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Vierzig Gesichter blicken mich erwartungsvoll an. So eine Klasse spiegelt in Hautfarbe und Gesichtsbildung sämtliche Völkerschaften wider, die im großen osmanischcn Reiche leben und verrät oft genug, daß fremde Völker hier durchzogen und sich gelegentlich mit den Einheimischen vermischten. Vom Kaffeebraun bis zu frischen Milch- und Blutgesichtern fehlt keine Schattierung. Wie sehr aber der Fez die Unterschiede verwischt, erkannte ich mit Bedauern, als ich die Buben einmal abends in den Schlaf- sälcn aufsuchte. Schlafen nämlich dürfen sie ohne Fez. Ta sah ich sie nun auch im Schmuck ihrer Haare; dichtes, krauses, dunkles Haar bei den Dunkelfarbigen, schönes, uns Germanen vertrautes Blond bei den Hellhäutigen.
Es wird nun Zeit, sich mit den Namen der Schüler vertraut zu machen. Auch ohne Kenntnis des Türkischen läßt sich so etwas mit Hilfe der „direkten Methode"' leicht erfragen. An der Wand hängt ein schlimmer Oeldruck. Er zeigt in der Mitte den Sultan, rechts und links von ihm seine beiden Verbündeten: Kaiser Wilhelm und Franz Josef. Ich zeige auf den Sultan und sage:. „Ter Sultan heißt Muhammed". Ich bezeichne die kaiserlicheil Nachbarn und sage: „Ter deutsche Kaiser heißt Wilhelm, der andere Kaiser heißt Franz Josef". Ich deute auf mich und sage: „Ich heiße H.". Und nun folgt der Zwang zur Kombination mit der Frage: „Wie heißt du?" „Ich heiße Ibrahim." Aber, das stimmt doch nicht. Auf der Liste, die ich nur nach den Angaben des türkischen Klassenlehrers angefertigt habe, lese ich nicht Ibrahim, sondern Doxan Alti. Tie direkte Methode führt wohl leicht zu Mißverständnissen. Versuchen wirs beim Nachbar. Dieselben Hinweise auf das Oelbild. Dieselbe Kombinationsfrage: „Wie heißt du?" „Ich heiße Rifki." Wieder stimmts nicht. Mein Verzeichnis sagt: Altmisch Besch. Ich äußere den: Klassenlehrer mein Befremden. Und was kommt zum Vorschein? Tie Schüler werben nicht mit ihrem Namen, sondern mit der Nummer gerufen, unter welcher sie im Hauptbuche der Schule geführt werden. Doxan Alti, zu deutsch 96! Altmisch Besch, zu deutsch 65! Und dieses vereinfachte Verfahren deshalb, weil Familiennamen in unserem Sinne nicht existieren. Tie Omer, Alaeddin, Mustafa, Ibrahim und wie sie sonst heißen mögen, sind immer bis zu vier-, fünf-,. sechsmal in der Klasse vertreten. Das Schönste aber ist, daß sich die Schüler untereinander beim Spiel, bei Anfragen', bei Zurufen selbst mit ihren Nummern bezeichnen. Auf einem deutschen Schulhof würde sich also bei dieser Methode etwa folgendes Zwiegespräch ergeben. „Hallo, 72, komm mal her. 38 bat mich um 5 Spielmarken beschummelt." Oder: „Tu 1006, du sollst zum Lehrer kommen. Warum? 905 hat dich verpetzt."
