Ausgabe 
29.7.1915
 
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Der Einzige.

Bon F. S.

Bon vier Geschwistern das einzige überlebende Kind, war der schlanke, braunlockiae Knabe mit den leuchtenden Blauaugen, die so sieghaft in die Welt hineinblitzten, das Glück und die Freude seiner Eltern. Seine sprudelnde Lebensfreude und sein kluges, ge­wecktes Wesen machten ihn zum Liebling der Lehrer, trotzdem' er cs mit den Pflichten der Schule gegenüber nicht sonderlich genau nahm. Ten Kameraden war er der vielbegehrte Freund, besonders die schwachen schätzten in «ihm den ritterlichen Beschützer und allezeit liebenswürdigen Helfer. Von allen geliebt und verwöhnt, weckte aber die unbekümmerte Sorglosigkeit seines Taseins in ihm die Neigung zu bedenklichem Leichtsinn. Tazu kam noch der Hang zu einer Ungebundenheit, die jede wilde, tolle Laune sofort in die Tat umsetzte. , .

Ter Vater, ein höherer Beamter von straffer Disziplin und ausgeprägtestem Pflichtbewusttsein, steuerte diesen elementarer! Trieben energisch entgegen, aber verkehrte mütterliche Zärtlichkeit suchte die Strenge abzuschwächen und tröstete sich damit, daß der reifende Verstand auch die ernstere Lebensauffassung mit sich brin- en werde. Ms die leichtsinnigen Streiche des Heranwachsenden ed^ohliche Formen annahmen, die die strengsten Maßnahmen forderten, glaubte der Jüngling, mit den falschen Ehrbegriffen dev Heranwachsenden Flegeljahre, in jammernder Reue und Geständ­nissen Feigheit zu erblicken und verbohrte sich in eine verstockte Heimlichkeit. Mler Trotz vernwchte ihn freilich nur ftir Stunden über das Bewußtsein hinwegzutragen, daß er unrecht handelte, tausendfach unrecht, an den ahnungslosen Eltern und nicht zu­letzt Mi sich selbst, und doch fand er nicht die Kfraft, seinen ver­derblichen Neigungen Zügel anzulegen. Ms Organisator einer ver­botenen Schülerverbindung, die in ihrem abenteuerlichen Aufbau verzweifelt einer besseren Räuberbande glich, drohte ihm bei der Entdeckung sogar die Relegation, und nur dem ganzen Einfluß seines sozial hochstehenden Vaters hatte er es zu verdanken, daß er auf der Schule bleiben durfte. Tie Folge dieses Ereignisses war eine unnachsichtige Strenge, die oft nicht frei von ungerechten Härten war und zu schweren Konflikten zwischen Vater und Sohn führte. So begrüßten denn alle Beteiligten das Maturum als eine Er­lösung, da mit der Berufswahl der schwer zu Lenkende unter an­dere Disziplin kam.

Seine nicht unbedeutenden Fähigkeiten wiesen auf den Weg des Studiums, aber ihn schüttelte ein Grauen bei deni Gedanken, sich jahrelang hinter Büchern vergraben zu sollen, während da draußen das blühende, lachende Leben lockte und winkte. "Tas Studentenleben hätte ihm in seinen Auswüclsten schon zugesagt, wenn nicht dahinter die Examina mit ihrer Fülle an ernster Arbeit gedroht.

Dem leidenschaftlichen Wunsche, Offizier zu werden, setzte der Vater ein entschiedenes Veto entgegen, denn er sah im Geiste die Konftikte voraus, die dem Disziplinlosen in diesem Berufe drohten. Auch begriff er nicht, was den Jüngling daran reizen konnte, den Friedenssoldaten zu spielen, jahraus, jahrein Rekruten_ zu drillen und nach fingierten Feinden mit Platzpatronen zu schießen. Er glaubte daher dem eigentlichen Grurche für diese Wahl am nächsten zu kommen, wenn er sie in den glänzenden Neußerlich- keiten dieses bevorzugten Standes suchte.

