Ausgabe 
19.8.1915
 
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Donnerstag, den *9. August

CEBS3S

Der blaue flnker.

Roinan von Elfriede Schul-.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Da brach sich ein heißes, gallig-bitteres Gefühl in rhkn durch. Die schwere Anklage, die ein fremder Rrchter m chm gerade auf ihn loshetzen wollte; dre Anklage, daß er das Glück der andern unter sein eigenes Schicksal ge­zwungen: er schleuderte sie mit verzweifelter Energie von sich und ließ sie ertrinken in dem Hellen, rauschenden Wasser­fall, der auf seine Seele strömte und nur einen Ton er­klingen ließ: Anders werden! Anders werden!

Stoßen Sie an, mein verehrter Herr Baron! Auf die Lieben, die wir zu Hause haben!"

Er schreckte fast auf. Wer las hier in seinen Gedanken? ' Es überkam ihn eine nicht zu verbergende Weichheit.

Sie haben mich an der richtigen Stelle getroffen, Herr Professor. Auf unsre Lieben, die nicht hier sind!"

Sie stießen fröhlich an. Alle hatten die Gläser wieder gesetzt, als Lotte Wölflin noch einmal ganz leise an das Glas des Bruders rührte, daß es mit einem wehen Ton aufklirrte. Nur einer hatte das bemerkt, Alexander v. Roth- kirch. Er erhob sich noch einmal, wie nach einem Traum, und faßte sein Glas.

.Auf Ihr spezielles Wohl, gnädiges Fräulein, Herr Wölflin!"

Da fiel der Kelch vom Glase Erichs ab wie die Glocke einer abgeblühten Blume von ihrem Stengel und zerschlug mit einem leisen Zischen, kaum hörbar, auf dem Rande seines Tellers.

Glück und Glas Prosit, Erich!" rief Gerhard ihm zu.

Die Musik, die vom Pavillon kräftig herübertönte und mit einer heiteren Weise den Gedanken eure andere Wen­dung gab, schnitt in diesem Augenblick die allgemeine Unterhaltung ab.

Der Freiherr sprach aus Ladenburg lebhaft ein.

Unsere Ferienreise?" erwiderte der Professor.Da müssen Sie bei uns erst eine Abstimmung vornehmen lassen. Bis heute sind wir noch nicht unter einen Hut gebracht. Uebrigens Ilse und Lotte haben die ihrige bereits ge- nossen. Nach dem na, sagen wir es zu ihrem Lobe ganz offen dem glänzend bestandenen Lehrerinnouexamen waren sie drei Monate in Paris und Marseille, den Char­lottenburger Akzent wegzupolieren. Und Gerhard die beiden Jungen da reisen im Herbst über die Pyrenäen. Mntting wird wohl diesmal mit Frau Malchen Ärautwein wieder auf ihrem alten Warnemünde bestehen was bleibt da viel übrig?"

Da bat Rothkirch einen Ntoment um Gehör.

Es ist vielleicht unbescheiden, nach diese,: aufgezählten Herrlichkeiten von unsrer Ostmark zu reden. Aber ich will

den Versuch »vagen. Wir haben kein Meeresrauschen und keine stolzer^ Berge. Aber Wälder haben wir und stille Seen und Sonnenaufgänge, Moudscheinfahrten wie nir­gendwo anders. Das behaupte ich. Und die goldgelbe Ernte auf den Feldern, die Ernte! Haben Sie, meine Damen, diese Poesie schon einmal erlebt? Ich will mich kurz fassen. Ich lade die jungen Damen ebenso herzlich wie dringend ein: Kommen Sie zu uns aufs Land, verleben Sie den Sommer auf Bronin! Es soll Ihnen bei uns der Himnrel auf Erden zurechtgemacht werden, und meine Lieben werde:: es Ihnen danken. Kommen Sie nach Bronin!"

Sie sahen sich fragend an. Das war eine Ueberraschung.

Sie brauchen keine Sorge zu haben< Papa hält erst Vorschau. Findet er es erträglich oder gar nett, dann können Sie es gewiß wohl wagen."

Da fand Gerhard das erlösende Wort.

Herr Baron, unser alter Sanitätsrat hat den jungen Damen erst neulich eine gehörige Standpauke gehalten, und der Refrain war:Kuhmilch literweise, frisch im Stall, müßt ihr trinken! Es gibt kein besseres Medikament." Wenn ich also etwas zu sagen hätte und das sollte eigent­lich der Fall sein, denn ich bin doch der bekannte respektable große Brrcder", also, ich würde kurz kommandieren? Annehmen! Danken! Reisen!"

Nun fanden die Mädchen den Gedankenfaden wieder. Sie nannten den Vorschlag entzückend, sagten schnell ja und stießen, ehe der Vater sich einmischen konnte, mit Hern Freiherrn auf ein Wiedersehen in Bronin an.

Herr Professor, sagen Sie nur ebenfalls ja! Sie glau­ben ja nicht, wie sich meine beiden Mädel freuen werden, und meine Frau erst. Meine Damen, keine Angst? Sie werden sicher mehr finden, als Sie erwarten, und ich höre schon die Pferde wiehern, die ich zu Ihren Morgeu- ritten aussuchen werde. Also Sie kommen!"

Es wurde noch einmal in aller Form abgemacht, und Rothkirch wurde nicht müde, von der Schönheit seiner ver­kannten Heimat zu erzählen und von dem Erntetrubel, der da draußen noch ein wirkliches Fest ist.

9. Kapitel.

Es war ein klarer, weicher Sonunermorgen. Fm Schloßpark zu Bronin hingen noch die Tautropfen zwischen den Gräsern und Blumenblättern. Auf der Parkterrasse, über die das Geäst einer uralten Buche weit herüberreichte, saß die Gutsherrin mit ihren Kindern beim Frühstück. Die kleine Eva, ein frisches, schlankes Mädel von 12 Jahren, stocherte mit dem Löffel in der Kaffeeschale herum und fischte heimlich die gelben Sahnenklümpchen heraus, gegen die sie einen Widerwillen hatte. Ihre Gouvernante. Made­moiselle Antoinette Fichu, bemerkte es aber doch und gab ihr einen Klaps aus die Patsche.

Dummchen! Das ist gerade das Beste!"

Zeig' mal her, Evi!" ftel Waldemar v. Rothkirch rti\ t der zlveit-e Sohn des Freiherrn. Seine schmalen, hohlen