543-

3m RoMnosumps.

Eine Wanderung durch Poljeßje.

.Von Ernst Quadt.

Sechs Jahre sinds her, als mich die Bahn von Rowno über Sarny nach Luninez trug, jenem kleinen Städtchen in der Mitte der Rokitirosümpfe, das den Knotenpunkt für die beiden Bahnlinien Baranowitsch Luninez Sarny Rowno und Brest-Litowsk Vinsk Luninez Hornel bildet. Es war eine langweilige Fahrt, doch hatte die Gegend, durch die mich das wackelnde Züglein trug, so mannigfachen Reiz, daß der Blick durch das kleine Fenster mich für die Langlveile in dem schmucklosen Kastenwagen entschädigte. Einer meiner Mitreisenden erklärte mir die Gegend. Er wußte von der: Sümpfen viel zu erzählen, da er auf einer Sumpfinsel, also in einem Torf mitten im Sumpf, geboren war und Weg und Steg durch die größten Moräste der Welt kannte. Wenn man über die weite Ebene blickte, war man erstaunt, daß es ein unwegsames Sumpfland sein sollte. Hohes Gras und dichtes Schilf verdeckten den Sumpf imb nur hier und da blinzelte im Sommersonnenschein fiii begrenztes Wasserloch. Wildenten zogen in Scharen über der Einöde, und im Hintergründe versperrte ein dunkler LLald die Ferzrsicht. Ich hatte später Gelegenheit, mich persönlich davon zu. ^überzeugen, daß mein Begleiter nicht zu viel erzählt hatte« JnLuninez gab es längeren Aufenthalt, da der Zug die Querbahn abwarten mußte, und diese Zeit benutzte ich mit mehreren Fahr­gästen, die gleich mir zu dem langen Aufenthalt von vier Stunden Verdammt waren und ebenfalls hinauf nach Wilna wollten, zu ein ein Ausflug in die Sümpfe. Man warnte uns, es sei gefährlich, als Unbekannte hinauszugehen: so entschlossen wir uns, einen Führer mitzunehmcn, der uns, wie es in Rußland üblich ist, zuerst schröpfte, sich dann aber als ein ganz verständiger und um­sichtiger Mensch erwies.

Das kleine schmutzige Luninez tag bald hinter uns. Da es lauge Beit hindurch Sonnenschein gegeben hatte, war die große Straße, die sich längs der Bahnstrecke nach Pinsk Hinsicht, ziemlich hart und gut zu gehen. Schon hier hatten wir jedoch dte Sümpfe neben uns. Es war dasselbe Bild, das sich uns auf der weiten! Balmfahrt gezeigt hatte. Bald schlugen wir aber einen sogenannten Feldweg ein, und min galt es vorsichtig zu sein, denn bald links bald rechts verlegte ein Tümpel uns den Weg, oft galt es einen kühnen Sprung zu wagen, dann wieder über ein morsches Brett zu klettern oder auf einem schmalen Pfod das Sumpfloch ru um­geben. Unser Ziel war eine kleine Ansiedlung zwischen Luninez und Lunino. In knapp einer halben Stunde waren wir dort. Kleine Lehmhütten, fünf an der Zahl, erhoben sich auf einer geringen Anhöhe, die unmittelbar an dem vou uns verlassenen Hauptwege nach Pinsk tag, und vielleicht zwanzig Menschen hausten hier, vergessen von der Welt, einsam, wünsch- und interesselos; sie lebten nur ihrer Arbeit. Ein durch und durch Russe gewordener Litauer mit seiner Frau hatte hier zu arbeiten angefangen, und die übrigen hatten sich ihm schließlich augeschlosseu. Sie hatten in den wenigen Jahren, da sie hier mit Spaten und Hacke ihrem Tagiverk oblagen, schon viel geschaffen. Einen großen Movrbruch nannten sie ihr Eigen. Sie hatten zuerst das Stück Land in schwie­riger Arbeit zu entwässern versucht. Es war ihnen gelungen. Immerhin war die Arbeit im Moor noch mit großen Schwierig­keiten verbunden, denn sie mußten sich vor jedem Fehltritt hüten und dursten nur mit Brettern belegte Wege passieren. Jeder Fehltritt wäre ibr Tod gewesen, denn auch das Moor war noch grundlos und jeder, der es ohne weiteres betrat, wäre rettnngs-' los versunken. Auf einer anderen Seite hatte ihre Arbeit größeren Erfolg. Hier hatten sie sich ein völlig trockenes Land geschaffen, das mit Roggen bestellt, und auf dein Gemüse und überhaupt, was die Erde an menschlicher Nahrung hervorbringt, gepflanzt war.

