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Noch iit dunkler Nackt fahren ivir über die Grenze. So ist das Erste beim Erwachen, daß wir den Verwundeten zurufen: „Guten Morgen, Kameraden, wir sind bereits seit einigen Stunden auf deutschem, heimatlichen Boden". Wer aufstehen kann, nimmt wieder seinen Posten auf der Plattform ein. Die anderen setzen sich im Bett auf, um besser hinaussehen zu. können. Ja, das ist deut-, sches Land. Kein Haus zerstört. Kein Licker brachliegend. Die Saat auf den Feldern wohl bestellt und gilt aussehend. Häuser! und Straßen, an denen wir vorüberfahren, schinuck und sauber. Wir fahren durch das bevölkerte Saargebiet. Männer und Frauen gehen zur Arbeit, aber nicht stumm und mißtrauisch sehen sie herüber. Nein, nun beginnt ein lebhaftes Grüßen und Winken mit .Händen und Tüchern. So weit wir fahren, verläßt uns dieser freundliche Gruß der Heimat nicht mehr. Keinem geliebter: Landesfürsten bei seiner Fahrt durchs, Land könnte die Bevölkerung ein herzlicheres Willkomm bieten. Hier tritt eine A^utter mit dem Jüngsten auf dem Arm vor die Haustüre und winkt mit dev Hand. Da öffnet sich eine Dachlucke und ein junger Mädchenkopf kommt zum Vorschein. Am lautesten jubeln die Kinder. Ein paar herzhafte Buben, den Schulranzen auf dem Buckel, klettern rasch den Bahndamm hinauf, um unseren Zug möglichst in der Nähe zu betrachten. Das Willkommen der Alten ist stiller. Ein Greis mit weißem Bart hält stumm seinen Hut in der Hand. Eine Greisin trocknet sich ein paar Tränen aus den Angen Denkt sie an deut fernen Sohn oder Enkel, von dem sie lange nichts gehört hat oder der bereits in fremder Erde liegt? Wir fahren im langsames Tempo, so können die Verwundeten alles in Ruhe betrachten. Nun hält unser Zug auf freier Strttke bei einem Dorf. Drinnen in der Schule, die wir nicht sehen können, ist offenbar GesangK- stunde. Die Kinder singen „Die Wacht am Rhein", dann „Morgen-, rot, Morgenrot, leuchtest mir . . und nun laut und kräftig: „Deutschland, Deutschland über alles..Es ist plötzlich ganz still irr unseren Wagen geworden, alles lauscht dem frischen Kindcr- sssang und freut sich dieses Mvrgengrnßes deutscher Knaben und Mädchen. Wie lange mußten ihn viele entbehren! Kein bestelltes Ständchen eines Gesangvereins hätte die Herzen unserer heim- kehrenden Kämpfer mehr ergreifen und erfreuen können, als dieser zufällige Gesang von frohen Kinder!ippen. Deutsches Heimatland, »nie bist du reich und schön! Uns selbst will es bei jeder Rückfahrt schöner und lieber erscheinen.
Au einem größeren Bahnhof empfängt,uns lebhaftes Treiben. Frauen und Mädchen spenden den Verwundeten Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Apfelsinen und Aepfel. Schon während der Fahrt haben unsere Schwestern Liebesgabenzigarren ausgeteilt. Etrvas zum Rauchen ist dem deutschen Krieger immer erwünscht. Einer erzählt, wie ein Kamerad bei einer Minensprengung fast alles verloren hat: Helm, Gewehr, seinen linken Arm, jedoch sein treues Pfeifchen im Mund hat er nicht verloren. Zeitungen mit den neuesten Kriegsnachrichten werden förmlich verschlungen. Viele greifen während der Fahrt gern nach den ernsten und heiteren! Schriften, die an jedem Bett in einem Netz bereit liegen.
