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Telfccrg konnte sich dagegen nicht mehr wehren. Alles stand schweigend und regungslos und hörte auf die trostreichen Worte des Geistlichen, der die hohen Eigenschaften des Verblichenen pries und die Schwächen milde verschwieg, ßu dein engen Raume war alles schwarz bis ans die weißen Schleifen der Kränze und die grüne Uniform des Försters. Ter stand neben August Knorreck, und die Tränen rollten ihm in den grauen Bart. Der Inspektor war ans härterem Holtz und lämpste siegreich gegen die Schwäche, die ihn zu übermannen drohte. Die beiden Türen standen weit offen, denn draußen hatten sich die Tienstleute und die Dorfbewohner versammelt. Auch Sebaldus Pohl war da. Er stand arn linken Türflügel und machte sein altes, verkniffenes Gesicht. Doktor Bielschowsky hatte im letzten Augenblick absagen lassen, weil er nicht abkommen konnte, ebenso waren Bartenstein und Levisohn nicht erschienen. Dafür aber hielt dicht neben Moritz Gassel der alte Abraham im schwarzen, abgeschabten Rocke den altmodischen Zplinderhut in der Hand. Christian Renjchel aber stand draußen vor der Parkpforte und wagte sich nicht herein.
Als die Motette verklungen war, stimmten die Kinder den Choral: Jesus, meine Zuversicht an. Ter Prediger warf drei Hände voll Erde auf den Sarg und trat zurück. Tann ging er zu August Knorreck, der die beiden Kinder leinen Augenbuck von der Hand gelassen hatte, und gab ihnen ein paar tröstende Worte. Ccicilie verstand ihn und weinte hastiger, doch der kleine Günther, der das ernste Schauspiel nicht begriffen hatte, schaute den schwarzen Mann mit großen, verwunderten Augen an und drängte sich furchtsam an seinen Beschützer.
Alle die Grafen und Barone der Nachbarschaft taten wie der Pastor getan hatte, warfen drei Hände voll Erde aus den Sarg und drückten den beiden Kindern die Händchen. Die Gräfinnen und die Baroninnen, die weniger zahlreich waren, küßten die beiden Kinder auf Stirn
und Wangen. August Knorreck rührte sich nicht, duldete es und dankte im Namen der Kleinen. Schon begannen die Dicustleute und die Bauern in daZ klei. e Erbbegräbnis hereinzudrängen, um ihrem Herrn Baron den letzten Abschied zu geben, da erkannte Karl Rupperl die verwitwete Freifrau von Winkelberg, die sich bis jetzt im Hintergründe gehalten hatte, und er dachlp sofort an das Testament. Er wußte die Worte nicht mehr genau, aber den Sinn halle er um so treuer ersaßt. Schon wollte er sich zu August Knorreck wenden, um es ihm ins Ohr zu flüstern, was Fritz von Winkelberg über über seine Stiefmutter bestimmt hatte, da war es schon zu spät. Sie rauschte seidenknilternd heran und steuerte graden Wegs auf die Kinder zu.
Da wußte sich der Förster keinen anderen Rat und stellte firf) mit seiner hohen, wuchtigen Figur schützend vor die Kleinen.
Die Baronin hielt an und wollte ihn mit einem ihrer Blicke zerschmettern.
Doch Karl Rupperl wich nicht von der Stelle. Er war ein rauher Naturmensch und wußte nichts von den feineren Umgangsformen. Anglist Knorreck hätte die Sache ohne Aufsehen aus der Welt geschafft, wenn er darum gewußt hätte.
„Gehen Sie mir aus dem Wege!" zischte die Baronin.
„Nein!" polterte Karl Ruppert los und trat noch einen Schritt nach vorn. „Das ist gegen das Testament. Der Herr Baron hat befohlen, daß Sie nicht mit den Kindern zusam-- menkommen dürfen!"
„Das ist ja empörend!" rief sie entrüstet. „Meine Enkelkinder!"
„Das ist mir gleich!" stieß der Förster heraus und bekam vor Wut einen roten Kops. „Sic dürfen sich hier auf dem Gute überhaupt nicht sehen lassen. So steht's im Testament!"
„Nun!" zischte sie, wütend, indem sie ihre Schleppe raffte. „Wir werden ja sehen!"
Dann rauschte sie stolz hinaus.
„Ist das wahr?" fragte August Knorreck und ließ die Kinder von Hedwig und seiner Frau sortbringen.
Moritz Gassel, der den Auftritt init angesehen hatte, bestätigte es.
„Ich kann's beschwören!" ries der Förster laut, daß es von der gewölbten Decke des Mausoleums dumpf und schwer widerhallte, wie eine Stimme ans einer andern Welt.
