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unserer Persönlichkeit. Mit unferrn Papier durchlaufen wir dann noch etliche türkische Bureaus, bis wir unfern Abreiseerlaubnisschein haben. Nun zuin dcutsckxen, österrrnchischen, bulgarisck>en und rumänischen Konsulat. Ueberall lassen wir uns für gutes Geld ein Visum in unfern Reisepaß drücken (nur die Rumänen tun's umsonst). Auf dem Bahnhof finden wir uns eine Stunde vor der Abfahrt ein; denn jeder Paß wird hier noch genau unter-! sucht und eingetragen. Am Fahrkartenschalter werden wir dann noch polizeilich zu einer freiwilligen Liebesgabe von 5 Piastern für die Flotte gezwungen, dann passieren tvir mehrere Sckutz- mannsposten, denen wir die Pässe wieder vorzeigen. Endlich sitzen wir im Zug und glauben, nun allen Formalitäten entronnen zu sein. Aber auf der Fahrt bis 4ldrianopel kommen noch ver- Medene Polizisten. Schon gewohnheitsmäßig zeigen wir unsere Pässe vor. Das ist uns übrigens nichts Ungewohntes, denn auch in Konstantinopel haben wir manchmal unfern Paß auf offener Straße einem Zivilbeamten vorzeigen müssen. Bor Adrianopel kommt dann nochmals ein Beamter mit seinem Stabe, und der stellt nun sest, daß fast alle Pässe nicht in Ordnung sind. Sie hätten noch ein türkisches Visum haben müssen. Davon wissen auch die Sehrvielgereisten nichts. Es ist also etwas Neues. Wir zahlen und bekommen das Fehlende. Im Abgehen bemerkt der gestrenge Beamte noch, daß hinfort für solche Nachlässigkeit eine Strafe erhoben werden soll.
Nun halten wir auf der Station Adrianopel. Die Stadt liegt einige .Kilometer entfernt. Dieser Votrort heißt Karagatsch, wird hauptsächlich vion Bahnbeamten bewohnt, hat eine deutsche Kolonie .und eine deutsche Schule. Dieses Karagatsch spielt bei den gegenwärtigen türkisch-bulaarischen Verhandlungen eine Rolle Die Bulgaren erstreben wahrscheinlich den Besitz der Bahn, um zu ihrem Hafen Dedeagatsch kommen zu können.
Während unseres langen Aufenthaltes auf diesem Bahnhof geht nun die große Gepäck- und Leibesvisitation vor sich. „Gold und Briese" heißt die Bannware, auf die gefahndet wird. Die Türkei hat ihr Gold nicht eingezogen: es läuft neben den Bankiroten, die Zwangskurs haben, einher, und so besteht natürlich die Gefahr, daß es ins Ausland abgeführt wird. In liberaler Weise ist den Reisenden gestattet, je nach der Länge ihrer Fahrt bis zu 15 türkischen Pfunden in Gold mitzunehmen. Was darüber ist, wird konfisziert. Da das Papiergeld aller Staaten erschrecklich Niedrig im Kurs steht, machen nattirlich die Reisenden reichen Gebrauch von der Erlaubnis, Gold mitnehmen zu dürfen. Wahrscheinlich haben die Beamten allen Grund, mißtrauisch zu sein, denn in unserem Abteil lourde sogar der Wasserkrug einer grie chischen Frau eingehend untersucht.
Ebenso wichtig nahm es ein anderer Beamter während dieser Zeit mit dem Suchen nach Geschriebenem. Jeder Satz im Notizbüchlein wurde argwöhnisch angesehen, -jeder Brief dem Besitzes abgenommen, vom Beamten in einen Umschlag gesteckt, mit der angegebenen Adresse versehen und der Zensur überliefert^
Der ersehnte Pfiff von der Maschine zeigt uns an, daß dis Revision beendet ist, und nun geht es weitesr. Es ist Mend ge^ worden. Ein farbenfroher Himmel spiegelt sich in den sumpfigen Geländen von dldrianopel wieder und erinnert uns an den Balkankrieg, »vo diese natürliche Befestigung der Festung Adrianopel so sehr zu Hilfe kam. Nun rollt unser Zug über die Maritzabrücke. Ganz, ganz langsam, denn sie ist seit ihrer Zerstörung in jenüm Kriege noch nicht wieder hergestellt. Unheimlich knarren und ächzen die provisorischen Balken und Pfosten unter der Last des Zuges.
