Ausgabe 
12.8.1915
 
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luftiger springt. Dieser Krieg bedeutet für manche Orte, die sich im Lause der Jahrzehnte ganz auf den Fremdenverkehr einge­richtet hatten, eine bange Zeit; so und soviele haben jede mit der Fremdeuindustrie nicht in Verbindung stehende Erwerbstätigkeit von sich gewiesen und sehen nun schon den zweiten Sommer die große Reihe leerer Gasthäuser, unbesucher Speiselokale, ge­schossener Luxusgeschäfte usw. Das ist für diejenigen, die im Wirtschaftsleben an den ewigen Frieden glaubten, eine bittere Enttäuschung und eine sehr nachhaltige «strafe für die irrige Meinung, daß internationale Zwistigkeiten die innere Entwicklung der Schweiz völlig unangetastet lassen würden. Die Landesregie­rung suchte für alle Richtungen und auf allen Wegen die Mittel, einem allgemeinen Ruin vorzubeugen: aber wenn es auch gelingt, wenigstens alle auf den Beinen zu erhalten, so vermag man doch nicht das Selbstverständlich abzuwenden; daß nämlich alle Kreise des ausgedehnten Wirtschaftslebens in empfindlicher Weise be­troffen wurden und es jahrzehntelanger angestrengter Arbeit be­dürfen wird, um die Lücken auszufüllen und die Schäden, die allen, vom Großindustriellen bis hinab zum einfachster! Bürger, der auf den Lcbensmitteleinkauf angewiesen ist, widerfuhren, gut- zuwachen. Inzwischen geben die bestehenden Verhältnisse den Be­hörden und der Bevölkerung der Schweiz wertvolle Fingerzeige, auch für die Zukunft; der Umschwung aller Tinge hat Maß­nahmen und die Schaffung von Organisationen hervorgerufen, die, nachdem sie sich immer mehr und mehr bewähren, auch in die spätere, hoffentlich bald kommende Friedenszeit hinübergenommen werden sollen.

Wenn nun trotz aller erschverenden Umstände, wie Kriegs- fteucrlasten, Einnahmeausfälle usw., die neue, dritte Mobilisations­anleihe ein so außerordentlich günstiges Ergebnis zeitigte, so ist das ein Beweis für die im Grunde gute und gesunde Finanz­lage der Landes einerseits, und für das aller! gegenüber lebendige Pflichtbewußtsein des Staates andererseits. Diese erfreuliche Tat­sache läßt sich am besten mit den Worten derZürcher Post" kennzeichnen:Eine Anleihe von hundert Millionen Franken, als dritte innerhalb verhältnismäßig kurzer Frist, in einer Zeit, da die wirtsckraftliche Sorge durch das Land geht und in tausenden von Familien Einkehr hält, stellt einen Prüfstein auf die nationale Opferwilligkeit, auf das Vertrauen des Volkes in den Staat und auf die wirtschaftliche Kraft des Volkes dar. Wir sehen eben bei unserem südlichen Nachbarstaate, wie bitter es sein muß, wenn diese Prüfung nur dürftig und mühsam bestanden wird, wie sehr, nach außen wie nach innen, das Versagen des Volkes, wenn dev Staat nur finanzielle Hilfe nachsucht, das Ansehen dieses Staates und sein Gewicht bei Freund und Feind zu beeinträchtigen ge­eignet ist. An der Größe unseres Landes und seiner wirtschaft­lichen Kraft gemessen, ist das, was es seit dem Beginn des europäi- schen Krieges dem Staate zur Verfügung stellte, ansehnlich: und daß diese Gesamtsumme der drei Anleihen von zusammen hundert- undachtzig Millionen Franken rasch und ohne starken Zwang gegeben wurde, darf die Genugtuung erhöhen!" Diese Genug­tuung ivird von der Presse, der Behörde und dem Volke geteilt, und es ist m auch, abgesehen von dein mit dem Anleihezeichnen ver­bundenen finanziellen Vorteil des Zeichners, eine erfreuliche undj zaigleich überraschende Tatsache, daß diese dritte Anleihe, eine Vundert-Millionen-Anleihe, um mehr als neunzig Millionen über­zeichnet «wurde. Wenn nun das schon vorhin erwähnte Blatt, das in Zürichs Leserkreisen tapfer für ein richtiges Verständnis Deutsch­lands erntrrtt, dem Anleiheergebnis auch eine außerpolitische Be­deutung zuschreibt, so meint es damit, daß die Schweiz damit bewiesen habe, daß ihre Selbständigkeit auch in finanziellen Dingen nicht zu verachten sei; es läßt sich nicht abstreiten, daß diese Be­weisführung gerade ini gegenwärtigen Momente sehr von Nutzen sein dürfte. In wirtschaftlicher Hinsicht sind an die Neutralität der Schwerz in der letzten: Zeit gar manche Zumutungen gestellt worden, Zumutungen, die man in der glücklichen Friedenszeit nicht einmal als akademische Frage hätte in die Diskussion werfen dürfen. Tie Zensur der überseeischen, für die Schweiz bestimmten Briefe stellt schon ein Kapitel unerhörtesten Vorgehens dar; den Gipfelpunkt aber bedeutet die Forderung, einer frenrden Macht die Kontrolle der Einfuhr und Ausfuhr zu überlassen, eine Forderung, die die Drohung der Absperrung in sich schließt, für den Fall, daß man sich nicht dafür entscheiden sollte. Welchem Staate diese Regierung vorsteht, ist fast überflüssig zu sagen; es wird ihr von keinem neutralen Lande vergessen werden, wie sic die Völkerrechte und die anerkannten Gebote gegenüber der Neutralität mit Füßen getreten hat. Auch in Frankreich l)aben sich in letzter Zeit, wie schon gemeldet, naive aber sehr hetzende Presseäußerungen be­merkbar gemacht, die auf die wirtschaftliche Absperrung der Schweiz hinzielten und nicht müde wurden, zu behaupten, die Schweiz verproviantiere die Zentralmächte, und noch dazu gerade mit Lebensmitteln und Rohprodukten, deren Herbeisck-affung für das eigene ^md gegenwärtig eine der Hauptrollen unserer Regierung ist. Doch darf nicht verschwiegen werden, daß sich auch kluge Stimmen äußern, die es als bedenklich bezeichnen, die Freund- verscherzen und dem seit Jahrhunderten reichen :md wertschichttgen Handelsverkehr mit der Schweiz durch ^ derartiges Vorgehen eine vielleicht nicht wieder gut zu machende Unterbrechung zu bereiten. Dre Regierung scheint dieselbe Meinung zu verttcten uiü> sucht anscheinend dem Grenzverkehr zwischen

