kurm und Winterfrost hindurch in die Sonnwendzeit dieser klirrenden Schlechten tage hinein.
Zwischen den Feldquartieren im fernen Galizier: und den kibostreterfressenden Geivaltmärschen auf Polens Erde, zwischen den granatenumheulten Schützmgräben in den Argonnen und den geborstenen Tannenwäldern der Vogesen regt die Sehnsucht des Herzens ihre leichtbeschwingten Flügel. Mitten im brandenden Haß der Völker zieht die Liebe ihre zauberischen Kreise.
Wenn alle die Männer mit der: blanken goldenen Reifen oder den eiserner: Ringen der großen Zeit an den Fingern, wenn alle die Gatten und Geliebten da draußen ohne den Talisman Liebe im Herzen kämpfen müßten — es wäre wahrlich ein inhaltsloser und sinnloser Krieg. Hub so kommt sie denn auch mit allen Empfindungen des Herzens nicht nur in den Liedern der Soldaten — „so einsam auf der stillen Wacht" oder „an der Weichsel gegen Osten" — zum Ausdruck, sondern in den meisten der Millionei: von Feldpostbriefen, die schon in den zwölf Kriegsmonaten in die Heimat flogen. #
Da denkt in quälender Sehnsucht der junge Kriegsfreiwillige der ersten Liebe, die ihm noch einer: dichten Busch Vergißmeinnicht an den Helm steckte mit blanken Träne:: in den blau-deutschen Mädchenaugen. Da sorgt sich der alte Landsturm mann mit den ersten Silbersäden an den Schläfen um Weib und Kind, die er schweren Herzens daheim ihrem Schicksal überlassen mußte. Da träumt zwischen zwei Schlachten der lustige Schwerennöter, dem unterm Burschband ein Herz für alle schlug und der mit seinen Flackeraugen und seiner singenden Laute manchem Mädel den Kopf verdrehte, von allen den Schwarzen und Blonden und Braunen, die nun — ach, so einsam — durch die goldenen Fluren und grünen Wälder streifen müssen. Da müht sich der knorrige Michel vom Dorf ab, mit seinen rauhen Fäusten, die gewohnt sind, Sense und Dreschflegel zu führen, in unbeholfenen! und wohl auch nicht ganz orthographischen Briefer: das alte Thema: „Ja treu ist die Soldatenliebe!" neu zu erklären. Aber durch alle diese Blätter weht Liebe!
Und nie war cs anders in der Welt! Wer die Archive des Herzens durchstöbert, die uns fleißige Forscher und Sammler längst erschlossen haben, wird das fast überall bestätigt finden, wo beim Scheine brennender Städte oder umwirbelt vom Donner der Gefechte jemals Feldpostbriefe der Liebe geschrieben wurde::. Was mir an vergilbten Blättern die Geschichte berühmter Feldpostliebesbriefschreiber zuflattern ließ, möchte ich nur wahllos und ohne viel zünftigie Gründlichkeit Herausgreifer:.
Mitten im Feuer von Rathenow und Fehrbellin hat zum Beispiel der vor: Kleist bekanntlich stark bühnenmäßig idealisierte Prinz von Hessen-Homburg seine „Engelsdicke" nicht vergeslen, rvie er in seiner Zärtlichkeit seine Gemahlir: Luise Elisabeth, Prinzessin vor: Kurland, nannte. „Allerliebste Dicke!" So schreibt ihr der tapfere Friedrich, als „treuer Mann urck> Diener," „diesen Morgen Haber: rvir mit stürmender Hand den Paß Ratenau einbekommen: sie haben sich zwar vaillarnmcnt ge- wehret, und wie sie sich am besten wehrten, kam der Adjutant Carwwsrt) nrit 300 Knechten auf der andren Seiten unversehens hinein. Wangelin und seine Liebste sind gefangen, wie auch der Obrist-L, der Major, 2 Kapitäns und etliche Lieutenants, ungefähr 100 Gemeine . . ." Was uns von dem schneidigen Reiteroberst des Großer: Kurfürsten, von dem Hessen-Homburger mit dem silbernen Bein — im Gegensatz zu Kleists blassem Helden- jüngling — an Feldpostbriefen erhalten blieb, das sind vor allem knappe anschauliche Gefechtsberichte ohne viel Beilverk. „Zwischen abgesessenen Reitern und eroberten Trophäen" mstg er sie lvohl geschrieben haben, rvie Charlotte Westermanr: in ihrer interessanter: Sammlung „Briefe der Liebe" (Langewiesche-Brandt) erläutert. Aber stets weiß er in der Anrede mit seiner „allerliebsten Ticken", seiner „Engelsdicken" und seiner „allerlibsten Frawe" zu kosen, während er am Schluß mit „adieu mein Engel, dein trewer Mann und Diener sterb' ich Friedrich L. z. Hessen" endigt.
