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Die Nacht sank dunkelnd herab. Im Gebüsch sang eine Nachtigall. Vom See wehte ein milder, würziaer Atem herein, gemischt mit dem Duft von Jasmin und Mieder aus dern Garten. Als Dietrich ein neues Glas eingießen wollte, sank Lotte müde zurück.
„Wie ist mir, Dieter? — Mir fallen fast die Augen zu. Last mich jetzt gehen. Ich könnte umsinken vor Müdigkeit."
Sie sah sich fremd um, wie jenvand, der sich, nicht KN- rechtsindet. JKr Auge traf seinen glühenden Blick, daß sie summen schauerte.
„Kvmm!" sagte er weich und faßte sie an der Mandl. 'Jetzt soll mein Keines miioes Vögelchen schilasen gehen." Eng umschlungen geleitete er sie hinüber.
Sie fühlte seinen heißen Atem. Ihr schwindelte. Tau- tnelnd, fast getragen von seinen starken Armen, schritten sie über die Schneelle.
23. Kapitel.
/Durch die mattgelben Vorhänge btach eine stumpfe
t elligkeit in das Zimmer und fiel auf die Augenlider oer chläferin. Davon wachte Lotte Wölslin auf.
Sie sah vor sich das Fußende des Bettgestells, schwarz- glänzende Eisenstäbe mit blinkenden Messingringen. Das War ihr so fremd, daß sie sich ein wenig aufrichtete.
„Was ist das? — Wo bin ich?"
Plötzlich drang es wie ein ferner Blitz durch ihr Gehirn. Sie fuhr ganz hoch und saß da, vornüberaebjückt, ganz geduckt, als drücke ein ungeheures Etwas auf ihren Nackerl.
Sie sah ihre bloßen Arme und auf den Stühlen ihre Strümpfe und Kleider unordentlich durcheirrander gelegt. Ihr Blick nahm einen entsetzten Ausdruck an. Vergeblich marterte fie den Kopf, um einen Erinnerungsfaden zu finden. Da erkannte sie die Tür mit dem eigentümlichen Messingbeschlag am Schloß. Dann war sie wieder im dunklen Nnbewußtsein und schloß die schmerzenden Augen.
Sie flchlte sich am ganzen Leibe zerschlagen. Jetzt leuchtete es wieder kurz und schnell ini Gedächtnis auf Mit emem jähen Satz stürzte sie aus dem Bett und lief nach dem Fenster. Sie riß den Vorhang beiseite. Das sttlle Morgenlrcht flutete graurot üher den See. Drüben lag das Segelboot.
Da brach sie mit einem unterdrückten Aufschrei zw» sammen, wie von einem Blitz getroffen, und schleppte sich zurück zu den: Bette. Sie sank bebend in die Knie und verbarg das Gesicht in den Kissen.
„Mein Gott —- was ist mit mir geschehen?"
Ihre Lippen zitterten. Eine Tränenslut brach aus ihren Augen. Sie schluchzte bitterlich. Sie richtete sich wieder hoch, verinochte aber llicht, sich, vollends zu erheben. Eine furchtbare Angst krumpfte ihr Herz zusammen und fchuurte M die Kehle zu. Sie riß sich am Haar, das wirr «der ihre Schlafen und die Stirn fiel, ob das alles Wirklichkeit sei vder nur ei» wahnsinniger Traum.
„Dietrich! — O nein, nein — es kann ja nicht sein!" ,.. r ' i f lc .hJnQte nicht, hochzublicken. Ein entsetzliches Gefühl lahmte ihr jebe Bewegung. 1 1
„lim Gottes willen — was ist mit mir?"
Ihr war, als stände eine gräßliche Gestalt hinter ihr, wie sie es einmal auf einem Bilde gesehen hatte, in der Hand em breites Schwert, bereit, sie niederzuschlagen. Und rtngs herum eine johlende Menge, die mit Fingerm ans sw^zeigte. Em Frost legte sich um ihre Glieder.
Endlich fühlte sie Boden unter den Fußen. Sie tappte zum Tisch und häelt sich an der Kante fest, denn sie drohte ® ort lag ihr Schmuck, ihre Uhr, das Zisserblatt nach unten, da der kleine gelbe Hut, der bunte Gürtel mit dem weißen Schloß, über der Stuhllehne ihr l>en lila Arabesken und den weißen Spitzen Wie log das alles da?
Ein vernichtender Schlag fuhr auf sie nieder. Sie neigte den wüsten Kvpf tief auf die Brust und kniff die «UL°'l ru Ihr Atem keuchte. Ihr Blut sieberte. Mit einer
?mS ä Ä’,r bC •' Ir 1101 ? 1 H?st griff sie nach den Kleidern zog sick m sliegeiider Eile an, kaum daß sie ein paar Knüpfe an der Bluse, an den weißen Schuhen znmachte
Hand flog, fie zur Tür, öffnete leise 'hin ab^ "" **" bann'-erigen Gang entlang,
Sie wußte nicht, wie sie aus dem Hanse gekommeck w°r. «s war -wchalles totenstill die Sonne brach eben Mit blutigem Schein über dern See hervor. Von einem üespensterhafteii Entsetzen gejagt^ floh sie vor den roten
Strahlen nach der entgegengesetzten Seite, am Seeuser entlang, daß ihr die taufeuchten Zweige ins Gesicht schlugen.
