Ausgabe 
11.8.1915
 
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Der blaue fluker.

Roman von El fr red e Schulz.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Als Friedrich Wölflin aus dem dünnen Kieferniva.lv trat, öffnete sich vor seinen Micken das weite Bobertal, das rechts von einem hochgeschütteten Bahndamm abgeschlossen wurde, eine Welt für sich. Tief unten zwischen grauem Weidengestrüpp wälzte der Fluß, seine gelblicharünen Fluten vor sich hin, dein hohen Eisennetzwerk der Bahnbrücke zu. Wölflin hielt einen Augenblick inne und stieß mit der feinen, dünnen Rechten den Spazierstock in den sandigen Moos-' boden. Aus den grauen Polstern erhoben die zarten Pflan­zen auf goldbraunen Stielen ihre Krönchen wie zweig­haste Palmen und verwebten sich mit dem zitternden Son­nenlicht. Eine Biene segelte summend vorüber und ging dann mit verwegenem Zickzack in seliger Ziellosigkeit ins Blaue hinauf.

Friedrich Wölflin bemerkte das alles kaum und setzte sich langsam auf den Grenzstein, der dem Waldrevier das Ende zeichnete. Die müden Augen sogen das sonnige Land­schaftsbild in die Seele, die heute, in dieser wunderbar iseligen Patmsonntagsfrühe, selten weich gestimmt war und aus dem schmalen Rande zwischen Wehmut und Lust wie ein blauer Falter auf dem Wiesenrain dahinschwebte.

Friedrich Wölflin! Gerade heute vor ztvanzig Jahren hieltest du mit deinem jungen Weibe als neubestallter Schul­meister den Einzug in Niederwiesenthal, und es war damals genau so ein rätselumstgndener Tag wie heute, voll von taufrischer Lebenshoffnung, links die ersten mattgelben Pri­meln und vlaßblauen Vergißmeinnicht, rechts die mürrischen grauen Weideristäinme, deren Saft noch nicht in Fluß ge­kommen war.

Der Wolf kommt!"i So ging es damals wie ein Lauf­feuer durch das kleine Bauerndorf, als das Wägelchen des alten Ianderschulz von Oberwiesenthal her in Sicht kam, und die vierzig, fünfzig Schulkinder bekamen keinen ge­ringen Schreck bei diesem Kriegsruf .der spottfüchtigen Knechte und Mägde, die sich neugierig an den Zäunen aus-, gepflanzt hatten. Aber als die Schulzenrappen vor dein frischgetünchten Schulhause anhielten, das mit einem schwe­ren Strohdach wie mit einer hohen Haube bedeckt war, und der behende Wölflin seine fünfundzwanzig Jahre mit leich­tem Schwung vor die Kalesche stellte und seiner kleinen Frau über das Trittbrett half, da sah niemand von der angesam­melten Dorsgesellschaft mehr eine Wolssgefahr, denn aus dein blühenden Gesicht des jungen Weibes, aus den strahlen­deil Augeil ging ein warmer Glanz wie ein leichter Gruß über die Straße, uitb miau schloß auf der Stelle Freunds schuft mit dem neu hereingeschneiten Paar.

Das alte niedrige Schulhaus sab ein Dlltzend glückliche Jahre, wenn auch die Zeit der Not den fütmuertidK*it Sold

des Schulamtes manchmal recht schwer und drückend fühb- bar geinacht hatte. Bis dann ein düsterer Herbsttag,

Was ist dir, Friedrich Wölflin?

In deinem Gesicht zuckt es schmerzlich, und die Hände, die sich in Gedanken falten, zittern leise. Durch die schmale Brust geht es wie eine Erschütterung. Das blaugrane Auge sticht links in der Ferne den hellen Sandstreisen, der dein dunklen Waldsaum vorgelagert ist. Wie ein bräunlicher Dunst hebt sich dort, wo die letzten Hütten der einspännig fahrenden Kuhbäuerchen stehen, von dem weißen Sand das kreuzbesetzte Gräberfeld ab, zu dem die Niederwiesenthaler nach Urväter Weise ihren letzten dunklen Gang antreten, nach dem Vater der Sohn uild nach dein Sohu der Enkel, wenn sich ihr Lauf vollendete.

Friedrich Wölflin vergräbt den Kopf in seine Hände und bekämpft das Würgen in der Kehle. Dort zwischen den schweigenden Kreuzen liegt sein Mariechen, unter dein Stein, der in goldener Schrift das schwere Wort trägt:Die Liebe höret nimmer auf!" Wären damals nicht die beiden Kinder­chen gewesen, Friedlich Wölflin hätte den Begräbnistag nicht überlebt.

Aber das Leben rief nach seinem Recht. Es waren schweigsame Tage, als sie in dem zerbrochenen Kreise zu dreien um den Tisch saßen, bis Malchen Trautwein, Wölflins Schwester, den leeren Platz einnahm und den beiden halb­flüggen Vögeln das Nest anwärmte. Wachsende Sorgen wischten mit ihrer kalten Hand so manche von den lieben Spuren aus, die eine treue Liebe in das Herz des Zurück­gebliebenen gezeichnet hatte. Dies Herz, von Kindheit auf immer weich wie Wachs, fing an, in sich gekehrt zu werden, und hart und härter, uub lebte nur noch, in dem einen Ge­danken: Wie halte ich die Dornen zurück von dem Lebens­weg der beiden Kleinen? '

Dicht vor dem Träumer im Sonnenlicht stieg eine Lerche auf. Zuerst schnitt ihr schmetternder Triller wie ein greller Mißklang in Wölflins noch immer kurz aufzuckendes Herz, vls sich der Gesang in der Höhe zu kleinen Perlen auflöste, die einzeln heruntertropften. Das gab Frieden, und die harte Narbe deckte die Wunde von neuem zu.

Von dem weißen Kirchturm schlug leise die achte Stunde herüber. Unten am Bahndamm hantierten ein paar Männer auf ihren kleinen Pachtäckern, Arbeiter, die wochentags in der Oberwiesenthaler Papierfabrik ihrem Tagewerk nach­gingen und am Sonntag morgen schon von Sonnenaufgang an auf der kärglichen Scholle hockten. Vom Bahndamm schim­merten schwärzlich die eisernen Schienen. Ihr doppeltes Bän­derpaar floß in der Weite in eine Linie zusammen und verlor sich im Wald. Wölflins Blicke glitten an ihnen entlang und wieder zurück und wieder vorwärts. Da blitzte es in ihnen auf wie ein heiteres Erschrecken und ein seliges Lächeln ging über das von feinen Furchen durchzogene Gesicht des Fünf- undvierzigiährigen und gab ihm einen verklärten Schimmer.

Sein Junge!

Hastig zog Wölflin die Uhr. Er durfte sich nicht der-