Aus der Zeit Friedrichs des Großer: ist eine Anzahl von Soldatenbriefen erhalten geblieben. Auch hierin ist keinerlei Unterschied zwischen den „langen Kerle::" und Zopf-Grenadieren des Siebenjährigen Krieges und den eisernen Millionen des Weltkrieges zr: bemerken. Tort wie hier finden rvir die ganze Skala der vielfältigen jubelnden und freudigen oder zagenden und klagenden Empfindungen der Liebe, viel verhaltene Wehmut, viel graue Sorpe, nMnchmal die flamnrende Siegesfreude der heiligen Stunde, h:er und dort wohl auch ein bissel Eifersucht und 'in dumpfer Todesahnung ein letzter stammelnder Gruß an die Liebe' Wie rührerck) und bescheiden klingt es doch, wenn da einer der Soldaten des Alten Fritz seiner „herzlieber: Frau" aus Sachsen schrerbt: „Nimm mir um Gottesrvillen nicht übel, daß ich Dir nicht wieder geschrieben; es toar ohnmöglich, denn wir haben müsse:: Tag und Nacht marschieren. M:r ist es herzlich leid daß :ch Dir nichts schicken kann; es ist die Unmöglichkeit."
Wie ganz anders — ime leidenschaftlich und eifersüchtig oder bald herrschsüchtig, bald l:ebeshör:q — lesen sich daneben me weitaus meisten der Briefe, die Napoleon I., an seine I o - se f: n e richtete. Wir verdanken da dem Wiener Verlag eine vorzügüche Ausgabe von 228 Briefen der Liebe. Und nwnche Zkrregsbraut oder Kriegerfrau n:ag vielleicht an ähnliche Auslassungen neueren und neuesten Datums erinnert tverden, werrnj s:e erfahrt, daß gerade die Eifersucht eine der größter: Schwächer:
des berühmten Korsen gewesen ist. Allerdings entsprang diese erner echt südländischen Liebesleidenschaft von verzehrender Glut. ,/Denke an mich, lebe für mich, sei oft bei Deinem Geliebten und glaube, ^ast es nur ein einziges Unglück für ihn gibt, welches :yn:n Schrecken setzt, nämlich oas, nicht mehr von seiner Joscfiue geliebt zu werden." So schrieb derselbe Mann aus Brescia unterm oi- yJ9. u ]J 1/96, der sich, bald darnach fast ganz Europa unterjochte, mw schließt mit „sausend recht süßen, zärtlichen, ausdrucksvollerr .stussen . Oder aber der geniale Feldherr verlor als Liebhaber rede Fassung und schrieb-aus Verona (1796): „Ich schreibe Dir sehr oft, me:ne liebe Freundin: Tu ober schreibst roenig. Du bist böse, häßlich und sehr häßlich, ebenso sehr als Tu leichtsinnig a- rr T r treulos, einen armen Ehemann, einer: zärtlichen
Liebhaber zu betrügen! Soll er denr: seine Rechte verlieren, weil
entfernt :st und von Arbeit, Anstrengung und Kummer nieder- gedruckt wird ? Was bleibt ihm auf der Erde ohne seine Josefine, ohne dre Versicherung ihrer Liebe? Was sollte er da noch machen? Wrr haben gestern ein sehr blutiges Gefecht gehabt; der Feind v"le Leute verloren und ist gänzlich geschlagen worden. Wir haben ihm die Vorstadt von Mantua genommen. Leb' wohl, angcbetete ^osefinc; in einer dieser Nächte werden die Türen sich lärmend öffnen wie vor einem Eifersüchtigen und ich werde m ^|. inen dlrmen liegen. Tausend verliebte Küsse."
. Eine ganze Reihe ähnlicher Briefe von den gegenwärtigen Kduegsschariplätzen haben mir übrigens bestätigt, daß auch dieser von toller Liebesleidenschaft gepeitschte Napoleon, der an einem Tage oft mehrere Briefe der Witwe des Generals Beauharnais, ferner ersten Gemahlin schrieb, durchaus keirr vereinzelter Liebest chllratter rst. So sonderbar es uns auch berühren mag, den Sieger von Marengo und von Jena, immer von Sehnsucht und Liebe berauscht und gepeinigt, vor einen: Weibe winseln zu sehen!