So kam denn eigentlich nur noch der Handelsstand in Frage, aber lachend wehrte der Uebermütige diese Zumutung ab, schalt die Vertreter dieses StandesHeringsbändiger" undKaffee­barone", indes der Vater in der Arbeit des Großkaufmanns etwas Stolzes, Interessantes sah und die mächtigen Handelsherren in ihrer souveränen Unabhängigkeit den Fürsten gleichstellte. Seine begeisterten Schilderungen von den ausgedehnten übereeischen Be­ziehungen solch großer Handelshäuser mit ihren mannigfaltigen Betrieben sprachen schließlich die Abenteuerlust des Schwankenden an und er gab nach, freilich unter dem innern Vorbehalt, nach Be­endigung seiner Lehrzeit seiner Militärpflicht zu genügen und dann dem Vater dennoch die Einwilligung filr die militärische Laufbahn a^uringen.

Er kam nun in ein großes Handelshaus an einem bedeutenden Hafenplat; in die Lehre. Das neue Leben, das sich ihm erschloß, nahm sein Interesse gefangen und seine Briefe an die glücklichen Eltern atmeten Freude und Zufriedenheit mit seinem Berufe. Es war ausgemacht worden, daß er während seiner Lehrzeit nicht in seine Vaterstadt zurückkehren sollte, um ihn den alten Einflüssen fern zu halten. Das schien sich als richtig zu erweisen und schon glaubten die Eltern ihn über den Berg, als das Ende seiner Aus­bildungszeit herankam. Seine Berichte lourden knapper, fahriger, sprachen von vielen! Nebensächlichen und wenig von seinem eigentlichen Lebenszwecke und endigten meist mit der dringenden Bitte um Geld. Obgleich befremdet und beunruhigt, willfahrten ihm die Eltern anfänglich, als aber die Forderungen immer dring­licher und größer wurden, verlangten sie Rechenschaft über diese großen Mehrausgaben.

Dann kam ein schwarzer, düsterer Unglückstag. der mit schar­fen Schwerthieben unbarmherzig das Leben zwischen Eltern und Sohn ailseinanderschlug.

Bleich, mit schlotternden Gliedern kam der Unerwartete ins Elternhaus zurück mit dem vernichtenden Geständnisse, daß er in schlechte Gesellschaft geraten und von dieser verführt, sich an der

ihm anvertrauten Portokasse vergriffen habe. Ws nach der Ent­deckung der Veruntreuung drohend die geöffneten Gefängnispforten nach ihm gähnten, suchte er sein Heil in der Flucht nach Haufe. Mit angstgeweiteten Augen, von Entsetzen halb gelähmt, starrten die Eltern den völlig Gebrochenen wie einen Fremden, nicht zu ihnen Gehörenden an, so unfaßbar lvar ihnen der Schimpf, den er ihnen angetan. In seinem Lebensmark getrosten, eilte der Vater an den Ort des Verbrechens, um das Schlimmste von seinem Hause abzuwehren. Wieder gelang es seinem Einflüsse, den Schuldigen der gerechten Strafe zu entziehen. Mit einer für den wenig Be­güterten empfindlich hohen, freiwillig gespendeten Summe für Wohlfahrtszwecke dankte er für das Entgegenkommen. Daß er aber sein stolz getragenes Haupt in Tenmt und Scham zu der Bitte um Schonung seines hochanaesehenen, makellosen Namens hatte beugen müssen, gab ihm die Kraft zu einem einschneidenden Entschlüsse.

Mit einem großen Teile seines Vermögens gab er den: Ent­gleisten Mittel und Wege an die Hand, sich in Amerika ein neues Leben zu begründen.

Versuche." so sprach er mit vor Gram und Erregung brüchiger Stimme,dir drüben auf den Trümmern deiner (§hre ein neues Dasein aufzubauen. Den Weg, den geduldige Liebe und Fürsorge dir geebnet, hat dein bodenloser Leichtsinn, der selbst vor dem Ver­brechen nicht Halt machte, dir verrammelt, nun mag das Schick­sal dir die Richtung geben. Hüte dich aber, so fuhr er mit er­hobener Stimme fort, den makellos ererbten, von dir so schmählich geschändeten Namen noch weiter zu verunglimpfen. Ich fluche dir nicht, aber das Tischtuch zwischen uns ist zerschnitten."