Und diese Menschen waren ganz zufrieden. Wie sie erzählten, lebten sie im Winter sogar ganz vorzüglich. Dam: durften sie, da sich über Moor und Sumpf eine Eisdecke gelegt hatte, gefahr­los darauf losgehen, wohin sic wollten, und konnten den Tors ab- sahren, den sie den ganzen Frühling und Sommer über gestochen hatten. Der Torf war eine ganz rentable Einnahnrequelle für diese Menschen, die bescheiden lebten und denen der Ertrag des den: Sumpf ab gerungenen Landes den vollen Lebensunterhalt gab.

So leben sie alle", erzählte unser Führer, als wir wieder zurücktappten.Selbst bei uns in Rußland kennt man den Sumpf nicht, denn man hört sonderbare Ansichten. Ueberall meint man, daß sich eine unendliche Fläche sumpfigen Wassers ausdehnt und weder Weg noch Steg hin durch führt." Bon unserem schmalen Weg zweigten sich zahllose Fußwege ab. Das war uns ein Beweis, daß man im Laufe der Jahre sich durch alle Teile des großen. Sumpfes hindnrchgefundcn hatte. Freilich, das Land wäre ertrag­reicher und rentabler zu verwerten, wenn es nicht erst mühsame Entwässerungsarbeiten zur Bedingung machte und wenn es vor allem gelingen würde, den übermäßige,: WasserznflNß, der vom Norden ans einer Höhe von 250 Metern vom russischen Landrücken, vom Süden aus 400 Meter Höhe von den Ausläufern der Kar­pathen und vom Westen ans 170 Meter Höhe sich in die weite Talmulde ergießt, abznleiten. Der Pripct und seine zahlreichen Nebenflüsse vermögen das viele Wasser nicht aufznnehmen: so wird das Land überschwemmt und damit tfunt größten Snmpflcmd Eirwpas, ja der ganzen Welt.

Wir schritten an einem kleinen Wäldchen vorüber. Es war

verlockend, in seinem kühle,: Schatten zir rasteil, aber die Gefahr war größer als das Verlangen, ein wenig anszn ruhen. Unter der anscheinend festen Erdoberschicht war durchwässerter Moorboden. Unser Führer bewies es uns, und wir konnten uns selbst davon überzeugen, da jeder Tritt sofort in beit Moorboden eindrang, so daß man seinen Körper schleunigst auf den Fuß stützte, der aut festem Boden stand und so seinen Schub und sich selbst rettete.

Tie Sonne brütst über der Gegend, die mit einer dumpfen, dicken Luft erfüllt ist, und doch vermag sie nicht einmal, die offenen kleinen Bächlein auszuschöpfen, die von Schilf eingefaßt sind und dicht nebeneinander liegen, viel weniger noch die weiten Flächen, die mit Schilfgras bewachsen sind und unter deren dünner Erd­kruste der Sumpf in unendlicher Tiefe lagert. #

. Bei Entdeckungsreisen, die die Bewohner der kleinen Sumpf-, dörser machen, sind* so erzählte unser Führer schon viele ums Leben gekommen und wie anderswo die Kinder in Flüssen.und Seen ertrinken, so versinken sie dort im Morast. Man findet sie freilich niemals mehr wieder. Ta hilft kein Suchen. Er erzählte verschiedene Tragödien, wie eine Mutter ihr langsam versinkendes Kind retten wollte und selbst mit dem Kinde versank, wie eine Familie, die sich verirrt hatte was in dem weilen Sumpf mit den vielen schmalen Wegen leicht möglich ist nicht mehr wicder- gekehrt sei, man aber ihr Schreien stundenlang vernommen habe, ohne Hilfe bringen zu können.

