Mtersschnee deckte den Scheitel der Frau, die glanzlosen Augen sprachen von vielen Tränen und über der gebeugten Gestalt lag eine müde Hoffnungslosigkeit. Much der Gotte schien merklich kleiner geworden durch seine zusammengesunkene Haltung, der jede Lebens energie mangelte, trotzdem er den Kopf nach wie vor, in eiserner? Willensbeherrschung, stolz emporreckte, dkbcr die steile Falte zwischen seinen finster zusammengezogenen Brauen und der tiefe Leidenszug, der sich von der Nase zu den Mundwinkeln zog, sprach beredter als Worte vom Nichtvergessenkönnen. Nie wurde der Name des Verstoßenen zwischen den Gatten genannt, das Schicksal hatte wie ein Rauhreis seine erstarrende Hand auf ihre Herzen gelegt.
Ta brach das große Bölkerringen aus: eine Welt voll Feinden bedrohte beutegierig wie die hungrigen Wölfe das Vaterland. Jung und alt rüstete zu Schutz und Wehr. Mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel zogen sie hinaus, die Jungen, die Reifen und selbst die'Ergrauten mit den slamwenden Jünglingsherzen. Blumen an Helm und Brust, marschierten sie singend zur Bahn und Mütter, Frauen, selbst Kinder jubelnd nebenher, alle vom Taumel des großen Erlebens erfaßt und über egoistisches Abschiedsweh empor getragen.
Hinter dem Vorhänge ihres Fensters verborgen schaute die Mutter mit tränenden Augen auf das fesselnde Bild dort unten. Auch ihr hatte Gott einen Sohn geschenkt, den sie, den Müttern da draußen gleich, mit Stolz und wehmütiger Freude zu Kampf und Sieg hinausgeschickt hätte, aber das Leben hatte ihn ihr genommen. Wo war er, gestorben? verdorben? Sck>eu blickte sie ^u dem Gatten hinüber, den das klingende Schauspiel an das andre Fenster gelockt. Wie trug er dies? Steinern stand er da, kein Muskel, keine Wimper zuckte an ihm, nur für eines Herzschlages Tauer beschattete seine Rechte die Augen, als hätte diese der helle Tagesschimmer geblendet. Mit ruhigen, gemessenen Schritten ging er zum Schreibtisch zurück, die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmend, niemand durfte ahnern was sich unter der Maske seiner finstern Verschlossenheit barg. Selbst als der Helle Siegesjubel durchs Land brauste, verriet kein Hauch, keine Miene, wie er darunter litt, daß sein eigen Fleisch und Blut kein Teil an diesem Großen haben sollte. Wie ausgestoßen und enterbt kamen sich die beiden vor, wenn sie mit brennenden Augen sahen, wie die Feldpost in jedes Haus Grüße und Nachrichten von da draußen brachte und wie selbst auf der Straße die Eltern, Frauen, Bräute, sogar Kinder dem Postboten entgegeneilten und beglückt die Briefe und Karten ihrer Feldgrauen in Empfang nahmen. Ihnen war die gleiche Freude versagt, ihre Hoffnungen hatten sie vor Jahren schon eingesargt.
Da geschah plötzlich das Unerwartete, das Unfaßbare, auch zu ihnen kam die Feldpost und brachte ihnen ein Schächtelchen, dessen Adresse von einer zierlichen, fremden Frauenhand geschrieben.
Fast schon ein Jahr tobte der fürchterliche Krieg und brachte Schmerz und Trauer über viele tausend froh schlagende Herzen: sollte jetzt ihnen, den Leidgewöhnten, aus Kanonendonner und Pulverdampf ein unerhofftes Glück erblühen?
Eine atemraubende Freude durchflutete sie bei dieser Hoffnung und mit bebenden Händen öffneten sie das Kästchen. Darin lagen zwei Eiserne Kreuze, eine Tapferkeitsmedaille und zwei Briefe. Ter eine trug die Handschrift der Adresse, der andere war von Männerhand geschrieben.
Mit flimmernden Augen und jagenden Pulsen lasen sie diese Zeilen, die ein Hanvtmann an sie richtete, und worin er ihnen in warmen Worten für sein Leben dankte, das ihm ihr Sohn mit Aufopferung des eigenen gerettet.
