Ausgabe 
29.7.1915
 
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Zwecken verarbeitet. Jetzt würbe aber die Regierung munter. Sckwn Präsident Taft richtete aus die Daubenbrenner seine wohl­wollende Aufmerksamkeit und das Ergebnis,einer amtlichen Unter­suchung war, daß man auch ihren Branntwein mit der allgemeinen Abgabe von 1,10 Dollars für die Gallone belegte. Das war ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Daubenmillionäre setzten Hölle tund Himmel in Bewegung, um sich der rötlichen Schlinge zu ent­ziehen. Sie erhoben Einspruch, wiesen auf den drohenden Ruin die­ser ganzen jungen Industrie hin, sickerten sich die besten Sach­walter und erhoben, als schließlich kein anderes Mittel fruchten wollte, beim Bezirksgerichte in Chikago Klage gegen den gegen­wärtigen Sekretär im Finanzministerium, William Mc Adoo, den ^-chivregersohn den Präsidenten Wilson, als den Urheber der Besteuerung. Der Hauptgrund, den die Daubenleute für ihre Sache beibrachten, »var, daß die Steuer für den von ihnen gewonnenen Branntwein schon einmal, nämlich von den früheren Brennern, bezahlt worden sei. Nun hat Richter Landis soeben das Schluß- urteil verkündet: es lautet im Sinne der Regierung die Steuer von dem Daubenbranntwein muß bezahlt werden. Damit hat dieser Industrie die Grabglocke geläutet. Sie hat es nur auf ein Alter von 10 bis 12 Jahren gebracht, aber in dieser kurzen Zeit eine Menge Menschen zu reichen Leuten gemacht.

* Ein Idyll der Wüste. Nur wenige Orte gibt e§ beute in der weilen Welt, die vom Lärm des Krieges oder wenigstens von den Kampsberichten nichts wissen und ihre friedliche Unberührt­heit in jeder Beziehung völlig unverändert zu bewahren vermochten. Eines dieser seltenen Idylle, die vergessenen Inseln Im Treiben des Weltkrieges gleichen, liegt ln der Sahara in Gestalt einer uralten Klostersestung aus der Zeit der Byzantiner. Der äg»)ptische Sonder­berichterstatter derTimes" schildert einen Besuch des Klosters von Nitria, dessen Bewohnern der Weltkrieg selbst jetzt noch ein Be­griff ohne Inhalt, ein Schall ohne Bedeutung ist:Ein rätsel­haftes, gleich einer Ruine verlassenes Gebäude erhebt sich in der Wüste, mit ungeheuren rauhen, geflickten Mauern eine recht- winkelige Festung. Das Tor ist schmal und sorgfältig verschlossen. Ein Klingelzug hängt über die Blauer herab. Ich'ziehe an der Schnur eine lange Stille, und endlich öffnet ein barfüßiger Mönch mit Mühe die mehrfach verriegelte Tür. Ich weise ein Einvsehlungsschreiben des Patriarchen vor und werde eingelassen. Die Mönche begrüßen mich voll Freude. Ein Novize wäscht meine Hände, ein anderer bringt mir ein Glas mit rosenrotem Zucker- waffer. dann wird süßer Kaffee herumgeceicht. Ter Abt, ein gut aussehender Manu mit offenem Gesicht und schwarzem Bart, ist freundlich und redselig. Das Kloster birgt nur 18 Mönche und mit den jcrftrent wohnenden Eremiten leben im ganzen 150 dieser heiligen Mariner in dem weiten Wüsieureiche. Im vierten Jahr­hundert gab eS hier über 100 Kloster und mehr als 7000 Mönche und Nonnen. Tie seltsamsten Eremiten lebten hier Männer, die jahrelang betend ans hohen Säulen knieten. Frauen, die sich ans Kreuz banden, Heilige, die die Tiere der Wildnis zähmten. Es wurde ein vornehmer Brauch, sich noch Nitria zurückzuziehen und der Welt zu entsagen. Au» den Höhlen und Zellen der Heiligen wurden Klöster, Gold und Silber wurden in die geweihten Bauten gebracht. Hier entstand eine eigene Kunst, berühmte Künstler mallen die Mauern. Alle diese Tempel der Wüste waren mit byzantinischen Fresken bedeckt. Aber dann kanten die Sarazenen: sie mordeten die Priester, schleppten die Schätze fort, vernichteten die Altäre und zerstörten die Mauern. Biele Jahre später siedelte ein neue» Geschlecht meist zum Ehristentum übcrgctretene Araber sich wieder hier au. Sie bauten neu aus der Verwüstung auf nud errichteten ringsum befestigte Mauern mit hohen Zugbrücken. Und diese Festung ist geblieben ... bis -um heutigen Tag.Mo­unt beschäftigen Sie sich den ganzen Tag?* fragte ich den Abt. »Wir deten, lesen und singen/ antwortete er.Was ist Ihre Meinung über den Krieg?-Der Krieg berührt uns nicht. Möge man kommen und uns töten, da» ist einerlei. Aber wir beten täglich zu Gott, daß er ein Ende mache . . ."Was »vollen Sie tun, ivenn Arabertruppen kommen?" .Wenn sie auf uns schießen,

