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Da sagte der Kellner:Ter Herr Oberleutnant wünscht Madame AN sprechen." Daraus zog er sich zurück. Plesscn hatte ganz den Eindrucks daß dieser Uebersall etivas perfid war, m seiner Form wenigstens peinlich, aber er trat ein. Er sah oor sich eine vielleicht sünfundzwanzigjährige Dame mit etwas brünet­tem Teint und dunklen Haaren, die ein einfaches blaues Schneider- kleid trug und offenbar zum Ausgehen bereit war. Das Zimmer hatte zwei Fenster, das eine davon stand offen. In diesem Moment schlug es auf Samte Cathsrine halb drei.

Entschuldigen ^rie, wenn ich Sie gestört habe," sagte Blessen höflich und salutierte. Er sah dabei wie ihr Gesicht ganz normal und ohne die geringste Bewegung blieb. Kaum, daß vielleicht seine Linien um eine Nuance kühler, reservierter geworden waren, was doch in Anbetracht der Fremdheit des Besuches nicht weiter erstaunlich schien.

Sie zwang sich jetzk sogar zu einem Lächeln und fragte liebens­würdig :Womit kann ich dem Herrn Oberleutnant dienen?"

Blessen kam sich in seiner Rolle plötzlich verlegen vor. Er sagte, während er das Gesicht der jungen Dame, die am Kamin stand, nn Auge hielt:Ich komme zu Jhnew in einer Mission, die eigentlich nicht mir obsiegt . . Er hielt inne. Er fühlte nuen merkwürdigen Truck in der Kehle. Er sah diese schlanke, graziöse Person plötzlich wie in einer Bision an einem warmen Maiabend aus fbier Bühne eines der kleinen eleganten Theater in der Avenue der Champs-Elysees.

Aber was führt Sie denn hierher?" hörte er ihre klare melodiöse Ltiinme.

* Köpfte erst Wem, ehe er weiter sprach, er fühlte sich viel­leicht auch etivas hilflos, weil das Französisch in seinem Munde etwas hart und abrupt klang. Aber er autivortete jetzt:Sie haben sich im Hotel und vor dem Polizeikommissariat als bel­gische Staatsangehörige ausgewiesen. Es sind aber starke, sogar evidente Beweise vorhaiideii, daß diese Jdentitätspapiere zwar Nicht gefälscht, jedenfalls aber nicht Ihnen zugehörig sind."

Sie lächelte ganz harmlos:Wie kommen Sie auf diese Idee?"

. r ^it acht Tagen in Brüssel, wir wissen aber,

baß £>ie sich vor drei Wochen in Metz aufgehaltcn haben, und ?uem deutschen Paß, auf Grund dessen Sie sich als Elsässerin legitimiert hatten. Sie warm in Metz zwei Tage wegen Spionageverdacht verhaftet und niußten wieder freigelassen werden. Inzwischen erfuhren wir, daß Sie ani 3. Dezember, aus der Schweiz kommend, in Singen die Grenze passiert haben! mit dem Reiseziel Straßburg, wo Sie angeblich in Ihre Familie zwruckkehren wollten ..."

Herr Oberleutnant," unterbrach sie ihn lächelnd . . . c l'^gte er:Ich weiß aber persönlich, daß alle beide Pässe falsch waren, daß Sie aus Bourges gebürtig sind. Ihres Berufes Schauspielerin und bis zuletzt in Paris engagiert am ThöLtre F.." Seme Stimme hatte ruhig, klar und doch etwas mlide geklungen.

ob ein geheimer Schmerz in den Worten mitschwänge.

Ihre Mundwinkel zuckten jetzt leise, wie sie äußerte:Ta muß eine ganz furchtbare Täuschung vorliegen ... ich bin . . ."

. Er machte eine Handbewegung.Das muß sich ja alles zeigen . Sie werden wegen Spionageverdacht verhaftet wer­den. Entdeckt man wieder nichts, dann wird einzig die Anklage wegen Führung eines falschen Namens gegeri Sie erlsoben. Sollte "?au aber, sei es in diessm Ziichner, in Ihrem Gepäck od»w Ihren Kleidern, Dokumente finden, dann . . .

