Ausgabe 
18.8.1915
 
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fadjat Hvlzkveuzen sichtbar. 9hut fahren mir ganz langsam über eine von unseren Pionieren stnrstgerecht gebaute Notbrücke. Die Reste der von den Franzosen gesprengten Eisenbrücke hängen noch Jff*2» rJ 001 un ^ Msamniengesunkenen Pfeilern oder schauen aus b^m. 'KJ heraus. Wir sind plötzlich daran erinnert worden, dag Krieg ist, und auch wir int Dienst des Krieges stehen.

Am späten ALachmittag kommen ivir nach der größeren Stadt und werden aus ein totes Gleis geschoben. Wir müssen hieir zwer Tage warten, bis eine größere Truppenverschiebung been­det ist und die Gleise wieder für uns frei sind. Tag und Nackst rollen me Züge, oft nur mit viertelstündiger Panse, an uns vor­über: Transporte von Infanterie, Artillerie, Munition. Kraft­wagen, Bagage, Sanitätskompagnien. Mle Regimentsbezeid>- nungen sind ausgelöscht oder mit Leinwand verhängt. Woher u Niemand weiß es. Mit den Truppentransporten

wechseln lange Güterzüge mit Kohlen, Holz, Vieh. Proviant, Zuckerrüben, Saatkartoffeln usw. Ganze Förderbahnen mit ihren kleinen Wagen und Gleisen wandern an die Front. Lange Leer- züge fahren in umgekehrter Rid>tung, um neue Truppen zu ho^bn. Jetzt eilt auch ein O-Zug vorüber. Er verbindet das Herz Dentschlaiws mit den: Herzen des Heeres, dem Großen Haupt-, guarner. So gibt es fortwährend etwas zu sehen, zu winken und zu grüßen.

. v kW* Hand an die Krankenwagen gelegt.

Zeder Pfleger remigt noch einmal seinen Magen und bringt a v Jl? ^^uung. Aus einem nahen Park werden grüne Zweige und Blumen geholt und in den Wagen ausgestellt.' Unser Gärt- ner stellt auf die eine Pljattsorm des MannschaftsWagens ganze Pslanzenkasten iauf und verwandelt sie so in einen Hain. Der erste )§mornck m: Zug soll für unsere Verwundeten freundlich sein. SchUehllch werden sämtliche Wagen von unseren Vorgesetzten be- srchttgt Be: dem längeren Warten entwickelt sich am Zug ein regelrechtes Lagerleben. Tische und Stühle wandern hinaus in den Sonnenschein. Es wird im Freien gegessen und Kaffee ge- funken Dre einen lesen nnd schreiben, andere stopfen ihre Strumpfe, waschen ihre Drillchjacken und Mützen. Hier bringt einer neue Blumen und bindet sie zum Strauß, dort putzt eilt anderer frisch gesammelten Feldsalat. Unser Schreiner bostelt:, ein neues Wandbrett soll die innere Einrichtung der Wagen per-, bessern. Unser Friseur schneidet nicht weit davon einen: Kamera­den die Haare, SernLehrbub" seist den nächsten Kunden zum rafiereii em. E:n paar Kameraden waschen am Bach ihre Füße Mit dem kühler werdenden Abend wird auch gemeinsamer Gesang lebendig und manches schöne, deutsckje Volkslied klingt in feind" Uchem Land m den Abend hinaus, und weckt die Gedautei: an die deutsche Heimat mit ihren Lieben.

Am anderen Morgen ist Sonntag. Cm: kurzer Feldgottesdienst gibt chm seine besondere Weihe und knüpft die Bande der Gemnn- Waft und Kameradschaftlichkeit unter uns fester. Offiziere und Reannschaften von neben aus stehenden Mnnitionszügen, die schon Mel langer als wir hier auf den Befehl zür Abfahrt warten schließen sich ünserer Fner an. Draußen auf grünem Rasen ver sammeln tpir uns. Zi: unseren Füßen eilen die in der Morgen­sonne glitzernden Wogen der Maas vorüber. De:- Blick schwelst weit über das breite, bunte Tal. Ueberalt lim uns herum ein neues Wachsen, Sprießen und Blühen. Ta läßt es sich gut reden von dem Frühling, der: ivir auch für unser Volk und Land er­hoffen, von dem neuen, ftarfen, göttlichen Leben in jeher Menschen- We. Em gemeinsamer Spaziergang mit Gesang nnd rüstigem Wanderschrltt laßt uns Land und Leute näher kennen lerneii und beschließt den Sonntag in ^Feindesland.