In angenehmem Widerspruch zu solcher Nichtachtung der kindlichen Persönlichkeit steht die Tatsache, daß die Schüler vom kleinsten Abc-Schützen an immer mit „Efendi", „Herr", an geredet werden. Ein Schüler meldet sich. Ter Lehrer fordert ihn auf, zu sprechen: Efendi? Zur ganzen Klasse gesprochen: „Efendler, meine Herren, der Herr Direktor hat Euch folgendes mitzuteilen." In gewissem Sinne ist der Schüler auch wirklich „der Herr". Ich forderte einige Schüler auf, das Papier in der Klasse ^usammen- zulesen. Ein türkischer Lehrer beeilte sich mir zu sagen: Emen Augenblick, ich werde sogleich den Diener rufen. Beim Spiel ist ein Ball in den Aesten eines nicht zu hohen Baumes hängen, geblieben. Das Spiel wird unterbrochen, bis der Diener kommt; rein Schüler rührt sich, selbst die kleine und — nach deutschen Knabenbegriffen — anziehende Mühe des Herunterholens auf sich zu nehmen. Darin zeigt sich noch ein Ueberbleibsel aus jenen vergangenen Zeiten des osmanischen Reiches, da derjenige als besonders vornehm, reich und würdevoll galt, um den herum große Tiener- scharen geschäftig waren, aus jenen Zeiten, da man von hohen Würdenträgern berichtet, daß ihre Dienerschaft in die Tausende ginge. Auch in unserer Schule treibt sich eine kleines Heer von Dienern herum, von denen jeder nur ein eng begrenztes Gebiet der Betätigung hat. Einer ist bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebt. Er steht draußen im Treppenhaus. An einem Ledergurt, der ihm um den Hals hängt, trägt er eine Trommel nach Landsknechtsart. Er schlägt allstündlich einen kräftigen, anhaltenden Wirbel zum Zeichen, daß die Stunde zu Ende ist. Als das Schuljahr zu Ende ging, hat er seine Schlegel zum letzten Male gerührt. Ein herberer Trommelton hat ihn gerufen. „Tie Trommel schlug zum Streite." Nun steht er im Granatfeuer in den Schluchten bei Gallipoli und hält so gut wie irgend einer die Macht an den Dardanellen.
II.
„Jmtahan!" Es liegt etwas Drohendes, Hartes, Unabwendbares, Unheimliches, Schicksalschweres in dem Klang dieses türki- <hen Wortes. Es könnte das Feldgeschrei eines kriegerischen Volkskammes sein, mit dem man gegen die Bollwerke des Feindes an- türmt. Und in der Tat, wen es angeht, den treibt es zu besonderen Kraftanstrengungen, dem winken Lorbeeren des Sieges oder Fesseln der Schmach.,
Jmtahan! Mit diesem Worte bezeichnet der Türke die P r ü - fungen am Ende des Schuljahrs. Wie mild und versöhnlich klingt unser Wort „Prüfung^ rm Vergleich mit „Jmtahan"! Und dem entspricht auch die Art uub Weise, mit welcher die Prüfungen bei uns und in der Türkei gehandhabt werden. Wahrhaft beneidenswert wirkt das Los der deutschen Schüler, die die Leideuszeit der Prüfung doch Höchstens für die Tauer einer Woche ertragen müssen, gegen das harte Geschick und die Schulmeister- tücke, dre hinter dem Wort „Jmtahan" lauern! Fast volle zwei
Monate währt hier an den Gestaden des Bosporus die Prüfungs- folter. Und wie gründlich und umständlich wird da jedes Scküler- gehirn, jedes Schülerwissen durchgesiebt! Ein Erlaß des Ministeriums hat den Beginn der Prüfungen bekannt gegeben und eiii geschäftiges Treiben entfaltet sich nun in den Schulgebäuden. Fast die Hälfte aller Klassenzimmer wird ausgeräumt und gereinigt und zu Prüfungsräumen umgestaltet. Vor einem der Zimmer hat sich die zu prüfeiche Klasse eingefunden, und bald erscheint auch mit wichtigen Mienen die „Prüfungskommission". Es sind dies: der Klassenlehrer, die beiden Direktoren der Schule, und noch Mer bis drei fremde Herren. Diese Fremden sind Lehrer anderer Schulen, die die Prüfungen nicht allein überwachen, sondern auch KW, plagen stellen. _ Die Tischglocke im Examenzimmer tritt in Tätigkeit: in der Reihenfolge ihrer Nummern — denn mit ihrer .Hauptbuchnummer, nickst niit dem Namen werden sie gerufen — erscheinen die Schüler einzeln vor dem Hochgericht. Das Frage- sieb wird tüchtig geschüttelt und geht zwischen Klassenlehrer und Beisitzern hin und her. Wohl dem Schüler, der ein sicheres Gedächtnis hat! Das dem betreffenden Unterricht zu Grunde liegende Lehrbuch liegt aufgeschlagen vor den Lehrern und wird Satz sür Satz und Abschnitt für Abschnitt abgefragt. Wer könnte im Morgenland die ermüdende Langweiligkeit solcher Fragerei ohne Zigaretten und Kaffee überwinden? Freundlich kringeln sich die Rauchwölkchen über den Häuptern der Wissenden und Unwissenden, und von. Zeit zu Zeit erscheint ein „Kaw6tschi", der Kaffeekoch der Schule, und reicht in kleinen Schalen einen stärkenden Schluck. Nach 5—10 Minuten tritt der Prüfling ab. Ter „hohe Rat", wohlgemerkt auch die fremden Beisitzer, stellt den Erfolg oder Mißerfolg durch eine Zensur zwischen 1 uitb 10 fest, wobei 10 die beste Leistung bezeichnet. Davon ist abhängig, ob der Schüler versetzt wird oder nicht.
