist der Inhalt dieser Feld- Zeitung lusttg-hannlosen Charakters, lvenn auch ein Schuß von Satire darin nicht fehlt. Sieht man die Nummern durch, so stößt
E i auf die Namen zahlreicher wohlbekannter Verfasser, die als xrrbeiter der „Bärtigen Ente" erscheinen, und Nstrklich hat rtemb Ro stand ein Gedicht dazu beigesteuert, worin er von der herkömmlichen roten Hose der ftanzösischen Soldaten pathetisch Wschied nirmnt: „Fahr wohl, heroisch Rot, wir trauern, daß du sch,mildest, doch Helden, sonst nutzlos ausgcsetzt, werden so geschont; und wenn wir euch ins Marc des Horizontes kleiden, so entschuldigt uns dies: wir schonen euch, Soldaten, für die Garnison unserer Zukunft." Uebrsgens aber darf man sich durch die glänzende Mitarbeit erliste der „Bärligen Ente" nickst verblüffen lassen; die Schriftleitung des Mattes befolgt nämlich den schalkhaften Gebrauch, ihre Beiträge, wann es ihr beliebt, mit den Namen gefeierter französischer Verfasser zu unterzeichnen. Muß sich denn nickst jeder französische Schriftsteller geehrt fühlen, mit seinem Namen in der Soldatenzeitung vertreten zu sein? Und so liest nran dem: in der „Bärtigen Ente" beispielsweise eine Skizze von Auatole France, die dem greisen Verfasser der „Insel der Pinguine" vollkommen fremd ist.
(Sin Schuß Satire fehlt dieser französischen Feldzeitung nicht, so bemerkten ustr, n!nd zwar richtet sich die Satire zumeist gegen gewisse heimische Verhältnisse unb Einrichtungen. So nimmt sie offenbar Anstoß daran, daß die Boulevardblätter nach wie vor irrt üblichen Gesellschaftsklatsch schwelgen. Darüber macht sich die „Bärtige Ente" in folgender parodistischer Todesanzeige lustig: „Mit Bedauern machen wir Mitteilung vom Tode der Fran Herzogin Dubitune de la Chaussee, geborener Chauffroy de la Caille, in ihrem- 88. Jahre; des Herrn Anatole Fessembois, Ehrenadvokat, 103 Jahre alt, und des Fräuleins Clarisse Santo- pien, Gründerin des Waisenhauses für rückenmarkschwäche M- nornntäten, die in ihrem 96. Lenze durch einen Mfall von Schlafsucht dahingerafft wurde. Wir grüßen diese Langlebigkeiten, arme Kriegsopfer, die in der Blüte ihres Lebens dahingerafft worden sind." Diese Parodie auf den öden Gesellsck-aftsklatsch der Boulevardpresse entbehrt sicherlich des Humors nicht. Dasselbe gilt auch für ein R om an f e u il l e t o n , das nach der Art der französischen Zeitungen nur aus einem ganz kleinen Fetzchen besteht und einen französischen Bäamarb.rs launig schildert. Der Roman führt den Titel „Landoiiillard geht in den Krieg", und zwar halten wir beim dritten Kapitel: „Wie Gid-eon zur Front kam." Da »mrd erzählt: (Fortsetzung) „Donnerwetter! Diese Kerle sitzen im falschen Stuhle!" rief er. Ohne auf weitere Instruktion zu tvartenl, griff er nach seinem Geiwlehr und ließ ein paar Grüße nach dem feindlichen Schützengraben heriiberfliegeir. Es war ein episches Gefecht. Bevor die Boches noch Zeit fanden.
ihre Flinten zu laden, warf sich Gideon in einem: Augenzwinkern über sie und schickte verschiedene Pickelhauben durch die Lust, wobei die dazu gehörigen Köpfe mitgingen. Diese nachdrückliche Handlungsweise zog Landoiiillard einige Bdachtung zu. Der Feind warf ein halbes Dutzend Granaten auf ihn, um ihn darüber zu belehren, daß man anklopfe, bevor man eintritt. In keiner Weise aus der Fassung gebracht, erwiderte unser Held den Gruß. Tonnen, Gewehre, Eisenstücke, Baumstämme und all dergleichen, mit tödlicher Sicherheit geschlendert, \id mathematisch genau auf die Kinnbacken der Boches. Als er nichts mehr zu werfen hatte, machte unser Held eine Pause und beobachtete mit offenkundiger Genugtuung, daß seine Bemühungen von Erfolg gekrönt tvaren. Im Schützengraben drüben waren nur noch vereinzelte Körperreste übrig. Die wenigen Ueberlebenden waren so klug gewesen, nicht länger zu weilen; sie flohen nach rückwärts, indem sie schrien: „Das ist der Teufel, das ist der Teufel!^ Nach dieser Leistung fand sich Landouillard in einer gewissen Verlegenheit, was er eigentlich nuir in und mit seinem Schützengraben anfangen sollte. „Ich kann ihn doch nicht gut versetzen/ dachte er. In dieser Verlegenheit wartete er auf eine Eingebung, indem er eine Zigarette, das Päckchen zu 15 Pfennigen, rauchte. (Fortsetzung in der nächsten Nummer.)
