Wahrend bte Gräfin nach Europa zurückkehrte, blieb Montholon selbst brs zum Tode Napoleons besser Vertrauter, den dieser auch Mit der Vollstreckung seines Testaments beauftragt hatte.
. Auch General Gaspard de Gouraaud (1783—1852), der einst in der Schlacht bei Brienne dem Kaiser das von Kosaken bedrohte Leben gerettet hatte und seitdem Napoleons größtes Vertrauen! geiwß, gehörte kt der kleinen Zahl der getreuen Gefährten, die Napoleon ins Exil nach St. Helena begleiteten; doch kehrte er schon xm Jahre 1818 nach Europa zurück, aus Gründen, über die völlige Klarheit nicht herrscht. Noch sind die beiden Grafen Las .Cafes zu nennen, die den Verbannten nach St. Helena begleiteten, aber sehr bald durch den englischen Gouverneur entfernt wurden. Graf Emanuel Augustin Dieudonnä de Las Cafes (1766—1842) bat aus freien Stücken, lediglich aus treuer Freundschaft für Na- poleon, diesem mit seinem ältesten, damals fünfzehnjährigen Sohne nach St. Helena folgen zu dürfen, wo beide, Vater und Sohn, dem Verbannten Sekretärdienste leisteten. Da aber der ältere Las Cafes heimliche Verbindungen mit Europa anknüpfte, wurden beide bereits nach Jahresfrist nach Europa zurückgeschickt. Auch Las Cafes, der in Frankfurt am Main Aufenthalt nahm, hat es ebenso wie der erwähnte Gourgaud versucht, die 1818 in Aachen zum Kongreß versammelten Monarchen zu Napoleons Gunsten zu stimmen, was weder dem einen noch dem andern gelang.
Zweifellos war die Lage Napoleons auf St. Helena eine solche, daß sie sehr der Verbesserung bedurfte. Die Engländer benahmen sich danucks wie heute würdelos ihren Gefangenen gegenüber. Sir Hudson Lowe, der Gouverneur von St. Helena, tat alles, den Gefangenen seine verzweifelte Lage so sehr wie möglich fühlen zu lassen. Er berief sich zwar darauf, daß seine Regierung ihm größte Strenge anempfohlen hatte, und man darf das, nach dem, was wir heute hundert Jahre später erleben, als sicher annehmen. Aber keine Vorschrift einer Regierung durfte ihm befehlen, den Gefangenen mit kleinlichem, ingrimmigem Haß zu verfolgen, ihn mit pedantischen Quälereien zu schikanieren, den bereits schwer kranken Gefangenen noch zu verdächtigen.
Zu den kleinlichen Verfolgungen dieses Gefangenenwärters Napoleons -gehörte es, daß keiner der Getreuen der Verbannten es wagen durfte, von einem „Kaiser Napoleon" zu sprechen. Er sarrk wieder zum General Bönaparte zurück, nur von einen: solchen noch durfte die Rede sein. Daß Sir Lowe seinen Gefangenen streng bewachte, war seine Pflicht, zumal es offenkundig war, daß Napoleon fortgesetzt auf Fluchtpläne sann. Aber abgesehen davon, daß dem Gouverneur genügende Bewachungsmittel zur Verfügung standen, jede Flucht zu verhindern, überstieg sein Mißtrauen weit dre Grenzen des Erlaubten. Nicht nur, daß Napoleon keinen Brief verschicken durfte, ohne daß Sir Lowe davon Einsicht genommen,
geheime Mitteilungen durch seine Getreuen zu versenden, hätte der Gouverneur dem Gefabenen kaum hindern können, — nicht rtur, !daß er die Llerzte, die Napoleon behandelten, verdächtigte und daher den bereits Schwerkranken ohne genügende ärztliche Hilfe ließ, wußte er ^auch jene, dem Vertrage gemäß von den übrigen Staaten nach St. Helena geschickten Kommissare von dem Gefangenen fernzuhalten.
