Ausgabe 
14.8.1915
 
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Gerade an dem Abend, als der Schlnßpunkt unter alte diese Abmachungen gesetzt wurde, schickte der Wirt aus der Linde" ins Schulhaus nach dem jungen Wölslin.

Vor dem weißgedeckten Abendbrottisch fand Erich einen ältlicken Herrn sitzen, der sich das leckere goldgelbe Rührei mit saftigem Schinken wohlschmecken ließ. Aus der fein­gebogenen Nase saß ihm eine große Hornbrille, durch die er den jungen Wölflin aufmerksam betrachtete. Am Riegel an der Wand hing ein großer schwarzer Schlapphut, darunter ein schwerer gebogener Feldstock und eine große grüne Botanisiertrommel mit einem grünlichen Schmetterlings­netz.

Der Fremde hatte sich etivas erhoben, ohne in seinen: Mahle innezuhalten.

Professor Reimann, Breslau. Pardon, daß ich Sie herbemühe. Ich befinde mich eben auf einer Studienreise durch das Bobertal. Die Jnsektenfauna hier interessiert mich. Ich will heute in diesem netten Hause übernachten und höre zufällig von dem seltsamen Unglück, das Sie vor Ostern betroffen hat. Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen vielleicht nach irgend einer Richtung behilf­lich sein kann. Darum habe ich Sie zu mir gebeten." antlitz^errascht M Erich in das freundliche Gelehrten-

Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Herr Professor. Sie kennen mich nicht

0 lassen Sie das. Ich habe gehört, daß Sie den Kopf oben behalten haben. Sie haben resolut zugegrisfen, wie es das Leben fordert. Darf ich fragen, was Sie nun Vorhaben?"

Verehrter Herr Professor, ich danke Ihnen herzlich. Aber ich bin mit meinen Angehörigen bereits im reinen. Es wird vorläufig so gehen."

Sie sprachen wie Vater und Sohn. Erich, erzählte offen und frei von dem Zusammenbruch seiner Zukunftsträmne, und tote er nun einen Umweg versuchen wollte. Professor Reimann hörte aufmerksam zu und fand manches Wort der Zustimmung und Aufmunterung.

Wie langte war Ihr Vater im Schuldienst?"

"Genau fünfundzwanzig Jahre, davon zwanzig hier in Niederwiesenthal."

Ich habe Beziehungen zum Provinzialschulkolleaium und werde versuchen, daß man Ihnen behilflich ist. Und nun trinken Sie ein Glas Wein mit mir!"

Sie saßen noch eine Stunde zusammen. Als Erich Wolflm aufbrach, war ihm seltsam zumute. Er ging sofort nach Hause. Mulchen Trautwein kanien die Dränen in die Augen Sie sah die göttliche Vorsehung walten und schluchzte.

Der Segen des Vaters baut den Kindern Häuser." ihr ein großer Stein vom Herzen.

Acht Tage darauf fuhr Pastor Breuer vor m Ihr Lokalschulinspektor komme ich heute mit einer

Nachricht, die sich sehen lassen kann."

Er zog ein Schreiben aus der Rocktasche und faltete es vor dem jungen Wölslin sorgfältig auseinander. Es war von der Breslauer Provinzialschulbehörde.

Professor Reimann!" entfuhr es Erich Wölslin

Dre Königliche Negierungshauptkasse in Liegnitz ist angewiesen, Ihnen für die beiden nächsten Jahre ab 1. Juli Ausbildungszuschuß von hnndertfünfzig Mark Lotte W^lslin ''° raUä äU dasselbe Ihrer Schwester

An demselben Abend schrieb Erich Wölslin «inen Brief ail Professor Rennann. Nach drei Tagen kam er Zurück nut beut Vermerk:Adressat in Breslau unbekannt." fUnf^r wiederholte sich tu dem jungen Manne das seltsame Gefühl, mit dem er an jenem Abend aus derLinde" fort- aegangen war. Ihn: war, als hätte eine fremde Hand in seinen Lebenvweg eingcgrisfen.

Oder hatte er sich verhört, als der Gelehrte seinen

fil»A 4 iv,f nan l ,te? ^Der Lrndenwirt, den er sofort befragt" bestätigte aber:Der Herr war Professor Reimann/'

.... v . 6. Kapitel.