Es war iur Zimmer sehr still geworden.

,Mber wer^sagt Ihnen denn, daß ich und die bewußte Dame von Metz und Gingen dieselbe Person sind?" fragte sie leise.

Man hat Sie in Metz photographiert, Ihren Daumenabdruck genommen die hiesige Geheimpolizei hat gleichfalls schon eine Anzahl Aufnahmen von Ihnen gemacht, das ist ja alles so leicht festzustellen/ sagte er ohne Härte. Er mußte sie wieder ansehen, und er dachte: Sie ist schön, und sie hat eine unendliche Russe

m ihrem Gesicht . . . wie schade es doch um sie ist."

Sie hatte jetzt plötzlich wieder ilwe ganze .Haltung und sagte Wft vergnügt:Die Behörden werden hier ebensowenM wie in Metz das Geringste finden, das gegen mich belastend wäre, und! der Fingerabdruck mich sogar beweisen, daß Sie im Irrtum nnd . . Ich bin Nicht Französin, noch viel weniger Schau­

spielerin gervesen . .

Ta sagte er und starrte sie an:Ich habe einen untrüglichen Beweis gegen Sre. Sie werden nicht leugnen wollen, daß Sie sich im Moimt April ans einer Autotour mit Ihrem Freunde dem Baron S m Labu photographieren ließen. Ter'Baron S, wetciser wie ich erfahren habe, einem Kavalleriegeneral als Auto- nwbilist zugeteilt ist, ist mein rechtmäßiger Better. Tie Familie meiner Mutter stammt ursprünglich aus NeuckKtel. Ich habe konstant S. wie fedes Jahr im Juni in Paris besucht. Er hat mrr diese Photographie gezeigt und, >veil sie mich interessierte, geschenkt. Ich habe sie zufällig in meiner B-rieftasche getragen Mid gestern abend, als man mir im Dossier die Photographien vorlegte, die von Ihnen auf der Place du Palais und dem Boulevard Waterloo vor dem Laden eines Bijoutiers gemacht worden waren, Sie sofort wieder erkannt." Er brach ab. Er hatte dies alles m einem Ton geäußert, als ob er sagen wollte: Ich kann m schließlich nichts dafür."

,>> .^ c i? 0 * "ns Fenster getreten, starrte auf die Place Charles

Rogier hinunter und sagte kein Wort. Er fühlte, daß eine furchtbare' Bewegung in ihr war.

. ^uhr fort:Ich weiß, daß Constant Sie unendlich liebt, unv iw hatte es nicht über mich gebracht, Sie einfach von einem Unterof.izler verhaften zu lassen. Ich weiß nicht, was Sie für Grunde gehabt haben, diese furchtbare Mission zu übernehmen^ >ech weiß auch nicht, ob Sie es mit Eonstants Einwilligung getan haben es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Aber .^bnn ich Ihr Schicksal auch nicht ändern kann, so möchte ich ev Ihnen erleichtern, so gut es mir möglich ist . . ."

Sie hatte jetzt den Kopf gedreht. Ihr Gesicht mit den dunklen, stark glänzenden Augen hatte einen starren, vergeisterten Zug bekommen. Ten Mund hatte sie halb offen.Ich würde erschossen werden?" fragte sie leise. Er sah, wie sie langsame und mit großer Mühe atmete . . .Wenn . . . man etwas bei mir fände . . ." setzte sie hinzu.

,^Ja," sagte er erschüttert.

. ^ ^ en Fauteuil ans Fenster und lag mit ge­

schlossenen^ Augen zurückgelehnt, als ob sie sich zu irgendeiner letzten Anstrengung sammelte, und plötzlich raffte sie sich auf und sagte keck, fast drohend:Gut, lassen Sie die Beamten kommen, man soll das Zimmer untersuchen . . ."

. Er erwiderte ohne Nachdruck :Ich bin ebenso sicher wie Sie, daß die Dokumente gesunden werden. Verlassen Sie sich nicht auf eine solche Ausflucht!"

