Der blaue Anker.

Roman von E1 f r i e b e Schul-.

(Nachdruck verboten.)

.(Fortsetzung.)

Wir sind ja erst acht Tage hier, Wald, und drei lange Fahrt will erst überwunden sein. Mut! Mut!"

Da schlug er die Augen auf.

Susi was ist dir?" fragte er ängstlich und heftete seine Blicke prüfend auf die Schlvefter.Bist du müde? Du siehst so blaß aus und gehst immer still und allein deine Wege was ist dir, Schwesting?"

Er sah, wie Susi die weißen Zähne in die Unterlippe bohrte, als wollte sie einen Schmerz verbeißen. Sie kam ihm ganz fremd vor, und nicht erst heute. Seit der M- reise der Berliner Ferienkolonie ging sie wie im Traum. Waldemar raffle sich auf. Er suhlte, wie sich hier eine neue Gefahr z usa in inenballte, und bekam eine stille Furcht por dem Rvchkirchschen Verhängnis der letzten Jahre. Sein .Blick wurde fast streng.

Du darfst nicht, Susi! Was es auch ist du darfst nicht traurig sein. Denk an Papa!"

Susanne sah den Bruder überrascht an und faßte sich schnell.

Du kannst ruhig sein, Wald, es ist nichts, nichts Besonderes! Eine schlechte Herbstlaune, rveiter nichts."

Ich weiß du hängst an Lotte," sagte er leise, wie nach Erklärungen suchend.Aber leben wir jetzt nicht glücklich? Ihr wenigstens ihr könntet jetzt glücklich sein, wo Vater den Kopf wieder oben hat. Lotte Wölflin siehst du ja bald wieder aber jetzt Kind" er sprach das mit weicher Eindringlichkeitjetzt müssen wir uns zusammen- nehmen. Wollen wir mit Gewalt neues Unheil herauf­beschwören?"

Wer fährt mit nach Positano?" dröhnte die Stimme des Freiherrn in diese Unterhaltung, frisch wie eine Fanfare. Es war wie ein reinigendes Gewitter.

Die Geschwister sahen den Vater oben im Fenster stehen, den granen Kalabreser über dem braunen Gesicht, aus dem die lachenden Augen in den Hellen Morgen blitzten.

,^Laus, Susi, ich kann nicht mit! Lauf, Lauf!"

Sie drückte dem Kranken flüchtig die Hand und eilte davon.

Wenn der Vater lachte, war es immer ein Götter­geschenk. Sufi kam sich diesem Lacken gegenüber sehr klein Mit ihren eigenen Gedanken und Sorgen vor. Wehe ihr, wenn ein Schatten ihres Gesichts oder eine fremde Linie über den Lippen dieses Lachens auch nur einen Augenblick verscheuchte! Wie ändert sich das Leben, und wie ändern sich die Menscheri! Früher toar sie es, die alles daran setzte, das ernste Gesicht des Vaters anfzuheitern heute war der Freiherr v. Rothkirch der allzeit Lachende, und seine Kinder ließen den Kopf hängen.

Susanne Weichling Schwächling!" schalt sie sich. Da war sie lvieder obenauf und in den Armen straffte sich die neue Kraft.

Frau Nataly stand schon mit dem roten Sonnenschirm rm Treppenhaus. Ihre Wangen blühten. Sie ging Susi mit einem leichten, lebhaften Schritt entgegen.

,stlnd Wald kommt nicht?"

Ein Schatten flog über ihr Gesicht.

Armer Junge!"

Sie wollte noch zu ihm hin, aber etwas Dunkles hielt sie zurück.

Er könnte mir den Schmerz aus den Augen lesen! Nein!"

Sie rief ihn: über die ^Hecken einen Gruß Zu. Tann stiegen die drei das malerische Gewirr der Felstreppein hinab, an den blühenden Dachgärten entlang zur kleinen Piazza des Städtchens und mieteten einen Wagen. Roth­kirch ging noch zur Post und fragte nach Briefen aus Deutsch­land, denn sie hatten bisher noch keine einzige Zeile be­kommen. Jetzt war allerlei da, von Bronin mit der festen Handschrift Tschammers, von Professor Ladenburg, von Lotte Wölslin und zuletzt ein dicker Brief mit den Zügen seines Bruders. Der Freiherr sah die kleinen, torrekten Buch- staben scharf an; sie hatten eine unsichere Physiognomie, und es legte sich etwas Beklemmendes auf seinen Atem. Rothkirch steckte den Brief in die Brusttasche.

Hernach!"

Der alte Cocchieri aus dem Bock des leichten Ein­spänners nötigte Susanne zu sich heraus. Sie kannten sich schon, und er war glücklich, nicht stumm dasitzen Zu müsse«; Susi. sprach das Italienische mit Temperament. Sie hatte Lottes Brief rasch überflogen: lvas sie suchte, fand sie nicht darin. Sie träumte ins Weite. ^

Ajidate piu adagio, Antonio!

Der Kutscher fuhr langsamer. Links das blaue Meer, rechts die bunten Berge. Es war eine unvergleichliche Fahrt aus diesem wunderbaren Seestraße durch Eonca Ntarini, Furore und Prajano, wo haltgernacht wurde. Rothkirch brachte die Damen in einer freundlichen Osteria am Strand unter und machte sich auf ein halbes Stündchen frei. Er schlenderte durch die wenig belebten Gassen in die Wein- berge, setzte sich auf einen Felsblock und zog hastig den Brief seines Bruders hervor.

Scho« bei den ernsten Zeilen verfinsterten sich seine Augen. Er nahm den Hut ab mid warf ihn neben sich. Dicke Schweißtropfen perlten von der Stirn. Der Kops sank immer wehr vornüber und berührte fast die Brust, die kaum merklich atmete. Der Brief schloß:

Also dies alles nur zu Deiner Information. Es hat ja, so fatal es ist, an sich nichts zu sagen. Der dicke Strich, den wir damals zogen, soll unverrückt bleiben. Es ist in den Zähren ein stilles, reiches Glück diesseits des Strichs ausgeblüht, und wehe dem, der dieses Glück zu stören sich unterfangen tollte. Mit schwerem Herzen habe ich die Feder