Während vieler Wochen werden auf diese Art die Schüler einzeln in sämtlichen Fächern geprüft. Jmtahan! Die Haupt- und Staatsaktion des Jahres! Ein richtiges Gefühl aber sagt dem türkischen Schulmeister, daß solche Examenhärte gemildert werden. daß neben der Rute auch der Apfel liegen niüsse. Darum folgt auf jeden Prüfungs- ein Ruhetag! Fast alle türkischen Schulen sind Internate. Kein Wunder darum, daß der Koch es übernimmt, die Sorgenstirn und die Unmuts falten bei Lehrern und Schülern glatt zu streichen. So gut habe ich selten in meinem Leben gegessen, wie zur Zeit des „Jmtahan", und es ist in der Tat so, daß sich die Schulen an Gaumengenüssen zu überbieten suchen. Würde mir die Aufgabe zuteil, ein Sinnbild der türkischen Schule zu schaffen, ich würde eine humorvolle Statue formen, ähnlich der des antiken Januskopfes, aber so, daß nach der Seite der Vergangenheit ein Schulmeister blickt mit gleichgültigen, lässigen Zügen, nach der Seite der Zukunft aber das glanzende, wohlwollende Gesicht des Küchenmeisters der Stambul-Sultanie... Sicherlich ist ein Einschlag von Weltfreude und gesundem Wirklichkeitssinn in die Strenge des heuttgen Schulsystems für die türkische Schule der Weg der zukünfttgen Entwicklung.
Die Zugstrahen der Störche.
Tie deutschen Storchmarkierungen, die von dem Leiter der Vogelwarte Rossitten, Prof. Thienemann, eingeführt sind. haben in den letzten Jahren eine Reihe von wertvollen Ergebnissen ge- 'zeitigt, über die A. Wesenniller in den letzten Heften der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift zusammen fassend berichtet. Tie Alumimumringe, die von der Vogelwarte ausgegeben wurden und die mit genauer Bezeichnung des Datums und Ortes des Auslasses gefangenen Störchen auf den Fuß gestreift wurden, sind in beträchtlicher Zahl nach der Erlegung des Tieres zurückgesandt worden, und die Fundstellen, die an den verschiedensten Punkten der Landkarte von Europa und Afrika eingetragen werden konnten, geben wichtige Aufschlüsse über die Zugstraßen und Flugweite der Störche. Selbst Eingeborene aus Afrika sind an der Ablieferung der Ringe mitbeteiligt. Das Ergebnis dieser Beobachtungen ist, daß die Zugstraßen, innerhalb Europas zwei völlig verschiedene Hauptrichtungerr zeigen, eine südöstliche und eine südtvestliche, von denen jede aus einem Syftern von Einzelstratzen für dre verschiedenen Reviergruppen zu besteherr scheint. In diesem Bahnshstem, das den von Spanien über die Alpen bis zum Balkan sich er- ftreckeilden Gebirgsbogen umgeht und in die von Seen, Sümpfen und Flüssen durchzogenen T.ieflandsgebiete Afrikas ausstrahlt, zeigt sich die Bedeutung von Höhenzügen, Strandlinien und größeren Wasserlinien für die Wegwahl als ein durch die Jahrtausende wirkender Faktor. Die Grenzscheide zwischen den beiden Richtungen in Deutschland, die von Professor Thienemann in der Weser angenommen wurde, ist noch nicht sicher festgestellt. Für die südwestliche Richtung liegen über Spanien hinaus noch keine Meldungen von gefundenen Markierungen vor. Man kann jedoch nach anderen Mitteilungen annehmen, daß diese Linien zum Teil an der Atlantischen Küste hin weiter nach Westafrika führen, zum Teil auch über Gibraltar oder anderen Küstengegenden Südspaniens über das Mittelmeer hin sich im nördlichen Afrika verlieren. Man hat über die Meerenge voll Gibraltar gelvaltigo Schwärme von Stövchen ziehen sehen. Bis nach Südwestafrika ist der europäische Storch gekommen, der hier frühestens Anfang Dezember und zuletzt im Februar gesehen wurde. lieber die s Ü d - östlich ivandernden Störche sind Meldungen über Funde von


