Ausgabe 
31.7.1915
 
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Slebenundfirnszig Perzent!" murmelte er, als er am Morgen die Lampe löschte.

Das alles wollte er auf August Knorreck und das Britzkawer Majorat setzen, wie auf das große Los in einer Lotterie.

Er mußte dann wieder von vorn anfangen, mit dem Schachersack auf dem Rücken herumlaufen, um jeden Groschen feilschen, als ging's ums liebe Leben. Aber er würde in achtzehn Jahren Millionär sein! Und daun brauchte er Geld, viel Geld, denn dann waren alle seine Kinder erwachsen.

Zwei Stunden später war er bei Bartenstein und Levi- sohn. Am Mittag hatte er sich mit ihnen aus drciundfünfzig Perzent geeinigt. So waghalsig war er!

XXVIII.

Als Anfang Dezember der erste Schnee fiel, siedelte Hedwig mit den beiden Kindern ins Herrenhaus über. Ihre Trauer war stumm und tränenlos, und keiner sprach mit ihr von dem, um den sie litt. Sogar Thomas Hauschild war feinfühlig genug, seine Absichten nicht verlautbaren, zu lassen, und versprach August Knorreck, ohne dazu auf­gefordert zu werden, noch ein Jahr in Britzkawe zu bleiben.

Zum Weihnachtssest erschien Hugo, der nach dem Be­gräbnis sofort zu seiner Arbeit zurückgekehrt war. Wieder ließ der Inspektor einen großen Tannenbaum im Herren­hause aufrichten, und alle versammelten sich darum. Auch Moritz Gassel fehlte nicht, spielte auf dem Klavier die alten Weihnachtslieder und kam nicht aus dem Verwundern heran als Hugo danach aufstand und eine Ansprache hielt. Er entwickelte dabei großes Geschick und viel Herzenswärme. Frau Knorreck, die ihren Einzigen schon auf der Kanzel sah, weinte helle Freudenzähren, s>o gerührt wurde sie von seinen trefflichen Worten. Auch August Küorreck stand am Ende da wie ein zerknirschter Sünder. Hedwig aber ver­schwand bald mit den Kindern und kam nicht wieder zum Vorschein.

Am zweiten Feiertage stattete Hugo Küorreck, der Prediatamtskandidat, Moritz Gassel einen Besuch ab. Er traf ihn im Garten, wo er noch einmal die wohlverpackten Bienenvölker revidierte. Dann saßen sie in der angewärm­ten Wohnstube am Tisch. Hugo legte sich nicht wie früher lang ansgestreckt aufs Sofa, sondern nahm aufrecht und sitt­sam ans dem Stuhle Platz. Er lehnte Zigarren und Bier, mit denen Moritz Gassel aufwarten wollte, ab und fragte ihn nach seiner Schularbeit.

Es geht?" meinte Moritz Gassel etwas kleinlaut.Zu­frieden bin ich noch nicht. Mit den Kindern wohl, aber nicht mrt mir. Ich Hab so eine tiefe Ahnung, als wenn ich nicht als Schulmeister sterben würde."

Daniel zwölf, Vers drei!" sprach Hugo mißbilligend. Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz."

Sagen Sie bloß!" platzte Moritz Gassel heraus.Ist das Ihr Ernst, oder machen Sie Scherz? Früher haben Sw nicht so geredet."

^Da ging ich auch in der Irre!" erwiderte Hugo schlicht. - 0 ") habe eine Entwicklung durchgemacht."

Aber eine sehr merkwürdige."

Wieso?" fragte .Hugo unschuldig.

Na!" lächelte Moritz Gassel etwas unsicher.Sie mit dra'n^" 0 andcgen Freiheitsgefühl und Judividualitäts-

Alles ist eitel!" dozierte Hugo mit dem tiefen Ton innerster Ueberzeugung.

Wif'" proteftierte Moritz Gassel, der unverbesserliche

och> habe die Wahrheit dieses Wortes an mir selbst erfahren!"ihr Hugo fort, ohne den Einwurf zu beachten "'w-TV 6 "un. daß ©ott der Herr all das Unglück über mich geschickt hat, um mich auf den rechten Pfad zu bringen und mrch für mein Amt vorzubereiten!" 9

. s^te Moritz Gassel, und sein gesundes Wirkliche

keltsgefühl sträubte sich heftig gegen diese frommen 93e* ''Das ist Ansichtssache. Darüber läßt sich nicht diskutieren. Andere Leute nennen das Zufall"

gibt keinen Zufall!" entschied Hugo bestimmt

Wett ein^Ünllnn." " ^ pet| ' önlirf > en G°tt ist di« ganze

Welt?" sagte Moritz Gassel abweisend.Was aebt

tontmt ,E o?F>°!rf -i au L 2ola "9 e si« nicht nach Britzkawe kommt, geb ich nnch nicht mit ihr ab. Und wenn ich am

Ende bin, dann werde ich froh sein, daß ich mich einmal ganz gehörig ausruhen kann!"

