Die Liebe des Veit hardefust.
/ Erzählung aus dem alten Köln.
Von Otto Braun.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
St. Martins Glockenspiel klingelte zart und verschwommen die elfte Stunde über den Strom Herüber. IN silbernen Wolken schwamm der Mond über dem türmereichen Köln, und aus einer leuchtenden Brücke ging sein Glanz .quer über den Rhein m Herrn Harde susts Baumgarten. Von der Bank unterm' Holderbusch klang ein lieblich Spiel. Tori fuhren ^Jungfer Eves Fingerlein über die Saiten der Laute und süß scholl ihre Stimme:
Du mein einzig Licht, die Lilg' Und Ros hat nicht Was an Färb und Schein dir möcht ähnlich sein!
Nur das; dein stolzer Mut der Schönheit Unrecht tut.
Beit stand hinterm Nußbaum, kaum ein zwanzig Schritt Pur Seiten. Das Herz schlug dem Raschen bis in den Hals; aber so oft er sich denselben Mend schon ausgefordert hatte, seiner Ungewißheit ein Ende zu machen, so oder so, immer wieder kam das seltsame Zögern über ihn. „Lieber mit dem blanken Raus- degen gegen füllt Buschklepper, als einem solchen Mädel vom Freien sprechen! Und mnß doch sein! Mein Herz treibt mich: Mädchen, ich lieb dich! Mein Glück bist du! Ich habe dich gern, nicht zu sagen!"
Veit trank durstig die eigenen Worte. Horch, wieder klang es süß und rein aus dem! monddurchflirrten Holunder:
Meine Heimat du, von solcher Lust und Ruh >
Ist der Himmel gar tvie die Erde bar.
Nur daß dein strenges Wort Wich wehrhvom süssen Port.
Da nahm Beit Hardefust sein unruhig ^)erz in beide Hände, Und mit ein paar Schritten stand er vor dem Mädchen, ohne zu bedenken, wie er sie erschrecken möchte.
„Jungfer Eve, verstattet mir ein kurz Wort! Ich trags nit länger. Beleiht, wenn ich Euch allzu ungestüm daher komm, aber es Wuß gesagt sein. Ich lieb Euch mehr als meine Seligkeit. Und ich frag Euch —"
Ein silberhell Lachen war die Antwort. „Herr Beit, spart Euch die Müh. Weiß ohnedem, daß Euch Becher und Hieber mehr taugen als zierliche Wort, und — "
„Eve!" Schlag unt Schlag gingen Red und Gegenrede. „Ich sag Euch bei meiner seligen Mutter, mir ists heilig ernst mit Weinen Worten und mit meinem Werben — " — „Weiß wohl, Herr Veit! EuerM und meinem Vater desgleichen!"
— „Auch das wißt Ihr? Den Satan auf die Krämer! Vergebt das Wort V — „Merkt Jhrs, Herr Veit, wies' Euch die Red verschlägt?" — Wieder das Silberlachen. — „Starrt nicht drein wie ein Steinbild! Habt gar kein Ursach zu schlechter Laune. Hört zu: Was Euch zu mir treibt, weiß ich, Uno Hab schon tagelang geharrt, daß Ihr kämet und um meine Hand bittet. Lachen aber muß ich, und wenn mirs in die Seel schneidet, daß Veit Harden kust, von dessen aufrechtem Nacken man gar in Neuß redet, nicht den Mut hat, offen zu sein und zu sagen: Jungfer Eve, unserel Väter meinen, es geht nit anders, und meine Pflicht als gehorsamer Sohn und die Eurige als Tochter —> und es muß sein — und an Euch ists, meinem Vater — die Sicherheiten zu geben — " Was war das? Weinte das Kind?
