Ausgabe 
16.8.1915
 
Einzelbild herunterladen

602

rechte Hand geworden die fünf Jahre. Noch einmal ver­schiebt eure Fahrt."

Ich kenne dich nicht wieder, Papa, du denkst doch sonst immer an dich zuletzt. Vergiß nicht, daß Erich die beiden letz­ten Jahre nicht hinausgekommen ist. Ueberhaupt wann hat er einmal richtige Ferien gehabt? Immer für dich im Joch, immer Leibfuchs na, sagen wir Leibeigener seines Pro­fessors."

Laß deine spitzen Bemerkungen! Jedenfalls sind sie et­was übertrieben. Der Junge hat mir gewiß tapfer geholfen; aber denke auch daran, daß es nur zu seinem Besten war. Wo andre in seinein Alter an der Theorie ersticken, hat er schon eine Praxis hinter sich wie ein Alter. Na und ich darf wohl sagen, ich bin auch nicht kleinlich gewesen. Lassen wir das. Ihr beide steckt ja unter einer Decke, und du bist der Dränger. Ich würdige ja voll und ganz, daß ihr so versessen seid auf eure Studienreise, auf die Schlösser der Provence, und Andalusiens. Und ich fasse das gar nicht lächerlich auf, daß ihr in Kompagnie wer weiß was vorhabt. Auch mir war kein Ziel zu hoch, wenn ich auch schließlich und am Ende an Spiritusbrennereien und Zuckerfabriken hängengeblieben bin. An: liebsten ginge ich sogar noch selber mit auf meine alten Tage. Aber jetzt gerade nun, ich will euch einen Vorschlag zur Güte machen. Du hast deinen Reitwechsel ja schon in der Tasche. Ich lege dir also noch tausend Mark dazu, und Wölf­lin offeriere ich für jeden Monat Aufschub außer dem üblichen

E onorar noch tausend Mark extra. Mitte September späte- ens sind wir bestimmt fertig. Dann könnt ihr euch für alles entschädigen. Spanien läuft euch nicht weg."

Der junge Maler warf den Rest seiner Zigarette in den Aschenbecher und sagte kurz, sich einen Ruck gebend:

Du bist ein nobles Haus, Papa. Wir wollen mit dir bei Gost nicht schachern. Ich werde mit Erich sprechen."

Er wandte sich zur Tür.

Uebrigens, er würde kein Wort verlieren, wenn das nicht mit Malchen Trautwein wäre. Es steht nicht gut mit ihr. Seit dem Frühling gebt es stark bergab mit dem Frau­chen, und in einem halben Jahre kann viel passieren. Das ist es"

Ich weiß ich weiß. Man soll nicht zu schwarz sehen."

Also ich werde in deinem Sinne handeln."

Er ging. Ladenburg legte die Hände über den Rücken und durchquerte mit großen Schritten das Atelier.

Was sagte Gerd? Leibeigener? Ich habe doch nicht etwa den Jungen ausgenutzt? Nein, nem! Ein bissel hart war's. Aber immer mit Feuer dabei, nie verdrossen, und ich habe nicht geknausert. In meiner Jugend hatte ich kein so hübsches Bankdepot wie er. Wölflin nun zur letzten Attacke! Bronin dürfen wir nicht schießen lassen."

Er sah nach der Uhr.

Rothkirch muß jeden Augenblick kommen."

Der Meister legte einen Stoß Entwürfe, Zeichnungen und Pläne zurecht und nahm dann seine Wanderung wie­der auf.

Oder habe ich den Jungen doch heruntergehalten? CT)ne es zu ahnen? Den Romantiker falsch eingespannt? Den Romantiker, den Schwärmer für das Monumentale und Repräsentative zum Ackerpferd gemacht? Unsinn! Ge­wiß, eine Fabrik ist kein Theaterpalast. Aber man lernt solide bauen, scharf rechnen, knisflich denken. Und ein rechter Kerl braucht auch da die Kunst nicht darben zu lassen."

Es klopfte. Gerhard Ladenburg und Erich Wölflin traten ein.

Ich Hab' ihn noch gerade oben erwischt. Also wir gehorchen und bleiben, Papa!"

Keine Frage, Herr Professor. Wenn es brennt, war ich immer da. Aber eins ich bin kein Handelsmann. Ihre Güte"

Gerhard hielt ihm den Mund zu.

Willst du Papa beleidigen?"

Sie würden das in der Tat, bester Wölflin. Also ab­gemacht. Es ist ein hartes Stück Arbeit. Ganz Bronin wird umgebaut. Eigene Kraftzentrale, Zuckerfabrik, Brennerei, Stärkefabrik unb was sonst noch alles, so gut wie neu ge­wacht M? angeschlossen. Halt wie geht es Frau Malchen?"

Erich berichtete wenig Gutes.

Darum eben wollte ich das so bald als möglich hinter nttr haben. Es wird mir ohnehin schwer, aber es must fern, must.es nicht sein. Herr Pirosessor?"

