späten. In Niederwiesenthal war heute Konsirmation an- peseßt, und der alte Pastor Breuer, der alle vierzehn Tage ins Dorf kam, predigte mit den Jahren immer langsamer und länger. Diesmal durfte der Kirchendreust aus der Orgelbank nicht übermäßig dauern, denn pünktlich um zwölf Uhr lief der Breslauer Zug auf dem Oberwiefenthaler Bahnhof ein und brachte ihm seinen Jungen.
Sein Junge! Und der heutige Tag! Als vor acht Tagen das kurze Telegramm Mls Mrlitz kam: „Glänzend bestanden. Nun acht Tage Niesengebirge. Sonntag mittag zu Hause!" r—« hatte da Friedrich Wölflin nicht mit zitternden Händen gestanden und das kleine Papier krampfhaft zerdrückt? Er- Ullt der Traum seiner eigenen kargen Jugend, einmal ne Studenteumütze trauen zu können! Erfüllt an seine,n
f ungen! Wie tveggeblasen waren alle Entbehrungen und ntsagungen der langen Jahre. In überströmender Glückseligkeit schlug er mit dem Stock ein paar Kreuzhiebe durch die Lust und suchte im Tal nach Menschen, ihnen die frohe Botschaft zuzutragen.
Die Sonne war hochgekommen und fiel prall auf den gelblichen Fußpfad, der sich in der halben Höhe des Bahndammes unter den Schienen entlang schlängelte. Ueber den Baumwipfeln von Oberwiesenthal stieg ein leichtes Rauch- Wölkchen auf. Noch eins und immer mehr. Aus dem Waldgrau löste sich eine schwärzliche Masse. Dumpf dröhnte es Näber. Der Berliner Schnellzug. Nun tvar es höchste Zeit, und Friedrich Wölslin sprang davon, den Damm hinab. Mit eiligen Schritten gewann er den gelben Pfad.
Die Eisenbahnschienen zu seinen Härrpteu bekamen Leben. Es surrte und summte über ihm und schwoll stärker an, rollend und grollend. Ein schnaufendes Ungeheuer kam gesaust, wie in einen, rasenden Unwetter, daß Wölslin nach den, Hut griff. Ein greller Pfiff vor dem Walde. Ein eisiger Hauch. Nun war es dicht vor ihm. Er blieb gebannt auf der Stelle stehen und sah über sich das fauchende Ungetüm. Ein Druck ein Prall.
Friedrich Wölslin riß die Arme weit auseinander, als suchten die Hände nach einem Halt. Der Stock flog in weiten, Bogen hinunter. Durch die Luft schnitt ein markerschütternder Schrei. Der Körper, wie von einem schweren, kurzen Schlag getroffen, stürzte in sich zusammen und rollte langsam den Abhang hinunter. Eß zuckte noch ein- n,al in den Händen. Die Finger bogen sich im Krampf zusammen. Durch den Leib lies ein leises Zittern. Kaum hörbar entglitt den schmerzverzerrten Lippen halb klagend, halb lächelnd das Wort „Kinderchen!" und verhauchte in dem Brausen deö davoneile,wen Zuges.
Friedrich Wölflin, Lehrer und Kclntor von Niederwiesenthal, war nicht mehr.
Die herzugestürzten Arbeiter, die den Schrei gehört hatten, fanden kein Leben mehr in dem bleichen Manne, der eben noch m das Leben hinausstürzen wollte, und drückten dem Toten d,e Augen zu.
™ . 2. Kapitel.
g'soit'^°^ ' Cä? ~ SBonä 101111 n? ~ Unser Lehrer, hot a
ft c? nb . en r J 500 ben Häuern und konnten es nicht fassen. Die Leute schwirrten zu Gruppen znsainmen, die Gruppen zu einem Saufen, der sich dem Unglückboten voin Bahndamm nachwalzte. In wenig Augenblicken war das ganze dem Schulzenamt staute sich die er- 'Nenge, einer Aufklärung harrend. Das Trappeln der vielen Fuß« rief die kleine Lotte Wölslin an das Fenster.
„Tante Molchen, o komm nur mal her, >vas da ist' Wie sie alle lausen! Da ist gewiß was passiert!"
Malchen Trantwein sah hinaus. Die Leute drückten tick, vorbei Das Wort blieb ihnen in der Kvhle sitzen! der sein, der die Herzen da im SchuMms mederschmetterte. Vergeblich rief die tleine Frau ein paar ur>8- Mrschen an. Aber sie las aus den Gesichtern ei,, Unheil, ritz die Tur auf und stürzte auf die Straße. Ein« alte Frau, die Mangler-Lene aus dem Weberhäuschen, hielt sie an der Schürfe fest. ’ 1 ' J
willen!"^' ,DÜä ^ So sprecht doch um Gottes
®“ bli°b die Frau stehen, faßte Matchen TrauUvein Um den Arm und schluchzte:
^WoaS a Unglück! Woas a Unglück! Unser Lehrer m" Weiter brachte fie nichts heraus. Sie s<ch Nc'alchen Armenhaus, welche" und wanken und fing sie in ihrm
Die kleine Lotte war herausaekommen und las ans den Gesichtern der Leute die Furchtbarkeit einer Ungli'rcks- botschast. Fieberhaft lauschte sie auf jedes Geflüster. Da hatte s,e ein Wort aufgesangen.
