Der blaue.Anker.
Noman von E l f r i e d e Schul-.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Saar schlug sofort einen andern Ton an. Erich merkte diesen Widerspruch nicht, so tief war er wieder in seine -Gedanken versunken.
„Baumeisterchen — na, Sie werden doch nicht etiva den Kopf hängen lassen? Wer Ihre Fräulein Schwester kennen gelernt hat, der weist, Idast sie fest auf den Fasten steht, wie selten ein junges Mädchen. Fräulein Lotte Wölflin weiß, was sie tut."
Erich starrte noch immer vor sich hin. Die Unterhaltung wollte trotz aller Bemühungen Saars nicht mehr in Gang kommen. Er stand auf un8> empfahl sich in freundschaftlichster Weise.
An der nächsten Alleekreuzung blieb er stehen und sah zurück.
„Der Hieb hat gesessen, Freundchen. Famoser Stil, dies „Wurzelechtes Mittelalter"! Weiter, Adalbert! Jetzt knüpf' mir den Mondscheinheiligen vor. — Spitz' die Ohren, Waldemarchen! Nur ein Tropfen, das genügt."
Zuvor zog er noch einmal einen Brief aus der Tasche und sah ihn schnell durch.
„Wie war das?"
„Lieber Adalbert-! In Eite tu mir einen Gefallen. Telegraphiere mir ein Wort, ja oder nein! Ist Lotte Wölflin in Bronin angekommen? Dietrich."
Saar zwinkerte mit den Augen und lächelte diabolisch.
„Ausgezeichnet, mein Junge! „Absolute Diskretion!" Sollst, du haben, Ehrenwort! Das andere ist meine Sache."
Aus der Bank am Bootsplatz fand er Waldemar Roth- kirch. Die beiden Brüder waren sozusagen unter seinen Augen ausgewachsen. Sie duzten sich. Freilich — die Freundschaft mit dem jüngeren Waldemar war längst in die Brüche gegangen; mit Dietrich stand er gut.
„Guten Tag, Wald! So allein?"
Waldemar sah müde auf.
„Guten Tag — wie geht's?"
„Danke, lila, wie immer. Es ist heute verdammt still auf Bronin. Ich hatte mir Pfingsten ein bißchen anders gedacht."
„Ich auch."
„Schade, daß Fräulein Wölflin nicht pünktlich gewesen ist. Sie flattert wirklich wie so'n frischer Wind durchs Land. Aber mach' er was!"
Waldemar sah den Direktor freundlich au.
„Ja, was sagst du dazu? — Rund heraus, Adalbert, du bist ein weitgereister Mensch, hast was erlebt. Was sagst du dazu?"
Saar machte eine zurückhaltende Geste.
„Lieber Wald, ich mische mich nicht gern in anderer
Leute Sachen. Was ich zu dem Fall denke, behalte ich lieber für mich."
Er sah mit Befriedigung, wie seine harmlos hingeworfenen Worte in Waldemar einen Sturm ansachten. Seine Augen wurden ganz weit, und er sprang auf.
„Tn mir den Gefallen, Adalbert, nimm kein Blatt vor den Mund! Es bleibt unter uns."
Der Direktor flah ihn zögernd an.
„Nur unter dieser Bedingung. Absolute Diskretion, auch keine Andeutung oder indirekte — "
„Absolute Verschwiegenheit, Adalbert. Du kennst mich."
Saar rückte ganz nahe heran. Mit unendlichem Wollustgefühl träufelte er seine Worte in das Ohr seines arglosen Hörers.
„Zweierlei ist doch klar, Waldi. Einmal, daß das junge Mädchen etwas — na, sagen wir: recht Schlimmes erlebt haben muß, sonst würde sie nicht nach dem Ausland ausrücken, so über Nacht. Und zweitens — ja, mein lieber Junge, gesagt muß es wohl werden, wenn ich es auch nur im Gefühl habe und keinen Beweis anführen kann — also, es muß mit einem von Bronin Zusammenhängen, sonst würde sie Bronin, das sie liebt, nicht so unglaublich meiden."
Waldemar war bleich wie Kalk geworden. Seine Rechte krampfte sich in Saars Oberarm. Kaum hörbar zischte er hervor:
/ „Du — du meinst — Dietrich!"
„Wer sagt das? — Ich meine niemand, und Dietrich — Junge, das ist doch wohl ausgeschlossen. Nun tu mir einen Gefallen, lassen wir die Sache ruhen. Ich möchte mir nicht den Mund verbrennen. Nur eins: Es liegt wie ein Fluch auf Bronin, wir sollen wohl nicht zur Ruhe kommen."
Dann faßte er Waldemar mit einem Blick voll wärmster Freundschaft an der Hand.
„Wenn du irgend etwas auf dem Herzen hast, Waldi —- hier, hier kannst du dich erleichtern. Es gibt wohl keinen auf Bronin, der die Jahre so mit euch verwachsen ist wie ich. Also — immer zu deiner Verfügung, und zu jeder Gefälligkeit wie stets schon bereit. Adieu, mein Junge!"
Als er Waldemar den Rücken gekehrt hatte, biß er sich in die Unterlippe und kniff schmunzelnd die Augen zu.
„Pfeil Nummer zwei! Ins Schwarze! — Wenn ich jetzt den Alten hier hätte. — Morgen ist auch noch ein Tag."
Lustig pfeifend schlängelte er sich durch den Park nach seiner Wohnung. Am liebsten wäre er noch zu Frau Nataly hinübergegangen.
„Langsam, Adalbert! Das werden die andern schon besorgen."
Den Brief Dietrichs schloß er sorgsam fort.
„Das ist ein Dokument, mein Junge. Das kann ich dir sagen: Ich hätie das nicht geschrieben! Eher hätte ich mir die Finger abgehackt. Liebe macht blind."
Befriedigt strich er sich den kurzen Schnurrbart.


