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einem Stuhl griff. Dann hob er noch einmal das Blatt und sah die Schlußsätze:
„Das Ankerwappen wurde damals mit dem Fall in Verbindung gebracht. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Fünd Licht in die Affäre bringt."
Er stand aus und durchmaß die Stube mit unruhigen Schritten.
Sollte er noch einmal seine Seele aufwühlen lassen? Sollte er noch einmal verwehte Spuren aufnehmen und dabei mit der Welt zerfallen? Hatte es einen Sinn, einen vernünftigen Zweck? Lag nicht das Leben mit seinem ganzen Reichtum von Licht und Sonne vor ihm?
Das Schicksal hatte ihn einen kurzen, geraden, glück- lichen Weg geführt. War es nicht Süuoe, ihm von neunem den Fehdehandschuh hinzuwerfen? Wozu das?
Er schüttelte den Kvpf.
„Nein! — Nein!"
Es überkam ihn fast wie. eine Scheu, daß er, er allein, von Schwester Und andern nicht geahnt, etwas Dunkles in sich herumtrug, das Tag und Nacht verborgen auf der Lauer lag, immer zum Sprunge bereit. Das Geheimnis! des blauen Ankers wohnte wie ein tückischer Gast in seinem kleinen Familienkreise und drohte zn gegebener Zeit eine Brandfackel in den Frieden des Hauses zu werfen. Wie eine Zentnerlast drückte dies unselige Wissen auf sein Gehirn.
„Nein! — Nein!"
Erich Wölflin packte die Döderleinsche Sendung in einen Umschlag, versiegelte ihn ltnb verschloß die Papiere, die ihm in den Fingern brannten, im letzten Fach des Schreibtisches. An Döderlein schrieb er ein lürzes Dankwort und daß er über das weitere unschlüssig sei.
Er war es zufrieden, daß Lotte gestern abgereist war Und sehnte auch den Tag herber, an dem Tante Molchen mit Frau Professor Ladenburg zum Bahnhof srch'r. Er brauchte jetzt Einsamkeit.
Für einen Tag riß ihn ein freudiges Ereignis in eine leichtere Welt. Das Preisgericht für oen Wettbewerb um den Neubau des Thorner Stadttheaters erkannte ihm den zweiten Preis zu. Das war ein großer Erfolg. Berühmte Theaterbauer standen erst an dritter und vierter Stelle. Aber als der Abend kam, bedrängten ihn wieder die Schatten der Vergangenheit. Er ging zu Gerhard Ladenburg hinunter Und lud ihn zu einer Flasche Wein ein. Sie schlendertert durch den Tiergarten, durch das Brandenburger Tor über die Linden und suchten bei Lutter eine stille Ecke.
„Was grübelst du? Tu hast doch heut' allen Anlaß —"
„Ja, Gerd, ich überlege hin und her. Ich werde morgen abend nach Breslau fahren. In Geschäften. In drei Tagen bin ich wieder hier."
Der blaue Anker hatte ihn besiegt, so sehr er sich dagegen wehrte. Er zog ihn an wie ein Magnet. Wenn er auch nichts weiter erreichte — und er wollte auch nichts weiter — die beiden Wertstücke mußte er sehen und sie in seinen Besitz bringen.
Aus dem Breslauer Polizeipräsidium begegnete er den größten Schwierigkeiten. Es war gut, daß er einige Schriftstücke aus dem damaligen Untersuchungsverfahren eingesteckt hatte. Er erwirkte schließlich eine Verfügung des Untersuchungsrichters, daß einer Aushändigung der Uhr und des Knopfes aus der Niederwiesenthaler Sache gegen Unbekannt an den Sohn des verunglückten Kantors Wölflin nichts im Wege stände.
Bei seiner Rückkehr fand er Briefe von Ladenburg und seiner Schwester Lotte vor. Ladenburg schrieb ihm:
„Sie müssen auf acht Tage doch noch herüberkommen. Man bekommt ein andres Bild."
Und Lotte erzählte aus acht Seiten ihre bisherigen Rerse-und Ferienerlebnisse. Erich las das alles aufmerksam durch und machte sich mit dem bunten Personenkreise auf Brouin rasch bekannt.
