Ausgabe 
21.8.1915
 
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ringsum ttrie eine MUuer. Nicht drei Schritte weit konnte man sehen.

Eine erbärmliche Geschichte dachte der Fähnrich. Er hatte schon mehr als einmal auch unter schwierigen Verhältnissen Erkundungen erfolgreich durchgeführt, zu denen er sich freiwillig anbot. Es war nicht nur die imbekümmerte Sorglosigkeit seiner neunzehn Jahre, die ihn so oft in Gefahr brachte. Er war ver­wegen bis zur Tollkühnheit, aber auch gewandt, geschmeidig Und kräftig, darum suchte er die Gefahr wie sein eigenstes Element und die Vorgesetzten ließen ihn gewähren. So hatte er auch die Erlaubnis erhalten, die Stellungen der Engländer, die dem' Regiment gegenüberlagen, zu rekognoszieren. Der Major hatte ihn noch besonders gelobt ob seines Mutes, als er sich dazu erbot, und hervorgehoben, von wie großem Wert unter Um­ständen seine Erkundung sein konnte. Und jetzt saß er in der Patsche. Der erbürMIiche Nebel machte alles zunichte.

Schritt um Schritt tappte der Fähnrich durch die Finsternis. In der Ferne rollte Kanonendonner, der selbst jetzt zur Nachtzeit nicht völlig verstummen wollte. Engländer und Franzosen ver­schossen ihre Granaten wie immer auch dann, wenn sie keine Aussichten hatten, etwas zu treffen. Söllner wollte aus dem Rollen des Geschützfeuers erraten, in welcher Richtung der Feind lag, aber es äffte ihr immer wieder, einmal glaubte er es zur Rechten, dann zur Linken zu hören. Aufs Geratewohl ging er weiter, irrte uincher, wie nun schon seit zwei Stunden, stolperte, fiel einmal fast in einen Graben, stieß gegen einen Baum, der plötzlich in der absoluten .Finsternis vor ihm stand, und dann hörte er plötzlich Stimmen. Zwei Menschen näherten sich ihn: und dabei sprachen sie miteinander. Er legte sich <mt den Boden und lauschte. Es war ihm unmöglich, sie zu sehen, aber nach seiner Schatzung konnten sie nicht weiter als fünf Schritte von ihm entfernt sein. Sie blieben stehen und dann brannte ein schneeweißer Lichtkegel in dem Nebel auf. Tie beiden hatten eine elektrische Lampe eingeschaltet und leuchteten auf der sie gestanden waren. Dort mußte wohl eine Straße sein. Fähnrich verstand ihre Worte nicht, aber er hörte es an dem Tonfall. Die Engländer verschwunden und er ging nach der Stelle, auf der sie gestanden waren. Dort Mußt ewohl eine Straße sein. Ter Fähnrich hatte sich in dieser Annahme nicht getäuscht. Er fand einen etwa Meterbreiten Weg und ging mm. auf demselben in derselben Richtung weiter, welche die Soldaten eingehalten hatten. Dabei wandte er die größte Vorsicht an. und lauschte nach jedem Schritt, ob sich niemand ihm nähere, denn er zwei­felte jetzt nicht Mehr daran, daß er sich hinter der feindlichen Frontlinie befand. Wohl eine halbe Stunde lang traf er ans kein Hindernis, dann hörte er abermals sprechen. Ein Pferd wieherte, und der gelbe Schein eines Feuers glomm durch den Nebel. Gleich darauf mußte der Fähnrich sich rasch zur Erde werfen, um nicht mit einem Mann.zusammenzustoßen, der sich da hevnm- trieb. Dann verließ er den Weg und kroch erst nach rechts, dann nach links ein Stück weit über den feuchten, groben Boden hinaus. Ueberall war es dasselbe, Menschen, Pferde und Lager­feuer, dazwischen die kaum erkennbaren Umrisse der Zelte. Was Söllner bisher vermutet hatte, wurde ihm zur Gewißheit er befand sich hinter der feindlichen Front.