Nock) in der Nacht sahien tvir nach dem Sitz unserer Etappen- mspertton, denr kleinen Städtchen R., da wir nicht vor dein an­deren Tag unsere edle Fracht laben werden, haben wir Gelegenheit, üns das alte Städtchen anzusehen. An: Bahnhof und in dem ganzen daran stoßenden Viertel herrscht emsiges Treibden. Ta6 K. keme französische Stadt mehr. Alles ist deutsch geworden.'. T:e Straßenimmen tragen deuffche Namen, wobei natürlich eine Hindenburgltraße nicht fehlt. Man sieht nur deutsche Beamte und Soldaten. JAs Haus ist belegt von den verschiedensten Kommandanturen, Behörden und Einquartierungen. Zahlreiche Wegweiser und Schilder unterrichten die Sudjendcn. Ta und dort ist auch noch eine alte, halb verivischte Kreideschrift an den Hausttiren erhalten,:Hier wohnen gute Leute!",Schonen'" Achtung,, Wöchnerin " Wo deutsche Ordnung und Sauberkeit Platz gegriffen hat, fehlt es auch nicht an manchen: Weg und Steg vor manchem Hof und Garten an der warnenden Inschrift- Eintritt verboten! Jede Verunreinigung wird bestraft' Blumen * abzubrechen ist untersagt! Durch die Straßen sausen

bh.:e Anfh^en dre Autos. Radfahrer, Reiter, Fuhrwerke, Bagage- wlcmncn, FeldposUoagen, Feldgendarmen eilen vorüöer. Loldaten Sanitäter, Schwestern füllen die Gehsteige «wischen den L-disern ,ind große Zelle zur Aufnahme von Pro- ^"t^mid Kriegsbeute eingerichtet, Ein Bild geschäftigen, brausen

Nach 500 Meter,, öffnet sich plötzlich die Bahnhoszstraße und fferen »lief. Betroffen bleiben wir stehen' D°r !!n§

8^- lmkS bis zani Fluß uird rechts den Bery bis zur alten Kirche Ä mittlere Stadtteil ein einziger Trüinmer-

Feuersbrnnst hat hier kein Hans unver­sehrt gelassen. Auch die meisten Mauern sind völlig zusammen?.

gesunken und bilde» mit Eisenträgern und Hausgerät eine einzige unentimrrbare Masse. Der erffc Eindruck ist erschütternd. Eür Bild d<n Zerstörung i,nd des Todes! Nur die ehrwürdige, alte gotische Kirche auf der Höhe ist ivunderbar erhalten. Hinter ihr abwärts steigend bietet sich uns wieder ein neues Md. Hier lind die Otap^mlazarette und ausgedehnte Seuchenbaracken mit ihrer neugejchaffenen Kanalisation und anderen hygienischen. Einrich- die innere Einrichtung überall zivcckentsprechend, pemnch sauber ist Und allen sanitären Ansprüchen genügt, braucht nicht gesagt zu iverden. Die Verwundeten urib ^wnesenden ver­wenden ihre freie /Zeit, um überall hübscheiMcge kund, kleine Blnmen- garteu anzulegen. Es ist keine Baracke, die nicht ihren gärtnerischen Schinnck und ihre Pflanzenkübel am Eingang hat.

Wir sind froh, daß wir am aiiberen Tage in aller Frühe ab­fahren, um unsere verwundeten Brüder holen zu dürfen. Es geht näher an die Front. Wir holten an mehreren kleinen Stationen, wo Feldlazarette eingerichtet sind. Wenn wir auf den Bahnhöfen emfahren, sind meist schon 10, 20, 30 Bahren mit Verwmideten auf dem Bahnsteig nebeneinandergestellt. Aus den Welpen Verbanden schonen uns enoortungsvolle Ängei: entgegen. Bie .Verwundeten hoben meist erst vor wenigen Stunden gehört, dop ein Lozarettzug sie in die Heimat bringeir wird. Rasch smd sie mit Hilfe der Pfleger ans den Lazaretten in die Kranken- wageii getrogen nnd auf die Betten niedergelegt. Auf der weiteren 8?? nehmen wir noch aus beit Lazaretten einiger größerer P atze Verwundete auf, bis unsere 245 Bette:: besetzt sind. Jeder Pfleger hat m seinem Wagen für 12 Verwundete zu sorgen. 4.o gibt es auf der ganzen Fahrt ordentlich zu tun. Während! auf der leeren Hinfahrt unser Interesse sich der Landsclwst zu- wendete, gehört jetzt auf der Heimfahrt unsere ganze Teilnahme und Tätigkeit den Verwundeten. Zun: großen Teil haben wir Schwerverletzte. Zahlreiche Verwundungen rühren voi: Artillerie--! geschossen, Handgranaten, Minen und Verschüttungen durch Minen her, tme sie der moderne Sappenkrieg mit sich bringt. Wir bringen auch manchen Kranken zurück. Lunge und Herz solle»: sich in bei; Deunat wieder erholen. Hier ist auch ein Kamerad, der erst vor d i 0 ? 611 fff Kugelregen einen Nervenchok bekam. Unaufhörlich zuckt der Körper lind stampfen sich die Hände zusammen. Meist betvußtlos, phantasiert der Unglückliche, spricht und singt durch-, einander. Em Bild höchster, geistiger Uruhe. Ein anderer ist bei voller Wahrung seiner geistigen Kräfte taubstumm geworden. ? r rife bt einen Zettel:ich kann nicht sprechen, bin

