Ausgabe 
21.8.1915
 
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Der blaue Anker.

Roman von Elfriede Schul-.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Unsereins ja, sehen Sie, gnädige Frau, unsereins rann sich draußen anstoben. Das macht leichter. Und der v>aron hm , er lrieb's auf seine Weise ebenso. Jedes .-^ahr ein iieues(>)nt dazu gekauft, niit neuen Sorgen und neuen Planen. Drauflos gebaut wurde in Bronin und den Vorwerken, bald hier, bal») da, das eine Jahr eine Dampf mnhle, das andre eine Wassermüllerei oder eine Stärke­fabrik, die große Zuckersiederei. Dann holte er sich Saar. Da ging s noch mal von vorne los. Alles umgekrempelt, alles durcheinander. Zuerst habe ich große Reden gehalten, dann war nur schon ein Kopfschütteln zu viel, schließlich habe ich vor mich hin gemault, jetzt sage ich schon gar nichts mehr, ^.ine^.einperatur auf Bronin wie in einer Fieberstube. Auf nein Felde zwftchen den Ochsengespannen, da wurde mir immer erst wohl. Hm hm mach' er was!"

... f r sah die Gutsherrin noch immer still vor sich. Da dampfte er seine Stimme, durch die es zuletzt wie ein unter­drückter Unwillen geklungen hatte.

Und wenn man nur wüßte, woran man eigentlich ist. Das ist es ja gerade, dies schreckliche Tappen im Dunkeln. Un,er behäbiger Sanitätsrat wozu ist der denn eigentlich JDortoi. Wenn ich an einem kranken Pferd zwei Tage herum- kuriere, hol mich der Fuchs, dann weiß ich Bescheid. Was i,k sein drittes Wort? Wie sagt er doch?Eine Gemüts- depreftiou " Damit kann man gar nichts ansangen. Seit­dem lim uh noch dümmer geworden, und der Sanitätsrat' wohl auch nicht klüger. Wie es vor na, wie lange ist das her ? Drei, vier Jahre? - Wie es dann mit der Politik onftng diese Reichstagswahl gegen den Polen da kam der Doktor:Jetzt wendet sich das Blatt! Passen Sie auf!" Wir haben aufgepaßt. Na und? was hat sich gewendet? ^en ganzen Winter in Berlin na. Sie waren ja die beiden ersten Male mit, gnädige Frau schlimmer ist's noch ge­worden. <zn jeder Kommission saß der Baron, zuschanden gearbeitet kam er immer nach Bronin zurück. Hm geben Sw mir bitte den Brief noch einmal her, Frau Baronin."

Er las ihn zum dritten Male durch. Sein Gesicht hellte sich auf.

Ä bi ^ Srai l es ist wohl so es pfeift ein neuer Wind! Einmal muß es sich doch wenden, so oder,so. Wir werden den Turmhahn frisch ölen, daß er uns endlich ein andres Lied singt. Kopf hoch, Frau Baronin!"

Der Oberinspektor war ausgestanden und ging vor der Bank in kurzen Schritten auf und ab. Ueber Frau Natalys Augen flog ein leichter Glanz. Sie gab Tschammer die Hand.

... 5 te tooren mir, seit ich auf Bronin bin, immer ein väterlicher Freund, mein bester Herr Tschammer. Wie es

auf dem Wirtschaftshof immer lebendiger wurde und in meinem Hause immer stiller, da haben Ihre treuen Worte mich so oft neu ausgerichtet. Ich klammere mich jetzt an Ihnen fest. Lassen Sie mich nicht im Stich. Helfen Sie ein bißchen nach, daß der Besuch nicht so bald wieder fortgeht. Lassen Sie es an nichts fehlen. Herr v. Saar ist ein brauchbarer Gesell­schafter, er wird Sie gewiß darin unterstützen. Mein Gott irb habe ja eine so schreckliche Furcht, daß alle Freude wieder nur ein Strohseuer sein kann. Nach jedem Strohhalin greife ich wenn nie in Mann nur wieder der alte wird."

Langsam setzte sie hinzu:

,^Wir haben ja so viel so viel verloren."

Ihr kamen die Tränen in die Angen.

,/Verlassen Sic sich auf unfern guten Willen. Es soll jeder das Seine tun. Dafür werde ich sorgen."

Er schüttelte ihr herzlich die Hand und empfahl sich mit einer schlecht verhehlten Eile, denn er hielt es nicht mehr aus, wenn er die stille, zarte Daine mit der stolzen Freifrau von einst verglich, deren Haus Sommer und Winter nicht zur Ruhe kam vor Gästen ans nah und fern. Aber sie be­begleitete ihn bis zur Turmecke, und sagte noch einmal:

Verlassen Sie mich nicht!"

11. Kapitel.

Bon Döderlein?"

Hastig riß Erich den Briefumschlag auf.

Lieber junger Freund! Zunächst: Wie geht es Ihnen? Ich darf wohl annehmen, daß die erfreuliche Zufriedenheit! mit ^zhrem Wirken und Werden, die aus Ihrem letzten Neu- jahrsbriefe sprach, sich nicht geändert hat, vielleicht noch weiter gewachsen ist. Da koinmt nun der alte Döderlein und rührt wieder an Zeiten, die fast begraben sind. Aus den bei­liegenden Zeitungsausschnitten ersehen Sie, was ich meine. Es wird mich natürlich interessieren, was Sie daraufhin vor­nehmen. Sollte Sie der Weg über Liegnitz führen Sie wissen, wo ich wohne. Mit den besten Grüßeii Ihr

rr -r- r . Döderlein."

Erich Wolflm faltete die Ausschnitte auseinander.

Breslau, 7. Juli. Bei den Baggcrungsarbeiten an der Dombrücke förderten die Stromarbeiter dicht am Mittel­pfeiler mit dem Schwemmsand eine kostbare goldene Uhr und einen goldenen Manschettenknopf zutage. Beide Gegenstände zeigten in einer fremdartigen Emailletechnik einen blaues Anker mit mehreren Sternen darüber. Die Stücke wurden dem Fundbureau im Polizeipräsidium übergeben."

Der junge Mann erbleichte. Mit zitternden Fingern nahm er beit zweiten Ausschnitt.

Breslau, 9. Juli. Die vorgestern beim Baggern an der Dombrücke anfgesundenen Wertstücke mit dem blauen Ankerwappen erinnern an einen Kriminalfall, der vor meh­reren Jahren Aufsehen machte und bis heute ungeklärt blieb, Damals verunglückte"

Mit ungehemmter Gewalt brach der alte Schmerz in Erich durch, daß er nicht weiterAuleien vermochte und nach