„Schweigt, ich bitt Euch!" Wie ein Notschrei klangs. „Quält mich nicht zu Tod, Jungfer! Freilich, wenns so steht! Was soll da noch mein Reden! Hätts wissen können! Aber das hört noch an: Ich schwör Euch bei meiner Seligkeit, daß ich noch vor eine* halben Stunden meinem Vater mit harten Worten Hab begreiflich Wachen müssen, daß ich eher in die (wige Pein eingechen will, als Euch wider Euer Herz zu meiner Frau zu erbitten! Weil ich Euch, seit ich Euch sah, für mein alles erkannt Hab! Das mag Euch beweisen, daß Veit Hardefust kein Kräwjer ist, wenn es um Herzen geht. Freilich, auch sonst nit! Und nun genug. Um Vergebung, Jungfer, gehabt Euch wohl —"
Stracks wandte sich der Trotzige zuM Gehen.
„Herr Beit" — unter Tränen kams hinter ihm her — „Beit, so hört doch! So kannt ich Euch nicht — -"
„Nun, und jetzt?' Halb drehte sich der Junker um. verweilt!" — „Zu welchem! End? Mag Euch weder lästig noch verächtlich sein —" — „'Ich möcht Euch fragen —" — „Was falls?" —> „Veit —"
Wie ein zärtlich Bitten war das eine Wörttein zu hören. Mer der Junker stand halb abgewandt Und starrte in die goldgelbe Mondscheibe, als ob sie ihm über alle Geheimnisse der Erde Ms- kunft geben könnte.
„Herr Veit, wie soll ichs Euch sagen? Ich — bin — ich Lab" — ein kleiner Fuß stampfte ans, die Laute sank klingend ins Gras — „ich bin — ich bin Euch gut —"
lUub dos Mädchen nestelte schluchzend und in süßem Trotz an der Armspange und sah erst auf, als ztvei! Anne sie umschlangen und »wer braune AuHen die ihren mtb ein heißer Mund ihire roten Kippen suchten.
„Q du k Nun Hab ich um dich geivorben! Wie ich mich schäme! Tu sagst es keinem?" fragte leise das Madel.
Und die-zitternde Btraut im A!rm rief der Junker: „Keinem sagen soll ichs? Hör zu!" Und mit seiner jungen, hellen Stimme, daß es laut durch den alten Gartejn und auf den Skrom hinaus- balltkt:
. • Vater! Overstolz! Lcunbert! Barbe! Das Mädel ist
mein! ^zch Hab ihr gesagt, daß es nicht unt die Pfefsersäcke geht, sondern um — " * 7
a Y *®!j tc kleine Hand legte sich ans den übermütigen Mund, und es blieb ungernfen, was der Junker Veit Hardefust noch von seineni Gluck hatte melden wollen.
Von seinem Glück . . .
HI.
Ueber St^ Kunibert und Groß St. Martin, St. Man und
Gereon, vgt. Severin und all den andern Gotteshäusern des nrchenfrohen Köln schwangen die Glocken und läuteten die Fron- leichnamsprozession aus. Ter Duft von zertretenen Blumen und Weihrauch! und Kerzen hing in den engen Gicbelstraßen, die Luft schulterte noch vom Terumtumtum der heimziehenden Musiken, bunte Fahnentücher und Kranzlasten schwankten im Frühsommcr- wind, der vom Rheine her auf den Alten Markt strich. Ein Stoßen und Drangen war ringsum; der grobe Rock des Bauern rieb sich an der Schaube des Ratsherren, und namentlich das Landvolt schien nicht g klon neu zu weichen, solange noch irgendwo das goldene Ornat nnes Pfaffen leuchtete. Tie drohende Kriegsgefahr hatte Tausende von Pfahlbürgern und Landleute aus dem Vorland hinter die festen Stadtmauern gescheucht. Man konnte sich unter den ältesten Leuten nicht entsinnen, im heiligen Köln je an Froirleichnam ein solches Treiben gelehn^zu haben. Nie hatte man zudem solch ein einig Velen erlebt, schier zum Schaudern war es gewesen, als heut morgen der 2lot Emmeran von Merten beim zweiten Segen lange schweigend auf das kniende Volk geschaut und darin mit hallender Stimme langsam ein Gebet für Kriegszeiten über den lautlosen Markt gerufen hatte.