Wir werden ja nur im Fluge die Balkanländer durcheilen, denn unser ersehntes Ziel ist Deutschland. Aber wir haben uns vorgenommen, auf der Fahrt die Augen offen zu halten, um aus kleinen Bevbachttmgen, aus dem Verhalten der Beamten und der Bevölkerung den politischen Barometerstand zu erkennen.
Am nächsten Mittag sind wir in Sofia und können erst am .Abend weiterfahren. Sofia, die Residenzstadt, ist eine von den! ganz wenigen großen Städten Bulgariens. Es ist ein richtiges! Bauernland: auf rmserer Fahrt haben wir die reifen Kornfeldev betrachtet und den Erntesegen geschätzt. In diesem Jahre ist auch der Städter Mehr denn je auf die Felder aufmerksam geworden. Die Not hat ihn gelehrt, den Acker mit anderen Augen anzusehen tme früher. Reiche Frucht wird auf Bulgariens Feldern in diesen Wochen geerntet. Das Land braucht Ruhe und Erholung nach den schweren Zeiten der Balkankriege. Auch in Sofia, wo doch mn ehesten ine Politik die Köpfe erhitzen könnte. Merken wir nichts von Kriegsfreude: mid unser Freund, der dort ansässig ist, erzählt uns- auK daß das Volk Frieden wünscht. In der Stadl deutet auch nichts auf eine Hinneigung der Bevölkerung zu einer der krlegffuhrenden Parteien, ^ogar die Buch- und Zeitungshändler find neutral, denn die Blatter aller feindlichen Staaten sind gleicher- weise ausgelegt, ebenso wie in den Schaufenstern der Buchhändler deutsche wid französische Bücher immer in gleicher Zahl aushängen.
Tie Nacht und den nächsten Morgen eilt unser Zug durch bul- P rnu rs chui ttreife Felder, heute wie gestern,
u^Tbrfer mid kleme Landstädte. Sichtlich hängt das Wohl der Sanzen Bevölkerung vom Segen des Ackers ab.
Rilstschukk Wir haben die Donau und bannt die Grenze des Vandes erreicht. Tie Stadt selbst, deren ausragende Minarehs uns ^ Türken hier herrschten und daß noch
& er '^nen, kann uns nicht fesseln, denn alle Wifmerksamkeit gilt hier wieder den Zoll- und Paßformalitäteu
Wahrend wir tn heißer Mittagssonne aM Tonauufer st-ye'n, werden die Pässe eilige sammelt und aufs neue abgestempelt, das Gepäck wird wieder durchsucht, und aufs Geratewohl wird der dritte Mann heinusgesucht und einer körperlichen Untersuchung unterzogen, denn auch Bulgarien erlaubt nicht die Goldausfuhr. Eine kurze Fahrt aus dem Fährdampfer bringt uns nun nach Ramadan, wo schon wieder Zoll- und Paßbeamte unser harren. Wieder dieselbe Geschichte, nur nacb^Gold wird hier nicht gesucht.
In unserm Speisewagen merkt mau noch nichts von Kricgs- drot, obgleich wir uns der ungarischen Grenze nähern. Das Mehl wird halt noch im weizenreichen Rumänien eingekaufi. Au unserm Tisch fitzen zwei fiebenbürger Männer, ein Deutscher und ein Ru- mane. Sie machen uns aufmerksam auf das (vetreide, das da an der Bahnstrecke liegt. Seit der vorigen Ernte liegt cs da, der Witterung und den heimlichen (oder offenen) Besuchen der armen Bevölkerung und der Gänse ausgefetzt, die gut bei dieser Weizen- kost gedeihen.
Auf den Stationen sehen wir auch reichlich viel Militär. Wie hat sich unser Empfinden in einem Jahre geivandelt. War nicht das blitzOide, farbenfroh schimmernde Regiment sonst auch unser Stolz und laute Freude? Nun sehen wir hier peinlich sauber gekleidete Offiziere weiße Käppis, glänzende Knöpfe, gegen jeden Regentropfen empfindliche Röcke und lackschäftige Stiefel. Und das Ganze konunt uns wie eine Spielerei vor; nur iwch das Feldgrau und der texte Kommißfeldstiefel will uns als ernst und angemessen gelten.
