Vor seinem Bett standen, die blitzenden Revolver aus ferne Schläfe gerichtet, zwei serbische Soldaten.
„Sind Sie der Oberst Treumann ?" fragte einer der beiden nach einer Pause freundlich. Der Oesterreicher warf einen wütenden Blick auf den Frager und zuckte resigniert die Achseln. „Ja", sagte er endlich in erwachendem Galgenhumor. „Ich bin das Oberst Treumann." Er blickte einen nach dem andern an. „Was verschafft mir die Ehre?"
Der serbische Soldat zwinkerte mit den kleinen Aeuglein und warf einen erwartungsvollen Blick auf seinen Kameraden. Dieser machte einen verhältnismäßig intelligenten Eindruck; auf seinem Mantel prangten die Unteroffizierstressen. „Her Oberst", begann er, indem er die Hand an die Mütze legte, in leidlich gutem Deutsch; „auf ihren Kopf ist von unserer Regierung eine Belohnung von 10 000 Dinaren ausgesetzt. Die wollen wir uns jetzt verdienen. . . . Wollen Sie die Güte haben, aufzustehen und sich anzuziehen." 1
Oberst Treumann rieb sich die Augen und sah die beiden' Serben abwechselnd verdutzt an, die ihn grinsend betrachteten. Instinktiv machte er eine blitzschnelle Bewegung unter das Kopfkissen. ...
„Geben Sie sich keine Mühe", sagte der Unteroffizier mit einem breiten. behaglichen Lachen. „Ihren Revolver werden Sie nicht mehr vorsinden . . . Wollen Sie sich bitte nun ein wenig beeilen."
Achselzuckend erhob sich Oberst Treumann mit ingrimmigem Gesicht. „Ich möchte mich waschen", sagte er verdrießlich. „Ihr habt doch nichts dagegen?"
„Wenn's sein muß . . ." entgegnete der Serbe. Und indem er sich seinem Kameraden zuwandte, setzte er erläuternd hinzu: „Oesterreichische Offiziere waschen sich jeden Tag, mußt Du wissen!"
Das kühle Wasser, das ihm planschend um das erhitzte Gesicht spülte, machte seinen Kopf im Augenblick klar und hell. Eine verfluchte Gesckstchte war das . . . und nirgends ein Ausweg . . . keine Möglichkeit, mit diesen beiden Tölpeln auf irgend eine Weise fertig zu werden Verstohlen schielte er nach der Tür...
„Nein", sagte wie zur Antwort der Serbe grinsend: dieser Herr schien die angenehme Gabe zu besitzen, jeden seiner Gedanken Au erraten. „. . . Flucht ist nicht", fuhr der Serbe freundlich fort. „Unten im Auto sitzt unser Hauptmann und wartet!"
„Zu viel Ehre!" lächelte Oberst Treumann wütend. ^,Gib mir mal meine Hose!" Ein bißchen verblüfft reichte ihm der Serbe das Kleidungsstück vom Bett herüber. Oberst Treumann ließ sich auf den krachenden Holzstuhl niederfallen und zog langsam erst das rechte, dann das linke Bein an. Irgend etwas ging ihm im Kops herum. . . .
„Sagt mal", begann er im gemütlichen Plauderton, indem er den Leibriemen anzog, „ihr habt mir da etwas erzählt von einer Belohnung, die ihr für mich kriegt . . ."
„Jawohl", antwortete der Serbe schmunzelnd. „Zehntausend Dinare, Herr Oberst."
„Und nun sage mal: wer bekommt denn diese 10 000 Dinare?"
„Nun . . . Hauptmann Jsaiwitsch erhält 8000, und jeder von uns kriegt 1000 Dinare." '
„So ... so ... hm ... hm ... gib mir mal die Stiesel . . . Tanke schön!" Er fuhr mit dem linken Fuß in den Schaft hinein. „Weißt Du, eigentlich ist das dock; eine ungerechte Geschichte, wo Ihr die ganze Arbeit habt . . . und die Gefahr . . . und dabei bekommt Ihr jeder nur 1000 . . . und Euer Hauptmann, der unten vergnügt im Auto sitzt, steckt acht Mille ein . . . rvie mm, wenn ich nicht geschlafen hätte? Tann wäret Ihr jetzt zwei tote Männer . . . mein Revolver ist gut!"
