Ausgabe 
13.9.1915
 
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Ö66

halbtot geschmettert. Gewiß ich habe mich immer fiir stärker gehalten. Wer kann für seine Natur?"

Aber inwendig zitierte es noch in thr nach, so ruhig und kühl sie auch ihre Rede zwang.

Hinterher schämte sie sich, ihre Liebe verleugnet zu haben. Sie schalt sich feig und des Rothktrchschen Namens unwürdig. Ani liebsten wäre sie gleich hrnubergelaufen und hätte ihre Pflicht getan, gepflegt und gelindert. Aber sre zwang sich immer wieder zu äußerer Ruhe Sie fühlte es instinktiv, daß Saar die Situation beobachtete und sie nicht aus den Augen ließ. Ten Triumph, den er herbersehnte, sollte er doch nicht erleben. Sie steckte sich hinter die treue Mümmri-Kathrin, die Wölflin-zur Pflege bestellt war, und sandte den besten Krankenwein aus dein Keller und einen einfachen Gruß dazu. Die schönsten Kirschen aus dem Gar­ten, die ersten, zarten Aprikosen gingen in zierlichen Körb­chen zum Krankenbett in das Garteilhaus.

Ich werde dem Herrn Baumeister sagen, wer sie ge­pflückt hat, Susi." . _ ... (

Das kannst du, Mümmri, wenn du meinst, daß es ihm eine Freude macht. Ja, ich bitte dich darum, sag' es!"

Nach vierzehn Tageii durfte Erich zum erstenmal aus­stehen. Dann saß er lange am Fenster in der Sonne und erquickte sich an dem endlosen Sprossen der grünen Natur. Susanne kam vorüber, den Hut in der Hand. Sie war noch immer blaß. Der Kranke sah ihr dunkles Haar in der Sonne schimmern und nickte hinüber, als sie leicht grüßte. Nur einen Blick warf sie in die Höhe und wandte sich rasch ab. In ihrer Brust wogte es stürrnisch. Sie sprach vor sich hm. Da blieb sie stehen und sah von weitem zurück. Ein Trotz flog über ihr Gesicht.

Ich will!" stieß sie hervor und ging geradeswegs zur Mutter.

Mutting, ich will dich um etwas bitten. Und du mußt es mir nicht abschlagen. Du würdest mir weh tun. Laß mich mit Mümmri-Kathrin, daß ich Herrn Wölflin ein paar Blumen bringe. Er sitzt am Fenster, blaß und elend. Es wird ihn erfreuen."

Frau Nataly sah die Tochter mild an.

Geh, Kind, ich erwarte dich hier zurück."

Susanne ging langsam hinaus. Aber hinter der Tür flog sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer, wo die dunklen Rosen standen, die sie vorhin pflückte. Sie nahm den Strauß und suchte Mümmri-Kathrin.

Erich Wölslin sprang auf, als die beiden Frauen ein­traten.

Welche Ehre erweisen Sie mir, gnädiges Fräulein! Ich danke Ihnen."

Sie reichten sich die Hände und ließen sie nicht los.

Ich werde Ihnen frisches Wasser bringen, Herr Ban­meister."

Die Alte nahm die Karaffe und ging still hinaus.

Sie waren allein.

Erich beugte sich über die kleine Hand, die er immer noch festhielt, und küßte sie.

Wie glücklich bin ich, Herr Wölflin," hauchte Susanne errötend,daß Sie soweit sind. Mein Gott, ich ich wäre um Sie fast gestorben."

Als das Wort heraus war, erschrak sie vor sich selbst. Sie sah ihn verwirrt an. Sein braunes Auge ruhte träume­risch glücklich auf ihr.

Sie haben um mich gelitten, Fräulein Susanne?"

Mümmri-Kathrin kam zurück und orbnete hier und dort. Sie brachen das Gespräch .ab und sahen sich wieder an.

Aus Wiedersehen, Herr Wölflin!"

Herzlichen Dank für Ihre gütige Aufmerksamkeit, gnädiges Fräulein. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter."

Daheim gab Susanne der Mutter einen kurzen Bericht über das Befinden des Baumeisters.

Zum Richtfest will Herr Wölflin wieder ganz aus seinem Platze sein. Mit dein Arm in der Binde."

26. Kapitel.

Mit Spannung verfolgte alles in Bronin die Zeitungen, auch Leute, die früher in ihrem ganzeil Leben kaum ein Blatt in die Haiid genommen hatten. Und wer nicht lesen konnte das waren viele aus der ältereil Zeit, wo es im Posenschen um die Schulbildung noch arg bestellt war , der horchte auf die Gespräche der andern.