Ms der Äi,g sich »nieder zum Albend neigt, nahen wir wieder derr schönen Transsilvanischen Alpen und erinnern uns schöner Stunden rn dem »valdigen, kühlen Sinaia, dem Sommerfitz des rumänischen Königs. Heuer fesselt uns die Sckiönheit des Gebirges weniger als der GejdiMK, eine wie vortreffliche natürliche Befestigung unsere Bundesgenossen in diesem Bergivall besäßen, wenn sich die Rumänen zu unfern Feinden hätten hinüberziehen lassen, i- rc\ W bin Land durchquert, wieder eine Grenze. Die-
sel.de Sache wre an jeder Grenzte, und doch anders. Jetzt beginnt unser Kriegsgebiet, denn Deutschland, Oesterreich, Ungarn sind doch für unser Gefühl heute ohne innere Grenzen. Ter Krieg hat uns auch den Ungarn näher gewacht. Willig spricht heute jeder Beamte deutsch mit uns. Das war nicht immer so; manchen Aerger Wben wir früher auf Miseren Fahrten durch Ungarn in dieser Beziehung gehabt. .
. "in so oft gesagt und geschrieben worden, man Merke iit deutschen Landen Nichts vom Krieg. Apier »vir bringen andere Ml gen mit und sehen überall Neues, das uns au den Krieg erinnert. Wir sehen Anschläge in den Wagen, die zum Sch»veigen mahnen, die zur Beobachtung von etlvaigen Spionen aufrufen: wir erfahren iM Vaterlande zuerst etrvas von der großartigen Eim tecknng des Brotes und Mehles, wovon uns die Zeitungen doch Nicht den gleichen Eindruck geben konnten, »nie jetzt das Erleben selbst: wir sehen an den Auslagen in den Schaufenstern, toie das Lanze geschäftliche Leben sich gewandelt hat, wie es sich auf die neue Weltlage eingestellt hat. Wohin wir schauen, merken wir etwas vom Krieg Aber im'mer etwas, das uns stolzer und froher auf unser Vaterland macht. Und das lvar unsere Hoffimng. Jetzt in tex Hermat lachen imr über manches, das uns vordem die Stirn kraus ziehni machte, behauptet jetzt einet von uns lachend, als wir durch, erne deut» che Stadt gehen : „Schau, nichts von deutschem! Empfinden in Teutichland! Geschäftsleute, Verwaltung, Regierung, alles ist französisch!" Und er »veist uns darauf hin, daß in der ganzen ^tadt die Lateinschrift als Umgangsschrift gilt. In Konstantinopel werdet ihr keine Lateinbüchstaben mehr finden. In komischem Mißverständnis erklärte dort die Polizei eines Tages, Falles lateinisch Geschriebene französisch sei, und im Nu wußten alle Aufschristen verschwinden. Jetzt findet man auch in der . Fremdenstadt Pera nur türkisch:, griechische, armenische, he- vraische und bulgarische Namen und Ankündigungen. Tie un-
< Vielen, »oelche diese Zeichen nicht zu deuten vermögen, sind übel daran. Die Teutschn haben einen Austveg gefilnden: Sie haben sich schnell zur gotischen Schrift bekehrt: das köiinen wenigstens wir Deutschen lesen. Uns will ja eigentlich nicht einleuchten, oft !•.MlNchnst: TeMsches Schuhtvarenlager oder etwas sehnliches „französisch" fein könnte, aber die Polizei behauptet es nun einmal, und dann wirds doch wohl so sein.
ab!er, da wir in Deutschland sind, vergessen wir schnell auch diese Aergerlichöeiben, und der große Gedanke von der Bedeutung der Türkei und den Dardanellen fiir Deutschlands Wohl tritt.m den Vordergrund, und toir erzählen lieber allen, die iir- teressiert nach.Konstantinopel fragen, von den tapfereii Türken, Mit vorbildlicher Todesverachtung an den Tardanelleii kämpfen, und von >>er Zuversicht, mit der jedermann in KoMantinopel an me Festigkeit der Dardanellen glaubt, und mit gcmz besonderem ^Eolz fügen »vir hinzu, welche Arbeit iiusere deiltschen Offiziere geleistet haben, die aus dem Heer der Türken zur Zeit des Balkaii- rneges tn so erstaunlich kurzer Zeit das wohlgeordnete und gut ausgebildete neue türkische Heer geschaffen ^ben. Und »vir fügen imt Nachdruck hinzu, daß wir eine schöne Zukunft der Türkei sehen, wenn sie sich auch fiir die anderen Gebiete ihres Staatswesen^ die deutsche tatkräftige Hilfe dauernd sichert. Tann ist ihr der wünschens.werte schnelle Aufstieg sicher, der ihr ihre staatliche Selbständigkeit verbürgt, die ja auch für Deutschland eine polttiscl'e Notwendigkeit wdeutet.