Er erzählte weiter, wie er im selben Gefechte mit seinem Retter verwundet, und wie der allezeit hilfsbereite, liebenswürdig'e Kamerad ihn, der schwer am Oberschenkel getroffen, aus der Feuerlinie geschleppt, und. ihn mit eigenem Leibe vor den sie dicht Umsausenden Geschossen deckend, fast schon in Sicherheit, eine tödliche Kugel ins Rückenmark bekommen. Iw gleichen Lazarette untergebracht, habe er nach dem inzwischen erfolgten Tode seines heldenmütigen Lebensretters, die sie Beide pflegende Schwester veranlaßt, diese Zeilen den ihnen von dem Sohne übersandten Ehrenzeichen beiznlegen. In begeisterten Worten schilderte er die Tapferkeit und Unerschrockenheit des Verstorbenen, die fast an Tollkühnheit gegrenzt und dem Vaterlande unschätzbare Tienste geleistet. Seine echt Lilien cronsche Gestalt mit ihrem Draufgängertum habe in suggestiver Macht den ganzen Zug zu Heldentaten hingeriisen, die in der Geschichte dieses Weltkrieges ein denkwürdiges Ruhniesblatt bilden würden.
„Wie die Leute unter seiner umsichtigen Feuerleitung cinnl feindlichen Schützengraben von vierhundert Mann Besatzung erstürmten. wodurch die Aufrollung der feindlichen Stellung gelang mit dein Ergebnis von über tausend Gefangenen' tvie er mit nur einigen zwanzig Mann die dem gefallenen Fahnen- trager entsunkene Fahne, unter Einsetzung des eigenen Lebens, im stärkste,! Feuer unter der erdrückenden Uebermacht des Feindes mit zähem Widerstande rettete, wie er bei einer Erkundunqs- patrouille mit mir drei Mann Begleitung fünfzehn Gefangene machte, und noch viele andere Einzelheiten seines Heldentums, Chatte ich mir vor, in dem Urlaub nach meiner Genesung Ihnen perfonlich zu berichten, — so hieß es lveiter in dem Briefe —> bcnn eö bräiiöt mich, die gottbegnadeten Eltern dieses Tapfersten dn Tapferen, der unsterblich im Herzen seiner Kameraden weiter- sannen zu lernen. Seine schnelle Beförderung und : oie Ehrenzeichen, die wir ihm mit Stolz und Freude auf die tapfere 1
'Stuft hefteten, geben beredtes Zeugnis dafür, ivas er dein Vater- tande gewesen. Ein Samariterwerk krönte dieses reiche Helden- leven durch einen erhabenen Tod im Tienste höchster, reinster -lenschenliebe. Wohl dem Vaterlande, das solche Söhne sein eigen nenrtt und Heil den Eltern, die ihnen das Leben gegeben."
«?° der Brief. Und wieder griff das Schicksal mit harter o ^ü ö , na A den Herzen dieser schwergeprüften Eltern. Aber das ^ew, das heute zu ihnen kam und das sie in dieser unheilschweren £ eit vwlen Tausenden gemeinsam trugen, hatte nichts von dem bitteren Weh vergangner Zeiten, als sie ihren Einzigen als Unwürdigen rn ihren Herzen eingesargt. In tiefster Seele ergriffen tiopfte heißes Naß aus ihren Augen, aber scheu wichen ihre Blicke Iicy, aus, um nrcht zu verraten, wie tief in jedem von ihnen die Hoffnung auf ein Wiedersehen gelebt. Und als ob sie eines aus des andern körperlicher Nähe Ruhe und Fassung schöpfen wollten, um fchlangen ffc sich fest, als sre tränenden Auges das andre Schreiben lafen. Wie ein Hauch aus dem Jenseits grüßte die Seele des Lohnes die ihre mit seinen letzten Worten:
„Teure, innigst geliebte Eltern,
om Schatten 'des Todes wage ich es. Euch noch einmal mit einer Bitte zu nahen Da mir die Kraft fehlt, selbst die Feder zu führen, hat die gütige Schwester die Mission für mich übernommen. Meine stunden find gezählt und bald werde ich vor dem ewigen Richter ftehen .Aber ich kann nicht scheiden, ohne vorher Eure Verzeihung erfleht zu haben. Was der törichte Jüngling verbrach, vergebt es dem bitter bereuenden Sterbenden. In heißem Ringen habe ich zu sühnen versucht und der Erfolg heftete sich an meine Fersen, aber der Segen blieb aus, Bor jede Freude schob sich mir das traurige Bild, Eurer geliebten, gramgebeugten Gestalten und hetzte mich ruhelos wie Ahasver durchs Leben Etwas Großes- Hohes wollte ich erreichen, damit vor Euch Antreten und mir Eure Herzen wiedererschließen, aber was ich auch errang, nicküs Ulen mir dieses hohen Preises wert. Da rief das Vaterland.
