Ausgabe 
19.8.1915
 
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Wangen röteten sich ein wenig.Schenk mir die schönen! Sahnenstückchen."

Er füllte sie in seine Tasse und schlürfte sie Mit Behagen.

Siehst du, wie mir das schmeckt. Das mußt du auch noch lernen, damit bit so hübsch groß und stark wirst wie Susel."

Aber Evi schüttelte sich vor Abscheu.

Waldemar sah sich um und hüstelte.

Wo bleibt heute die Post?"

Da kamen schon die beiden Posttaschen mit den blanken Messingschlössern. Mademoiselle nahm sie dem Diener ab und schloß auf. Susanne Rothkirch sortierte die private Korrespondenz heraus und reichte dem Bruder die Zeitun- en. Der junge Mann versank in einen Wiegestuhl und las as Feuilleton.

Frau Natalh v. Rothkirch war in einen Bries des Freiherrn vertieft. An dem leicht geöffneten Mund konnte man ihr wachsendes Erstaunen ablesen.

Wunder und Zeichen, Kinder! Wir bekommen Besuch."

Das mußte eine tiefbewegende Neuigkeit aus Bronin sein, denn alles drängte herzu und suchte eine Zeile ztt erhaschen.

Susel, lies vor dort!"

Susanne las:

lieber Langeweile sollt Ihr Euch nicht beklagen. Ich bringe Ferienbesuch. Drei Berliner Mädel, lustige Rangen. Da könnt Ihr Bronin meinetwegen aus den Kops stellen. Ich drücke ein Auge und, wenn es sein muß, alle beide zu. Wer, wie, was - ist vorläufig Geheimnis. Nur damit Ihr Euch einrichtet und nichts Verkehrtes ansangt, knappe Biographie. Namen: Trude, Ilse, Lotte. Alter: vierzehn, neunzehn, zwanzig oder so drum herum. In etwa acht Tagen treffen sie ein. Ich selber wollte schon morgen reisen, werde es aber um einen Tag oder zwei verschieben. Nun seid hübsch brav, fegt die Spinnweben aus den Fremdenzimmern und macht Euch Pläne. Es wird Euch bei den letzteren gern Helfer: Euer Papa."

Waldemar sah die Mutter an.

Sto piorunow!" (Hundert Donnerwetter!) würde unser alter Kaczmarek sagemWas ist sich in Herren gnädiges ge­fahren?" Papa ist ja ganz aus dem Häuschen. Was schreibt er da?Fremdenzimmer"? Gibt's denn so was auf Bronin? Ich kann mich nicht besinnen, daß wir in den letzter: fünf Jahren jenmls Logierbesuch hatten, Susi, wo liegen eigent­lich die sogenannten Fremdenzimmer der Familie Roth­kirch?"

Laß deine flauen Randbemerkungen, Waldi!"

Frau Natalh lächelte vor sich hin. Aber es lag ein Schmerz in diesem Lächeln. Dann legte sich wieder der alte grüblerische Zug um die seingeschnittenen Mundwinkel.

Freust du dich denn gar nicht ein bissel, Muttchen?" wehrte Susanne und las den Brief noch einmal von Anfang bis zu Ende durch.Ist es etwa nicht nett von Papa?"

Juchhe, gold'nes Pa'chen! Das ist mal sein!" rief Eva und fiel der Mutter um den Hals.

Eva tätschelte sie und küßte ihre Wangen.

Ob ich mich freue? Aber Kind, das ift doch gewiß zum Freuen, daß! wir mal fremde Gäste ins Haus bekommen. In acht Tagen, schreibt Papa? Bitte, ma chere Antoinette, rufen Sie Mümmri-Käthrin!"

Eva kam der Mademoiselle zuvor und brachte ein kleines rundes Frauchen angeschleppt, die ein weißes Häub­chen über dem freundlichen Gesicht trug.

Wir bekommen in acht Tagen Besuch, Mümmri- Käthrin. Drei junge Damen aus Berlin. Sehen Sie die Fremdenzimmer durch. Nehmen Sie die kleinen nach dem See. In einer-halben Stunde komme ich selber nach oben."<

Mit einem unterdrückten Seufzer stand die Freifrau auf und verschwand mit der Haushälterin. Mademoiselle und Eva gingen an die Schularbeit. Susanne sah, den Kopf in die Hand gestützt, träumend in den grünen Park.

An was denkst du, Susel?" fragte Waldemar.

Ich grüble hin und! her,, wer es (fein kann. Bekannte hon Onkel Lothar? Wer sollte es sonst in Berlin sein?"

Sag' mal, Susi, wie kommt dir beim Papa auf ein­mal vor? Ich bin beinahe sprachlos. Waren wir hier nicht in einem richtigen Trappistenkloster?"