Die beiden sahen sich an und nickten. „Oberst recht hat." Der Gemeine zog nachdenklich die Augenbrauen hoch. „Was sollen wir mack-en?" ergänzte der Unteroffizier achselzuckend. „Wir sind arme Soldaten und müssen gehorchen. Ueberdies: 1000 Dinare sind ein ganz schönes Geld für unsereins . . ." Der Oberst biß die Lippen zusammen und sah gedankenvoll auf eine Wanze, die sich beliaglich in der Frühsonne wärmte. Wie vollgesogen und zufrieden das Tier aussah!
„Pssft" machte er plötzlich. „Kinder. .. hört mal zu." In diesem Augenblick wurde krachend die Tür ausgerissen. Die beiden Soldaten standen stramm, und mit funkelnden Augen stand aus der Schwelle ein serbischer Hauptmann. „Was gibt's hier so lange zu tändeln?" fragte er barsch und mißtrauisch, indem er dröhnend die Tür hinter sich zulvarf. „Seit einer halben Stunde warte ich unten im Auto ...!"
„Pardon!" Ter Oesterreicher trat einen Schritt auf den Ankömmling zu und legte die Hand an die Mütze. „Oberst Treu^ mann!"
Der Serbe errötete ein wenig, und indem er die Hacken zu- saminenschlug, sagte er salutierend: „Hauptmann Jsaiwitsch... zu dienen ... Verzeihen Sie meine ungestüme Art — aber ich habe keine Zeit zu verlieren. Darum muß ich um Bestcheunigung bitten !"
„Ich weiß," lächelte der Oberst; „die zehntausend Dinare locken."
Der Serbe zuckte die Achseln und blickte den Oberst erwartungsvoll an.
„Bin ich so recht?" Treumann zog wohlgefällig' den Rock prall.
„Vollkommen!"
Der Oberst stülpte den Tschako auf. „Sagen Sie, Herr Haupttnann... ist es nicht eigentlich ein bißchen wenig... 10 000 Dinare für einen Mann wie mich? . . . Ich z. B., Herr Hauptmann, würde mit Freuden für Sie das Doppelte bezahlen."
Der Serbe lächelte, sichtlich geschmeichelt. „Wie soll ich das verstehen, Herr Oberst?"
„Brennen Sie darauf, Herr Hauptmann, an Ihre Front zurückzukehren?" Ter Serbe sah nachdenklich und ein wenig verblüfft auf seine Stiefelspiheu.
„Brennen ..begann er zögernd, „brennen wäre ein bißcheil zu viel gesagt."
„Hm ... wäre es Ihnen nicht z. B. sympathisch, wenn man Ihnen einen Ruheposten verschaffte? Eine behagliche, sichere Existenz hinter der Front... fern jeder Gefahr... ?"
Der Haupttnann spitzte die Ohren. „Wie meinen Sie das, Herr Oberst?"
„Nun ... in St. Pölten bei Wien haben wir schöne, kleine, elegant eingerichtete Villen für distinguierte Ausländer . .
„Ah . . .!" Ter Serbe trat einen Schritt zurück und sah den Oberst vom Kopf bis zum Fuß an.
,Lieber Freund ... ich weiß, was Sie sagen wollen: Zu einer solchen Villa gehört auch eine anständige Apanage . . .! Mb^r auch dazu könnte ich Ihnen verhelfen . . ."
,Herr Oberst . . . ich . . ."
,^Fch denke mir die Sache ganz einfach: wenn män das Geschäft umgekehrt machte?"
„Herr Oberst . . . wollen Sie mir jetzt auf der Stelle folgen^"
„Sie kriegen für meine Gefangennahme achttausend Dinare . . . wenn ich nun diese Dumme verdoppeln würde . . ."