. „Barmherzigkeit!" ächzte sie. „Wo war ich? — Was ist mrt mir geschehen?"
Ein Rnderschlag klana an ihr Ohr. Sie h-emmte den Lauf uud lauschte, strich sich die wiloen Locken aus dem Gesicht und warf einen Blick auf ihre Kleider.
Dicht am User kam ein breites, graues Fischerboot gezogen. Ein aebückter, alter Mann bewegte langsam und gleichmäßig die Ruder. Das gehetzte Mädchen rang nach einem Entschluß. Sie rief den Fischer an. Der richtete sich schwerfällig etwas hoch.
„Lieber Alter — können Sie mich mitnehmen? Ich will nach Wannsee zum Bahnhof oder zu einem andern Bahnhof nach Berlin."
Er sagte, er sei Fischer und mit seinem Fang auf dem Wege zum Potsdamer Markt., Wenn sie da mitwollte.
Lotte suchte nach der Geldtasche.
„Ich gebe Euch ein Goldstück und was ich noch habü nehmt mich mit zum Bahnhof Mannsee, nicht nach Potsdam. Ich will es Euch danken."
Da fuhr der Alte den Kahn knirschend in den Ufersanch kroch mit den langen, schweren Wasserstiefeln über Bord und trug Lotte Wölflin in sein Boot. Er zog seinen Nock aus und legte ihn auf den Sitz gegenüber.» Dort kauerte sie sich nieder.
„Ist Ihnen woll was passiert, Fröten? Was Schlimmes doch nich? Ruhig, Kindchen, ich fahr um und bring Sie nach Wannsee, dicht beim Bahnhof, Frölen. In fief Mmuten sind Sie dann oben."
Lotte hörte nur die Ruder knarren. Sie starrte dumpf aus den feuchten Boden des Kühnes und sagte kein Wort, Jeder Gedanke schmerzte sie. Der alte Mann schüttelte den Kopf, sah ins Weite und trieb sein Fahrzeug mit der schweren Marktlast vorwärts, so gut er koikute.
(Fortsetzung folgt.)
Dar wunder.
Novelle von Alexander CastcttL
„Anne-Marie, treib die Kühe herein!" rief der alte Bahn, der mit seiner Schwiegertochter auf der Bank vor dein Hause saß Es war em Oktobernachmittag und sck-on etwas kühl. Die kleine Aun^ Marie nn vrerzehmähriges Mädel, trottete zum Hof hinaus Mail hotte ihre Holzschuhe noch curf der Straße klapperm. r . beiden andern säßen still an der Sonne. Ans ihrer großen Sttlbe horten pe das Telephon rasseln uird Worte, die sie nicht verstanden. Tort war das Nvminando für die Batterie, die hinter dem Wald irgendwo vergraben war. Ter Major und die andern Offiziere logierten int Haus, gingen aber zum Essen ins Dorf. 9^r wenn strenger Dienst war, kochte ihnen die junge Bahu eine Soupe aux choux , die den Herren ausgezeichnet schmeckte.
|8f P a ^ U l)a"e drei Söhne, Ferdinand, jRobett und Gailon. Sie waren alle dret ain zweiten, fünften und seckpN,»», Verdun und Montmedy einberufen worden, und seither hatten sre nichts mehr von ihnen gehört. Nur von Gaston K^en ste vernommen, daß er in Deutschland gefangen rvar.
Vermittlung des Majors hatten sie ihm sogar einett Brief schicken können. Aber es war noch keine Antwort da.
mx von Ferdinand, und sie war im achten
Monat schwanger Sie war eine sehr kleine, aber feste Person batte durch ihren Zustand ein ganz gelbes Gesicht bekommen'
gewesen war^ *** Ätn ^ tr °k fcem f ie schon zwei Iahte verheiratet
sie wit dein Alten jeden schönen Nacksmittäg, den Gott trotz des Krieges gab, m der Herbstsonne, hatte ihre Hände wie betreuend auf ihrem Leib liegeil und däminerte vor sich hin Tre beiden sprachen wenig. Ter alte Bahn war seit dem kommet ® c -5? r sechsnndfünszig Jahre alt und kannte sich plötzlich Mi Leben nicht mehr aus. Als kleiner Junge Hatto er den Krieg 1870 mttgemacht. Setne Mutter hatte damals ein Büreau de tebac gehabt, wo die deutsche,: Soldaten Zigartrn kauften und Wern tranken. Oft hatte er diese Szenen seinen ^L^ahleir müssen und ihnen erklärt: „Wir waren voller !^?bvsicht, denn der Kaiser war ia mit einem großen Heer tn Sedan, und unsere Arntee errang Sieg auf Sieg Ta eines Mends, ich war gerade bttm Bäcker uiü> hatte für eure Großnuttt^ Brot geholtt sprengten Retter über das Feld gegen das Tvrfr aL? 01 ?* 1 verfluchten Prussiens hatten den
^ üunze^ Heer gefangen. Nachher waren ste oen Herbst Md Mutter da. Sie kamen auch zu m einer Groß-