Sie müsseii fort. Und wir werden uns beeilen. Mein Wort, es wird nicht später wie Mitte September."

Als sie gingen, sah Professor Ladenburg den Jünglingen lächelnd nach.

Kastor und Pollux! Einer treibt den andern zur Höhe!"

Er vergrub sich in die Papiere, die den breiten Arbeits­tisch bedeckten, und erhob sich rasch, als das Mädchen den Freiherrn v. Rothkirch-Bronin meldete.

Alexander v. Rothkirch, Mitglied des Herrenhauses und des Reichstages, war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, dem man schon von weitem die Herrschernatur an­sah, gepaart mit einem starken Unternehmungsgeist. Dem gebräunten Gesicht gab die derbe, scharf gebogene Nase einen harten Zug. Von den Nasenflügeln liefen ein paar tief ge­schnittene Linien nach den Mundwinkeln. Diese Linien at­meten eine müde Herbheit und sprachen im Verein mit den leicht ergrauten Schläfen und den undurchdringlich, erschei­nenden grauen Augen von Resignation. Mit dem straffen Körper standen die leicht vornüber gebeugten Schultern im Widerspruch. Es lastete auf ihnen wie eine unsichtbare, aber um so drückendere Schwere. Zuweilen gab der Freiherr sich einen kurzen Ruck, als wollte er sich dagegen wehren, matt zu erscheinen. Aber die Haltung war wohl zu fest eingewur­zelt, als daß sie sich länger wie nur einen Augenblick ver­schieben ließ.

Die Herren begrüßten sich etwas sörnilich. Bewußter Adel und selbstsicheres Bürgertum standen da in ihrem alten Kontrast.

Rothkirch setzte sich schwer in einen Ledersessel.

Vorweg meinen speziellen Dank, daß Sie sich nun doch noch mit mir befassen wollen, wo Sie bei Alvensleben noch so tief drin stecken. Daß hm ja" er zögerte sonderbar, als er das sagtedaß Alvensleben mich an Sie gewiesen hat, ist Ihnen ja bekannt. Hoffentlich macht es Ihnen kein Mißvergnügen, unsere jahrelange Kleinpfuscherei ins Lot zu bringen. Sie haben wohl alles durchgesehen. Hat mich einen Hausen Geld gekostet, wenn ich das alles ein bißchen addiere, und ist nun doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Eine Bude neben der andern, so ist's auf allen meinen Gütern."

Nun nennen wir das langsame Entwicklung nach den jeweiligen Verhältnissen. Wer eine gute Ernte nach der andern macht und Jahr um Jahr ein neues Gut dazu kauft freilich, hinterher läßt sich's leicht kritisieren. Die meisten wirtschaften fröhlich so weiter. Mein Kompliment, daß Sie da ein wenig Großzügigkeit, das heißt bei uns immer Einfachheit und Ersparnis, hineinbringen wollen. Man soll sein Geld nicht verplempern."

Sie gingen alles durch und berieten hin und her. Nach einer halben Stunde brach Rothkirch ab.

Am Freitag schließt der Reichstag. Ich will schon morgen nach Hause. Mir schnürt der Berliner Benzingestank die Kehle zu. Rund heraus, mein bester Professor, können Sie nicht gleich mitkommen? An Ort und Stelle läßt sich das"

Da flog die Tür auf und ein Rudel junger Mädchen tollte in das Atelier. Sie prallten erschreckt zurück, als sie den fremden Herrn sahen, und suchten ihr Heil in einer schnellen Flucht. Nur eine, wohl die Aelteste, drehte sich noch einmal um und sagte, ganz rot vor Verlegenheit:

Tausendmal Verzeihung" ; 1

Dann war alles fort wie ein Spuk.

Professor Ladenburg lächelte den Besuch an.

(Fortsetzung folgt.) '

Dos Lntze desGld Klmj )ohn."

i Skizze von Hans Wohlboid.

Seitdem Kapitän Kelley von Seiner Majestät glorreicher Regierung eine goldene Uhr und einen Sack voll Sovereigns, erhalten hatte, weil es ihm wenigstens angeblich gelungen! war, ein deutsches Unterseeboot zu den Fischen zu schicken, lieg es dem alten Hugh Edwards keine Ruhe mehr.

Was andere fertig brachten, das konnte er wohl auch noch, Und sein Schiff war wie kein zlveites für einen solchen ExtratanÄ zu brauchen. DerOld King John" war in Greenock on Clyde gebaut, auf der ersten Schiffswerft nicht nur der vereinigten Königreiche, sondern der Erde überhaupt. Mer man konnte ihn leicht für einen Amerikaner ausgeben, denn er war ein Gaffel- schuner mit vier Masten, wie sie sonst hauptsächlich westlich vom Atlantik gehaut werden, .Ein schönes, großes Schiss, außer-