,verden wir ihnen Brot hinabwerfen. Das ,vtrd unsere Antwort sein. .Erhalten Sie oft Besuch?'Sehr selten."Ko,um« auch russische Pilger hierher?'Ja. auch Russen beten h er.' Sind Sie damit zufrieden, hier draußen in der Sahara zu leben während die gewaltigsten Ereignisse die Welt erschüttern? In England sind wir so beschäftigt, daß es für jedermann unmöglich tst, tn eine Stille ivie diele zu eutfommett, selbst wenn mau es noch so gerne wollte." Der Abt antwortete:Der eine sucht Geld, das ist sein Weg; der andere tut seine Pflicht und sät und pflügt. Aber, so meine ich: es ist Raum genug für jedermann in dieser Welt . . .*

r * 55 ® \ Korsett als Ba ngu t. Ter größte Korsett- Händler Hollands stößt in dem bekannten FachblaitDer Kon­fektionär" einen ergreifenden Klageruf darüber all», wie schwer eS ihm wcrde, jenen angeblich unentbehrlichen Teil der weiblichen Kletdung und Schönheit au» dein gelobten Korsettlande zu beziehen.

«umfuhr von Korsetten an» Frankreich nach neutralen Ländern ,U nämlich - man höre und staune! verboten. Sie wird nur m dem Falle bewilligt, wenn die Ware für den niederländischen Einstihrtrust bestimmt ist. Das Korsett wird also als Banngut bc* handelt, an dessen Bezug die Deutschen verhindert werden müssen.

Vielleicht haben die Franzosen auch nicht einmal so unrecht, denn dem Verlauten nach haben die französischen Korsetts schon tn manchen Fällen als Sprengstoff gewirkt. Was den Humor dieser ganzen Sache vervollständigt, ist der Umstand, daß die deutschen Korsetierzeuger ihre Reisenden nach wie vor fleißig nach Holland schicke«», und daß der erwähnte Korsetthändler, der bisher iu»mer nuS Frankreich bezog, sich jetzt »vohl lieber a»> die deutsche Ware halten »vird, die er ohne die Umstände erhalten kann, die die klugen Franzosen mit den» Bezüge ihrer Korsetts zu verbinden für nötig gehalten haben.