verschüttet worden". Besonders zu leiden hat ein älterer Land­wehrmann mit schweren: Geleiistheumatismus. Hände, Knie, Füße ffnd umwickelt. Er ist hilflos wie ein Kind und hat heftige Schmerzen Ter schweiß rinnt in Sstömen vom Gesicht. Er verlangt fortwährend zu stinken, um seinen Durst zu löschen. 4.os erste, als er :n meinen Wagen getragen wird, ist ein Frcnden- geht es nach Deutschland!" Seitdem verläßt ihn der glückliche Strahl auf seinem Gesicht trotz aller Schmerzen nicht mein auf der ganzen Fahrt. Für jede steine Halidreichung dankt er immer wieder:ich danke dir, Kamerad, ich Mn so dankbar ffrer so bequen: und schön eingerichtet! Nun kouune ich, end:ck. heim." So ist es bei allen. Mit wmckerbarer Geduld, ja Selbstverständlichkeit, tragen sie alte Leidei: und Schmerzen. Alles Leid ist nuilmehr verklärt durch die Freude, hold oft nach neunmonatlicher Trennung wieder die Heinrat zu sel-en. ,Feun wird alles gut werden."In Deutsck-land heilt meine, Wunde noch einmal so rasch."Kamerad, wann kommen wir über Me Grenze? Vergiß nicht, es uns zu sagen." So »nett es schE" sie von ihren Betten ins Land hinaus. 4.:e Glücklichen, die gehe»: können, nehmen sich einen Scheuiel ff 1 ,? 'eben sich fuifl die Plattform. Viele, obwohl sie auch auf­stehen konnten, bleiben doch lieber liegen. Sie sind zu müde und abgespannt. Das dauernde Bewegen und Sckütteln der Wagen während der Fahrt macht sie noeh milder. ' Halbwach träumen sie von Haus und Hof, von Weib und Kind. Im Schlaf träumen sie von den Schrecken des Kruges, befinden sich noch einmal .Mitte:: im blutigstei: Handgemenge.' Bald ist aber ihr Sck-laf ganz ttef rmd traumlos auf bei: leicht federnden Bettrm im stets fahreiiden Zug. Mutter Gernrania hat sie in der: Schlaf gewiegt und trägt sie auf starken Armen immer näher der Heimat zu. Andere können aber trotz Müdigkeit keinen rechten Schlaf finden T:e freudige Erwartung ist zu groß und hält sie auch maiickM Stiinde der Nacht ivach. Neun, zehn Monate stehen sie bereits orautzen mt Feld. Nun sollen sie nach dieser langen Zeit wieder d:c Hennat, deutsche Städte und Dörfer, deutsch Volksgenossen, deutsche Frauen nnd Mädchen sehen dürfen. Bald haben sich unter den Verwundeten im gleichen Wagen neue Bande der Kamerachchaftlichkett geknüpft. Sie erzählen einander von ihren Grlebmssen :m Schützengraben, fragen einander nach dem Heiinat- dorf, erkundigen »ich teilnehnieud nach ihren Wunden Wo es notwendig ist, erneuert der Arzt den Verband. Da ist eine schwere Schulterverletznng. Tie ganze rechte Schulter ist durch einen Granatsplitter frei gelegt und eine einzige, offlme Wunde. Halb neugleng, halb mitleidig schauen die Kameraden hin und emer gibt ihren Gefühlen Ausdruck:Das ist aber ein armer Xxrzarus . Ems geht ans allen Gesprächen mit der- immer glkidm,, gewissen Zuversicht hervor:Wir werden durchhatten, em Durchbruchsversiid) der Franzosen und Engländer aus der tvestlidjen Front ist völlig «iissichtslos."