„Sie, Herr Oberst? . . . Einen Preis auf sich selbst?"
„Unsinn. Auf Sie, Herr Hauptmann!"
„Herr . . . Sie haben mich zum besten . . ."
„Ich denke nicht daran . . . also, kurz und gut: was ich Ihnen da Vorschläge, ist klar und einfach wie der junge Tag, der da draußen dämmert. Ich nehme Sie mit Ihren beiden Soldaten gefangen. Dafür erhalten Sie Sechzehntausend Dinare . . . und leder dieser wackeren Burschen zweitausend."
Ter Hauptmann schüttelte stumm den Kopf und sielte verstohlen auf seine beiden Soldaten. Die standen da mit leuchterrden Augen. „Sie gestatten," begann der Oberst. „Sagt mal, Jungeris, was ist euch lieber: Tausend Dinare und wieder in den Krieg . . . oder zweitausend Dinare und in Gefangenschaft?"
Eine kleine Pause entstand. Dann sagten beide grinsend: „Gefangenschaft!"
„Nun, Herr Hauptmann!" Ter serbische Offizier sah unschlüssig zu Boden, rvie in einem schweren innerlichen Kampf. „Was Sie mir da proponieren, Herr Oberst . . ., das ist nicht mehr und nicht weniger als ... als .. . und überhaupt: wann bekomme ich denn das Geld?"
„Auf der Stelle: Kasse bei Ablieferung," erwiderte der Oberst feierlich. Mit ein paar schnellen Schritten ging der Hauvtmann im Zimmer auf^und ab. Tann schnallte er mit einer raschen Bewegung den Säbel ab, und, indem er ihn dem Oberst übergab, sagte er in dienstlichem Ton:
„Herr Oberst ... ich melde mich hiermit als Gefangener!"
veulsche Zlieger in amerikanischem Lichte.
Im goldenen Buche der deutschen Kriegstaten gebührt unseren Fliegern eine besondere Ehrenseite. Selbst die Feinde haben der Kühnheit der deutschen Flieger ihre Anerkennung nicht versagen können und ein neutraler Berichterstatter, der Amerikaner Edward Lyell Fox widmet ihnen und ihren Taten im „New Bork American" einen großen Aufsatz, der der- Bewunderung voll ist und eipe Reihe von fesselnden Eirrzelzügen über deutsche Flieger und ihre Leistungen mitteilt. . . Wie die ganze Welt, so ist auch der Amerikaner von dem Nmsange und dem Betriebe des deutschen Flugwesens im Kriege ganz überrascht. Vorher habe nian immer nur von den deutschen Zeppelinen gehört; daß Deutsck>- land auch ein paar Flugzeuge habe, das wußte man wohl, aber e§ sei in der Oeffentlichkeit nicht viel davon zu merken gewesen. Aber schon im Dezember 1914 konnte ein deutscher Fliegeroffizier dem Amerikaner mitteilen, daß das deutsche Heer jetzt ül>cr nicht weniger als 1500 Flugzeuge verfüge, eine Zahl, die sich seitdem wohl noch wesentlich erhöht haben dürfte. Als Fox auf diese Mitteilung hin seine Neberraschung nicht verbergen konnte, ging ein Lächeln über die Züge des Offiziers und er sagte: „Wir haben sie nicht gerade alle erst seit Kriegsbeginn gebaut." Ter Amerikaner verstand. Deutschland weiß seine Heeresgeheimnisse zu wahren. Ebenso wie die 42 er Kanonen geheim gehalten wurden, so auch die Stärke des deutsckien Kriegsflugwesens.
Fox hat den deutschen Fliegern und ihren Leistungen besondere Aufmerksamkeit zugewandt mtb die Geschichte von manch einem von ihnen in Erfahrung gebracht. Da ist „Phil Wurst". Phil Wurst ist von Geburt Deutsckwr, von Staatsangehörigkeit aber Amerikaner. Er hatte sich in St. Louis ansässig geinacht und war Flieger geworden. In amerikanischen Fliegertteisen war er lvegcn