Vbtt hatte aus Overstolzens Nachrichten hin Eve nicht mehr nach Neuß ziehen lassen. Selbst hatte er sich das Roß satteln lassen und war, wie auch das Mädchen an seinem Halse gezittert! hatte, nach Neuß geritten, nml sich vom alten Elmsperger den väterlichen Consensus zu erbitten. Er war heil wieder zurück- gekommen Was Mühen es ihm gekostet, hatte er verschivlegen, aber im Ellernbusch kurz vor Dormagen hätte man Spuren sehen können, wie Pie dem Kölner zuguterletzt noch den Weg hatten sperren wollen. Der Himmel war mit deni jungen Hardefust gewesen und hatte ihm die Klinae geführt. Und morgen sollt« Hochzeit sein, wenn auch Herr Bartholomäus sich anfangs gegen die unschickliche Erl gesträubt iind etwas von langsamem Anspannen und jachem Fahren in den Bart gemurmelt hatte.
Eng umschlungen standeii Eve und Veit am Fenster und sahen auf das Gewühl am mten Markt hinaus. Waren freilich kein frohes Brautpaar, die beiden; denn die Fehde zwischen der alten und der neuen Vaterstadt und die Sorge um des Liebsten Leben wolttenl dem Mädchen das Herz abdrücken. Der Junker hatte seine liebe Not, ihr trübes Gesichtlein anfzuheitern.
„Geh', mein Mädchen," schmeichelte Veit, nachdem er die Zagende Mit lieben Worten wieder einmal beruhigt l-atte. „Zeig mir crn stolz Gesicht! Denk, daß du von morgen ab Kölns aufrechtesten Namen ttagen sollst! Und mach mir selber das Herz nit schwer. Komm, nimnr die Laute und sing uns die trüben Gedanken von der Seel herunter! Mädchen, nwrgen ist Hochzeitstag und kern Leichenbegängnis! — Barbe! So helft mir doch!"
Und dem Drängen der beiden nwchte Eve nicht zu widerstehen. Nahm die Laute aus Veits Hand uitd ftlhr mit leicÄen; Fingern über die klingenden Saiten. Mer die Töne wollten sich zu keiner ftohen Weise fügen, und bald klang es süß und traurig; Ich fahr dahin, wann es muß sein.
Ich scheid mich von der Liebsten mein Zur Letz laß ich das Herze mein,
Dielveil ich leb, so soll es sein!
Ich fahl: dahin, ich fahr dahin_
Die Laute glitt auf den Teppich, und Eve sank dem Liebstes schluchzend ans Herz: „Veit, ich kanns nicht ertragen! Schau, du selber magst den Tränen kaum zu gebieten und herschst, ich sott singen und lustig sein —"
Da bornierte unten am! Haustor der eherne Klopfer. Eve fuhr zusammen. „Das gilt dir, Lieber!" preßte sich heraus. Angstvoll starrte sie nach der Tür des Gemachs. Von drunten klangen Stimmen, ein verworren Geräusch von Fragen und Antworten und Waffenklirren. Dann polterte der schwere Schritt eines Gewapp- neten auf Treppe und Estrich. Veit öffnete die Tür.
„Um Vergebung, Hardefust, wenn ich Erich stör! Euer Diener, Jungfer! — Müßt ein Wort zur Seit mit Euch reden, Harde- tust —"
„Sprecht iminerhin, Othearaven! Die da ist morgen Harde-, fustin und muß wissen, was ihren Gatten angeht!"
„Wenns so ist —" Otheg raven zögerte überlegend. „Ist freilich keine angenehme Kunde für den Vorabend zur Hochzeit —. Nun, so hört! Tie Neußer, Klever und Jülicher stehen schon um Worringen. Unsere Späher müssen samt und sonders von verräterischem Landvolk aufgehoben worden sein; denn die Kunde kommt nicht von ihnen, sondern von ein paar Bauern, die sich vor deni Feind aus den: Staub gemacht haben, das Unglück zu vevmelden. Und kurz Und gut, heute noch solle:: Späher hinaris', und diesmal bessere. Es ist Kriogsrat zun: Gürzenich entbotem Man zählt nachher auf Euch. Ihr seid doch dabei?"
„Das weiß Gott," jauchzte Veit und reckte die Arme. „Je eher, je lieber! Verzieht, bis ich mich für den Weg gerüstet Hab!


