Ausgabe 
4.9.1915
 
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eine verrückte Zeit. Dann kam der Frühling. Das kennen Sie nicht, einen Frühling hierzulande. Heute ist ja manches anders. Rothkirch hat Wege gebaut, fest wie eine Chaussee. Dazumal versanken die Wagen bis an die Achsen. Bis es so allmählich abtrocknete. Dann wurde es schön. Doch halt

Saar füllte die Gläser von neuem.

Trinken Sie, meine Herren!"

Er sah blinzelnd vor sich hin.

Ja schon bis das Elend auf Bronin einzog. Wenn Sie heute den Alten sehen Sie haben keine Ahnung, was für Jahre wir hier mit Rothkirch durchgemacht haben. Fährt damals, so acht, neun Tage vor Ostern, zur Konfir­mation der Jüngsten seines Bruders, der jetzigen Exzellenz. Wir denken, er wird Ostern zurück sein. Ja, Zruck-eu! Aber von seinem Bruder, damals noch Regierüngsrat, Theimer Ober und so weiter, kommt ein Unglücksbrief. Schlaganfall oder sonst was. Die Gnädige hin und bringt ihn ein paar Wochen nach Ostern an. Ein Jammerbild. Ein schrecklich gebrochener, gealterter Mann. Die breiten Schultern des Pasewalker Kürassiers zusammenaefallen, das Auge irr ltnb fher, die Zunge fast gelähmt. Wir brachten ihn dann nach Wiesbaden in ein Sanatorium. Sein Bruder ging mit mtb blieb da. Keinen andern duldete er bei sich. 'Zur Roggen­ernte kam er wieder. Er war ein bißchen zu sich gekommen. Aber es dauerte ein gutes Jahr, ehe er wieder in den Sattel konnte. Wir hielten ihn lvie ein rohes Ei. Die Gnä­dige opferte sich fast auf. Es wurde ja besser. 9lber der Alte ist er nicht mehr geworden, wenn wir ihn auch so nennen. Es wurde von der Zeit an trist und ödc auf Brouiu. Wir sind hier rein versauert. Rothkirch blieb menschen­scheu, wortkarg. Donner noch mal, es war nicht zum Aus­halten mehr."

..mcx, oas ist ja nicht zu glauben," warf Erich Wölslin etn.Er ist doch mobil wie ein Junger. In seinen Jahren

ich wünschte, ich wäre dann auch noch so auf beim Damm."

Haha, das ist ja das große Geheimnis von Bronin, dajs ungelöste Rätsel. Das heißt, zu einem Zehntel ist es ;a schon gelöst. Wissen Sie, meine Herren, wer den Alten umgekrempelt hat? Ra, Sie raten vergeblich. Ihre beiden Fraulem Schwestern, ob Sie's glauben oder nicht Es ist Tatsache, unbestreitbare."

Machen Sie keine Geschichten, Direktor! Sie wollen uns wohl ein bißchen zum Narren haben!" sagte Gerhard F> rc ' wie ich sage, und kein Haar breit anders.

Und besonders Ihre Fräulein Schwester, Baumeister. Man ist \a nicht abergläubisch oder nur unter unis gesagt brs zu einem gewissen Grade. Aber hier scheint doch so etwas yewirkt zu haben lvie dieSympathie der Seelen" oder lvie der Zauber heißt. Prost, meine Herren ! Wir wollen uns einen Tobak anrauchen."

Erich und Gerhard hatten sich angesehen. Aber auch .Saar hatte sie fixiert und sein Auge war aus Erich haften geblieben, der schließlich sagte:

Ihre Muttuaßung ist wohl nur ein sonderbarer Zu­fall, Herr v. Saar Doch das sind Ansichten. Ich werde meme Schwester mal gelegentlich ins Gebet nehmen Am' Eiide kommen unsere Mädel, mein lieber Gerd, noch in den Rllf Hexereien zu treiben, und werden auf den Scheiter­hausen geschleppt." }

Sie lachten.

Hexerei hin, Hexerei her, bester Baumeister. Pardon meine Herren, daß ich so wenig höflich war, nicht emmal nachdem Befinden Ihrer Damen gefragt zu haben. Warum laßt sich niemand hier sehen auf Bronin? Unsere Baronesse hat doch meines Wissens nachhaltig eingeladen?"

- X-! l r Lotte schulmeistert doch, wissen Sie das nicht? Seit April stramm un Dienst. Und Ilse, meine Schwester, fix^r Monogramme in die Brautwäsche. Schmettau ist ein

Sie plauderten vom vorigeil Somnier und von Anda- MWÄ?® ^^skuppel. die fortan das

Als sie gingen, sagte Erich:

~ du zu Rothkirch und unseren Mädchen?

Das will mir nicht in den Kopf, Gerd."

x a ' ^ scheint, hier auf Bronin spuken Dinge, Von denen wir am wenigsten wissen." 9

Adalbert v. Saar sah den beiden nach. Plötzlich wandte er sich um, ging in das Arbeitszimmer und kramte in den Fachern seines Schreibtisches.

