„Tann lassen Sie mich verhaften," sagte sie trotzig gekränkt, wie ein namenlos unglückliches Kind. , ^ ... .
Er schaute an ihr vorbei, und seine Stimme klang müd und doch bestimmt. „Man würde Sie innerhalb vrerundz-wanzrg Stunden an eine Wund stellen und erschießen . .
Ihre Augen blitzten aus. „Ja, ist denn eine Hoffnung vorhanden, daß dies nicht geschehen wird?"
„Ja," sagte er, „darum bin ul) gekommen Sre werden mir jetzt die Papiere hier aus den Kamin legen. Ich gebe Ihnen dafür ein Entgelt " Er zog einen kleinen Revolver mit emem Elfenbeingriff aus der Tasche und legte ihn vor den großen vergoldeten Spiegel, der auf dem Kamin stand. Run fahr er fort: „Dann werde ich sie für ein paar Minuten allein lassen Wenn ich nachher wieder ins Zimmer trete, werden Sie tot sein.
Sie war blaß geuwrden und stammelte mit rveit aufgerissenen Augen: „Sie sind entsetzlich!" .
Er sagte: „Das ist ein Dienst, den rch nur memen besten Kameraden leisten würde . . ." Es lvar, als ob plötzlich eine furchtbare und unheimliche Atmosphäre ins Zimmer gekommen wäre. Als ob ein Alp sie bedrückte, oder als ob sie sjch in einem luftleeren Raun: gcgenübcrstanden, rangen beide nach
Atem.
Sie war wieder in den Sessel zurückgesunken und sprach hilflos wie ein Kind: „Mer bedenken Sie ich kann doch nicht sterben ... ich kann es doch nicht . . ." Sie hatte ihre Hände vcrkrallt, ihr Gesicht war in der Erregung ganz weist geworden. Er antwortete nicht. Sie hovchten. wieder beide, als ob sich ettvas entsetzliches. Grauenvolles von Sekunde zu Sekunde näherte.
„Lassen Sie mich frei," stöhnte sie wieder. „Bedenken Sie, wer ich bin . . . was kann Ihnen mein Tod nützen?"
„Mit Ihrem Leben steht die Existenz von Tausenden von Soldaten auf dem Spiel. Selbst wenn ich Ihnen alles abnähme, können Details, die sich in Ihrem Gedächtnis eingegraben haben, für uns grausame Folgen haben. Tausende können darum sterben müssen, Tausende, die Frauen und Kinder ernähren, um die Frauen und Kinder bangen . . .
Sie war aufgestanden. „Aber Sie können mich ja einkerkern lassen ..."
Er antwortete: „Es gibt ein Gesetz der Gerechtigkeit. Sie sind eine Frau und hcrben die Rolle eines Mannes übernommen.. Sie werden wie ein Mann büsteu müssen . . . seien Sie stark, nehmen Sie es auf sich, wie ein Soldat das letzte auf sich nimmt . . ."
Sie stand da. Das Kinn war ihr auf die Brust gesunken. Tränen rollten ihr über die Wangen und in den Mund. „Es ist mir, als ob mir zwei entsetzliche Hände meinen Hals umkralltes und mich langsam erwürgten," stammelte sie. „Haben Sie Erbarmen!" slehte sie darauf. „Haben Sie Erbarmen ... ich will eingekerkert sein mein Leben lang, aber ich will noch atmen können, noch das Lickst der Erde schon . . ."
Er lehnte lialb eingeknickt am Kamin. Ein schmerzhaftes bebendes Würgen kain ihm in den Hals. Ein furchtbar peinigen-, des Mitleid erschütterte ihn. Er verdammte die Regung, die ihn hierher geführt hatte, und wie eine jähe Flamme zuckte die Angst in ihm auf. „Wenn ich unterliegen würde . . . tvenn ich unterliegen würde . . ."
Er starrte geradeaus an die jeicheitige Wand. Ta war eine gotische Heiligenfigur in einem schmalen vergoldeten Rahmen.