Sir Hudson Lowe sagte sich, daß Oesterreich, Rußland und Preußen jeweils im! Bündnis mit Napoleon gestanden hatten, daß ^ayer die Möglichkeit nicht ausgeschlossen war, daß die Interessen ^.Großmächte sich wieder einmal so gruppieren könnten, daß fte sich zu einer anderen Auffassung von des Gefangenen Stellung bekehrten, als die britische Regierung sie vertrat. Im Sep- ternber 1817 fand vierhundert Schritt vor Longwood ein Wettrennen statt. Auf Einladung des Gouverneitrs waren auch die Kommissare zugegen. Man erfuhr, daß Napoleon auf dem Balkon seines Hauses erschienen war, um ebenfalls zuzuschauen. Lowe ließ die Kommissare in einen Graben treten, von wo sie nach Longwood blicken konnten, ohne selbst von Napoleon entdeckt zu werden. Von diesem „Schützengraben" aus haben sie Napoleon das erste uird emzige Mal gesehen — durchs Fernrohr; es war das einzige Mal daß Me von Europa bestellten Beaufsichtiger der Gefangenhaltung Napoleons sich von seiner Anwesenheit auf St. Helena überzeugen konnten.
Daß die Wachsamkeit Lowes berechtigt war, ist zweifellos; Nnpoleon horte nicht auf zu hoffen, solange seine Gesundheit noch Nicht völlig erschüttert war: mit der Zeit freilich wurde er mürbe, je mehr ferne Gesundheit litt. Ta er den Entschluß gefaßt l-atte,
Zentrum der- Insel, Longwood, nicht zu verlassen, entbehrte er der Korperbelvegung. schließlich beschäftigte er sich mit Garten- • ä«it innen Gefährten gemeinsam legte er' von November 1819 bn-- Mal 1820 Gemüse- und Blumenbeete in der Nähe seines Hauses an und Machte Anpflanzunaen. Im Schlafrock, einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopse, den Stock in der Hand, dirigierte Er den ganzen Vormittag seine Gefährten, um nachmittags bann erfrischt seine Lektüre und Diktate aufzunehMen.
K . ^ufanfl des Jahres 1621 drängte sich dann seiner Umgebung die Erkenntnis auf, haß die Leiden, über die der Verbannte von ZI'Helena Nagte, ernstlicher Natur seien. Was man für Hypo
chondrie, für Sehnsucht nach der Welt/ nach der Herrschaft "gehalten^ ^berleideii, von dessen krebsartiger Natur man erjt nach dem Tode sich uberzeugte.
schied^Napoleom ^ "" 5 U ' JX 45 SDHm,ten nachmittags ver- £rofcbcm er lange krank gewesen, überraschte doch die Nach
richt von Napoleons Tod in der gesamten Welt; die Nachricht kam überall unerwartet, weil Lowe geflissentlich die Kunde von des Gefangenen schwerer Erkrankung nicht hatte bekannt werden lassen, ^ Teck auch nicht an diese Erkrankung glaubte. In seinem bis k ten unbegrenzten Mißtrauen nahm er an,
r^ at ^ c Janker als er sei, um einerseits weniger be- ^E zu sein, anderseits das Mitleid der Welt zu erwecken. Erst Gefangenen, bei dem Lowe anwesend war, über- tmrdm 'foitte 071 ' n n ^ t Untergängen worden war und
?m^^a stir alle Teile ein des Napoleon- Orches Nachspiel. Und daran waren die Engländer tvie heute zeigten, daß sie dem Feinde gegenüber ^.?aktgefühl verlieren, sich in niedrigster Weise den Gefühlen bCOt ^nruber hingeben, der ihnen in die . -
vermischter
cm Rei ? e «season“ in fionbon. Was feit Menschen- und Menschengedenken sich nie ereignet hat, ja, was der Normal-Eng. tan der als eme völlige Unmögltchseit belächelt hätte, das ist durch den Krieg zur Wirklichkeit geworden: London hat keine „sesson". Jetzt ist ;a gerade die Zeit, wo in der englischen Hauptstadt sonst alles zusammenzuströmen pflegte, was „dazu gehören' wollte, wo die Theater, die Konzerte, die Sportfeste, die gesellschaftlichen Unter- Haltungen sich sagten — bis für den korrekten englischen Gesellschaftsmenschen der Augenblick gekommen war, zu verschwinden, um erst zum Beginne der Moorhuhnjagd wieder auszutauchen. All das ist gewesen. Die großen Hotels in „Piccadilly" stehen zu drei Vierteln leer. Die berühmten Henley-Regatten fallen