„Es sind alles liebe Leute und, was viel sagen will, einfache Menschen. Bronin mit seinen elf Nebengütern ist ein Millionenbesitz. Aber die Lebenshaltung ist wie in einem gewöhnlichen Gutshause. Das kommt vielleicht daher, daß auch hier die Freuden nicht ungemischt sind. Der Freiherr ist einmal früher sehr krank gewesen und soll eine schwere Melancholie zurückbehalten haben, wovon ich persönlich allerdings bisher noch nichts gespürt habe. Das Drückendste ist aber der zweite Sohn, ein netter, stiller Mensch in Deinem Alter. Hoffnungslos lungenleidend, erklärte mir Oberinspektor Tschammer, ein prächtiger alter Herr, vor dem sie alle
mächtige Angst haben. Der junge Waldemar Rothkirch tut mär in der Seele leid. Für alles Gute und Schöne ein^ genommen, und er möchte die Welt einrennen, bis ihii der schlimme Husten jäh in die elende Wirklichkeit zurückwirft. „Nur einen heimlichen Feind habe ich hier, das ist Saar!" So erklärte er mir gleich am zweiten Tage gaiiz offen. Dieser Herr Adalbert von Saar — sie nennen ihn alle den „schönen Adalbert" — ist hier Betriebsdirektor. Ein charmanter, eleganter und lustiger Mann. Mit ihm hat Papa Ladenburg am meisten zu tun, und sie kommen sehr gut miteinander aus. Saar duckt sich auch vor Papachen, weil er mit seinen Fabrikbauten wohl manches verpfuscht hat. Warum Waldemar Nothkirch mit ihm so gespannt lebt, weiß ich nicht. Aber ich glaube, es geht dabei um Süsi. Susanne Rothkirch ist die ältere Tochter. Sie soll mir sehr ähnlich sein, und ich bin schon nett mit ihr befreundet. Saar macht sich wohl Hoffnungen auf das liebe Mädchen. Aber ich wünsche ihr auch etwas anderes, denn Saar hat in seiner ganzen Art etwas, was mir nicht gefällt. Susi mag ihn gar nicht leiden. Er betreibt den Angelsport als Leidenschaft; das nennt Susi eine Roheit. Seitdem er das weiß, macht er es nur noch ganz heimlich. Ich fühle mich hier wie zu Hause und gehe der Hausfrau ordentlich zur Hand. Das Landleben ist doch herrlich. Die große Milchwirtschaft, der Hühnerhof, die Viehställe — immerfort werbe ich an Niederwiesenthal erinnert. Ich kann auch schon etwas Polnisch. Denke Dir nur — alles ist hier polnisch, nur die Herrschaft, die Beamten und ein paar Vorarbeiter sind Deutsche. Da geht es natürlich immer po polsku, und wer da mit will, muß schon ein bißchen Polnisch verstehen. Bitte, schicke mir doch einen kleinen polnischen Leitfaden; es macht mir großen Spaß; da kannst Du-Dir denken, daß Ilse hier noch nicht recht warm geworden ist. Es ist manches wohl anders, als sie es sich ausgemalt hat. Sie will nun einmal Berlin W. nicht ablegen, und das paßt hier doch gar nicht gut her. Nächstes Sonntag ist große Gesellschaft. Die ganze Umgegend ist eingeladen, und die originelle Mümmri-Kathrin, das Faktotum der Gnädigen und Beschließerin von allem, kommt vor lauter Vorbereitungen gar nicht mehr zu Atem. Dann wird wohl auch Ilse auf ihre Kosten kommen. Trude liegt den ganzen Tag mit der kleinen Eva auf dem Pferde, oder sie plantschen im See, ein herrliches, meilenlanges Gewässer hinter dem Park, größer als der Wannsee. Auch der Park ist riesig, halb so groß wie unser Tiergarten, aber viel, viel schöner, stellenweise wie ein richtiger Urwald gehalten, mit wirklichen Hirschen und Rehen darin, die wir immer füttern. Sie sind sehr zahm. Morgen kommt der älteste Sohn, Dietrich, Oberleutnant bei den Potsdamer Husaren, der Stolz des Vaters. Der Freiherr ist um uns rührend bemüht. Das Schönste und Beste läßt er für uns herbeischleppen. Mit mir hat er es, wie es scheint, am meisten, so daß vorhin erst Susi zu mir sagte: „Jetzt fange ich bald an, eifersüchtig auf Sie zu werden." Er ist aber auch ein herzensguter Mensch, und ich war ganz erstaunt, als Susi einmal so nebenbei bemerkte: „Das ist er aber auch erst seit acht Tagen. Früher war er immer recht zugeknöpft, auch zu uns." Sie sagen alle, wir Berliner hätten ihm das Lachen erst wieder beigebracht, und es ist ja wahr, wir sind anders als die Broniner. Man kennt eben am vielen Lachen die — Narren! Wenn wir den Mund aufmachen, gibt es einen unfreiwilligen Witz. Ich soll besonders groß darin sein. Waldemar Rothkirch nennt mich das Charlottenburger „Kind". Und das ist doch eigentlich unsre Trude. Aber Feindschaft gibt es darum nicht."
So ging es über zwei Bogen, und Erich mußte schließlich selber lachen, das war ganz seine Lotte, gerade heraus und den losen Schalk im Nacken. y
(Fortsetzung folgt.) _ _ , - -
3m Nebel.
Kriegsskizze von W. Johannes.
Fähnrich Joseph Söllner blieb stehen und überlegte, was er tun solle. Er hatte sich verirrt und zwar so gründlich, als das! überhaupt mimlich ist, denn er Wußte nicht einmal mehr, wo Norden oder Süden war. Ein Vorlours war ihm deshalb nidjifl M machen, denn es war unmöglich, auch nur die allernächste Umgebung zu erkennen. IN den ersten Abendstunden, als Söllner seine Truppe verließ, war der Nebel kaum bemerkbar gewesen, nur hier pnd dort zog ein dünner Streif über die zerstampfte, zerrissene Erde. Das hatte recht harmlos ausgesehen. 2lber rasch war er dichter geworden und jetzt, um Mitternacht, stand er