Die „Bärtige Ente" ahmt überhaupt, oft in reckst schalkhafter Weise, die Anordnung und die Gebräuche der französischen Zeitungen nach. Auch der übliche „Briefkasten" fehlt nicht, und hier findet sich auch eine Auskunft an „von B ü l o w (Rom) k Wir könneii Ihnen keinen Rat geben, wie man sie dazu bringen solle, Sauerkraut lieber zu essen, als Makkaroni". Beiträge ernsten Charakters sind in der Zeitung im allgemeinen recht selten; der Brief eines Soldaten hinter der Front z. B., der in der Abteilung „Echo aus dem Schützengraben" veröffentlicht wird, enthält nicht etwa die Schilderung ernster Erlebnisse ober psychologische Bekenntnisse, sondern vielmehr eine ziemlich beißende Verspottung des französischen Bureaukratius. Kommt da von der Front eine Requisitionssorderung. Wird zurückgeschickt, weil der entsprechende Requisitronsschein fehle. Der Requisitionsschein kommt zurück, wird wieder zurückgeschickt, weil er nicht in vorschriftsmäßiger Weise ausgestellt ist. Komisch, daß sie das da nicht wissen, ruft der Mann von der Etappe aus, der im übrigen scheinheilig klagt, sie empfänden die Wirkung des Krieges auch hinter der Front sehr, oenn um 9 Uhr müßten sie jetzt schon zu Bett und frischen Fisch gäbe es nur noch zweimal die Woche. Denselben Humor atmen int allgemeinen auch die Zeichnungen, die die „Bärtige Ente" bringt. Eine davon z. B. schildert die bunte Unvorschriftsmäßigkeit der Unifornr, in der die französischen Soldaten jetzt dahergehen: man sieht sie da gekleidet in die unmöglichsten Zusammenstellungen von bürgerlichen und militärischeu Kleidungsstücken. Auf einem anderen Bildchen sieht man ein Jungfräulein, ivelches. durch die Dorfgasse geht. Große Aufregung unter den Soldaten,- die ein weibliches Wesen schon seit undenklichen Zeiten nicht niehr gesehen haben: alles stürzt gaffend und bewundernd herzu. Ein wenig aus dem Rahmen fällt eine Zeichnung, die ein „Kamerad beim russischen Heere" dem Blatte geliefert hat. Es sind dies recht ftotte Skizzen von acht russischen Soldaten- und Offizierstypen und diese Typen zeigen so viel Roheit und Stumpfheit inr Ausdrucke, daß es baß wmrdernehmen, Müh, daß die „bärtige Ente" die lieben russischen Kameraden in dieser Werse hat im Bildnisse zeigen woUen.
vermischtes.
• D i e Flucht des „Kaisers der Sahara-. Die ainerikanischen Blätter brachten vor einigen Tagen die Nachricht von der Internierung des durch seine Exzentrizität bekannten Pariser Millionärs Jagues L e b a u d y in einer New Porter Heil- anstatt sür Geisteskranke. Liber Lebaitdy, der Jahre hindurch be« strebt war,, in der ganzen Welt von sich reden au machen, sorgte schnell für eine lieue Sensation. Heute kommt bereits die Nachricht, daß er ans dein Sanatoriinn Lowdeii au! Long-Jsland entwichen ist. Lebaildy, dessen phantastische Abenteuer mehr als einmal die Oeffentlichkeit beschäftigten, ist der Sohn eines ungeheuer reichen Pariser Brauereibesitzers. Als er sich in Europa bereits zu lächerlich genlacht hatte, ließ er sich in den Bereinigten Staaten nieder. Ter Mann, der sich einstmals in einem Ansall von Größenwahn zuni „Kaiser der Sahara" hatte ausrnfen lassen, geberdete sich in Amerika so verrückt, daß die Negierung, »m den immer toller werdenden Streichen ein Ende zu machen, seine Festnahme auordliete. Doch Lebaudy fand bald Mittel und Wege, an« den schützenden Mauern der Heilanstalt au entkommen. Ter mit der Untersuchung beauftragte Scheriff ist der Meinung, daß Lebaildy bei seiner Flucht von Freunden unterstützt wllrde und die nabe- gelegene Earman Bai erreichte, inn von dort mit größter Eile den Weg nach der Great South Bai einzuschlagen. . . Tie exzentrischen Einfälle Lebaildys waren außerordentlich zahlreich, unb viele sind allgemein bekannt geworden. Er besaß ein vollbemanntes Schiff, ,Frasquitn". ans dem er den Admiral spielte. Eines Tages führte er einen Lehrkilrslls für feine Jagdhüter ein, die er selbst in Algebra, Trigoiloinetrie unb Feldmessung zu unterrichten unternahm. Leider sind leine ailthentischen Berichte über diesen „Unterricht" tu Me Außenwelt gedrungen. Den Gipiel der Tollheit erreichte Lebaildy, als er eines Tvges plötzlich aus den Gedanke,» kan», sich in einem


