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schluchzte leise in sich hinein. In das Chaos seiner Gedanken kmn allmählich Ordnung. Tann rick-tcte er den Kopf hoch und stand hastig auf. Seinen Schmerz bezwingend, Mb er den alten Freunden oie Hand.
,Zch danke euch für den schtveren, schweren Gang, den ihr um mich getan habt. Jetzt bin ich still. Kommt r— i nach Hause."
Der Wagen fuhr langsam in d- 2 s Tal hinab, über die uralte Holzbrücke bei der Papiermühle durch die grünenden Boberwiesen dem weihen Kirchturm che n zu, das freundlich und vertraut herüber grüßte. Sie erzählten von dem Unglück, das sie wußten, und schüttelten die Köpfe über dem Rätsel.
An der Friedenseiche stand das halbe Dorf. Der Großbauer Säger vom Weidenhof, ein Pate Erichs, trat an den Wagen.
„Im Namen unseres Dorfes heißen wir dich trauernd willkommen, mein lieber Erich. Wir haben den besten Mann der Gemeinde verloren und du deinen treuesten Freund. Was soll da ein schwaches Trostwort? Sei in dir selber stark, denn dort in deinem Hause sitzen zwei, die auf dich a.s ihre einzige Stütze warten. Wo wir nur können, werden wir dir tragen helfen. Fast dir ein Herz, mein armer Junge!"
Erich Wölflin nickte ihm voll Bitterkeit zu. Stumm ging er mit den Freunden seines Vaters dem Schulhause entgegen. Immer schwerer wurden seine Schritte, als lähmte ihm etwas die Füste. Es überkam ihn fast eine Furcht, die Schniell'e zu betreten, hinter der er geboren war und wo ihn das Grausamste erwartete.
Rechts und links geführt, trat er ein. Mit einem schinerzvollen Aufschrei umklammerte ihn die Schwester und Tante Malchen, und lvie von einem vernichtenden Schlage getroffen, sanken die drei vor der Bahre Friedrich Wölflins zusammen, auf dessen lächelndem Gesicht die Strahlen der Mittagssonne zitternd spielten.
4. Kapitel.
Kommerzienrat Döderlein saß in seinem Bureau vor den Morgenblättern. Da blieben seine Blicke im Proviuz- tcil an der Stützmarke „Niederwiesenthal" hängen. Er hatte Aktien der Wiescnthaler Papiermühle.
".^iederwiesenthal, 31. März. Geheimnisvoller Uiv glüasfall. Sonntag früh bald nach 8 Uhr fanden Arbeiter am Bahndamm vor der Boberbrücke den Lehrer und Kantor Wolflm-leblosr auf. Durch die ärztliche Untersuchung wurde festgestellt, daß Wölflin nicht eines natürlichen Todes gestorben sein kann. Durch einen Schlag, offenbar von einem harten Gegenstand herrührend, war das rechte Schläfenbein gebrochen. Die Arbeiter, die in der Nähe beschäftigt waren und den Verunglückten stürzen sahen, bezeugen aber, dast kem anderer Mensch zu seheii lvar. Sie waren durch einen Schrei ul dem Augenblick, als der Berliner Schnellzug vor- ubcrsuyr, auf den Verunglückten aufmerksam geworden "
Hier hielt Döderlein inne und fuhr sich mit der Hand Durei) das Haar. Mit zusammengezogeneii Augenbrauen kungelte er nach dem Diener.
„Bringen Sie mir das Kursbuch!"
Er blätterte.
0< & Uf,r m~ Saga«, acht Uhr — kein Zweifel! -vscl) lasse Herrn Berger bitten."
Der Prokurist Berger trat ein.
-s eben eine merkwürdige Notiz?" Er reichte
ihm das Blatt Berger las und sah Döderlein fragend an.
„Doch ein höchst sonderbarer F I'? Das war vorgestern. Genau nut dem Schnellzug kam ich von Berlin. Bald liach acht Uhr passierten wir die Bobcrbrücke. Ich sah noch hin- über zur Wu'senthalcr Papiermühle. In dem Abteil saß ich allein mit einem Herrn, der seine Zeitungen las. Er hatte eine kleine Rotweinflasche, eine sogenannte halbe, und goß sich gerade auf der Brücke den Rest in ein Glas. Dann warf er die Flasche — sie hatte ein weißes Etikett, schwarz und rot rum Fenster hinaus. Mir fiel diese Unachtsamkeit totort auf Da draußen konnte -a ein Streckenwärter stehen ü - e öfters sicht, und getroffen werden. Trotzdem
wir bis dahm kaum ein Wort miteinander gesprochen hatten C e ^ Uiich einer kleinen Bemerkung nicht enthalten! Mein Gegenüber entschuldigte sich kur^. „Man will doch den unnutzen Ballast los sein. Ich mache das immer so." Damit
die Sache erledigt. Jck^stieg hier aus, der Herr fuhr weiter. Nun — was sagen €>te dazu ?"
her u'Z\ C Ji e e m r e , n ' ^ crr Komn.erzienrat. dnh der Wurf und oer Ungluckssall zusammenhangen können?"
Döderlein war erregt aufgestanden.
