Susanne war betroffen. Sie hörte hier einen Unterton heraus, der aus dem Bericht des Vaters nicht zu entnehmen gewesen war. Was waren das für dunkle Andeutungen? Sie kam sich der Freundin gegenüber ganz fremd vor. Zögernd erwiderte sie:

Wir wollen nicht mehr davon sprechen, Lotte, wenig-

I tens heute nicht mehr. Nur ein Wort: Für Papa an uns »enke ich ja erst zuletzt für Papa wird das schwer «zu ertragen sein. Es tut mir so herzlich leid er hat dich gern gehabt."

Ich weiß, Susi, ich weiß das", sagte Lotte Wölflin sinnend.

Und nun, Lotte, rate mal, wer dich grüßen läßt!" Zuerst rate du einmal dasselbe. Dir wird es leichter fallen, wenn ich dich frage."

Dein Herr Bruder? Erinnert er sich noch der Bro- niner Landmädel?"

Sie war leicht rot geworden und spielte mit dem Hand­schuh. Lotte nickte.

Und nun bist du an der Reihe. Wer ist's?"

Lotte zuckte mit den Achseln.

Wer kann denn wohl an mich denken?"

Ein armer, lieber Kerl. Weißt du, Lotte, der Beste von uns allen, Waldemar."

Ich danke dir, Susi, und wenn du an ihn schreibst, lege ich einen Gruß mit ein. Das war nett von ihm. Und wie geht es ihm?"

Susanne sah auf den Teppich.

Sein Lebenslichtchen flackert matt und ängstlich. Und er hofft immer noch. Aber Doktor Maccini, der berühmteste Lungenarzt in Neapel, bei dem Waldemar war, hat uns jede Unklarheit genommen. Mama weiß davon ebenso wenig wie Waldi. Nur mir hat Papa es angedeutet. Den nächsten Som­mer wird unser armes Jungchen wohl nicht mehr auf Bronin verleben. Ist das nicht furchtbar grausam? So ein sicheres nahes Ende vor sich habewund sich nicht wehren können?

Den beiden Mädchen war das Weinen nahe. Susanne koste Lotte um den weichen Hals.

Liebste, schreib' ihm ein paar freundliche Zeilen. Ach, du weißt es wohl schon selbst du hast ihm den letzten Sommer so recht heiter gemacht. Immerfort spricht er nur davon, und ich glaube, er würde nur für dich leben, wenn er gesund und starr wäre. Ja tu ihm das zuliebe. Nur ein paar Zeilen er wird sich unmenschlich freuen."

K Lotte Wölflin fühlte ein paar ferne Augen schwer auf ruhen, und ein Strom brennenden Mitleids fuhr durch Herz.

BIch werde deinem Bruder schreiben, Susi. Gern werde das tun. Uebrigens der Gruß an dich, das war eigent- h nur der Schlußpunkt eines langen Briefes, in dem Erich es nur mit Bronin zu tun hatte. Da im Süden sind wohl die Phantasien zollfrei. Wenn es nach ihm ginge, würde er euch aus dem alten, hübschen Schloß vertreiben und hinter der großen Rotbuche eine neue Gralsburg aufbauen. So schwer mir jetzt mein Herz ist ich habe doch lachen müssen.

Und ausgezeic den ganzen

net hat er es auch schon. Ich hätte dir fast rief gezeigt, wenn ich's dürfte."

ich werde nichts lächerlich

Laß mich's lesen, ^otte, finden, ich verspreche dir's."

©ebu/b!"* mU6 ^ bCn ^ Ut0r Um ® rIoubnig fragen. Also

Als Susanne Rothkirch nach Hause kam, warf ihr die Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu.

- «"Das hat dir Saar ordentlich übelgenommen, Kind. Du hast rhn ia offen geschnitten. Ich hätte dir mehr Takt zugetraut."

Adalbert v. Saar war mit Frau Nataly weitläufig ver­wandt. Er hatte die sieben oder acht Jahre auf Bronin nicht ungenutzt vorübergehen lassen und dafür gesorgt, daß er bei der Freifrau einen festen Stein im Brett hatte. Vom ersten Tage an war seine Taktik: durch das Herz der Mutter zum Ziel! Mit eiserner Konsequenz war er diesem Grundsätze gefolgt.

Susanne, die Herrn v. Saar nie anders als einen Frem­den im Dienste ihres Vaters angesehen hatte, zog langsam die langen Lederhandschuhe von den Händen und sah die Mutter lächelnd an.

Gruß von Lottchen Wölflin, Mutting! Und Saar - Herr v Saar? - Mein Gott, daran habe ich ja kaum ge- dacht. Herr v. Saar kommt ja dock nur zit Papa. Mich wird kr doch nicht etwa vermißt haben /.

Frau Nataly kannte Susannes Standpunkt und ließ das Thema fallen. Später hörte Susi von Eva, daß Papa Papa Rothkirch und Herr v. Saar hart aneinandergeraten wären. Saar wäre gewiß unschuldig daratz. Nur Papa sei wieder in schrecklicher Laune. Herr v. Saar wäre dann auch mit einem recht kühlen Gruß gegangen.