.. * Amerikanischer Humor. TaS Schiff der Arbste. »Johnny", sagte der Lehrer,was ist ein Dromedar?' Ern Ka,»»el mit z»vei Masten." (Ehristian Register.) Ein langes Leben. Ter berühmte Dichter Walter Scott »ourde a»»f einer Wanderung durch Irland von einer Bettlerin an­gesprochen. Da er ii» der Tasche feine kleinere Münze als einen Schnling fand, gab er diesen der Frau mit den Worten:Wenn ~J C mich »vieder treffen, »verden Sie »nir herausgeben."Das »vill rch tun, Herr," erwiderte die Bettlerin,und Gott schenke Ihne»» ern langes Leben bis dahin!" (Los Angeles Times.) Seine , J ö U e r * schottischerHochländer" hatte während de» Ge­fechts das Pech, daß ihn» der Kops fortgeschossen wurde. Ein Kamerad teilte dies einem anderen Hochländer mit, der ängstlich fragte:Wo ist der Kopf? Er hatte gerade meine Pfeife ge­raucht l" (Tit-BitS.)

Süchertisch.

~ »Der BLlkerkrieg." Als im November und Dezeinber die täglichen Berichte au» den» Hauptquartier in ihrer gcdr»mgeuen, scharf umrissenen Form die Käiiipse in Po lei» skizzierten, da wuß­ten nnr ivohl, daß eine der großer» Enlscheidilnge»» des Weltkriegs sich m gewaltigen Ereignisse»» vollzog. Wer aber heute die Hekte 32 und 33 der wohlbekannte»» VeröffentlichungDer Völkerkrieg" (Verlag Julius Hoffman»» tn Stuttgart) zur Haud nimmt und dar- tn jene reichen und verwickelte»» Vorgänge, nach ihren Grundlinie»» angeordnet, in ihren Uebergängen und Rückwirkungen deutlich ge­macht, überblickt: auf de»» »virken sie wie ein gesetzn»äßig geba»»tes, gegliedertes Drama, worin riesige Kräfte in Wirkung und Gegen­wirkung sich entlade»» und den Zuschauer mit mwergleichlicher Wr»cht erschüttern. Zuerst die r»»ssische>» Millione»»lieere aus ihren» breite»» Anmarsch geger» Deutschland, bann der weit schwächere Verteidiger, der »n klug berechnetem und kühn durchgeführte,»» Angriff de,» Riesen zu werfen e»»lsch!offen ist: »»»»Versehens stürzt er sich ihm ii» die Flanke, umfaßt ihr» mit flinken» Arm bei Lodz, entwindet sich der gefähr­liche»» feindlichen 1ln»klan»n»er»»»»g in eine»»» Durchbruch von bei* 'p'^oser Kühnheit und setzt den» Gegner zu, bis dieser, ermattet und zerschlagen, nn Vorfeld von Warschau einen letzten Halt gewinnt. Packende Einzelschildernngen der Kämpfe bei Lodz, Loivicz, an der . ä"^a und der Rawka und bei Hu»»»ir» führe»» »n»s mitten hinein tn d»e Wirklichkeit des Kriegs, in seine wechselvollen Ereignisse und grellen Stimmungen. Wie ein sva»»nendes Abe,»teuer liest sich die Schilderung de» D»»rchbruchs bei Brzezmy: aber das gute Gelingen ergötzt nicht nur, es erhebt »ins innerlich als ein Sieg des Krall» bewußtsein» und der li>»beugsa,ne»» Euischosseuheit über die tückischen Machte deS Mißgeschicks. In Heft 33 fesseln besonders die Augen- blicksbilder aus den» bedrohten Warscha»», »"-der de»»» der Scharten des Schicksals Rußlands liegt, und eine sehr eingehende Schilderung der Schlacht be» Liinanowa, die für i,unter z»l den ersten Rnhmes- talen des österreichischen Heeres zähle»» »vird. Es folgt noch die chronologische Uebersicht über die Kämpfe in Galiziei» und in den Karpathen bis Ende Februar.

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Auflösung in nächster Nummer.

Aiiflösltng des Städterälsels ii» voriger Nummer! «ildapest Kreuznach -- Wien Arnsberg Jfetlohn Wiesbsden FraulftRrt: Breslau.

Schrtstleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn UniversitälS-Duch- und Ct-indruckcrci.

R. Lange, Gießen