Ausgabe 
14.8.1915
 
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samstag, den M August

Der blaue Anker.

Roman von Elfrrede Schulz. (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

,, ist ja furchtbar, mein lieber Wölflin, daß ich dem

Unglück hinterher noch diese Wendung geben mußte. Es ist ein brutaler Schicksalsfall. Aber sucheil Sie einen Trost in dem Gedanken zu finden, daß der unglückliche Mann, der ohne zu wissen, was er tat, so entsetzlich in einen fremden Lebens- kreis eingriff, gewiß den Mut finden wird, wenigstens einen Teil der Folgen seiner Tat gutzumachen. Wir werden für die weitere Veröffentlichung der Sache Sorge tragen, lieber- lassen Sie das mir.

Döderlein ging unruhig auf und ab.

Wer war es? Ja, wer war es?" m r ^ ihm leid, daß er von der Persönlichkeit seine. Reisegefährten so wenig Notiz genommen hatte.

Und wenn er den Mut zur Pflicht nicht hat"

Er trat dicht an den jungen Mann, der wortlos vor sick hinstarrte, von widerstreitenden Empfindungen bewegt.

Es ist schlimm aber dann dann stempelt er sick bewußt zu Ihrem Feinde. Und muß die Konseguenzer tragen."

Erich Wölflin suchte abzuwehren.

Ruhig, junger Freund! Sie kennen das Leben nock Nicht. Ich bin ein Mann des Friedens und der Pflicht­erfüllung. Und es wird mir schwer, mich zu dem Satz zu be­kennen'Auge um Auge!" Es geht ja nicht nur um Sie Sie haben Pflichten gegen die Ihrigen. Und wenn Sie diesc Pflichten nicht erfüllen, werden andre es tun müssen."

Erich staiid auf und reichte dem alten Herrn die Hand

Ich weiß ich kenn meine Pflicht. Ich werde danarl handeln. "Ich danke Ihnen."

Plötzlich fuhr sich Döderlein mit der Rechten nach der Stirn.

Einen Moment, Herr Wölflin! Wie war das doch?"

Er schloß die Augen und ließ das Gedächtnis arbeiten.

Ich suche nach einem Kennzeichen, nach etwas Be­sonderein. Wie war das doch? Halt, ich erinnere mich ganz genau. Das ist vielleicht von großem Wert. Als der Unselige den Arm mit der leeren Flasche erhob, schob sich der Aermel seines Rockes in die Höhe. Ich konnte die Man­schette des Hemdes sehen und den Knopf darin. Es war ein ausfälliger Knopf. Warten Sie. Wie war das doch?"

Er ging hin und her.

So war's ein breiter Goldknopf, viereckig, auf der Platte ein schräger Anker. Ich sehe ihn noch schimmern in seinem dunkelblauen Schein. Darüber drei, vier kleine Stßrne aus dem gleichen blauen Email, in einem leichten Botzen, wenn ich nicht irre, angeordnet. Jedenfalls eine ganz avarte Zeichnung. In vielen Exemplaren dürfte dieser Knopf

kaum existieren. Vielleicht war es gar eine Wappen­zeichnung?"

Döderlein blieb vor Erich Wölflin stehen.

Warten Sie einmal ich habe da einen Heraldiker, ein früherer Hauslehrer bei mir. Jetzt Kustos im Herolds­amt. Ich werde ihn sofort bitten, uns Auskunft darüber zu geben, ob es so etwas in einem schlesischen Wappen gibt, ob es das überhaupt gibt. Sie bekommen dann sofort Nachricht. Im übrigen, wie ich Ihnen schon sagte, ich stehe Ihnen auch sonst voll zur Verfügung. Es soll mich freuen, wenn Sie von meinem Anerbieten Gebrauch machen."

5. Kapitel.

Der alte Kommerzienrat hatte in Erich Wölflin Ge­dankenwege bloßgelegt, die er bisher nicht gegangen war. Harte Lebensnotwendigkeiten tauchten auf, die sich nur lang­sam in dem Jdeenkreis des Jünglings Bahn brachen. Sein ganzes Dasein erschien ihm in einem andern Lichte. Es wurde ihm klar, wie er jetzt in die Spuren seines Vaters trat, dessen ganzes Leben nur eine.Kette von großen und kleinen Sorgen gewesen war. Erich fühlte eine Verantwortung auf sich lasten, die ihn wie ein Netz umklammerte und sein träu­merisches Wesen in wenig Tagen zum Gegenteil verkehrte. Er wurde hart gegen sich selbst und machte einen festen Strich zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mit der Folgerichtig­keit des Mathematikers in ihm zog er feilte Schlüsse. Sein stolzer Studienplan lag zerrissen vor den Füßen. Die tech­nische Laufbahn, die er sich vorgesetzt hatte und an der er trotz allem festhalten wollte, würde ihn nun wohl nicht auf die Höhe seiner Träume führen. Ein Baumeister von der Art, wie er es geträumt, würde er jetzt nicht werden. Mit den vielen, allzu vielen andern ging ec nun in den Niederungen dahin, mitten in der großen Herde. Und doch ließ es ihn nicht los. Wenn er allein war, zog er das Semesterprogramm der Charlottenburger Hochschule hervor und irrte von Vor­lesung zu Vorlesung. Durch jenes hohe Tor sollte er jetzt nicht einziehen.

Aushalten! Später später!"

Für den Augenblick nahmen ihn die nächsten Brotsorgen gefangen. Die Schulinspektion hatte ihm die provisorische Vertretung des Niederwiesenthaler Schulamtes bis zur Be­setzung der Vakanz übertragen. Der alte Pfarrer Breuer war rührend um ihn bemüht. Er gab ihm darin recht, daß die kleine Hinterlassenschaft des Vaters nicht angerührt wer­den durfte; sie gehörte der Schwester. Auch Tante Malchens Hilfe wies er bestimmt zurück.

Abends saß die kleine Familie in der Gaisblattlaube unter den Schulfenstern und schmiedete an den Plänen der Zukunft. Schon nach den ersten zwei Wochen waren sie sich einig. Die dreizehnjährige Lotte wollte Lehrerin werden und Erich ein Jahr das Maurerhandwerk und ein zweites die Zimmerei praktisch erlernen. Sie wollten nach Görlitz ziehen. Der alte Pfarrer hatte bei einem Neffen, der dorr ein.Baugeschäft betrieb, bereits eine Lehrstelle für Erich erwirkt.