Für uns hat der Tod einen widernatürlichen, erschreckenden, Charakter behalten. Anders für die kämpfenden Brüder, die ihn mannigfacher Form in Schützengräben und am Schlachtfeldern unetr den Reihen der Kameraden seine Ernte halten sehen. Heute rot, morgen tot, so will es der Krieg, so ist es draußen eine alltägliche Sache geworden. Ein paar verwundete und kranke Offiziere saßen auf einer anderen Fahrt in ihrem Wagen zusammen und erzählten sich lebhaft von ihren Erlebnissen. „Kamerad, ich sehe, Sie gehören dem Regiment X. an, in welchen! auch mein Schwager £. Oberleutnant ist. Sagen Sie, wie geht es tfmi?" Darauf die Antnwrt: „Ja, ja, Kamerad X., der ist erledigt; vor drei Tagen in demselben Gefecht, in dem ich verwuudel wurde, hat eine Granate ihnr den Kops toeggerifsen."
Doch noch ein freundliches Bild, das uns viel Freude gemacht hat. Wir fahren nach Süddeutschland hinein. Wir haben im Zug einen leicht verwundeten Schwaben. Je näher es' der Heimat zugeht, um so weniger läßt es ihn in Ruhe: „i hält halt gern mei Mutta g'sprvche". Seinen dringenden Bitten folgend, wird an seine Mutter nach G., durch das wir kommen müssen, telegraphiert, und richtig, als wir einfahren, läuft auch schon ein Mütterchen, mit einem Körbchen am Arm, aufgeregt am Zug entlang, hinauf und hinunter, und ruft: „Do isch mei Sohn drinna, do isch mei Sohn brinua!" Endlich ist sie anr richtigen Wagen. In einem Oberbett liegt ihr Sohn. Sie stürzt auf ihn los und streichelt ihr» mrt beiden Händen zärtlich die Wangen: „bisch mei Bu wieder! ho, bisch arg verwundet?" Der Sohn ist gegenüber diesen Zärt- lichkeitsausbrttchen ganz verlegen vor seinen Kameraden und findet keine Worte. Mer nun will die Alte ihren Sohn nicht mehr verlassen. Bis nach U. will sie wenigstens «noch mit ihm fahren. Attsnabmweise wird ihr die kurze Mitfahrt vom Chefarzt gestattet. Nrmwer weichend und überglücklich sitzt sie neben ihrem Sohn und öffnet ihr Körbchen. Jeder Verwundete im Magen erhält elivas und auch der Stationsarzt und Chefarzt müssen unbedingt einen Apfel annehnren.
m _ .^och 36 ständiger Fahrt gelangen wir endlich an unserertz Bestunmungsort, eine süddeutsche Hauptstadt. Auf den, Bahnsteig H»i> bereits Aerzte und Sanitätsmannschaften versammelt. In
langer Reihe stehen die Tragbahren nebeneinander, dahinter zahlreiche Autos. # Droschken zur Beförderung in die verschiedenen! Lazarette. Ein rasches Äbschiednehmen und letztes Grüßen an unsere verwundeten Brüder, die wir kurze jZeit pflögen durften. Wir wünschen ihnen von Herzen baldige Heilmrg und Genesung. Wir wissen sie in der Heimat in guter Obhut. In einer Stunde, ist das Entladen des ganzen Zuges erledigt. In keiner anderen, Stadt ist es so rasch, dank der trefflichen Organisation, gegangen. Sofort werden in den leeren Wagen die Betten abgezogen, die Wäsche gesammelt und eine erste Reinigung der Wagen vorge- no Minen. Am andern Morgen haben wir noch gerade Zeit, uns den Bahnhof und den nächsten Stadtteil anzusehen. Wir bewundern den stattlichen, modernen Bahnhof, den lebhaften Personen- und Güterverkehr auf den Gleisen, den emsigen Handel und Verkehr in den Straßen, den Kranz von Fabriken und Lagerhäusern in der Nähe des Bahnhofs. Wie haben sich in den letzten Jahrzehnten unsere deutschen Städte gewandelt! Aus mancher träumerischen Residenzstadt ist ein kraftvolles, aus allen Gebieten reges und betriebsames Gemeinivesen geworden. Unsere aufblühenden Städte sind ein Symbol des aufftrebenden, großen, neuern Deutschlands. Wir ahnen, was den Neid und die Eifersucht der anderen Mächte erregt und so zuletzt auch diesen gewaltigen Weltkrieg verursacht hat. Wir selbst aber schöpfen ans diesen Städtebildern neue Freude an unserem Vaterland und neue Begeisterung für unsere Arbeit. So oft wir wieder ein anderes Stück unseres Landes gesehen haben, fahren wir wieder mit neuem, frischem Mut nach Westen, um verwundete Brüder, die auch für un<si Opfer gebracht haben, nach der Heimat zu holen. Wir haben nur den Wunsch, daß sie es fühlen und merken möchten, wie all unsere Arbeit und Pflege im Lazarettzug nichts anderes für sie sein will, als ein erster, sonniger, warmer Frühlingsgrub aus der deutschen Heimat.
