Srr blaut Anker.
Roman von Elfriede Schulz».
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Du sprichst wie ein Dichter, Lotte. Aber unsereiner denkt so ähnlich, wenn man auch keine Worte machen kann. Darum segle ich ja. Manchmal läßt man sich treiben, ganz gleich, wohin es geht, und das ist das Schönste. Wir wollen den Tag gut ausnützen. Es ist ja nicht immer so. Abendbrot gibt es auf Deck, mein Liebling. In der Kajüte ist alles verstaut, und wir köpfen eine Kupferberg dazu."
Sie freuten sich wie Kinder darauf. Gegen Abend legte sich das bißchen Wind fast ganz. Lotte deckte hausfraulich den Tisch, und Dietrich stellte den Sektkühler neben die glitzernden Glaskelche. Das Boot blieb fast auf der Stelle liegen. Er zog die Segel ganz ein. Sie tafelten in heiterer Stimmung. Es war ein unvergleichliches Mahl in der abendlichen Stille dieser weltvergessenen Gegend.
„Und auf was stoßen wir an?"
Dietrich beugte sich dicht vor ihre Augen und sah sieh glücklich an.
„Nun — auf was?"
Lotte wiegte den Kopf und Pfiff ein Liedchen vor sich hin. Sie war in eine; ausgelassenen Stimmung und mochte gar nicht denken.
„Wir wollen erst einmal trinken, dann kann sich jeder etwas Besonderes denken, etwas recht Liebes, und dann wollen wir uns zu einigen suchen, und das soll gelten."
„Also kurz — erst einmal auf das Glück im allgemeinen und auf die alle, die unser Glück —' na, sagen wir — verschuldet haben. Sie sollen leben!"
Dann grübelten sie und sahen sich neckend an. Lottes .Hände waren ihr in den Schoß gesunken. Er umschloß sie fest und fühlte die Süßigkeit ihres jungen Leibes. Ein jäher Rausch überkam ihn, und seine Augen brannten in den ihren, aus den mädchenhafte Sehnsucht und eine mütterlich-weiche Zärtlichkeit glänzten.
„Komm, laß das dumme Sinnen, Liebling, küsse mich!"
„llnd nun stoßen wir an auf das Schönste, das Allerschönste in diesem Leben, das ja nur so kurz ist: die Hoffnung auf ein seliges Glück."
„Alls ein seliges Glück!"
Sie schwebten in einer himmlischen Heiterkeit, losgelöst von allem Irdischen, und tranken und plauderten, und Hand brannte in Hand.
Dietrich köpfte eine neue Flasche. Der schäumende Wein machte ihr Blut heiß. In ihrer Seligkeit fühlten sie es kaum, wie ein glühender Strom durch ihre Herzen rollte. Und empfanden auch nicht, daß die Weiden und Erlen am Ufer lange dunkle. Schattet! über den Wasserspiegel legten, aus dem hier und da schon ein Stern aufschimmerte.
„Mein Gott, es wird <rm Ende gar Nacht, und wir vergessen alles, Kind. Und die Segel hängen, kein Lüftchen rührt sich —"
Dia flaute es langsant vom Wald' herüber auf. Dietrich zog das Segel choch.
„Jetzt müssen wir sehen, wie wir uns heimwärts durch» schlagen."
Lotte sah auf der Bank, weit zurückgelehnt, beide Arme auf denr Geländer rechts und links weit ansgebreitet. Sie sah ihn selig an und summte:
„Es waren zwei Königskinder."
Dann sprang sie auf, fiel Dietrich um den Hals unH herzte und küßte ihn, daß das Boot leise schwankte.
„Du Süßer — du Einziger? Ich kann an so viel Seligkeit ja gar nicht glauben."
Zum erstenmal tvar Lotte ganz aus sich herausgetreten. Wie ein heißer Sturmwind war es über sie gekommen. Der feurige Trunk aus den Hochheimer Kellern lvar ihr so zu Kopf gestiegen, daß sie sich festhalten mußte.
,Hch glaube, ich habe einen Schwips! Dieter, einen Schwips!"
Dietrich sah in das Zunehmende Dunkel hinaus.
„Wir kommen nicht weiter mit dieser Ntütze Wind. Lotti — siehst du drüben die Lichter? Wir wollen dorthin drehen und ankern. Es ist ein nettes Haus. Du bist müde. Wir übernachten, und morgen in der Frühe bringe ich dich nach Hause, Schatz."
Sie sah ihn immer noch lachend an.
„Liebster du — Einziger? Wie bin ich glücklich, daß ich dich habe."
Das Boot drückte sich mühsam kreuzend vorwärts. Dietrich ließ den kleinen Anker herunter. Dann zog er das Segel ein und band es fest. Nachdem sie alles geordnet und das Deck leer gemacht hatten, schloß er die Kajüte ab und machte das Beiboot klar. Mit ein paar Nuderschlägen waren sie am Strand und landeten au dem kleinen Brückensteg. Sie fanden z.oei freundliche Zimmer, iin oberen Stock, nach dem See hinaus. Bor Dietrichs Stübchen war ein Balkon. Sie traten hinaus. Arm in Arm verschlungen sahen sie hinab in die schweigende Welt. Die frische Nachtluft wischte die Müdigkeit von Lottes Augen.
„Fetzt wird es kühl. Du bist so leicht angezogen. 9hm setzen wir uns noch ein bißchen und plaudern."
Lotte folgte ihm willenlos. Er läutete der Bedienung und ließ eine alte Flasche Rheinwein kommen.
„Siehst du, mein Liebling, jetzt bist du hier in meinem Zimmer, also mein Gast. Nun mußt du hübsch artig sein.' Sonst küsse ich dich zur Strafe."
Als das Mädchen das Tablett gebracht hatte und gegangen war, ließen sie sich auf dem molligweichen Plüsch des Sofas nieder. Dietrich zog die Liebste zu sich heran und setzte sie auf seinen Schoß, und sie schlürften den goldenen Wem, die Gedanken in eurer curdern Mlt.