Sie leugnen also auch die Unsterblichkeit der Seele!" ries Hugo sichtlich empört.

Ich weiß nur, daß ich nichts weiß!" meinte Moritz Gasset gelassen.Was ich nicht weiß, darüber kann ich keine Verantwortung übernehmen. Und wenn die Welt kein Un­sinn ist, dann muß das seinen Grund haben, daß wir hier aus der Erde sitzen."

Um uns auf die ewige Seligkeit vorzubereiten."

Mag sein!" lehnte Moritz Gassel ab.Aber vorläufig sitzen wir hier unten und können nichts tun, als den Platz, den wir inne haben, mit allen Kräften auszufülten. Und da sind wir wieder bei dem Begriff Arbeit. Darin liegt die ewige Seligkeit und der Weg zur Vollkommenheit."

^Sie aber!" erwiderte Hugo und wurde persönlich. &ie aber begehen sonach eine Sünde wider den heiligen, Geist, wenn Sie ein Amt weiterverwalten, für das Sie sich nicht eignen."

So arg ist das nicht!" verteidigte sich Moritz Gassel, aber der Schreck jagte ihm das Mut ins Gesicht.Jeden­falls aeb ich mir alle Mühe, und mit der Zeit werd ich mich schon daran gewöhnen."

Bis zum zweiten Januar blieb Hugo in Britzkawe und hatte mit Moritz Gassel noch manchen scharfen Redekampf über das Leben und seine höchsten Güter. Mer keiner ließ sich von dem andern bekehren. Hugo fuhr gläubig nach Halle zurück, um die christliche Heilslehre weiter zu traktieren^ denn er wollte schon im Herbst das Examen bauen. Und Morch Gassel suchte am letzten Ferientage die pädagogischen Lehrbücher hervor und dachte an seine zweite Prüfung, die er zu Pfingsten noch einmal versuchen wollte. Aber er hatte sich dafür ein anderes Seminar ausgesucht.

Am^nächsten Morgen schneite urplötzlich Doktor Schrill m die Schulstube. Obwohl er überzeugt war, daß Moritz Gassel ein miserabler Lehrer tvar, wollte er ihm noch ein­mal Gelegenheit geben, sich von diesem bösen Verdacht zu reinigen. Aber schon bei der dritten religiösen Prüfunqs- frage, die Moritz Gassel stellte, fuhr der Kreisschulinspektor daztmschen, verschüchterte mit seiner Manier die Kinder, daß sie weder den Finger hoben noch den Mund anftaten, nahm dies als Bestätigung seines Verdachtes und schrieb ein Protokoll, in dem man vergeblich nach einem anerkennenden Worte gesucht hätte. Dann schickte er die Kinder hinaus und verlas Moritz Gassel unter vier Augen griindlich irnd durchgreifend die Leviten.

Mit Hilfe seiner Geheimakten hatte er sich über alle Schandtaten, die Moritz Gassel inzwischen auf sich geladen hatte, hinreichend unterrichtet.

Sie haben trotz meines Ausdrücklichen Verbots Spa­ziergänge mit den größeren Mädchen unternommen >Sie haben am sechsten September die Schule versäumt. Sie haben ohne Erlaubnis den Schulgarten vergrößert"

Moritz Gassel verteidigte sich, nicht, verschränkte die Arme über der Brust uiid schaute gelangweilt zum Fenster hinaus. '

Sie verletzen fortwährend die Achtung Ihrem Vor­gesetzten gegenüber. Weshalb antworten Sie nicht?"

Um die Achtung meinem Vorgesetzten gegenüber nicht LU verletzen!" erwiderte Moritz Gassel ruhig und dachte dabei an den Brief des verstorbenen Barons. Dieses Be- sanstigungsmittel war leider hinfällig geworden. Und Dok­tor ^ch^ll hätte sich wohl schwerlich dadurch beruhigen! taffen^ Er war einmal im Innersten von der Untauglich«.

Dassels uberzeugt und mußte, um seiner Pflicht als Rrcisschulinspektor zu genügen, aus Mittel der Abhilfe sinnen. 1 1

So darf das nicht weiter gehen!" entschied er rasch. ,"dcein! Mgte Moritz Gassel und schaute ihn fest an Ich werde mich bei der Königlichen Regierung über Sie beschweren, ^ch werde da oben Ihr unmoralisches Spio- mersystem aufdeckeu. Ich werde den Nachweis führen daß ^e unfähig sind, den Stand einer Schulklasse aufzuneh^ men!< _(Fortsetzung folgt.)

Der Einzige.

Von F. S. (Schluß.)

* verstrichen. Tie Eltern waren einsame,

chene Menschen geworden, deren Tage einairder freudlos die Häiwe reichten, graue Gaste, die wie Schatten vorüberzogen. Vorzeitiger