Tausendmal um und um gewühlt" Er schlug zornig auf die Tischplatte.Aber ich muß es finden, ich muß es finden! Es kann nicht wo anders liegen. Habe ich's, dann, Alterchen, dann wollen wir uns sprechen."

Und mit weicher Zärtlichkeit flüsterte er vor sich hin:

Susi Susi"

21. Kapitel.

Sonntagmorgen aus dem Lande. Das ist der Tag des Herrn.

lieber den weiten Fluren liegt ein unbeschreiblicher tiefer Frieden. Ab und zu steigt eine Lerche in die Luft unb stimmt fast zaghaft ihr Frühlied an. Ueber den See huscht ein wildes Entenpaar. Im grünen Rohr rasselt wie ver­schlafen eine Dommel. Daun wieder lange Stille.

Durch die Weidenbüsche am Rande des Schloßparks pirscht Adalbert v. Saar, den Kops tief auf die Brust gesenkt. Er weiß, daß Susanne Rothkirch an jedem Morgen einsam durch den Park streift. Er hat in ihren Augen eine stimme Unruhe gelesen, die in den letzten Tagen selbst durch die Heiterkeit schimmerte, in der das junge Mädchen seit Wochen lebte. Es war seinen spähenden Augen nicht entgangen, was der Frühling aus dem stillen, blassen Wesen gemacht hatte. Jeder neue Tag hatte den rosigen Schimmer, der sich auf ähren Wangen zeigte, vertieft. Der träumerische Flor, der um ihre Augen lag, war einem klaren Glanz gewichen. In lag eine Spannkraft, die sich iit einem offenen Selbstbewußtsein spiegelte. Die müde Art, in der sie soiist ihre Tage hiugebracht hatte, hatte sich in eine Lebhaftigkeit: uingeivandelt, die Anteil an altem Neuen nahm, das |ie umgab. Besonders die Bauarbeiten am alten Schlößchen wurden von ihr mit dem größten Interesse verfolgt. Sie konnte stundenlang in den Ateliers des Gärtenpavillons bei den jungen Künstlern sitzen. Herrn v. Saar ivar es kein Geheimnis geblieben, daß Sufaniie namentlich ait der festen, zielbewußten Art des Baumeisters Wölflin Gefallen gefunden hatte. Man konnte die beiden oft auf dem Bau­platz proniertieren sehen oder im Bau umhersteigen. Sie verkehrten in einer natürlichen Ungezwungeiiheit, die Herrn v. Saar, der auf Form hielt, manchmal mit einer heftigen Bitterkeit erfüllte. Ihm war Susanne, seit sie erwachsen war, nie anders als konventionell entgegengetreten Wenn das junge Paar lachte unb es sparte nicht mit Scherzen schnitt es ihm in die Seele.

Diese Gedanken bewegen ihn, wie er so hinschreitet.

Da hört er den Kies aus dem Parkwege zum Boots­platz knirschen. Er steht und lauscht und tritt hinter einen Erlenbusch. Das Knirschen kommt langsam näher Er unter­scheidet Tritte und ist erstaunt, daß er kein Wort vernimmt, um die Buschecke schimmert es weiß und blau Ersieht Susanne, an ihrer Seite Erich Wölslin.

(Fortsetzung folgt.)

Die Spionin.

Novelle von Alexander Castell.

(Nachdruck verboten.) ' ^

Ter Zimmerkellner ging vor ihm her, als Blessen die schmal- Hoteltreppe hinmiftiem Er hatte die beiten Geheimpolizisten unten aus der Plaee Charles Rogier gelassen, wo sie sich ins Publikum' milchten, das sich vor der Gare du Nord beioegte, wo iettt die prall gefüllten deutschen Militärzüge aus- und einful/rm

w m ' arcl . f , in b[ l öwnte Etage gekommen, schritten im Gang nach vorn, als er den Kellner zurückhielt:Es ist nur eine Tür vorhanden, die m dieses Zimmer führt?"

Nur die nach dem Korridor," bestätigte der andere.

L-re klopfen und treten zuerft ein, nachher entfernen Sie sich." Ä ÖI/ - £ ' Crr Oberleutnant," sagte der Kellner und schlug die Hacken zusammen. Sie standen jetzt still. Der Kellner öf§ ^ bfe äußere Tu re und klopfte. Es kam keine Antwort. Er V, ieb £ r . leise:Von innen steckt der Schlüssel

Po .topfte wieder. Plessen halte in allen Nerven

t l' lE'naud Ml Zimmer war, der atemlos und aw- gestrengt horchte.Klopfen Sie nock' einmal, und versuckren Sie Kelln^^ *0 Schlüssel zu öffnen," befahl er 1 elfe bem

av ^ am f ^ ne Stimme von innen:Wer ist da?"

fent *u 0r frin^ atteTt geklungen. Die Stimme schieii ganz

.Ter Kelluer!" Meder dauerte es eine Weile. Dann katn ^^Osamer, aber ziemlich bestimmter Tritt näher. Der Sck)lüssel würde gedreht, die .Tiire geöffnet.