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„Wir sollen wohl nicht zur Ruhe kommen — es liegt wie ein Fluch auf Bronin!"
Wie ein Messer hatten diese Worte Saars in die .Seele Waldemars geschnitten. Run ließ ihm der Gedanke an Dietrich keine Ruhe. Er suchte Susanne allein zu treffen. Endlich fand sich ein Augenblick, wo er sie ungesehen beiseite nehmen konnte.
„Ein Wort, Susi! Ich wollte es für mich behalten. Aber es geht nicht. Ich sehe über Bronin ein Unwetter! Heraufziehen, und wehe den Unschuldigen, auf die es mit herunterschmettert. Ein Wort drum, Susi, nur.füx uns. Hat Lotte Wölflin etwas mit — mit — Dietrich?"
Er preßte die letzten Worte mühsam aus der Kehle, in der ihm ein Feuer brannte.
Susanne kam die Frage so unvermittelt, daß sie zuerst sprachlos dastand. Waldemar sah die Schwester leicht erblassen. Er dachte, die Erde müsse sich unter ihm auftun. Die Arme hingen ihm schlaff herunter. Sein Gesicht wurde ganz grau. Er sah nur noch Schatten vor sich.
„Schwesting!" stöhnte er dumpf. „Ich habe es geahnt. Damals, ich schrieb.es dir, damals wußte ich, es nimmt kein gutes Ende!"
Susanne sprach ihm gütlich zu.
„Ich weiß ja nichts, Waldi, gar nichts weiter, Dietrich hat Lotte ein paarmal' gesehen, weiter nichts. Um Gottes willen, ich — ich — wie kommst du auf diese Gedanken ?"
Waldemar nahm sich zusammen und lenkte zurück.
„Sei ruhig, Susi, ich meinte nur so. Ich hatte das Gefühl, daß dort ein Zusammenhang besteht. Es ist gut!"
Sie faßten sich bei der Hand und gingen in den Park. Ihr Gespräch ging um Lotte. Waldemar blieb stehen.
„Wie ist's mit Saar, wie steht er zu euch?"
„Saar ist falsch. Von einer unausstehlichen Liebenswürdigkeit. Sieh dich vor, Waldi. Er ist aalglatt und immer hinten herum. Du kennst ihn ja. Er ist nicht anders geworden. Mich beschleicht er wie ein ahnungsloses Wild. Du weißt, worauf er rechnet. Nie, Waldemar, nie!"
Waldemar drückte ihr die Hand.
„Er soll sich vor mir in acht nehmen, Susi. Wenn ich hier auf Erden auch nichts mehr zu tun habe — ich will auf der Lauer liegen, daß euch nichts geschieht, dir und Lotte Wölflin. Ich traue ihm alles zu, alles!"
Er konnte den nächsten Tag, der Dietrich brachte, kaum erwarten. Als der Husar aus dem Wagen stieg, stand er beiseite und bohrte den prüfenden Blick in Dietrichs Züge. Sie waren matt und schlaff. Waldemar lauschte auf jedes seiner Worte, beobachtete jede Bewegung. 2lb und zu warf er harmlos eine Frage in die Unterhaltung. Als er zu Bett ging, war es ihm klar, baß Saar mit seinem Scharfblick ihn auf den richtigen Weg gewiesen hatte. Er wußte, wAs er nun zu tun hatte.
Am nächsten Morgen ging er mit Dietrich zu den Booten.
„Was sagst du, Diet, daß Lotte Wölflin nicht gekommen rst?"
Er faßte den Bruder scharf ins Auge. Dietrich fühlte das und wich den Blicken des Bruders aus. Etwas nervös antwortete er:
,LVas fragst du mich?"
„Du kommst doch von Berlin."
„Na, und? — Bin ich denn Lottes Aufseher?"
„Mein Gott, ich frage doch nur. Ich finde, bit bist in schlechter Stimmung. Sag' mal, dieser ewige Dienst ist wohl eklrg, dieser tagtägliche Drill, Kasernenhof, Reitstall — Reitstall, Kasernenhof?"
Dietrich fiel ein Stein vom Herzen, als Waldemar abschweifte. Absr die Nähe des Bruders war ihni peinlich Er schützte plötzlich Kopfschmerz vor, daß aus der Bootpartie nichts wiirde, und ließ sein Pferd satteln.
„Ich muß mir im Sattel Bewegung machen."
Mit namenloser Bitterkeit sah ihm Waldemar nach.
Dietrich kürzte seinen Urlaub ab.
„Er ist vor mir geflohen, Schwesting!" sagte Waldemar zu Susanne, die nicht wußte, wohin sie ihren Schmerz verbergen sollte. Sie wurde voii einer tiefen Melancholie erfaßt. Ihr Herz war todwund, als sie wahrnahm, daß Erich Wölflm ihr nicht mehr mit der alten einfachen Herzlich? kert gegenübertrat. Er war förmlich tu seinem ganzen Wesen, sagte nre mehr „Liebes Ftäulein Susaiiiie!" und einmal —
sie irrte sich nicht — wich er ihr so deutlich aus, daß sie schluchzend auf ihr Zimmer flüchtete und sich ausweinte.