„Ganz selbstverständlich! Für mich besteht da nicht der geringste Zweifel. Was macht inan da?"
„Das wäre ja ein furchtbarer Zufall. Hm —"
Nach einer kurzen Pause fuhr der Prokurist fort:
„Da bleibt doch wohl nur eins übrig, den Vorfall dem Gericht anzuzeigen. Es kann ja wer weiß was damit zw- sammenhängen. Ich meine, Sie müssen das anzeigen, Herr Kommerzienrat, trotz der unvermeidlicheil Scherereien, die für Sie daraus entstehen werden." Döderlein nickte.
„Das ist selbstverständliche Menschenpflicht. Da gibt es eigentlich also gar nichts mAr zu reden. Bitte, setzen Sie sick- gleich hin und besorgen SiMniir das. Sie finb ja orientiert. Niederwiesenthal gehört zum Amtsgericht Sprottau. Schreiben Sie direkt dorthin. Das Weitere müssen wir abwarten."
„Wäre es nicht angebracht, eine kurze Personalbeschreibung des Herrn mitzugeben? Sie wissen natürlich nicht, wer der Mitreisende war?"
„Keine Ahnung! Offenbar ein Herr aus ganz exklusiven Kreisen, seiner Lektüre und dem Habitus nach zu urteilen. Vielleicht ober.chlesischer Grubenherr oder Rittergutsbesitzer. Aber das ist ja vorläufig alles Nebensache. Doch halt — mau vergißt so rasend schnell. Notieren Sie, bitte, für alle Fälle, was ich momentan noch in Erinnerung habe. Also, etwa mein Alter, fünfzig bis sechzig, leicht grau, frisches, sonnverbranntes Gesicht, langer, vornehm geschnittener Bart, elwas meliert. Kopf hochgebaut, schmal, längliches Gesicht, Schettel an der Seite, welche, weiß ich nicht, dunkelblaue« Anzug, gleiche Krawatte mit großer Vrillalitnadel. Wie gesagt, feudale Erscheinung. So. legen Sie die Notiz für alle r--älle beiseite. Man wird mich ja wohl vernehmen. Also besorgen Sie das sofort!"
*
Die Bekundungen des Kommerzienrats Döderlein riefen, als sie in Niederwiesenthal bekannt wurden, die größte Auf- reguilg hervor. Daniel Peschke, der au dem Unglückstage den Zahndamm ergebnislos abgesucht hatte, sammelte sofort eine Schar Kinder und machte sich noch einmal auf ben Weg. Jeder Grasbüschel an der Böschung, jedes Distelkraut, jeder Glnsterstrauch wurde durchgescheu. Eifrige Hände durchwühl- len das Grabenwasser. Da zog ein Knabe aus dem Schlamm nue braune Flasche hervor: der Siegellack am Flaschenkopf deutete den einstigen Inhalt au. Peschke durchstöberte den Graben weiter talwärts. Etwa hundert Meter weggeschwemmt fand er im Ufergras ein Weinctikett mit schwarzen und roten Zeilen.
Die Vermutung des Kommerzienrats bestätigte sich in vollem Umfange. Ein unseliger Wurf aus dem Schnellzuge hatte einen stillen Sountagswanderer das Leben gekostet.
Auf Erich Wölflin der sich die Tage hindurch mühsam hochgehalten hatte, wirkte die Nachricht niederschmetternd. Die furchtbare Affäre, die er mit dem Sarge seines Vaters chon begraben hatte, lebte von neuem auf. Mit aller Energie suchte er die namenlofe Aufregung, die ihn ergriffen hatte, vor den Seinen zu verbergen. Er lvar jetzt ihr einziger Halt. Seme Zukunft lag zertrümmert vor ihm, seine Lieben der Rot preisgegeben. So sehr er sich dagegen wehrte: ein unnennbarer Haß gegen die unselige Hand, die ihm das Liebste zerschmettert, sUeg in ihm auf und nahm voii feinem ganzen Snmen Besitz. Wie in einem schwarzen Taumel eilte er zur Bahn, lim dem Kommerzienrat Döderlein persönlich für seinen Schritt zu danken.
(Fortsetzung folgt.)
AU5 ocr Schwel;.
Freindenlcben. — Dritte Mobilisationsanleihe. — Druck auf die Neutralität. — Französische Pastmaßnahmen. — Der 1. Aug. 1915.
.. _ . Zürich, Ende Juli.
Schweiz, strahlt jetzt in ihrem schönsten Sommerglanze. In den dunklen Seen der Nord-, Ost- und Westkantone spiegeln sich die grünbewaldeten Berge. Ueber die gewaltigen Sclmee- berge der inneren Landesteile und durch die einladenden Frem- denorte die die Natur selbst zwischen diesen Ricsenhügeln ein-.
zieht dreien Sommer nicht das laute und vielsprachige Heben früherer Jahre; aus den Frcmdenströmen, die sonst rahraus, lahrem die Stille beleben und während der Sommermonate die Buntheit internationaler Lebensformen in die ein- .rmcii Bcrgorte tragen, ist ein langsam rieselndes Bächlein ge- worden, da^ da und dort ganz schweigt, manchmal wieder etwas