„Vater tot?" schrie das Kind auf und starrte entsetzt zur Mangler-Lene hin und krumpfte die kleinen Hände um den Arm von Tante Malchen. Sie war weiß wie die Kalkwand des Schulhauses geworden. Ein alter Bauer trat vor und nahm die beiden fest iu seine Arme.
„Kummt ei's Haus, liebe Frau, du mei gut's Kindchen! Kummt ock, kummt! Kei Mensch woaß, woas eigentlich ies. Es ies 'r vielleicht, und es ies goar nich a su schlimm."
In, Schulhaus hörten sie das verworrene Jammern draußen und wie die Mädchen hell aufweinten. Ein Wagen jagte vorüber, mit frischem Stroh belegt. Darauf der Schulze Reuscher und der Barbier Peschke, unter den. Arm einen Verbandskasten. Gleich hinter ihnen raste ein Reiter dahin.
„Schlenglers Paule holt den Doktor!"
Vom Schulzenhaus löste sich der dichte Schwarm und zog langsam und stockend an der Schule vorbei zur Urie-s benseiche am Gänsebrunne,,. Vom Kirchtürmcheu schlug es dreiviertel neun.
„Der Pastor kimmt!"
Langsam rollte das Wägelchen mit dem eckigen Braunen von, Oberwiefenthaler Pfarrhof den Weg daher. Der Küt- scher sah das angesammelte Volk und rief etwas in den Wagen. Der alte Pfarrer richtete sich mühsam hoch und sah mit eingekniffenen Augen zur Seite heraus. Ein Dors^ ältester war an den Wagen getreten und berichtete, was er wußte.
r r zu, Korle, fahr zu!"
Leute vergaßen den Moraengruß und n,achten kaum den Weg frei. Vor der Schul tür zitterten dem alten Geistlichen die Knie. Schwer trat er in die Stube
„Unfern, treuen Wölflin — ein Unglück. Fassen Sie sich, meine liebe Frau Malchen!"
Er nahm die regungslosen Hände der bleichen Frau, die noch kein Wort in ihrem Schmerz gefunden hatte und sprach ihr Mut zu, bis genaue Kunde kam.
Es war eine erst,ckende Schwüle in dem niedrigen Zimmer. Der Pfarrer trat an das Fenster. Hinter dem Schulgarten wurde die Dorfbahre aufgestellt. Eine Frau holte von den Beeten Buchsbaum und rote Primeln und legte sie auf das schwarze Bahrtuch. Die gedcnnpften Stimmen flössen zu einem scheuen Summen zusammen. Alle Augen sahen nach dem Pappelweg, der in das Bobertal führte.
S Eine Rotte Küaben kan, gerannt. Man hörte Pferdc- . Langsam rollte der Wagen heran. Aus den nieder- ;enden Köpfen der Männer neben den, Gefährt las man genug Der alte Schulze streckte die schlaffen Hände von fich und schüttelte in einem fort den weißen Kopf. Dis Männer entblößten das Haupt.
Ao hielt der Kantor Wölslin den letzten Einzug in das Dörfchen, aus dem er die langen. Jahre so manchen hiuaus- gesungen hatte nach dem Gräberfeld am Walde. Vor dem Altar der kleinen Kirche, um die dunkle Bahre geschart, hrelt Nrederwiesenthal an Stelle der fröhlichen Einsea- nungsfeier eine dumpfe Sterbeandacht, und die Kinder wngen m,t stockenden Stimmchen: „Wem, ich einmal soll che,den." 7 1
(Fortsetzung folgt.)
Heimfahrt.
Bon unserm Konstantinopcler Mitarbeiter.
Umständlicher ist in diesem Jahre unsere Heimfahrt als in Ab,teil, — da wir noch den bequemen Konventionszugi hatten: Konstanttnopel emstergen — Berlin, Friedrichstraße, aufe
n^Affäo ^ l ? ir B^övisum gebrauchte. Aber was werden Deutschland wiedersehe, dieses wnnder- ?^/b^iterlaird, das m diesen, Zahre schier Unerhörtes geleistet bat das em Aufstau,men von Vaterlandsliebe mib OpferwUlia^ fett gesehen hat, wre es bte Welt nicht sah vordem. Wir durften lmen August tagen nicht dabei sein, wir werden jetzt das neue Deutschland sehen; was macht es da aus, ob die Reise ^ftEiche?bspU^ baUmt ° h bk ^^bereitungen etwas
mir Sf? dolizeüoache unseres Stadtviertels, wo
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d,e Dürre, cncrch d,e Aufhebung der KipttulaUonen das Recht getvonnen hat, uns zu besteuern, hat sie auch ein Interesse an