,>Ja, es ist sorwerbar. Der ganze Ton des Brieses ich kenne Papa nicht wieder. Du lieber Gott, ich kann es foum glauben^ daß es nun endlich einmal anders werden

soll auf Bronin. Seit Papa den Schlaganfall hatte da­mals"

Sprich nicht davon, ich bitte dich. Wir wollen daran nicht rühren. Man könnte von neuen: verrückt werden. Kopf och, Susel! Also zur Sache. Lotte Ilse- Trude? Die rei Grazien von der Spree. Wir wollen ihnen zeigen, was auf Bronin los sein kann, wenn n:an nur will!-Hand ans Werk!"

Aber ein neuer Hustenanfall warf den jungen Mann in den Stuhl zurück. Müde klagte er:

Mit mir ist gar nichts mehr los."

Susanne trat an den Bruder heran und streichelte ihm zärtlich das dünne braune Haar.

Und jetzt sage ich dir:Kopf hoch!" Dir ist dieser Winter in Meran nicht gut bekommen. Bei uns wirst du schon gesund werden. Komm, Waldi, jetzt gehen mir hübsch gemütlich in den Stall und halten ein bißchen Musterung. Die Kleine bekommt einen von Evas Poniesq den artigen Grauen. Und meine Füchse doch komm. So hak' dich hübsch ein."

Sie schritten langsan: die Parklreppe hinab am Spring- brunnen vorbei zum Wirtschaftshof und machten: Pläne.

10. Kapitel.

Der alte Oberinspektor Tschammer stand bei den Knech­ten vor den Kuhjtalcen, wo Grünfutter abgeladen wurde, und löste seinen Aerger über die schlecht gestapelten Fuhren mit einer Handvoll polnischer Flüche. Das machte die Lust beben, tat aber nicht weh, denn er war im Grunde ein Gemüts­mensch. Da bat ihn das Stubenmädchen, die schwarze Janka, zur gnädigen Frau. Er ließ sich am Futterkasten den Staub von den langschäftigen Stiefeln wischen und stampfte um den alten Schloßbau herum in den Park. Unter der hundertjähri­gen Weißbuche hinter dem Springbrunnen sah er die Frei­frau sitzen.

Wünsche wohl geruht zu haben, gnädige Frau."

Ohne Umstände zog er einen Gartenstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Sie hielt einen Brief in der Hand.

Guten Morgen, mein lieber Tschammer! Das schreibt mein Mann. Ich möchte Sie darum sprechen. Bitte, lesen Sie!"

Er zog die Brille aus dem Futteral, putzte sie bedächtig und las den Brief langsam durch.

Der Herr Baron bringt beu Baumeister gleich mit? Hm da wird es jetzt also wirklich Ernst?"

'Nein, das ineine ich nicht. Hier, die letzte Seite lesen Sie das doch noch einmal."

Tschammer las es noch einmal, Zeile für Zeile.

Hm tja das finde ich schließlich ganz vernünftig., gnädige Frau. Ein bißchen gebildeter Radau hier hinten kann uns wirklich nichts schaden."

Mer dann kam ihm ein besonderer Gedanke. Er sah Frau Natalh prüfend an, nahm sein Shagpfeifchen und stopfte es.

Sie erlauben?-^- Das muß ich mir berauchen."

Er sah den bläulichen Wölkchen nach und zwinkerte mit den Augen. Darauf rückte er den Stuhl näher heran.

Pfeift da etwa ein neuer Wind?"

,.jJa' das ist es. Sehen Sie, das wollte ich Sie fragen," fisel die Freifrau lebhaft ein, daß sich die seinen, blassen Wangen leicht röteten.Trauen Sie das meinent Manne wirklich zu?"

Tschammer zögerte. Das Thema wurde ihm sichtlich un­bequem. Nach einer kleinen Pause rückte er sich zurecht.

Wan sollte ja am besten darüber nicht sprechen, Frau Baronin. Und wir haben es ja auch die ganzen Jahre so ge­halten. Aber es ist doch gut, wenn man sich endlich einmal alles von der Leber herunterreden kann. Denn das ist doch klar so geht's auf Bronin nicht weiter. Damals "

Er stockte. Die Freifrau nickte und sagte tonlos:

Damals ja damals "

Gnädige Frau, als ich den Herrn Baron das letzteinal vorhatte, es war am Neujahrstage - das war eilte ver­dammt ernste Gratulation ja, weiß Gott, verdammt ernst und triste ba habe ich ihn: offen gesagt:Herr Baron, wir wollen im neuen Jahr ein neues Leben anfangen. Auf Bronin hört man bloß noch den Turmhahn kreischen. Das ist die ganze Musik für die, die drinnen wohnen. Das ist ja zum Sterben. Fangen Sie an, Herr Baron, und mit meinen sechzig Jahren mache ich alle Schandtaten mit, wenn's sein muß. Sie haben zwei Mädel, Herr Baron, die so sachte herangewachsen sind." Da hat er sich umgedreht und sich ans Fenster gelehnt. Ich habe es wohl bemerkt, wie es in seinen