Ta sagte er bestimmt, fast hart : „Geben Sie die Dokumente."
„Lassen Sie mir noch ein paar Augenblicke Zeit!" flehte sie.
„Jede Minute, die ich Ihnen noch gebe, ist eine Marter für Sie."
Als ob sie seine Worte nickst gehört hätte, kam sie zum Kamin, ihre linke Hand glitt langsam dem Kaminrand entlang, näherte sich der Waffe, die dort lag, und schob sie niit einer leisen aber so bestinnuten Bewegung zurück, als ob sie sie nie mehr berühren uwllte . . . Ihr von Todesangst erregtes Gesicht hatte den Ausdruck der wunderbarsten Leidenschaft angenommen. Tie ganze Schönheit und Vibration ihrer Rasse strahlte aus ihren Augen, ihrem Mund, als sie flüsterte: „Retten Sie mich!, ich werde Ihnen folgen, wo Sie mich hinführen, ich werde Ihnen untertan sein, als ein- Wesen, das bis zum letzten Atemzuge Ihnen gehört, ich werde . . . ich . . ." Ihre Stimme brach ab in einem jammervollen erstickten Schluchzen.
Er war ganz bleich geworden. Er hörte ihre Worte wie eine lähmende, betäubende Musik. „Wollen Sie, daß ich zrfm Verräter werde?" raunte er. „Niemals, niemals!" wiederholte er, und plötzlich, er wußte kaum wie ihm geschah, schlug seine Stimine wieder um, und er sagte hart, fast höhnisch: „Sie haben so gar keinen Stolz . . ." Als er das Wort gesprochen hatte, fühlte er, daß er gerettet lvar.
Sie hatte sich ^aufgerichtet, ein verächtliches Zucken spielte um ihren Mund. Sie ging zu einem Koffer, entnahm diesem eine .Handtasche uird dieser Tasche wieder ein Paket und über- r-.ickste es ihm. Er öffnete es, prüfte cs langsam und steckte es ein.
Als er sie wieder ansah, war ihr Gesicht blaß, aber viel fester worden. Er sagte: „Verzeihen Sie mir alles, lvas ich Ihnen
antun muß. Ich werde urein ganzes Leben an Sie denken, wie an einen tapfern Kämpfer ..." Er brach ab, er hatte sich nicht mehr in der Gewalt.
„Wird er je erfahren, wie ich gestorben bin?" hörte er sie mit verschleierter Stimme fragen.
Er nickte. „Ich verspreche es Ihnen, wenn ich selbst am Ende noch am Leben bin."
„Ich danke," sagte sie und gab ihm die Hand. Er schüttelte» sie, salutierte und ging hinaus.
Als er nach ein paar Minuten wieder hereintrat, war dev Revolver noch unberührt auf dem Kamin. Sie lag quer auf dem Bett. Ihr schöner dunkler Kopf war hintüber gesunken. Ein paar Haarsträhnen hatten sich gelöst. Ihre Augen waren ge-i brachen, und ihr Mund stand halb offen. In der linken Hand hielt sie noch eine kleine grüne Fliasck)e. Darauf stand: Cyanid potassium. _
vermischtes.
* Gin Engländer, der schwäbisch ver steht. Trotzdem die Engländer iveuig sprachkundig sind, so kann man sich ihnen doch leicht verständlich machen. Bor Jahren hatte in Italien ein in Mailand ansässiger biederer Schwabe mit seiner Gattin in einend Eisenbahnknpee eben Platz genommen, als ein baumlanger Englishinan sich hineinschob, sich aus die eine Seite setzte, die Beine quer durchs Kupee ans den anderen Sitz schob, der Dame beinahe die Füße unter die Nase. Höflich bat der Schwabe den Engltfhman auf Englisch, er möchte die Füße hernnte nehmen. Ter Engländer rührte sich nicht. Ter Schwabe wiederholte seine Bitte ans Französisch ; auch das schien der Engländet nicht zu ve> stehen. Tie Wiederholung der Bitte ans Italienisch hatte ebensowenig Erfolg. Da stülpte sich der Schwabe Rock und Hemdärmel aus, stellte sich dein Engländer gegenüber tu Positur und sagte in schiväbischeln ^Deutsch: „Tb S' Ihre Füeß weg bcant ?" Das oerstand der Engländer sofort, denn im Nu ivareu die Füße herunter. Teiitsch verstehen die Engländer also, es kommt nur daraus ai», ivelchen Dialekt inan mit ihnen spricht.