der Eidgenossenschaft und Frankreich möglichst ivenig Schwierig­keiten in den Weg zu legen.

Allerdings hat sich nun etwas anderes eingestellt, was der Presse zu Bedenken, der Regierung zu Verhandlungen, den be­troffenen Vcklkskreisen aber zu Protesten Gelegenheit gibt. Dieser Punkt ist nickst eine Folge des gegen Deutschland entworfenen Aushungerungsplanes, sondern eine der vielen Erscheinungen, die dre S p r o n e n f u r ch t im freien Frankreich gezeitigt hat. Es wird unvermuteter Weise seit einigen Wochen zur Ausstellung eines Passes nach der Schweiz von seiten der französischen Konsulate eine Bescheinigung der zustäiidigcn Behörde verlangt, ob der Paß- bcsteller von eingesessenen oder naturalisierten Schiveizern stammt, vttt nun sein Vater oder Großvater ein Deutscher oder Oesterrcicher gewesen, so erhält sein Paß nickst das notivendige Visum des Konsuls, wodurch also ein Ueberschreiten der Grenzen und ein Aufenthalt in Frankreich unmöglich wird. Ebenso wird in Frank­reich selbst verfahren und Sckstveizer Bürgern, die von Aus­ländern (Deutschen oder Oesterreick-ern) abstammen, das Verlassen des Landes nicht gestattet. Nun ist selbstredend in der Schweiz leder Bürger rechtlich gleichgestellt und eine offizielle Scheidung ztrnsichtenechten" undneuen" Schweizern natürlich unmöglich. Wie verlautet, sind seitens der Regierung die nötigen diplomati­schen Schritte unternommen wttrden, mn die Durchführung dieser ungerechten Maßnahmen aus der Welt zu schaffen und einer Scheidung der Schweizer Bürger von ausländischer Seite in ihr rechte und uure-ckste Schiveizer beizeiten einen Riegel vorzuschie- ben. Tenn, man stelle sich vor, wohin das führen sollte. wenn sa!mtliche Staaten sich entschlössen, nach dem genannten Prinzipe zu verfahren, und wenn die Länder des Vierverbandes sämtlichen Schweizer Bürgern deutscher, österreichisch-ungarischer und ttir- kischer Abstammung das Ueberschreiten ihrer Grenzen untersagen würden. Man denke sich nur, welch ein Geschrei entstünde, käme etwa Deutschland im Verein mit Oesterreich-Ungarn und der Türkei auf die Idee, diese analoge Scheidung zwischen altein­gesessenen Sckstveizer Bürgern und ihren nattiralisierten Mit­bürgern einzuführen! . . .