Aus dem Liebesleben eines der feurigsten und tollkühnsten Antipoden des korsischen Eroberers sind es die Brieffragments des Prinzen L o u i s Ferdinand vor: Preußen, dici ernrge charakteristische Beiträge zum Kapitel „Krieg und L:e b e" bilden. Durch die reichhaltige und historisch gewissenhaft kommentierte Sammlung Deutscher Liebesbriefe, die Tr. Julius Zertler in Leipzig herausgab, erhalten wir einen fesselnden Ein- bl:ck:n dre KorrespoaMenz zwischen dem ritterlichen Prenßenprinzcrr mrd ferner „großen Leidenschaft", der Pa ul ine Wiesel, dis er nrit dem ganzen Zauber wilder Schwärmerie vergötterte, wre aus folgendem Bruchstück hervorgeht: Sage mir, was Tu
täglich thust, o dumme, dumme, liebe, liebe Pelle — es ist so peiirlich, sticht das Wesen, das man liebt, in seinen täglichen, stündlichen Handlungen gewissermaßen verfolgen zu können. Nun schließe ich. Leb' wohl, Engel — Liebe — ewige Liebe — Braut — Weib — Angebetete — Teil: Louis."
. auch in dieses Verhältnis der Krieg mit rauher Eisen-?
Must erngriff, erfahren wir von der „einzigen, himmlischen, ge-, lrebten Pauline" auf ihre Art, dort, wo sie sich bitter über dre Tücken der Zeit beklagt: „Ter Krieg — Du Ktneger, Du Jäger, Tr: Musikus. So viel geht mich ab, Louis — und dann erst könrmt die Liebe. — Nein, Louis, erst die Liebe und dann das Uebrige... Lebe wohl, meine Gedanken folgen Dich, ich bin ewig bei Dich, könnte mein Geist es Dich nur auf irgend eine Art wissen machen! Jeden Deiner Leute ber:eide ich, die das Gliick habe::. Dich zu sehen . . ."
Es ist dieselbe schmerzliche Wehniut, die jenes schlichte Weib aus dem Volk durchbebte, wie sie heute die deutsche Frauenseels erfüllt und rvie sie darnals sowohl der einfache Bauernbraut, als auch der tiefbewegten Königin auf Preußens Thron die Feder irr dre zitternde Hand drückte. Tie Briefe, die uns von der- Königin Luise arrs den Tagen der schwerster: Heim-, suchung unseres Vaterlandes erhalten sind, nwgerr jeder deutsche:, Frau heute noch als vorbildliche Dokumente dienen. Das ist kein ängstliches, weibisches Zagen, das die „schönste Königin und dre rrrteressantefte Frau" (nach denr Ausspruch Napoleons) den: Brrefpaprer anvertraute, als sie bis zur fermsten Grenze ihres geschändeter: Preußenlandes flüchtete, sonder:: ein felsenfestes Vertrauen, erne unerschütterliche Hoffnung auf einstige Erlösung und eure starke trösterrde und ermutigende Liebe zu dem Manne, dem sie die Hand fürs Leber: gereicht hat.
„Ta das Treffen von Auerstedt so geendet hat," schrieb sie unter'::: 17. Oktober 1806 aus Brandenburg an Friedrich Wilhelm III., „so glaubt man, läßt sich nichts besseres thun, als Berlin verlassen. Tu bist mein einziger Gedanke gervesen während merner ganz grausamen, schreck! ickren Reise. Dich allein ohne Mich zu wissen ist schrecklich. Uebrigens hoffe ich, daß noch nicht alles verloren ist, und daß Gott uns noch helfen rvird. Tu hast noch Truppen, und das Volk betet Dich arr rrnd ist bereit alles zu tun. G ott segne Dich und stärke Dick) in den: grausanrster: Augenblick Deines Lebens . . . Ganz die Deine fürs Leber: Deine treue Freundin Luise."
Und während der Ernpereur an: Sarge des großen Friedrich stand urrd Luise, von: Nervenfieber gequält, in Eis und Schnee- sturm über die Kurische Nehrung gen Memel jagte, in jenen denkwürdig schweren Januartagen des Jahres 1807, da fand sie Worte in ihren Briefen, die noch heute in unsere kriegerischen Tage hinein- leuchten rrrrd dem Kaiser, wie dem einfachen Soldaten im feldgrauer: Rock zu führenden Leitsätzen voll Trost und Kraft werden können. Es steckt etrvas von der ursprünglichen Kraft urrd Sieges zu verficht drin, die wir aus den prächtigen, urwüchsiger: Feldpost-


