Der blaue Unker.
Roman von El friede Schulz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
16. Kapitel.
Es war ein eisgrauer Spätnachmittags Anfangs Februar.
In der großen Etage, die Rothkirchs in dem vor n eh nie n Miethause am tzohenzollerndamm bewohnten, waren sämtliche Räume festlich erleuchtet. Frau Natalh hatte dem Drängen Susannes nachgegeben und endlich wieder einmal eine kleine Gesellschaft geraden, nilr nahe Bekannte. Von Potsdam wollte Dietrich herüberkommen und Schmettau mitbringen, der seit einigen Tagen in Berlin bummelte. Er war erst vor einer Woche von einer Löwenjagd am Nyassa nach Deutschland znrückgelehrt. Die Familie Ladenburg hatte zugesa-gt, ebenso der Bruder des Freiherrn, Exzellenz Lothar v. Rotykirch ans dem Kultusministerium, der in den letzten Jahren ein ganz seltener Gast auf Bronin geworden war. Alkch Lotte Wölftin hatte sich durch Ilse Ladenburg u,nd Susanne bestimnren lassen, später auf eine Stunde herüber- KuVominen.
,/Jch bitte euch, faßt mir heute Papa an wie ein rohes Ei!" ermahnte Frau Natalh ihre beiden Töchter, die wieder einmal lvegen einer MeillungsVerschiedenheit in einer Kleinigkeit in eine lebhafte Auseinandersetzung geraten waren. ,/Jch bin zufrieden, daß ich Papa so lveit bekommen habe."
Susanne und Eva sahen sich schuldbewußt an. Mütterliche Ermahnung war wirklich am Platze, denn den Freiherrn tras man selten anders als gedrückt und mürrisch. Dias sollst so gesellige Rothkirchschje Haus war ganz still geworden. Frau Natalh ging kopflos umher und sah sich wieder mitten drin in dem alten Elend. Tschammer, der zu ihr immer offen und ehrlich sprach, hatte in seinem letztere Schreiben allerlei Andeutungen gemacht, daß, der Freiherr wieder die Bauwut zu bekommen scheine. Diesmal »volle er sich aus Szynranowo und Grodko austoben. Das lväve immer ein schlechtes Zeichen.
„Halten Sie ihn munter, gnädige Frau, daß der alte Dämon nicht wieder über ihn kommt!"
Einmal ließ sich der Freiherr drei Tage lang nicht sehen. Aus dem Reichstag schickte er nllr drei.Zeilen, das; er in Komnrissionssachen fort müsse. Er sagte niemand, wo er geloeseii war. Es war zum Verzlveifeln. Mt Miihe und Not hatte Frau NaMy ihn nun zu der kleinen Gesellschaft überredet. Er mochte teilte Menschen sehen und sah am liebsten allein in seinem Arbeitszimmer bei einer schweren Zigarre.
Der Abend ließ sich lvider Erlvarten gut an. Professor Ladeilbnrg hatte seine unverwüstliche Laune mitgebxacht, und namentlich der afrikanische Löwenjäger, der fast kaffeebraune Beruward voll Schiitetlan, ließ keine Trübsal miffommeu.
Er hatte sich von vornherein bei der Hausfrau nett ein-- geführt unb mit einem harmlosen Lächeln um den Platz neben Ilse Ladenburg gebeten.
„Ich bin in der Wildnis etwas verwildert, meine Gnädigste, da loird mir die Nachbarschaft der Professorstochter wieder etwas von der notlvendigsten Kllltur beibringen. Meinen Dank im voraus!"
Nach dem Abendbrot suchten Schmettau und Ilse ein stilles Plätzchen im Wintergarten.
„Sie können gewiß die Palmen Afrikas nicht vergessen," scherzte Ilse, für die Schmettaus unverhofftes Erscheinen eine unbeschreibliche Ueberraschung war. Ihre Augen leuchteten. Schmettau hatte ohne Förmlichkeit ihren Arm genommen und sie entführt.
„Denken Sie, mein hochverehrtes Fräulein Ilse", fillg er sofort, als sie sich gesetzt hatten, lebhaft -an. .„Ich bin direkt von Genna, lvo ich von Port Said mit dem „Kleist" an kam, über Basej und Frankfurt nach Berlin gefahren, richtiger nach Charlottenburg. Sie werden mich vielleicht incht verstehen, aber es ist so — ich! hatte nur eiueu Wunsch — in der Tat — nur den einen Wulisch, Sie wiederzusehen.^
„Sie phantasieren aber wirklich kühn drauflos, Herr v. Schmettau", sagte Ilse halb unwillig. „Solche KompU- mente darf mail aber doch nicht zu dick auftrageu."l
Aber Schmettau ließ sich nicht beirren. Mit einer firfje* reit Ruhe fuhr er fort:
„Sie können mich tausendmal lluierbrechen, gllädiges Fräulein, und mich auch einen großen Jungen schelten, ich tue Ihnen deshalb nichts zuleide. Es ist wirklick) so. — Warum bin ich lienlich nach Afrika gegangen? Warum tlicht nach Berlin? Wozu erst dieser Umweg über Port Said?"
Er faßte ihre kleine Hand.
„Ich wollte mit Gewalt die lmutberfatueTt Brounter Tage zu vergessen suchen. Ich wollte mich mit den Abenteuern wilder Jagdett betäuben. Aber ich — ich konnte Sie nicht vergessen, meilt hochverehrtes Fräulein Ilse, ich habe Sie liebgelvonnen wie mein Lebeil, und heute — weiß Gott, ich bin nicht zu Rothkirchs gekommenem den lieben alten Herrn zu begrüßen — ich kam, weil Sie hier sein sollten. Soll ich ltoch ein Wort mehr sagen?"
Der braune Jäger sah Professors Ilse mit seinen stahlblauen Augen so treu und herzlich an und zog ihre Hände an sich und küßte sie nkit einer so heftigen Glut, daß das junge Mädchen nur ein Gefühl hatte, das eines maßlosen Glückes an der Seite dieses frischen, offenherzigen Mannes. Sie fattd kein Wart dafür. Es lvar ihr and) alles so selbstverständlich, als wenn es gar tlicht anders sein köttnte. Sie lachte ihm wie ein seliges Kind zu und fiel in seine Arme.
„Liebste — Süße — wer hätte das vor einem Jahre gedacht!"
„Bernd — ich wußte, daß du kommen würdest. Jeder n-eue Tag lvar mir eilte neue Erwariuttg, unb als ich dich heute hier sah — ich hätte dir gleich um den Hals falten rönnen. Und" — . sie wurde rot und etwas verlegett - „ich