^tzt hat die Stunde geschlagen, in dem Ringen
Biele kannst du dich entsühnen. Erspart mir. Euch von den Muhen zu erzählen, bis es mir endlich gelang, in den Reihen der kämpfenden Brüder zu stehen. Aber daun spornte es mich zu Außerordentlichem. Mit Anspannung aller meiner Kräfte sucAe ich dem Vaterlande zu dienen, drängte mich zu den ehren-, wenn auch gefahrvollsten Posten und hatte das Glück, das mir Aufgetragene immer unversehrt auszuführen: ich suchte den Tod nicht, aber ich fürchtete ihn auch nicht, deshalb schien ich gegen ihn gefeit und durste alles wagen. Dafür schmückte man mit Ehrenkreuzen meine Brust, unter der in heißem Jammer mein Herz nach Eurer Liebe und Verzeihung lechzte. Was der glühende Wunsch meiner Jünglingsträume geivesen, das Ehrenkleid des Offfzie^, es umhüllt meine sterbenden Glieder, aber alles, alles gebe ich hin für ein verzeihendes Wort aus Eurem Munde. Grollt mir nicht' über das Grab hinaus, sondern gichenkt meiner m der alten Liebe meiner Kindertage und solche Kraft wird diese Liebe haben, daß sie mich noch über den Tod hinaus finden und mir die Erde leicht machen wird. Meine Ehrenkreuze mö-- gen Eilch beweisen, daß Ihr keinem ganz Unwürdigen das Leben geschenkt, nehmt diese und meinen nicht unbedeutenden Besitz als mein letztes Vermächtnis entgegen. Zum ersten Male macht es mir fetzt Freude in dem Gedanken, damit Euren Lebensabend sorglos zu gestalten Mein für die hohe Idee der Vaterlandsliebe verrinnendes Blut hat den Flecken, den törichte Küabenhand ihr zu- gefügt, von meiner Ehre gewaschen, deshalb tilgt ihn auch aus Eurer Erinnerung. Die langen Jahre voll Gram und Kummer uni mich kann ich leider nicht ungeschehen machen, aber mag Euch der Gedanke milder stimmen, daß auch mein Leben freudelos war. Noch ein letztes Mal stehe ich von dei' Schwelle des Grabes aus: „Vergeht und vergebt, dann ivird Gott auch meiner armen Leele gnädig sein." — Nachschrift der Schwester: -,Ter letzte Hauch des Sterbenden war ein Segenswunsch für seine Eltern." T
Erschüttert barg die Mutter ihr Haupt an der Brust des Gatten. Heiß flutete der Schmerz über sie hin und sie wehrte ihm auch nicht. Schluchzen durchbebte ihre Gestalt und rück- lfaltlos flössen ihre Tränen, aber sie waren der Tau des neu aufblühenden Mutterstolzes, dieses Weh schenkte ihr den Sohn wieder. „Der Tapfersten Einer", so hatte ihn sein Hauptmann genannt und mit seinem Blute hals er die Saat beftuchten, aus der dem Baterlande Ruhm und Glanz und der gesicherte Frieden emporblühen sollte.
Sie fühlte wie auch durch die Gestalt des Gatten ein Straffen und Dehnen ging und, mit feuchten Blicken zu ihm ausschauend, schien er ihr gewachsen, so stolz hatte er sich aufgerichtet und seine leuchtenden Augen glichen zwei Sonnen. Ein Atemzug, so abgrundtief, als müßte er eiserne Reifen sprengen, hob seine Brust und stoßweise brach es von seinen Lippen:
„Mutter — unser Junge — unser lieber Junge — nicht verdorben — gestorben ist er als Held — ein Ueberwinder — kein Ueberwundener." Dann kam ein Laut, so seltsam, war's ein schluchzen? war's ein Jubelton? Oder war's beides zugleich?
Lange hielten die Eltern sich wortlos umschlungen und nt dieser stummen Umarmung feierten ihre Herzen die Wiedergeburt ihres Einzigen.
Nun trieb sie eine rührende Geschäftigkeit. Aus den Tiefers des Schreibtisches wurden alle Photograghien ihres Jungen hervor-