In der Tat hatte Saar bei dieser lang ersehnten Kon­ferenz wider Erwarten schlecht abgeschnitten. Der Freiherr war in einem Grade empfindlich, ja nervös, wie seit langen Monaten liicht. Er ging auf keinen der sorgsam ausgebauten und mit aller Vorsicht vorgetragenen Gedanken Saars ein, hatte überall nur eine abfällige Kritik oder Gleichgültigkeit als Erwiderung und geriet außer sich, als Saar auf den schlechten Einfluß der neuen Bauten auf die Schloßruhe zu sprechen kam. Da sollte an Ladenburg und Erich Wölflin etwas hängenbleiben.

Der Betriebsleiter war wohl mit schuld an der ge­spannten Aussprache. Die sieghafte Ruhe, mit der er ge­kommen war, hatte ihn verlassen, als der alte Diener Frie­drich im Vestibül das ihm gereichte goldene Trinkgeld schwer­mütig einsteckte und auf die Frage, ob die gnädige Aelteste da wäre, kopfschüttelnd antwortete:

Vor einer Stunde ausgegangen, Herr Direktor."

Haben Sie dem gnädigen Fräulein denn nicht noch einmal fest angedeutet, daß ich heute Punkt zehn Uhr komme? Ich habe Ihnen doch geschrieben, Friedrich."

Alles besorgt die Baronesse ist doch gegangen."

Verbittert hatte Saar dem Alten den Pelz hingeworsen Und in einer solchen Stimmung sich kvohl auch bei Roth^ kirch im Ton vergriffen.

Saar !var außer sich, als er das Rothkirchsche Haus! verließ. Er stürmte in die nächste Weinstube und ließ sich einen schweren Cocktail mischen, den er mit geschlossenen Augen hinunterstürzte. Dann steckte er die Müde in die Taschen und ging in dem leeren Gastzimmer erregt jaufl und ab.

Ihr werft mir den Handschuh hin?" knirschte er mit den Zähnen.Ich nehme ihu auf! Ich werde dich! fragen/ Alexander Freiherr v. Rothkirch: Wo und wie war das Urals an der russischen Grenze, als dich die Kvsäten über--, sielen? Damals, vor sieben, acht Jahren, als du deinen Verstand verlorst? Ich werde dich fragen, wenrr die Stunde gekommen ist, Alexander von Rothkirch, und du wirst mir Rede stehen!"

Scheu sah er sich! um. Aber der Kellner spülte Gläser und kümmerte sich nicht um ihn.

Und nun ans Werk, Adalbert! Dias Wild hat nur eine spärliche Fährte zurückgelassen. Hefte deinen ganzen Witz aus diese winzige Spur!"

Am Nachmittag reiste Adalbert v. Saar nach Bronin zurück, alle Lockungen, mit denen düs Sündenbabel an der Spree den Lebemann verfolgte, verschmähend, nachdem er nach im DetektivbUreauTyras" eine lange Unterredung mit dem Direktor Fergos gehabt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

vilder aus dem türkischen Zchulleben.

Von Otto Lotthammer (Konstantinopel).^

Tie t ürkische Schule, in der ich jetzt als Studienleiter und Lehrer des Deutschen tätig bin, führt den Namen Jstambul Sultanisi. Obgleich sie, wie der Name sagt, eigentlich in Stambul, dem türkischen Stadtteil beheimatet ist, hat sie jetzt ihr Kriegshcim m Galata aufgeschlagen. In den weitläufigen Gebäuden, die in nächster Nähe der großen Galatastraße liegen, hausten vor dem Kriege französische Priester, die dem Orden der Lazaristen zu­gehörten. Jetzt sind die religiösen Bilder der früheren Bewohner kutfernt. Ta aber, wo sie fest eingemauert waren, sind sie nun: mit Fahnentuch verhüllt, und der türkische Halbmond grüßt den Emtretenden. Hock über dem Hauptgebäude flattert er an kirchlichen Festtagen und bet dm Siegesfeiern der Verbündeten.

. ^tm Eintritt in die Klasse rauscht eine rote Welle emporr vierzlg Schüler i m r o t e n F e z erheben sich von den Bänken und grüßen stumm, Militärisch durch Anlegen der Hand an die Kopf* bedeckung. Ten Fez abzusetzen, gilt ja, koie bekannt, als großer Verstoß gegen die gute Sitte. Sei es nun warm oder kalt, glühe me Sonne, wie jetzt im Juli, unbarmherzig hernieder oder sei sie hinter Wolken verborgen, ob der Schüler über einer Rechenaufgabe brüte, oder über dem Koran träume oder sich bet Spiel und Sport belustige der Fez klebt fest auf dem Kopf., Gelegentlick wird beim Turiien eine Ausnahme gemacht. Ich selbst schwimme nun mit in dieser roten Welle