Wie vom Blitze gefällt stürzte der bitter Bereuende zu den Füßen der Eltern nieder:

Erbarmen," flehte er,Vater vergib"

Donnernd unterbrach ihn der Empörte:

.schweig Unseliger, ein Verbrecher darf mich nicht Vater nen­nen ich habe keinen Sohn mehr geh."

Hoch aufgereckt deutete er gebietend auf die Tür. Wie auch die Gattin ihn mit tödlicher Angst umklammerte und für den Sohn flehte, er blieb unerbittlich.

Taumelnd, mit entgeisterten! Antlitz erhob sich der Gerichtete, mit einenr letzten, unsäglich wehen Blicke umschloß er noch ein­mal die Gestalten der geliebten Eltern, dann wankte er über die Schwelle des Elternhauses, das seine Pforten für immer hinter ihm schloß.

Ob auch das jammernde Mutterherz sich au der eisernen Energie des Gatten wund rieb, er blieb taub für ihr Flehen, und die schneidende Härte, mit der er sie zurückwies, ließ sie instinktiv einen Seelenschmerz ahnen, an dessen Größe sie mit keinem Hauch mehr zu rühren wagte.

(Schluß folgt.)

Vermischtes.

* Ter Branntwein in der Daube.Ter Branntwein in der Daube: ein Roman aus dem modernen amerikanischen Geschäftsleben": so könnte man etwa die Geschichte der Angelegen­heit betiteln, die jetzt durch einen Rechtsspruch zum Abschlüsse ge­kommen ist: und es gehört keine außergewöhnliche Phantasie dazu, um einen Roman nach Jules Verneschem Muster daraus zu machen. Die Geschichte ist folgeirde: Irgendwann und irgenowo la.n i. oen Vereinigten Staaten ein anstelliger Kops auf den Gedanken, aus den Fässern, in denen Branntwein aufbewahrt worden war, den von den Dauben eingesogenen Brauutivein herauszuziehen. Das Geschäft begann im allerkleinsten Maßstabe. aber beinahe über Nacht erwies es sich als eine wahre GoldgueÜe, deren Erttäge die wildesten Träume der Begründer des Unternehmens übertrafen. Alle Teilhaber wurden in unglaublich kurzer Zeit zu reichen Leu­ten. Der Grund dieses Riesenaufsclnvuuges lag in der Tatsack)e. daß die Regierung sich um dieses lumpige Geschäftchen anfangs nicht weiter bekümmert und verabsäumt hatte, von dem auf diese Weise gewonnenen Branntwein die sonst allgemein giUlige Steuer von 1,10 Dollars für die Gallone zu erheben. Die Brenner des Daubenbranntweins hatten also völlig freie Hand. Sie gründeten Gesellschaften, ersannen neue Verfahren und bauten Patentmaschi- nen, die die EKwinnung des Branntweins Mis dem 'Daubenholze möglichst gründlich und zweckmäßig besorgten. In Chikago, Phila­delphia, New Orleans und anderen Städten entstanden Gesell­schaften. die im ganzen über ein Kapital von mehr als 1 Mil­lion Dollars verfügten. In Ehikago hatte die Gesellsck>aft große Fabriken und beschäftigte viele Menschen. Ein Dampf- und Kvn- densierungsverfahren wurde benutzt, um den Branntwein aus dem Holze zu gewinnen. Die einzige Schwierigkeit bei diesem fei­nen Geschäfte war die Besck>afsung einer hinlänglichen Menge von Daubenhölzern. Ein sck>arser Wettben>erb um Tonnen entstand, die alsbald im Preise stiegen. Trockene Tonnen gingen auf 50 Cents hinauf, aber eine gut vollgesogene Tonne war nicht mehr unter 80 Cents oder einem Dollar zu haben. Dennoch lohnte sich die Sache: konnte man doch aus jeder Tonne 1 bis 2 Gallonen, Branntwein gewinnen! In Chikaao wurde die durchschnittliche Mouatsansbeute auf 4000 bis 6000 Gallonen Branntn>ein ge schätzt. Der so gewonnene Branntwein wurde übrigens nicht als .Trinkbranntwein verkauft, sondern zu Korn oder zu medizinischen