Das war keine angenehme Entdeckung. Wich der Nebel, was schon bälid geschehen konnte, so war er unter diesen Engländern ein toter Mann. Nach idem, was er von der Art wußte, wie sie mit Gefangenen umgingen, schien die Aussicht, in ihre Hände zu fallen, nicksts weniger als verlockend. Ganz ruhig und kühl überlegte der Fähnrich, was er nun tun könne. Tie Möglichkeit, daß er aus der Falle wieder herauskam, war gering. Vielleicht half ihm irgend ein Zufall. Er hatte gehört, daß Leute in solchen Situationen sich retteten, indem sie einen Fluß herunter schwammen. Vielleicht gab es einen solchen da irgendwo. Freilich war das nur eine sehr schwache Möglichkeit. Zunächst aber mußte er wieder zurück, denn hier konnte er jeden Augenblick gefunden tverden.

Er suchte und fand den Weg wieder, auf dem er hergekommen war, und schritt^jetzt in entgegengesetzter Richtung auf demselben etwa eine halbe Stunde lanig dahin, bas er plötzlich an eine Mauer stieß. In dem dichten Nebel war sie wie aus der Erde heraus- gewachsen, fast hätte er in seiner Ueberraschung einen Ruf aus­gestoßen. Er unterdrückte ihn eben noch rechtzeitig. Es war gut, daß er so viel Geistesgegenwart besaß, denn im gleichen Moment vernahm er deutlich in geringer Entfernung eine laute Stimme. Er hatte >den Eindruck, daß er sich hinter oder nelstn einem Haus befand, auf dessen ariderer Seite Menschen waren. Ganz leise und vorsichtig, sorgfältig bemüht, nicht das geringste Geräusch zu ver­ursachen, tastete er sich an der Mauer entlang. Es tvar wirklich die Außenwand eines kleinen Hauses, drei Fenster, die durch hölzerne Läden verschlossen tvaren, lagen nicht hoch über dem Erdboden. An der einen Ecke stand ein Bäum. Ununterbrochen rieselten die Tropfen von seinen Zweigen. Fähnrich Söllner betastete die Rinde und spürte, daß es ein Birnbaum war. Unwillkürlich hob er den Blick und nnmberte sich, daß er die hoch aufstrebenden Aeste teil­weise erkennen konnte. Der Nebel mußte plötzlich dünner geworden sein. Als der Fähnrich dann vorsichtig um die Ecke blickte, sah er noch ettvas, es war groß und ungeschlacht, plump und eckig reckte es sich vor dem Haus in die Höhe. Was loar das tvohl?

Ter Fähnrich brauchte nicht lange zu raten, denn nun schoß eine mächtige Lichtflut durch die Nacht und er erkannte, daß es eine Dlugmaschine war.

Seit Tagen kam immer wieder ein englischer Flieger über die deutschen Stellungen und warf Bomben herunter. Aus der Art, wie er dicht hinter der seindlkchen Front niederging und oft sehr schnell wiederkam, hatte man darauf geschlossen, daß er da einen Stützpunkt haben mußte, man hatte auch ausgerechnet, wo der­selbe wohl sein konnte. Söllner zweifelte keinen Augenblick, daß er diesen jetzt vor sich hatte. Ten Revolver in der Faust beob­achtete er gespannt, war vorging, nachdem er sich tastend überzeugt hatte, daß die Patronen im Kasten steckten. Wenn sie ihn da fanden, wollte er sein Leben.so teuer als möglich verkaufen.

Vorläufig allerdings kümmerten sie sich nicht um ihn, sie hatten wichtigeres zu tun. Sie setzten den Apparar instand. Fähnrich Söllner brauchte sich bald, nicht mehr sehr anzustrengen, etwas zu sehen. Der Nebel wurde wirklich dünner und der Morgen war nahe. Langsam begann es zu dämmern.