Doderlem schrieb:

"H ein lieber junger FreuirdI .Endlich bekomme ich heute von Dr. Heckenroth Nach- k'cht- Mein Brief erreichte ihn im Ausland, darum hat es l f.gedauert. Aus den, Schreiben ersehen Sie, daß k, T1CS £ tlB -st. Interessiert hat mich die Bemer­

kung, daß man den Anker mit den Sternen darüber auf euien Seemann beziehen könnte. Aber damit wird wenig

an^ufangen sein. Ms Drucksache lasse ich Ihnen noch die Zeitungen ntgehen, denen ich gleich nach Ihrem Besuche eine entsprecheude Notiz übersandte. Es sind die geleseusten Blatter der Provinz, womit freilich nicht gesagt ist, daß der, den es angeht;, die Zeilen auch zu Gesicht bekommt. Es tut mir unendlich leid, daß die gerichtliche Untersuchung er­gebnislos verlaufen ist, wie Sie mir schrieben. Um so mehr werde ich die Dinge irrt Auge behalten. Ihr Döderlein. -h E s ist mir übrigens gelungen, den Schafstier sestzu- stellen, der den Unglückswagen begleitete. Ich habe ihn kurz darauf durch meinen Prokuristen in Breslau aufsücheu lassen. Nach seiner deutlichen Erinnerung ist der Fremde in Breslau ausgestiegen."

Erich Wölslin behielt das Döderleinsche Schreiberl für sich. Er wollte Schwester und Tante nicht mit einer Spur belasten, die ihn selber in ständiger Unruhe erhielt, und hatte ihneii von dein seltsamen Anker nichts gesagt. Er hatte genug darail zu tragen, daß der blaue Anker ihn Tag und! Nacht verfolgte, obgleich er längst, nachdem er kühleren Ueberlegungeu gefolgt war, mit seinem Besitzer Frieden gemacht hatte. Die Hand, die den unglücklichen Wurf getan, wußte nichts von einer Untat, wie der Schuh des Wanderers nichts davon weiß, daß er aus dem weichen stritt " mit jedem Schritte ein paar harmlose Lebewesen

war auch der Grund, warum er dem Justizrat Thrauhardt m Sprottau, denl altert Jägdfreund seines der die Verfolgung des Falles übernommen hatte, das Mandat wieder abnahm.

Er warf sich, um die Gedankenstürme, die immer wieder kamen, zu bezwingen, mit aller Kraft in die Schularbeit ulid gewann seiner Seele das Gleichgeivicht ivieder zurück

Als die Roggenfelder zu reifen begannen, gab es noch einen schweren Tag, den Abschied von Heimat und Vater­grab. Dann wurde er ganz ruhig. Görlitz erwartete ihn dav neue Leben, das über die blutende Wunde allmählich etue Narbe deckte. * ' /

Es wurde ein neues Leben. Der Studienmensch fand sich nr der gering geschätzten Welt der Handarbeiter nicht leicht zurecht. Wenn Erich Wvlflin in der Werkbluse in grauer Morgenfrühe zum Bauplatz ging und mit Kelle, Wasser­wage und Senklot in das Arbeitsjoch stieg, wenn sich das suggestive Antreiben der rundum im Akkord schaffenden Werkgenosseu wie eine schwere Klammer um sein Gehirn legte wenn die Mauern vor ihnt unheimlich in die Höhe tüU . ( ?l en ' von einer innerlichen Mast gedrängt, wie das aufschleßende Korn zwischen den Schollen, und er am Abend hundemnde den Steinstaub von den Kleidern klopfte, bekam Begriff von den primitiven Grundlagen allen K^mr. Mit der Zeit empfand er eine stille Freude über dav Werk seiner Hände und wuchs organisch in den Beruf hinein, den er sich von seiner Kindheit arl gewünscht, aber doch ganz anders, in einem verfeinerten Lichte gedacht hatte Die Umsetzung von Muskelenergie in Kulturwerte erfüllte ^ w^Stolz. Das -Gefühl übergroßer Müdigkeit, das die ersten Wochen schwer auf ihm lashete und das sich in eirrem gesunden, festen Schlafe wohltätig auslöste, verlor sich bald, und Tante Matchen war glücklich, wenn er rmtt mit freien Aschen Augen abends heimkehrte und in vollen Zügen das durfte Ciner stündlichen, sorgenlosen Häuslichkeit genießen

Das wurde noch schöner, als das Maurerjahr ukm war und ftine Hand das Zimmermannsbeil umspannte Vom harten Stern ^um weichen Holz ein merklicher Schritt &ter kam der Künstler m ihm auf seine Rechnung. Das neue Material gab reichere Forrnenmöglichkeiten, und die Berech- nung der Konstruktionen wurde zur reinen Freude. Bau-

s! re r' fC v ln Khr?err, gestattete ihm nebenbei den Bestich der Baugewerkschule, soweit es sich nur ermöglichen N und die geistige Anregung, die er dort fand, erhob ihn hoch über die Plackereien des Alltags.

(Fortsetzung folgt.)

Zeldpostlieberbrlefe.

Ein Streifzug durch das Archiv des Herzens.

Von Wilhelm Clobes (Wiesbaden).

. . . dann denk ich au mein fernes Lieb'- ob s nur auch hold und treu verblieb . . /' Aus Tausenden von Soldatenkehlen klingt es aus den blauen Sommernächten derVrerzehner Ernte" herüber durch Herbst-