, Wieder schwieg sie. Es war, als ob der Kampf und die Ver- wirrung sie hrn und her risse, bis sie sich plötzlich ruhig aufrichteteI ,,^ie haben recht," sagte sie leise,es wäre törichjt hier, unvor-; sichtig zu sein ." Und fast höhnisch fuhr sie fort:Wenn Sie eine Viertelstunde später gekommen wären, hätte man nichts mehr gefunden ..."

Er zuckte mit den Achseln.

rr großen Augen nach ihm hin, schien einen

e.Entschluß zu fassen und sagte dann:Ich verstehe, daß Sie ein

großes Interesse haben, die Dokumente in die Hände zu be­

kommen, aber was kann Ihnen denn meine Person dabei nutzen . . Sic hatte das leichthin geäußert, wie jemand, der noch Kraft und Vertrauen in sich hat.

Er hatte den rechten Arm auf den Kamin gestützt und ant­wortete:< 2 ie vergessen' daß die Spionage an sich schon als Tat strafbar ist. Zudem sind die Dokumente Nebensache. Denn

alles, was Sie gesehen und erfahren haben, steht in Ihrem!

Gehirn ..."

Als ob sie den Einwund gar nicht gehört hätte, fuhr sie fort: "Ich wurde Ihnen alles, was gegen mich ist, in einer Leder- brieftasche übergeben und beschwören, daß ich während der Tauer des Krieges nicht nach Frankreich zurückkehre. Sie hätten nur für eine Minute eine Etage tiefer zu gehen und nach dein Kellner zu rufen und ich versichere Ihnen, daß ich während dieser Minute unauffindbar verschwinden würde ..." ,

Er sagte:Das ist unmöglich. . ."

Sie fuhr mit geröteten Wangen fort:Ich habe Chemi­kalien bei mir, die alles, was für mich belastend ist, in wenitz Sekunden spurlos zerstören können. Sie könnten für ein paar Augenblicke die, Augen schließen. Sie hätten vor Gott und der Welt nichts gesehen, und doch könnten Sie mich dann gefahrlos! abführen lassen."

Er sagte:Das ist nicht möglich. .

Sie sprach mit vorgeneigtem Körper und hörbarem Atem: Sie sind ein tapferer Mensch Sie würden für die Rettung ihres Landes alles gewagt und getan haben. Sie hätten das­selbe auf sich genommen, was mich jetzt verderben wird. Ich war eine glückliche Frau, eine gefeierte Künstlerin, die Geliebte eines Menschen, der Ihr Feind ist, und der doch das Blut Ihrer Familie in seinen Adern hat. Tie Freundin eines Mannes, den ich liebe und für den ich mich hundertfach geopfert hätte.. Tie höchsten Offiziere haben mir die Hand gedrückt, als ich das Wagnis unternahm. Es war der größte Moment meines Lebens als ich das Furchtbare auf mich lud, denn ich wagte und kämpfte für mein Land, ich hatte in den Tagen seiner heißesten Not der-, flucht, daß ich kein Mann, sondern nur eine schwache Frau war. Jetzt aber wurde ich frei, jetzt konnte ich mein Teil dazu tun, tme all die tausend andern. . . Sie sind Offizier, Sie müssen, in allen Nerven fühlen, wie groß niein Leben durch! dieses Opfer wurde. Bin ich unehrlich, bin ich nicht Ihres Mitleids würdig?"

Er sprach mit gesercktem Blick:Wer so kämpft, muß auch zu sterben wffsen . . ."

Ihre Augen wurden starr.Aber ich kann das ja nicht, uh bin inng. Ich l-abe eine Seele und einen Körper, der nach Leben verlangt, ich habe einen Namen, der Tausende vibrieren: macht, ich (habe die Stttcke unserer besten Dichter gespielt, ich . . . und ich liebe ihn, der Ihnen vielleicht ist wie eilt Bruder ... ich liebe ihn über alles, und Sie könnten mich ilr ihn retten, SiL könnten alles ungeschehen machen . . J"

Nein," entgegnete er.

Sie war aufgestanden tviie in eindr verzweifelten jer- chüttcrten Ekstase stand sie da:Gibt es kein Mittel, himmlischer Pater, gibt es kein Mittel?"

Nein es gibt keines," antwortete er entgeistert und tonlos.