aus. und an jene Kricket-Wettkämpfe, die sonst zu den Sensationen der Saison gehören, denkt kein Mensch. Nach 10 Uhr abends dars kein Wem, noch irgend ein anderes alkoholisches Getränk mehr verav- reicht werden, und die Folge ist natürlich, daß die elegante,i Abendmahlzeiten in den Gasthöfen ganz und gar von der Tagesordnung verschwunden sind. Die neue Ordnung der Dinge führt zu Szenen, die, wie selbst in einem Londoner Briefe des „Temps* anerkannt wird, zuweilen geradezu einen clownattigen Charakter tragen. Eme Viertelstunde vor 10 b. Z. erscheint im Wirtshause ein Gast, bestellt sein Essen und eine halbe Flasche Wein. Ter Kellner beeilt sich keineswegs, die letztere zu bringen, verniutlich hält er es für angemessen, damit zu warten, bis der erste Gang auf dem Tische steht. Aber der Gast wird ungeduldig, sieht abwechselnd aus die Uhr und den Kellner, und sängt schließlich an, so ungemütlich zu werden, daß der Kellner sich doch dazil herabläßt, ihm die ersehnte Flasche zu bringen. Eilig schenkt sich der Gast ein Glas voll — aber da ertönen die verhängnisvollen zehn Glockenschläge der Uhr, der Kellner entreißt dein Gaste die Flasche und seufzend »nutz dieser sich mit dem Glase begnügen, das er gerade noch vor Toresschluß erobert hat.
"Die Suppe mit K a n o n e n k u g e l n. — Ein heiteres Geschlchtchen von der Furchtlosigkeit des alten Blücher finden wir in der „Bibliothek der Unterhaltuiig und des Wissens". (Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart). Blücher lag am 29. Januar 1814 mit seineni Hauptquartier im Schlosse zu Brienne. Zwischen seiner und Schwarzenbergs Armee klaffte im Augenblick eine Lücke, die Napoleon 3 u benützen Anstalten traf, um Blncber, den schlimmsten Durchqnerer seiner Pläne, endlich entscheidend ailfs Hailpt zu schlagen. Dieser erfuhr beizeiten von der gegen ihn gerichteten Absicht di,rch einen von seiner Kavallerie auf- gesangenen Befehl des Kais.rs an Marschall Mortier. Da er selbst die augenblicklichen Schwächen seiner Stellung kannte, traf er die Vorkehrungen zum Rückzilge, doch nicht — es war ja Blücher! — ohne den Angreifern mit seinen Triippen um Brienne bis zum letzten Augenblick die Stirn zu bieten. Die Schlacht war im Gange. Feindliche Granaten flogen in die Stadt und zündeten an verschiedenen Stellen. Blücher verfolgte die Entwicklung der Dinge von der Schloßterraffe aus. Der Feind ,nachte nur langsame Fortschritte, so daß unserem Blücher schließ!,ch das Beobachten zu langweilig wurde. Er ging also mit den Offizieren in den Saal und setzte sich zu Tisch. Auch ein gefangener französischer Offizier war mit an der Tafel. Während die gewöhnliche Heiterkeit unter den Tafelnden herrschte und man eben bei der Suppe war, schlugen einige Kanonenkugeln in den Saal. Der Feldmarschall machte seinem französischen Gaste höfliche Entschuldigungen und beauftragte einen Offizier von der Stabswache, ihn an einen geschützteren Ort zu briugcu. Der Gefangene jedoch lehnte das Anerbieten dankend ab mit dein Bemerken, er befinde sich in zu angenehmer Gesellschaft, um dieselbe zu verlassen. Nicht so gelassen blieb ein anderer Gast. Als Kanonenkugeln durchs Dach schlugen und auf dem Boden über den Köpfen der Tischgesellschaft großes Gepolter verursachten, rutschte er auf seinein Stuhle hin und her, wie um aus- weichen, wenn die Decke herunterkäme, auf die er beständig den bedenklichen Blick gerichtet hielt. „Gehört das Schloß Ihnen fragte Blücher. „Exzellenz, nein/ „Na, denn man nicht ängstlich.
Die Ansbessert»,gskosten haben Sie ja nicht zu bezahlen, uub die Kanonenkugeln fallen uns ja noch nicht in d,e Suppe/ Sprach's und ließ sich auch beiin Fortgang des Mahles, bei dein die Franzosen mit der aufdringlichen Beilage nicht nachließen. nickt weiter stören ' 1


