Der blaue Anker.

Roman von Elfriede Schul-.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ladenburg berichtete dem Freiherrn an demselben Abend Wort für Wort, was er mit Lotte Wölflin gesprochen. Der Freiherr war zuletzt aufgefahren. Obwohl man sich bei dem Schein der rot verhängten elektrischen Flamme täuschen konnte, hatte Ladenburg doch mit Bestimmtheit gesehen, wie das Gesicht Rothkirchs aschfahl wsurde und seine Pupillen sich unheimlich vergrößert hatten. War durch Lottes Ab­lehnung das Ehrgefühl des Edelmannes, der nur zu be­fehlen gewohnt war, verletzt worden?

Sie werden das dem Kind nicht übelnehmen, Herr Baron. Die Wölflins sind beide im Grunde zarte Gemüts­pflänzchen. Das weiß nur, -tver sie genauer kennt. Und sind immer gefällig, dienstbereit, selbstlos, Lotte, wie ihr Bru­der xd) könnte nichts arideres sagen. Aber die Dinge lieg«n nuil mal so, oder sagen wir besser: die Stimmungen. Wir wollen etwas warten, Herr Baron."

(0 nein, ich nehme es dem Fräulein Wölflin nicht im geringsten übel, wie käme ich auch dazu? Ich danke Ihnen vielmals, Herr Professor, daß Sie noch einmal den Weg zu mir gemacht haben. 5Za ich will warten"

Er sagte das mit schwerem Atem. Es ging ihm gewiß

nahe.

Als Ladenburg gegangen war, setzte sich Freiherr von Rothkirch an den Schreibtisch und stützte den Kopf in beide Hände.

Du gehörst dort nicht hin? Nein!" stöhnte er dumpf auf. ,Ahr gehört dort nicht hin, Wölslins ihr gehört: dort nicht hin."

Er griff nach dem Telephon und sprach mit seinem Bruder.

Ich komme also heut noch zu dir hinaus." r Für den nächsten Vormittag war Herr v. Saar gemeldet. Auf Bronin hatten die Ladenburgschen Baupläne eine größere Umwälzung hervorgerufen, als man anfangs ge­dacht hatte. Ladenburg hatte doch dem Drängen Erichs nachgegeben und die Bauten stark gegen das Herrenhaus' vorgerückt. Vernünftigerweise!" sagte er später oft genuy. Er hatte auch den Freiherrn auf die Konsequenzen auf­merksam gemacht. Rothkirch war mit allem einverstanden.

Mit der Ruhe im Schloß ist es nun vorbei", lautete es im letzten Wochenbericht Saars. Darüber wollte der Freiherr mit ihm konferieren.

Saar war außer sich vor Freude, endlich einmal nach Berlin zu kommen. Bisher war jeder Versuch fehlgeschlagen. Auf seine schwierigsten Vorstellungen kam dasselbe gleich­mütige Wort Rothkirchs:Machen Sie es nach bestem Wissen, mein lieber Saar." Es war, um aus der Haut zu fahren.

Der gewandte Weltmann mußte stark an sich halten^ um seine Freude zu meistern. Monatelang hatte er nach dem Augenblick gelechzt, Susanne Rothkirch wiederzusehen und zu sprechen. Er fühlte sich gerade gegenwärtig in ausgezeich­neter Verfassung, geraoe jetzt, wo er seinen Wunsch erfüllt! sehen sollte, und sein Schneider hatte ihn tadellos eingekleidet. Er konnte sich vor Susanne sehen lassen.

Als Susi von Saars Komnlen hörte, gab es für sie nur den einen Gedanken, dem Direktor aus dem Weg zu gehen. Schon eine Stunde vor ferner Ankunft war sie aus dem Hause gegangen und schleuderte, belästigt von unange­nehmen Gedanken, dem Schoßgarten zu. Als sie die Wil- mersdorfer Straße kreuzte, war sie dem Hause Ladenburgs nahe. In demselben Augenblick faßte sie den Entschluß, Ilse Ladenburg und mit ihr Lotte Wölflin zu besuchen. Sie traf Ilse nicht an und ging zur Wölflinschen Wohnung hinauf.

Dieser Weg wurde ihr recht schwer. Die Familie Roth­kirch hütte^ wie mit einer Selbstverständlichkeit dainit ge­rechnet, daß Lotte Wölflin, sobald es ginge, nach Bronin kommen würde. Alle waren hart enttäuscht, als Freiherr v. Rothkirch über die ablehnende Antwort berichtete. Sie such­ten die Erklärung in Lottes Schmerz um Tante Matchen und wollten warten. Susanne nahm sich vor, jedes drän­gelnde Wort zu vermeiden, aber Lotte doch offen zu sagen, wie schmerzlich man ihr Nein ausgenommen hatte.

Das Dienstmädchen öffnete zögernd.

Fräulein Wölslin bedauert sehr, niemand empfangen zu können."

Sagen Sie nur meinen Namen, Susanne Rothkirch!"

Lotte kam selbst und bat Susanne einzutreten. Sie war recht blaß geworden, aber ihr Auge blickte klar und ruhig, und in ihrem Wesen war mehr Festigkeit, als Susi erwartet hatte. Lotte nahm, als sie sich in ihrem molligen Stübchen gesetzt hatten, zuerst das Wort.

Das ist mir immer ein lieber Besuch, wenn du kommst, Susi. Und heute bist du mir doppelt lieb. Dein guter Papa ich weiß ja doch, daß das nur rührende Fürsorge ist hat mir ein Engagement bei euch "

Lotte, ach pfui, wie häßlich du bist! Nenn' das doch bloß nicht Engagement! Tu bist Eva doch mehr als eine Erzieherin. Und uns allen bist du eine liebe Freundin, uns Mädels ein richtiger Kamerad. So das wollte ich nur richtigstellen. Also nun weiter."

Siehst du ich habe nicht ja sagen können. Es geht nicht, und ich bin auch nicht mehr die Lotte vom vorigen Sommer. Susi, ich würde euch recht enttäuschen."

Susanne wollte ihr in die Rede fallen. Aber Lotte fuhr

fort:

Es ist noch mehr so manches, was man nicht in Worten ausdrücken kann. Nein, nein, Susi es ist nichts Bestimnltes, etwas ganz Unbestimmtes. Ich möchte weinen aber ich muß es so sein lassen. Ich kann nicht mit nach Bronin, Susi."