vermischter.
* Die Schauspiielerin, die ertrinken sollte. Ein Filmdrama, das um ein Haar zu einem Lebensdrama sich gestaltet hätte, spielte sich dieser Tage tu Dänemark ab. Den Schauplatz bildete ein Mühlbach in der Nähe der Stadt Ringe auf der Insel Fünen. Dort wurde unter Leitung des Regisseurs Robert Tinesen ein Filmdrama erprobt, worin die Heldin tu den Mühlbach fällt und dort in die äußerste Gefahr des Todes durch Ertrinken gerät. Rundum auf den Feldern hatte sich eine große Menge von Menschen gesammelt, die als Zaungäste der interessanten Vorführung beiwohnten. Große Bewunderung erregte bei ihnen die natürliche Art, wie die junge Schauspielerin, Fräulein Stella Lind, die Ertrinkungsszene vorstellte. Erst allmählich ging den Zuschauern ein Licht darüber auf, daß es sich hier nicht mehr um Theater, sondern um ernste Lebensgefahr handelte. Die nassen Kleider hatten den Körper der Schausvielerin ganz eingewickelt und zogen sie zum Grunde herab. Wiederholt verschwand bereits ihr Kopf unter der Wasseroberfläche. Da war Gefahr in: Verzüge. Entschlossen sprangen die Schauspieler Söndergaard und Skjerue in voller Kleidung ins Wasser und schwanunen zu der gefährdeten Künstlerin. AIS f:e sie endlich erreichten, war sie bereits halb bewnßlos und klammerte sich in ihrer Todesangst so krampfhaft an ihre Erretter, daß sie diese beinahe mit sich in die Tiefe gezogen hätte. Erst nach großen Anstrengungen konnten die beiden Schwimmer sich sreimacheu und Fräulein Lind aus User ziehen. In bewußtlosem Zustande wurde sie ans Land gebracht, wo es nach geraumer Zeit gelang, sie ivieder ins Leben zurückzuruseu.
Charade.
DaS Erste ist ein munt'res Tier,
Es nicht zu reizen, rat ich dir.
DaS Zweite nimmst du mit Behagen, Wenn dich des Durstes Oualen plagen. Das Ganze ist verwandt dein Zweiten, Manch' frohe Stunde kann dirS bereiten. Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummert
Abkürzungen: tr — Treff, p — Pique, e — Coeur, car = Carreau trB = Treff-Bube, pA = Pique-Aß, cD — Coeur-Dame usw.
Im Skat lieger pL und p9. Vorhand hat: carB, pD, p8, p7, cZ, cK, o9. c8, carK, carD, Hinterhand den Rest. Das Spiel verläuft : 1. V. cK M. cA H. oB = — 17.
2. H. trZ V. carB M. trA ----- — 23.
3. V. carK M. carA H. oar7.
Jetzt bleibt der Spieler an der Reihe, bis er schließlich doch
mit Coeur kommen muß:
9. M. e7 H. trL V. c9 = — 4.
10. V. cZ M. cD H. trD = — 16.
Die Gegner haben fomit 60 Augen erhalten.
tzchrlftleltung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen


