Der blaue Knker.
Roman von Elfriede Schulz«.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
I" luftiger Höhe stand Erich Wölflin auf dem Gerüst de- Ebaus m der Schnuedcstraße, bohrte und trieb die fester Holzstiste rn den Balkenverband. Da fühlte er einen Bliä aus seinen Händen ruhen, daß er unwillkürlich den Herrn }S e r l ! e ß- s?h sich um und loar ganz allein. Dir
Gesellen standen jenseits am Giebel und zogen einen Balken hoch. Aber er wurde die Empfindung nicht los und sak hinunter zur Straße. Der Bau war ein Landhaus von mäßiger Höhe. Jedes Gesicht da unten war zu erkennen ^uf dem Burgersteig gegenüber spielten ein paar Kinder zwischen weißleuchtenden Kreidestrichen „Himmel und Hölle" und sprangen auf einem Bein die Figuren ab. Unter einem Lindenbaum stand ein Mann unb Midte hinauf
Wölflin stutzte. Diesen Kopf hatte er schon einmal gesehen, das lang in den Nacken fallende graue Haar, den langen Flugelbart. Er wand sich durch die Balken und trat an die Dachkante.
„Herr Professor!" rief er laut hinunter.
In demselben Augenblick drehte sich der Herr um und grng werter.
„Herr Professor Reimann!"
Erich hielt beide Hände hohl an den Mund, um den Schall wett tragen zu lassen. Der Fremde hörte nicht. Aber Erich war so fest davon überzeugt, den alten Herrn aus der Lmde" rn Niederwiesenthal gesehen zu haben, daß er die Treppen hrnabstürzte und ih!m nacheilte. Ein Straßen- bahttwagen fuhr vorüber. Weiter unten war eine Haltestelle Wolfliu sah nur die spielenden Kinder. Der Freinde war verschwunden, wohl mit dem Wagen davongefahren.
Wie angewurzelt stand der junge Zimmermann denr Straßendamm und sagte leise vor sich hin:
„Es> war Professor Reimann!"
Daun erfaßte ihn eine bedrückende Unruhe. schmerzenden Bilder vom Ende seines Vaters stiegen tuiebei nt ihm auf. Es flimmerte vor seinen Augen und in der Strahlen der sinkenden Sonne erschien ihm wie eine Fatc Morgana rn übernatürlicher Größe ein blauer Anker unk darüber tanzend ein Reigen goldig-blauer Sterne. Wie in Traume brachte er die letzte Arbeitsstunde hinter sich unk eilte verstört nach Hause.
Tante Malchen und Lotte Wölflin erschraken fast, als sie ihn so kommen sahen. Als er zögernd von dem Vorkommnis berichtete, sagte die Schtvester tonlos:
„Dann war es derselbe Herr, der am Nachmittag zwei- mal hier vvrbeigmg und uns jedesmal tief kn di« Fenster sah." '
Sie beschrieb den Fremden näher.
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„Kein Zweifel, Lottchen, es war der Alte aus der „Linde". Was hat das zu bedeutend
r r hatte zum erstenmal in Görlitz eine schlaf
lose Nacht. Am nächsten Morgen beurlaubte er sich für den Vormittag und befragte die Portiers der ersten Hotels der Stadt nach den letzten Gästen. Es war sommerliche Reisezeit. Die Häuser waren voll besetzt. Aber in den Fremdenlisten fand er weder den Namen Reimann nocT) einen Professor, überhaupt keinen Reisenden aus Breslau. Enttäuscht und seltsam bedrückt kehrte er nach Hause zurück.
Sommer und Herbst gingen dahin. Das Erlebnis in der Schmiedestraße war fast vergessen, als ein Brief von Pfarrer Breuer eintraf.
„Lieber Erich! Es ist mir immer eine Freude, wenn ich ^hnen etwas Gutes Mitteilen kann. Und diesmal ist es geradeswegs vom Himmel gefallen und wird Ihren Weg weiter ebnen helfen. Wie Sie mir neulich schrieben, haben Sie sich vernünftigerweise — warum soll der Mensch nicht ver- viiiiftig sein? — endlich doch dazu entschlosseii, zunr nächsten Sommer mit Lottchen und Tante Malchen nach Charlotten-
zu gehen Uiid dort die Technische Hochschule zu bezieheil. Daß Sne aber mit Privatstunden und Hilfsarbeiten in beit Bauateliers Ihre beste Zeit verkürzen wollen, bloß um Ihren Lieben nicht zur Last zu fallen — nun, kurz gesagt, das wird letzt wohl nicht nötig sein. Der britische Konsul in Dresden hat für einen im Kreise Sprottau, also in unserm Kreise, gebürtigen würdigeil Studenten ein auf vier Jahre zu verteilendes Stipendium von 600 Pfund zu vergeben, gestiftet von einem ungenannt sein wollenden englischen Fabrikanl- ten, dessen Familie aus unsernl Kreise stammt. Der Konsul hat den Sprottauer Bürgermeister ersucht, mit dem ältesten Advokaten und dem älteren Pfarrer des Kreises ein Kollegium zu bilden und Vorschläge einzureichen. Wie Sw wißen, bin ich zurzeit der theologische Methusalem im Kreise, und unser Freund Justizrat Thränhardt genießt dieselbe Ehre in der Advokatenzunft des Kreises. Ich lMbe mich sofort mit Thrauhardt m Verbindung gesetzt, und es ist mir eine Genugtuung, mit ihm darin einer Meinung zu sein, daß nur Sie für uns in Frage kommeil können. Bürgermeister Hebel hat sich unserm Vorschläge sofort angeschlossen und Ihren Namen Mit Begründung bereits eingereicht. Wenn Sie eine Nachricht .bekommeil, senden Sie mir gewiß umgehend Bescheid, damit Ihnen gratulieren kann
Ihr alter Pfarrer Breuer."
t. Kapitel.
S »jl or Ladenburg, Lehrer der Bauwissenschaften an ver Technischen Hochschule und weit bekannter Spezialist für landwirtschaftliche Industriebauten, ging ärgerlich an das Fenster. Dann wandte er sich wieder zu feinem Sohne, der gelassen an einer Zigarette sog:
™ genau, wie nötig ich Um gerade jetzt brauche.
Gewiß, ich habe mich verwöbneii lassen. Wölflin ist meine