Am Völkerhorizont ballte sich ein Unwetter zusammen. Was jahrelang hinter den Wolken gehangen hatte, suchte sicki

jetzt zu entladen. Den schrecklichen Meuchelmord an dem österreichischen Thronsolgerpaar in Serajewo hatte man auf Bronin fast vergessen, als plötzlich Oesterreich und Serbien in Streit kamen. Am 24. Juli, nachdem der alte Kaiser Franz den Serben fein ehernes Ultimatum gestellt hatte, stand die europäische Welt in den ersten Flammen. Am Tage daraus bekam Rothkirch ein Telegramm seines russischen Schnitteragenten aus Kowno:Kann Leute nicht senden. Stille Mobilmachung." Am nächsten Tage war die Nachricht da:Die beiden streitenden Staaten machen mobil!" Und nun kam es Schlag auf Schlag. Kaiser Wilhelm kehrte in Eilfahrt von seiner Nordlandreise zurück. Oesterreich erklärte Serbien den Krieg.

Ein verzweifelter Schrei ging um den Erdball. Jeder fühlte, daß ein furchtbarer Stein ins Rollen gekommen war. Wehe, wen er zerschmetterte!

Am letzten Julitage erreichte die^Spannung den höchsten Grad. In den Großstädten des Kontinents kochte es. Auf den Straßen wogten die Leidenschaften. Selbst die weibliche Welt wurde mitgerissen und sah ftarr das Entsetzliche nahe­kommen. , .

Da fiel der erste Blitzschlag. Das Deutsche Rerch m Kriegszustand erklärt!

Nun gab es wohl kein Entrinnen mehr.

Kaiser Wilhelm sprach zu den Berlinern von der schwe­ren Stunde, die uns das Schwert in die Hand drückt.

Die hinterhältigen Unterhandlungen der Diplomaten wurden mit Spannung und Mißtrauen verfolgt. Jede Se­kunde erwartete man den Funken, der in das Pulverfaß fallen mußte. ,

An diesem Tage saß Herr v. Saar oben bei Wölslm. Sie waren sich in den Wochen der Krankheit näher gekom­men. Saar war täglich mehrere Male oben.

Erich starrte vor sich hin.

Unser Richtfest fällt also ins Wasser, Direktor. Furcht­bar, wenn es zu diesem Weltkrieg kommt!- Millionen Frauen?- herzen werden heute zittern."

Saar erwiderte, finster lächelnd:

Um mich zittert niemand."

Sie haben niemand aus dieser Welt, der Ihnen"

Niemand! Nicht einmal einen Hund hQbe ich, der mich vermissen würde. Meine Eltern starben früh. Ich war ihr Einziger."

Erich sah ihn ergriffen an.

Meine Mutter verlor ich aud) sehr früh. Meinen Vater vor ja, jetzt sind es volle neun Jahre."

Ich hörte, Ihr Herr Vater ist verunglückt?"

Ich verlor ihn durch ein schreckliches Unglück."

Er erzählte ihm kurz die traurige Geschichte.

Zu seinem Geburtstag fahren wir immer noch an sein Grab. Ein schwerer Gang jedesmal, dieser Gang auf den stillen Friedhof von Niederwiesenthal."

Da sah Saar scharf auf.

Wo ist Ihre Heimat?"

Niederwiesenthal, ein kleines Dorf int Schlesischen, am Bober."

Saar war hastig aufgestunden. Er konnte die Auf­regung, die ihn. plötzlich, ergriffen hatte, kaum verbergen. Er griff nach dem Hut.

Dieser drohende Ktieg", sagte er kurz.Man ist ja keine Memme, der erste in der Reihe ist jedenfalls der Saar. Aber es fahrt einem bocf> in die Glieder. Auf Wieder­sehen, Baumei sterchen. Und Kopf hoch!"

Erich sah ihm lange nach. Was war in Saar gefahren?

Dann trat die Schwester in seinen Gesichtskreis. Vor einigen Tagen hatte er eine Karte aus Bordeaux erhalten. Wieder nur ein kurzer Gruß.

Kind Kind wo bist du jetzt! Wo alles gegenein­ander geht!" schrie er gequält und versankt in ein dumpfes Sinnen.

*

Mit großen Schritten war Saar durch den Park ge­hastet. Immer wieder murmelte er vor sich hin, als könnte er ben Namen vergessen:Niederwiesenthal? Nieder­wiesenthal!"

Sein Gesicht war hochrot, als er in seine Wohnung stürmte.

Vor dem Schreibtisch blieb er stehen, stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte und starrte die Schub­fächer an.

Ulid ich muß es finden! Ich muß!"