Ter letztjährige 1. August, der Nationalfeiertag der Schweizer zur Erinnernng an die Gründung der Eidgeiwssenschaft im Jahre 1291, fand das Land in einem Zustande unbeschreiblicher Auf­regung. Noch sind alle Berichte voll von den Mitteilungen über den Auflauf von den Zeitungen, den Banken und Nahrungsmittel- aeschäften. Inzwischen l)at das entsetzliche Unheil immer weitere Kreise gezogen und die Schweiz mitten in sich bekämpfende Länder gestellt, das Land selbst aber bis jetzt verschont. Tie Schweiz weiß, daß sie wie die Regierungen aller Staaten anerkennen, dies ihrer bis aufs Peinlichste geivahrten, unerschütterlichen Neu­tralität zu verdanken hat; das Volk und seine, nur die Landes­interessen verteidigende Negierung haben 'kein Opfer gescheut, u!m dieser Neutralität den Nespett der Völker zu sichen:; die Grenzen sind geschützt, und ein kanrpfbereites und verhältnis­mäßig ausgezeichnetes Heer steht in Bereitschaft, die Ehre des Landes und die Unabhängigkeit seiner Bewohner gegen jeden zu schützen der sich nicht scheute, die heiligen Güter anzutasten. T:e großen Nachbarvölker wissen dies zu schätzen und anzuer­kennen und schützen ihrerseits das Schweizerland als das Bollwerk und die Ursprungsquelle nationaler Freiheit. In der Schweiz selbst gibt man dem Vaterlande freudig, was ihm gebührt unb wessen cs bedarf, und man ist weit entfernt davon, den Ernst der Zeit auch nur in der geringsten Kleinigkeit zu verkennen. Kein Schweizer vermöchte, sich in übermütiger Weise darüber zu freuen, daß die Jugerid seines Landes inmitten all dieser Kämpfe verschont bleibt. Doch im Bewußtsein dessen, daß diese Jugend für die Ehre und Freiheit des Vaterlandes und Freiheit zur Verfügung steht, danken wir dem gütigen Geschick, das die Grenzen unserer Heimat bis jetzt verschonte. Und mit tiefem stillen Tanke verbinden wir den Willen, unsererseits zur Linderung all des Elendes beizutragen, mit allem, was in unseren Kräften steht, müi so zu helfen, die Sckstvciz auch im Sinne menschlichen MitgefühlÄ und wohltätigen Handelns segensreich-neutral wirken zu lassen.

__ I.

vermischtes.

* Das wandernde Roßhaar. Ein junges Mädchen empfand an der Außenfeite feiner rechten groben Zehe einen all­mählich zunehmenden Schmerz. Als dessen Ursache entdeckte eS endlich einen kleinen, tiefliegenden, schwarzen Punkt, den es Kir einen Splitter hielt. Sie lockerte nun mit einer Nadot die Haut darüber so wett, daß sie denSplitter" lassen konnte. Zu ihrem größten Erstaunen nahm aber dieserSplitter* kein Ende, sondern entpuppte sich als ein 2 0 Zentimeter langes Roßhaar! Das Heralisziehen war nicht schrnerzhalt, eS blutete dabei nicht und der Fall ivar danrit erledigt. Ter Vater des jungen Mädchens, elbst Arzt, teilt dazu in derMünch. med. Wochenschr." mit, daß eine Tockter als Kind ein Schaukelpferd mit natürlicher Mähne besessen habe. Er ver,nutet wohl mit Recht, daß sie da,nals nach Art der Kinder hier und da ein Haar alls dieser Mähne in den Mund genoillmen und eines von diesen versehentlich verschluckt habe. In langsanler Wanderung ist es dann uom Darm bis in die große Zehe gelangt, ohne die ganzen Jahre hindurch ihr irgend- welche Besch,verdcn zu ,nachen. Solche Wanderungen lebloser Gegenstäilde iin menschlichen Körper kennt die Wissenschaft bisher