Der blaue Anker.
Roman von El friede Schulz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Es kann doch nur ein Herzschlag gewesen sein," sagte der Arzt. Aber er schüttelte dabei den Kops. „Ich verstehe das nicht — keiner von uns hatte ein gesünderes Herz/1
Da trat der Barbier Peschke vor und beugte sich dicht über das Gesicht des Toten. Er strich langsam das Haar von der bleichen rechten Schläfe zurück.
„Herr Doktor — was ist das?"
Unter dem Haar sah man eine bläuliche Schwellung. Die Finger des Arztes tasteten darauf und fühlten, daß das Gefüge des Schläfenbeines zersplittert war.
„Im Sturz auf einen Stein geschlagen?"
„Herr Doktor, da ist nur weicher Sand. Wir haben alles abgesucht. Das kann nicht sein."
„Aber das ist ganz unverständlich. Dann kann das nur von einem harten, fremden Schlag herrühren."
Er untersuchte die Stelle noch einmal genau.
„Zweifellos — unser Wölfliu — er ist erschlagen!"
Alle drängten sich heran, sprachen hin und her. Es war kein Zweifel. Friedrich Wölslin war keines natürlichen Todes gestorben.
Was war geschehen? — Sie sahen sich fragend an.
Ein Stein? — Hatte jemand einen Stein geschleudert? — Oder was sonst?
Aber die beiden Früharbeiter, die Wölflin auf dem Dammpfad beobachtet hatten, erklärten übereinstimmend, keine Menschensoele außer ihnen sei zu jener Zeit in der Gegend gewesen.
In dem ratlosen Schweigen, das darauf folgte, fand Peschke das erste Wort.
„Es sollen ein paar mit mir gehen. Wir wollen noch einmal alles genau absuchen. Kommt!"
Mit mehreren Männern lief er davon. Durch das Dorf rannte das Gerücht:
„Es hat jemand unfern Lehrer erschlagen."
3. Kapitel.
Vor dem Bahnhof von Oberwiesenthal, der weit draußen vor dem Dorf am Walde lag, standen bei dem Vorsteher der Schulze Reuscher und zwei Dorfälteste von Niederwiesenthal und erwarteten den Breslauer Zug, der den jungen Wölslin bringen sollte.
»Mir hängt die Zunge wie Blei. Ich glaub', ich bring' kein Wort heraus. Armes Kerlchen!"
Jeder dachte bei sich dasselbe und schwieg, die Augen in der Einfahrtrichtung. Durch die sonnige Lust gellte ein lPfisf. Hinter der Waldecke ging Rauch hoch. In den Schienen sing es an zu leben.
„Also —! weil es.sein muß!" hüstelte Menscher und preßte die Lippen hart auseinander.
Dröhnend und zischend fuhr der Zug ein. Aus einem Wagenfenster wurde schon von weitem ein grünes Hütchen mit einem Strauß, daran lustig geschwenkt. Der alte Reuscher faßte seinen Stock fester und trat vor.
„Hurra Heimat! Grüß' Gott, Wiesenthal!"
Mit einem leichten Satz sprang Erich Wölflin aus dem Wägen, helle Heimatfreude in dem frischen Gesicht. Aus den blauen Augen sprühte es von bewußtem Glück und stillem Stotz. Lachend, daß die weißen Zähne blitzten, in den Händen,das leichte Gepäck, eilte er auf die alten Bekannten zu.
„Grüß' Gott! — Und Vater?"
Er schüttelte den Männern seines Dörfchens fröhlich die Hand.
„Was denn? — Wo ist Vater?"
Der alte Neuscher trat an ihn heran, stellte das Gepäck auf den Boden und faßte den jungen Mann an beiden Händen.
„Mein lieber JUng — wir kommen mit einer schweren Nachricht, weiß Gott. Sei stark, mein Jungchen. Dein lieber Vater — dein Vater — "
Ein Schluchzen drohte seine Stimme zu ersticken.
Da bäumte sich Erich Wölslin heftig auf. Er las in den Augen der Männer und zitterte.
„Vater — Vater — ist — " i
lieber Vater ist nicht mehr, Erich. Heute früh — ein Herzschlag. — Komm, Jungchen, faß mich fest an, so — «ganz fest. Unser Kantor ist hin. Ja, ihr seid Waisen geworden, das Lottchen und du. Sei stark, mein Sohn. Wie der Himmel will."
Er streichelte ihn mit der harten Rechten sanft über das dichte braune Haar.
Erichs entsetzter Blick bohrte sich in Vaä düstere Auge des Schutzen und irrte wie eine Bestätigung oder Vernei- uung suchend zu den andern. Die Brust hob sich schwer und sein Atem pfiff. Mit eiserner Gewalt hielt er die Tränen zuriick, die ihm vor dem Gehirn wie eine feurige Glut brannten. Daun ging sein Blick in die blaue sonnige Ferne, die in mildem Frieden he rüber lächelte, und blieb in den blauen Konturen der Wälder hangen. Er wußte nichts von der strahlenden Frühliugswelt. Um sich her türmte sich ein dunkler finsterer Walt. Graue gespenstische Nebel schoben sich davor, und das matte Bild des lieben, gütigen Vaterantlitzes winkte herüber.
Die Männer standen schweigend vor ihm und kämpften mit der Last ans ihrem Herzen. ✓
„Faß dich, mein lieber Jung! Komm nach Hause!"
„Nack) H<ruse? — Was? — Wo?"
Der junge Manu war wie geistesabwesend. Sie sahen, daß den schlanken Körper ein Krampf schüttelte. Große Schweißtropfen perlten auf der hohen weißen Stirn. Das Auge nahm einen starren Ausdruck an.
Sie führten ihn in den Wartesaal auf einen Stuhl. Zitternd barg Erich Wplslin das Gesicht in den Händen uu$