Am nächsten Morgen schickte August Knorreck die beiden Sämaschinen auf die Felder, um die Wintersaat in die Erde zu bringen. Ter alte Abraham Ijalf mit Bargeld aus,
denn mm begann ein neues Kvnto. Acht Tage später kam es zur Verhandlung wegen der Erbschaft. Das Testameitt wurde verlesen, und von keiner Seite angefochten. Augusk. Knorreck wurde Vormund und Gntsverwalter. Einer der adeligen Nachbarn übernahm die Gegenvormundschast. Die Klage, die Bartcnstein und Levisohn wegen des Inventars angestrengt hatten, wurde in zwei Instanzen kostenpflichtig abgewiesen. Nur der persönliche Besitz des Verstorbenen und die Vorräte wurden ifjncn zugesprochen. Das war sehr wenig. Der alte Abraham zahlte es ihnen aus.
Voller Verzweiflung lamen sie noch, einmal nach Britz- kawe, um mit August Knorreck Rücksprache zu nehmen. Sic hatten sich schon beruhigt, rangen nicht mehr die .Hände und schrien nicht verzweifelt, sondern blieben auf dem Boden der Möglichkeit und suchten zu retten, was noch zu retten war.
Sie trafen den Inspektor nicht zu Hause und warteten bei Franz Wiegelt aus ihn. Da fand sie der alte Abraham und sprach ihnen sein Bedauern aus. Doch sie wollten nichts von ihm wissen.
„Hinterher tann jeder klug reden!" seufzte der gute Bartenstein, der in den letzten Wochen viel von seinem Phlegma und seiner Wohlbeleibtheit verloren hatte.
„Was wollen Sie eigentlich von uns!" schnauzte ihn der lebhafte Levisohn an, der an Schilankheit und Nervosität zugenommen hatte.
„Ich hält ein Plänchen!" meinte der alte Abraham listig.
„Lassen Sie uns in Frieden mit Ihren Plänchen!" schrie ihn der wilde Levisohn an. „Sie haben uns damals in die Patsche reingeritten. Wenn Sie uns nicht ungelogen Phätten mit dem Goi aus Krotoschin, säßen wir jetzt nicht drin."
„Sie täuschen sich Herr Levisohn!" erwiderte der alte Abraham. „Sie täuschen sich schwer. Aber ich hat ein Planchen, ein gutes Plänchen. Wenn Sie wollen, reit ich Sie wieder raus!"
„Wir werden nicht wollen?" sprach der gute Bartenstein, der noch einige Hoffnung hatte.
„Schön!" lächelte der alte Abraham. „Bleiben Sie hier, ich tomin im Augenblick wieder."
Damit stob er schnell zur Tür hinaus, schob sich durch die kleine Parktür und pirschte sich ans Inspektorhaus. August Knorreeck kam grade vom Felde und hieß den alten Abrak/am näher treten.
„Lie werden doch pleite machen, der Bartenstein und der Levisohn."
„Soll mir leid tun!" erwiderte der Inspektor.
„Sie könnend eben nicht aushalten achtzehn Jahre!" meinte der alte Abraham und zwinkerte verschmitzt mit den Aeuglein. „Und dann ist's ja noch die große Frage, ob der junge Baron zahlt."
„Gar nichts ist die Frage!" wies ihn der Jnspettov zurück.
„Wieso?" lächelte der alte Abrahanl schlau. „So ein Satz im Testament ist doch kein Wechselchen, das man ein- llagen kann?"
„Die Schrift ist so gut lvie ein Wechsel!" ries August Knorreck fest. „Dafür will ich sorgen!"
„Und wenn Sie nun sterben, Herr Knorreck?"
„Da wird ein anderer da sein, der den jungen Herrn Baron an seine erste Pflicht mahnt."
„Und wenn er's trotzdem nicht tut?"
„Er wird's tun!" sprach August Knorreck, im Innersten überzeugt. „Das steht so fest wie das Evangelium. Unter den Herren von Winkelberg war noch niemals ein Lump."
„ Das ist ein Wort!" rief der alte Abraham und stand ans. „Geben Sie mir darauf die .Hand. Ich werd Sie in achtzehn Jahren daran erinnern."
Und August Knorreck schlug ohne Besinnen ein.
In diesem Augenblick sah der alte Abraham die beiden Sulitscher Großtaufleute über den Hof tommen und drückte sich durch die Hintertür. Er hakte im Dorf noch ein paar kleine Geschäftchen abzuwickeln. Unterdessen schmiedete er weiter an seinem seinen Plänchen.
(Fortsetzung folgt.)