Aus Broniii wurde es stiller als je zuvor.
25. Kapitel.
In dieser Zeit kam über den Freiherrn v. Rothkirchj eine seltsame Unruhe. Frühmorgens um fünf Uhr war er schon in den Ställen. Den Schloßbau trieb er mit einer nicht zu verbergenden Hast vorwärts. Die Flügel standen gegen Ende Juni im Rohbau fertig. In vier Wochen sollte die große Kuppel abgewölbt sein. Auf den 31. Juli hatte er mit Wölflin das Richtfest angesetzt.
„Ich danke Ihnen, mein lieber Baumeister", sagte der Freiherr zu Wölflin. „Dann können wir ja in Ruhe die Ernte zu Ende bringen."
Das Richtfest sollte eine große Feierlichkeit werden. Die alte Mümmri-Kakhrin traf beizeiten umfangreiche Vorbereitungen, trotzdem die Hauswirtschaft ihr immer größere Arbeit machte. Für die Innenarchitektur kamen Scharen neuer Handwerker. Erich Wölflin, der in beu letzten Wochen Übermenschliches geleistet hatte, konnte sich etwas zurück- ieTicu und ließ nun Gerhard ^adenburg den Vortritt. Hinter em Gartenpavillon waren Bauhütten für die Bildhauer, Stukkateure und Maler aufgestellt. Es war ein buntes!
^Treiben. Nur verstohlen kam ab und zu Susanne in die Bauräume. Dort traf ihr suchendes Auge gewöhnlich nur den jungen Ladenburg.
„Gnädiges Fräulein nrachen sich jetzt recht rar."
Sie sah still zur Seite.
„In der nächsten Wo che» kommen wir an Ihre Zimmer. Da müssen Sie aber öfter heraufkommen. Sehen Sie — mit Wölflin gehen meine Ansichten oft recht weit auseinander. Aber hier, in diesem Punkte, da sind wir ein Herz und eine Seele. „Das wird das Schönste im ganzen Hause!" hat er mit Blaustift dick auf die Mappe geschrieben. Ich habe mit Rotstift darunter gesetzt: „selbstverständlich!" Da — hier steht's. Kann es anders sein?"
Sie wurde ganz rot.
„Eigentlich — sehen Sie, gnädiges Fräulein, da bauen wir also etwas Schönes zusammen, das Allerliebste, was wei Menschen aussinnen können. Und eines schönen Tages! oben wir umsonst gebaut. Da sind Sie weg."
„Wer ist weg?"
„Sie, gnädiges Fräulein. Ta kommt ein Ritter und ent-, führü Sie. Und unser Schmuckkästchen steht leer."
Sie sah ihn ernst an.
„Die Künstler scheinen ohne Pharrtasie nicht leben zu können. Sie dürften sich vielleicht sehr irren."
Dann war sie weg.
(Fortsetzung folgt.)
U x.
' Novelle von Alexander Castell.
Es hatte die ganze Nacht gestürmt, und man konnte keine wanzig Meter weit sehen. Ux schlich sich wie ein langer^ chmächtiger Fisch, dessen blinkender Rücken zuweilen auftauchte, durch die schwarze, kochende Flut, die am Kommandoturm auf-, jagte, über das Deck wegfegtc und wieder mit einem dumpfen Gehämmer auf dem Bootsrumpf zusammenbrach.
Jansen stand am Kommandoturm und starrte nach dem Bug, der wie eine feine Klinge in den Gischt schnitt, und darüber: hinaus' in die Dämmerung, die von tausend nassen Strähnen durchschnürt zu sein schien, die wie eine geheimnisvolle und wieder drohende Mauer dastand, und in die er jetzt Stunde uw Stunde mit ruhigem, gespanntem Gesicht hineinfuhr. Gleich einem grollenden Toben fühlte er die Flut unter sich, ein dumpfes, gewaltiges Dröhnen drang von unten herauf, dann reckte sich wieder eine wuchtige Woge vor ihm, mit beiden Händen mußte er sich am Geländer halten, vom Bug her kam es, bog hie Veutilationsschlote legte den Antcnneumast wie eine Gerte nieder . . . jetzt hatte er es im Gesicht, eisig kalt und beißend wie Feuer, er selbst schien samt dem Periskop geknickt zu werden, wie in einem Kessel schäumte der Strudel um ihn, als wollte er ihn heben, ihn und alles, was um ihn war, gen Himmel saugen.
Und trotz allem ging es mit achtzehn KiwteN Geschwinbigkeit gen Westen. Die Dämmerung wurde jetzt grau, ging allmählich ins Gelbliche über, der Regen begann seine Monotonie zu ver-, lieren, und allerlei Farbentöne schienen darin zu schimmern.. Jansen drehte sich gegen das Heck um da stand am östlichen- Hiunnel wie in hellerem. Nebel ein tveißer, krejsrnnder Fleck.., die Sonne, Zugleich hörte er das Auspuffrohr der Oelnwtore