' Etil armenischer T a c i t u S. Ter arineiiische Fürstbischof Bar Gregor, Herr der Stadt Ninil am Euphrat, schildert vor 725 Jahren in eiiiem Briese an den Sultan Saladiii die Sitten des deutschen Heeres solgenderinaßen: .Diese Delltschen siird im- gewöhnliche Menschen, Wesen cineu besonderen Art. Sie haben einen entschiedeneii Willen, ein festes Ziel: sie nnteriversen sich einer strengen Lagerzucht; bei ihnen bleibt kein Vergehen ungestraft: >na>l opfert sie bei der geringsteil Uebertretung ivie Schafe ans. Eiii Fürst, der neulich seinen Diener 311 hart geschlagen hatte, ivurde vom Nat der Bischöfe einhellig zum Tode verurteilt und trotz der zahlreichen Fi'wbilten Ungerichtet. Was tvunderbar ist, die Untschen untersagen sich jedes Vergnügen. Wehe dem, der eine Wollust begeheu würde! Seine Gefährten stießen ihn sogleich mit Schmach aus ihrer Miste. Ihre Geduld in Beschwerden und Gefahren übersteigt allen Glauben ." Vergleicht man diese Schilderung, die an die Charaklerister'nng der alteir Germanen durch Tacitrrs erinnert, mit dem, wc,r heute das deutsche Volk der staunenden Welt bietet, so kann man mit Befriedigung feststellen, daß es drrrch die Jahrlausende sich gleich geblieben ist.
vüchertlsch.
— Kunstwar 1 . Erstes September Heft. (Kriegsausgabe zum halben Preis. Vierteljährlich 2,25 Ml. Verlag von Georg D. W. Eallwey, München.) Größere Aufsätze: Heinrich Weinet, Die deutsche Reichskirche. Wolfgaug Schuinanu, Allgemeines zum Studium fremder Länder. Heloise von Beaulieu, „Die Erweckten". Theodor Heuß, Englische Wandlungen. H. Stürenbnrg, Militärische Jugenderziehung? Die stttrndschau enthält u. a.: Stapel, Ist „der Krieg" sittlich zu rechtfertigend Aveuarius,^Taschenausgabe des Hausbuchs deutscher Lyrik. Heinz, Das Kino «im Kriege. Gürtler, Zeitgemäße Musik von Philipp Wolfrum. Michel, Was hat die deutsche Kunst vom Kriege zu erwarten? Wibiral, Wie man die Volkskunst durch Kriegsinvalide fördern kann. Ullmanu, „Intellektuelle Kaffeetöpfe". Malzan, National und international. Kleiböhmer, Deutsches Bildungswesen int Ausland. Bilderbeilagen: Alfred Bachmann, Strandbild von der Nordsee. Momme Nissen, Norddeutsche Wohnstube. Notenbeilage, Wolfrum, Kaiserlied 1914.
Hatfel.
Werke der Kunst erschaffe ich, falls mich Meisterhand führet; Raubst du mir aber den Kopf, werd' ich vom Erdreich ein Stück. Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Aritbmogriphs in voriger Nummer: Oollar, ^dler, 8 oda, Kal\ Oder, 8 ago, Zain, Lrle, Iwrd,
Olga, >»aale:
DasgroßeLos.
e)christleitung: Ang. Goctz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»


