Ausgabe 
9.9.1915
 
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Der blaue Unker.

Römern von Elfriede Schulz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wie Lotte Wölflin in ihr Heim bei Madame Donrbier gekonullen toar, wußte sie nicht. Die Eisenbahn, das Auto vvul Bahnhof sichren so furchtbar langsam. Es war noch früh Im Hause lvaren lvohl gerade erst die Dienstboten ausgestanden. Keiner hatte sie gesehen. Sie hätte auch keinem ins Auge sehen können.

Am Waschtisch badete sie das brenneube Gesicht undi zog sich hasttg um. Sie nahm ein .graues Reisekleid und den gelben Reisemantel. Den für Bronin bereits gepackten Koffer schloß sie auf, rällmte fast alles heraus und andre Dinge hinein. Dazwischen wieoer überlegte sie. Manchmal stand sie unschlüssig da, räumte lvieder heraus und andres ein. Aus einer Ledertasche suchte sie lvieder niedrere Papiere hervor nnd steckte sie mit einem Scheckbuch der Deutscheu Bank in die Reisetasche. Als der Koffer geschlossen war, stand sie lauschend still. Endlich nahm sie Mantel nnd Schirm und klingelte dem Hausmädchen.

-Holen Sie mir sofort ein Auto!"

Auf dein Potsdamer Bahnhof löste sie ein Billett nach Wiesbaden und gab den Koffer auf. Dann sah sie nach der Zeit. Es war noch nicht acht Utär. Sie setzte sich in eine Ecke des DamenzimmersZhinter denr großen, öden Warte­saal und stützte leise loeinend den schweren Kopf in bcibjd Hände.

Um neun Uhr fuhr sie nach der Bank, hob dort ihr ganzes Guthaben ab und besorgte sich einen Paß nach Franlreich. Bon der vorjährigen Reise wußte sie damit Besehe io. Auf dem Wege zu in französischen Konsulat am. Brandenburger Tor kehrte sie noch einmal zurück zum Polizeipräsidium. Sie ivolltc noch einen englischen Paß haben. Sie war sich selber nicht klar, wohin sie ihr Elend btadfte, wohin sie sich mit ihrer grenzenlosen Scham, mit ihrer haltlosen Selbstverachtung schleppte.

Man kam ihr überall entgegen. Mittags hatte sie ihre Papiere. Sie gab an Erich ein kurzes Telegramm auf: Ko in me später Nachricht folgt" und hastete, wie von bösen Feinden verfolgt, zum Bahnhof.

Mit dem nächsten Zuge fuhr sie ab.

Das lvar Dietrich schon lange nicht passiert. Erst um neun Uhr erwachte er nnd sprang aus dem Bett. Einen Augenblick blieb er regungslos auf dem Bettrand sitzen. Dann flog er in die Kleider, warf ein paar Zeilen aus eine Karte, legte sie in einen Umschlag und läutete der Be­dienung.

Bringen Sie das nach nebenan, Nummer drei!"

Das Mädchen sah ihn betroffen am

Töas ist Ihnen?"

Das gnädige Fraulein ist nicht mehr hier. Ganz in der Frühe hat das Fräulein das Haus verlassen. Ich lxcbe es nicht gehört. Ich schlief noch. Aber der .HauWiener sagte es."

Dietrich v. ^liothkirch mußte seine gcnrz-e SelbsÜwherr^ schung aufbieten.

Es ist gut. Besorgen Sie meine Rechnung."

Er stürzte zum Waschtisch, befeuchtete die Augen kau in mit zwei Tropfen, wusch sich in fliegender Elle die Hände und zog sich rasch vollständig an. Darm eilte er in Lottos! Zimmer. Es war leer.

Er ließ den Hausdiener kommen. Der konnte nichts Bestmrmt.es sagen. Ms er gegen fünf ausstand', loar -as Fräulein fort.

Dietrich warf ihm ein Goldstück zur Bezahlung hin und rannte zum Wasser. Aus der leichten Morgeubrise holte er mit seinem Segel heraus, was er konnte. Er hätte fliegen können. Jeder Nerv in ihm zitterte. In Wannsee warf er sich in das erste Automobil nnd ließ es durch den stillen Grnnewald jagen. Bor dem Hanse der Madame Tourbier überlegte er einen Augenblick. Es lvar ihm im Grunde furchtbar peinlich. Was sollten die Leute denken?

Es hilft nichts! Ich muß."

Er traf ein Dienstmädchen.

Das gnädige Fräulein ist abgereift."

Er wußte nicht, wie er lvieder auf die Straße kam. Unschlüssig stand er an der nächsten Ecke, die Lippchr qual- voll aufeinandergepreßt, zwei tiefe Falten über der Rasens Wurzel. Langsam hellte sich sein Gesicht auf.

Nach Bronin?"

Er ging ein paar Schritte weiter, blieb lvieder steheu und schüttelte den Kopf. Sein Auge lvar wieder finster. Er fühlte in seinem Kopf eine furchtbare Leere und einen stechenden Schirre rz. Er sah in seine leeren Hände.

Entsetzlich, so nichts, gar nichts in der .Hand zu haben, keine Mnung, keine Richtimg, keinen leiseli Anhaltspunkt entsetzlich!"

Mit dem nächsten Auto fuhr er zur Garnison zurück. Der Dienst wartete auf ihn. öft stürzte sich hinein. Aber die qualvolle llnruhe verfolgte ihn. Abends jagte er noch em* mal nach Eharloltenbnrg und ließ sich bei Madame Tour- bier melden.

Die kleine Französin enipfing ihn mit einem verängstig­ten, mißtrauischen Blick, obwohl ihr der Name Rothkirch nicht unbekannt war.

Mon Dieu! Es ist ein Unglück passiert, ganz gewiß, monsieur. Unser liebes Fräulein Wölslin wollte heute nach Bronin reisen. Dort ist lvohl Ihr Herr Vater, Herr Leutnant. Aber sie ist sicher nicht nach dort gereist. Sehell Sie nur das Zimmer! Ich lmbe nichts angerührt. Mon Dieu, was lincb nun kommen? Ol», mon Dieu mon Dieu!

Sie führte Dietrich in Lottes Wohnzimmer. Mit tut* fetzten Augen sah er die Unordnung, die d,nrcheingll.de.y.