Txei Menschen bemühten sich bei dem Schein einer großen elektrischen Lampe um den. Flugapparat, zwei Offiziere und ein Mechaniker. Sie standen jetzt im Nebel wie hinter einem leichten Schleier, -durch den alles gut zu erkennen war. Ter Mechaniker brachte Benzin- und Oelkannen, füllte und schmierte, und die beiden Offiziere hülfen ihm dabei. Tann sprach der eine von ihnen, der Mechaniker lies lv-isder in das Haus und kam mit leeren Händen! zurück. Null gab es ein aufgeregtes Schelten. Ter Fähnrich lauschte sehr aufmerksam. Er verstand nicht alles, aber doch den Sinn der Unterhaltung. Sie hatten den Apparat gefüllt, aber es zeigte sich anscheinend, daß der Mnzinvorrat nicht mehr für eine längere Fahrt reichte. Ter Mechaniker wurde mit Sckiimpfworten über­schüttet, weil er nicht rechtzeitig für die Ergänzung desselben Sorge getragen hatte. Er stand wie ein Stock und lieh alles gleichgültig über sich ergehen. Tie Offiziere berieten ein paar Minuten mit­einander und dann kanten sie zu dem Schluß, daß die Füllung für den MgeMick ausreiche. Sie wollten fliegen und bis zu ihrer Rückkehr sollte der Bursche für Ergälrzung des Vorrates sorgen. Er ging ins Haus und kam mit einem Handwagen zurück, den er mit leeren scannen vollstellte, dann zog er an und trollte lang­sam fort, den Wagen hinter sich herziehiend. Wieder untersuchten und probierten die beiden Offiziere, ließen den Motor anlaufen und stellten ihn wieder ab. Sie sahen nach dem Himmel, der zu­sehends Heller wurde.

Fähnrich Söllner stand die ganze Zeit auf seinem Be­obachtungsposten und verwandte keinen Blick von der Szene, die vor ihm lag. Eine ungeheure Spannung hatte sich seiner bemäch- ttgt, er war in fieberhafter Erregung. Wenn es eine Rettung für ahn lgM so lag sie hier. Zu verlieren hatte ec jetzt nichts mehr, sobald der Helle Tag angebrochen war, mußten sie ihn finden. Jeden Alugenblick konnte jemand da vorbeikommen und ihn sehen. Ein tollkühner Streich rettete ihn vielleicht; mißglückte er, so konnte ihm nichts schlimmeres passieren als >vas ihn an sich erwartete. Ein glücklicher Zufall kam ihm zu Hilfe.

Tie beiden Offiziere hatten die Lampe, mit der sie bisher ge­arbeitet, ausgelöscht, es war so hell, daß sie ohne dieselbe sehen -konnten. Nun schien ihnen etwas einzufallen. Sie sprachen etwas, der eine ging ins .Haus, kam mit Mütze und Säbel zurück und entfernte sich dann mit schnellen Schritten in der Richtung, die der Bursche eingeschlagen hatte.

Nun war es Zeit!

Fähnrich Söllner stand mit ein paar raschen, lautlosen Schritten! neben dem Offizier. Ter hatte sich eben nochmals über die Ma­schine gebeugt, und als er sich nun aufrichtete, fühlte er kaltes Eisen an seiner Schläfe. Erschrocken fuhr er herum, mit weit aufgeris- senen Mgen starrte er den Fähnrich an. Kein Ton kam im ersten Schrecken über seine Lippen, seine Hände fuhren nach der Pistolen­tasche, ab^r er hatte das Portepee, an dem sie hing, abgelegt. Barhaupt, ohne Waffe, mit ölbeschmierten Fingern stand er vor dem Deutschen, der noch immer die Pistolemnündung auf seine Stirne gerichtet hielt. Das dauerte nur einen Augenblick, dann fing er an, so Xrtut er konnte, um Hilfe zu schreien und fuhr mit beiden Fäusten! nach Fähnrich Söllners Gesicht. Ter tat einen Schritt zur Seite und im gleichen Moment krachte ein Schuß. Ter Engländer brach zusammen. Söllner warf den Motor an und kletterte auf die Maschine. Er hörte lautes Rufen, Menschen kamen gerannt, Schüsse krachten, aber schon stieg der Apparat steil empor. Ter Fähnrich wußte Bescheid, trotzdem er kein Flieger von Be­ruf war.

Eine Viertelstunde später stieg er bei seinem Regiment ans dem Apparat, von einem brausenden Hurra der Kameraden be­grüßt. Sie hätten ihn wohl als der: vermeintlick>en Engländer herurttergeholt, wenn er nicht aus der Höhe erst als Erkennungs­zeichen seinen Waffenrock heruntergeworsen hätte, ehe er sich in Schußweite herabwagte. _

Das Rebhuhn.

(Zur Eröffnung der Rebhühuerjagd.)

Ein guter Bilsen ging dem guten Saucho Panza, dem unsterblichen Knappen des edlen Ritters Ton Quixote, über alles; man kann es daher verstehen, daß er es vorzog, auf die ihm übertragene Statthalterschaft der heißcrstrebtenInsel" zu verzichten, als