Glücklich erreichten wir wieder unsere Bahn, und glücklich führen wir ans dem Snmpslande hinaus. Erst auf der Weiterfahrl wurden uns bie unendlichen Weiten des Sumpfgebietes klar. Ter Sumpf nahm feiu_ Ende. Man begrenzt ihn anr besten, wenn man eine Karte zur Hand nimmt und die Eisenbahnstrecken Brest- Litowsk KowelSarnyKiew und HomelMinskBarano­witschBrest-Litowsk aufsucht. Von den 62 0OO Quadratkilomctern- die die Rokitnosümpfe oder lvie die Russen zu sagen pflegen, das Poljeßje-Land umfassen, sind bisher etwa ein Viertel urbar ge­macht worden.

Man wird sich bei uns von diesen Sümpfen ganz falsche Vor­stellungen machen. Ein richtiges Bild erhält man von ihnen/ wenn man die kleine,» Sümpfe und Moore, die sich auch in Deutschland zahlreich vorfinden, betrachtet und sich unendliche solcher unzugänglicher Landstreifen nebeneinandergereiht denkt, durchquert nur von schmalen Pfaden und einigen festen Landwegen, die, wenn im Spätfrühling die Wassermassen sich in die Talmulde rum Pripet hinziehen, teilweise auch noch überschwemmt und passierbar sind.

Wer hat nicht schon von dem lockenden falschen Moor gelesen, in dem leichtgläubige Menschen ihren Tod fanden? So sind auch die Rokituosümpfe! Wer sie nicht kennt, der würde es leichtherzig wagen, einen scheinbaren Weg zu gehen. Man sieht vor sich weite Flächen von Gras und Schilf, die festen Botzen Vortäuschen, ruan sieht Wälder und in der Ferne vielleicht auch Ortschaften/ keine drei Schritte würde man jedoch machen können, dann wäre man verloren, denn der Sumpf oder dasiMoor gibt keinen Menschen " wiedtzr.

Wir waren alte froh, als unsere Bahn, die sich stundenlang durch ein so scheinbar harmloses und doch so gefährliches Gebiet bewegte, Lubaszewo erreicht hatte und schließlich der Eisenbahn­knotenpunkt Baranowitsch auftauchte. Schon die reine Luft, die uns jetzt umwehte, machte uns klar, daß wir nun wieder auf einem Gebiet waren, in den: man überall gefahrlos seinen Fuß flüifrs setzen konnte. _

vermischtes.

* Eine H an d g r a n a t e n schule in Frankreich. Eine interessante Schilderung des Besuches einer französischen Schule für Bombenwerfer gibt der Herausgeber derNew Bork World" Ralph Pulitzer, in seinem Blatte wieder:Die merkwürdige Kriegsschule, die zu besuchen mir nach mehrfachen Schwierigkeiten gestattet wurde, befindet sich aus einem ausgedehnten grünen Feld in einer friedlichen Talmulde, weit hinter der französischen Feuer­linie. In der Mitte des Feldes streckt sich ein Schützengraben, der die int modernen Stellungskriege üblichen Ausmaße besitzt. Öhiv in der Mitte des Grabens befindet sich eine besonders breite und geschützte Stelle: der Platz für den Vortragenden JnstrnktionH- osfizier. Einige Schritte links von diesem Platz befindet sich ein besonders ausgebauter Unterstand, der mit einem bombensicheren Dach versehen ist. Hierher eilen sowohl Lehrer wie Schüler nach gefährlichen Würfen, um vor unerwarteten Sprengstücken geschützt zu sein. Da die Explosionen furchtbar zu sein pflegen und nicht allzuweit vom Graben stattfinden, ist diese Vorsicht durchaus angebracht. Außerdem besteht ja beim Schleudern der Bomben häufig die Gefahr einer vorzeitigen Explosion. Um mich besonders in Stimmung zu bringen, teilte mau mir mit, daß vor loeuigen Tagen ein Jnstrnktionsofsizier einen Oberst zur Besichtigung in eine solche Haiidgranatcn-^>chule führte. Als sie zu dein .Ein­gang des Schützengrabens kamen, trat der Lehrer höflich zurück, um den Oberst zuerst hineingehen zu lassen. Doch als der Oberst vortrat, fand eine vorzeitige .Explosion einer Bombe statt und tötete ihn auf der Stelle... In einiger .Entfernung von dem bereits erwähnten Schützengraben befand sich ein anderer Graben, der die deutsche Linie vorstellen sollte. Einige Meter hinter dem I n st r u kt io n sos f iz i e r waren die zu unterrichtenden S-cküUcr