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den Hos nach Hause. Mutter packte sie sofort ins Bett. Doch das Fieber ließ nicht nach. Es stieg fortwährend.
„Der Doktor!" sprach August Mnorrecf tonlos, und wies zu nt Herrenhaus .hinüber. „Er muß bald da sein. Hol ihn!"
Die Mutter verschwand, und der Inspektor setzte sich ans Bet! und wachte.
Als Doktor Bielschowsky nach einer Stunde ankarn, drückte er Fritz von Winkelberg die Augen zu und schrieb den Totenschein.
Er war von diesem plötzlichen Ableben nicht überrascht.
XXVII.
Mit dem Sinken der Sonne verschlimmerte sich Hed- wigs Fieber, bis sie endlich zu phantasieren anfing. Sinnlose, unzusammenhängcndc Silben und Worte stieß sie heraus, zuletzt fand ihre geängstigte Seele einen Punkt, um den sie fortwährend ängstlich flatterte, wie der Nachtfalter um das grelle Licht der Laterne.
„Ich bin schuld!" flüsterte sie hastig, und wiederholte die drei Worte immer und immer wieder. Wohl zwanzigmal, ohne Pause und ohne Betonung drängten sie sich über ihre blassen Lippen.
August Knorreck erhob sich und beugte sich über sie. Wieder schwamm ihm vor den Blicken der Schleier. Zweimal mußte er sich über die Augen wischen, ehe er wieder deutlich sehen konnte.
„Hede!" sprach er leise und streichelte ihr die blassen Wangen. „Hede, sei still. Ich bin schuld, ich ganz allein. Ich hätte nicht nachgeben sollen. Ich bin schuld."
Und wieder verdichtete sich der Schleier vor seinen Augen zur grauen Wolke.
„Ich bin schuld!" stöhnte er aus. „Ich hätte dich nicht nach Hause rufen sollen. Sei ruhig, .Hede! Ich nehm alles auf mich. Du kannst ja nichts dafür."
Doktor Bielschowsky, der hereingetreten war, halte die letzten Worte gehört, kam näher und stieß ihn beiseite.
„Was reden Sie da für Unsinn!" wies er ihn zurecht. „Sie wissen ganz genau, wo der Schuldige sitzt. Ter Baron hätte das neue Jahr doch nicht mehr gesehen!"
„Sie sind ein Mensch!" preßte sich der Inspektor durch die Kehle. „Sie sind ein Mensch/ und können sich täuschen!"
„Sie auch!" meinte der Arzt mit Gleichmut, schob ihn zur Tür hinaus und wandte sich zu Hedwig. Er beruhigte sie mit einer Dosis Opium, und sie schlief sofort ein.
„Es hat nichts weiter auf sich!" tröstete er die Mutter. „Morgen hat sie's überwunden."
Dann empfahl er sich, versprach am Begräbnistage wieder vorzusehen und fuhr mit seiner Kutsche aus die rote Sonnenglut zu, die am westlichen Himmel hinter dem Walde aufflammte.
August Knorreck aber lief über die Felder. Stundenlang war er unterwegs, und mit dem sinkenden Lichte des Tages verschwand für immer die böse graue Wolke vor seinen Augen. Als er kurz vor Mitternacht auf der Schwedenschanze stand, hatte er sich selbst wiedergefunden.
Und er schritt fest und aufrecht heimwärts.
Als Hedwig am nächsten Morgen erwachte, erschien ihr alles wie ein böser Traum. Sie wollte aufstehen, aber bin Mutter litt es nicht. Sie hielt auch die Kinder von ihr fern.
August Knorreck schickte Thomas Hauschild nach Zdu- rotschin, um beti Sarg zu bestellen und die Begräbnisanzeigen zu holen. Tann ging er zu Hedwig, die fassungslos vor sich hinstarrte, nahm ihre Hand und sprach ihr Mut ein. Unter seinen festen, sicheren Worten beruhigte sie sich allmählich. -
„Soll ich Hugo ein Telegramm schicken?" fragte er, als er auf stand.
Da nickte sie stumm und schloß die Augen.
Im Dorf hatte die traurige Kunde schnell den Weg von Ohr zu Ohr gefunden. Man sprach von nichts anderem und stellte Betrachtungen an, was wohl nun werden würde. Moritz Gaffel, der die Kinder um zwölf Uhr aus dem Klassenzimmer entließ, kam gleich nach dem Mittagessen zu August Knorreck und bot ihm seine Hilfe an. Unterdessen war auch Thomas Hanschild mit den schwarzgeränderten Begräbnisanzeigen an ge kommen. Moritz Gaffel nahm die Feder und fck)rieb die Adressen. August Knorreck diitierte mit ruhiger Stimme. Alle umliegenden Herrschaften wurden eingeladen. Auch die verwitwete Freifrau von Wintelbera nannte der Inspektor.
Moritz Gassel hob verwundert bcn Kopf und dachte an das Testament.
„Die kommt dock) nicht!" meinte er und ließ die Feder ruhen.
„Ganz gleich!" sprach August Knorreck. „Es gehört sich so!"
Als Moritz Gassel fertig war, packte der Inspektor die Briefe zusammen, nahm das Paket unter den Arm und schritt nach Luschelau, um sie aus die Post zu bringen. Da gab er auch das Telegramm an Hugo aus. Dann ging er zum Pastor und bat ihn zum Begräbnis zu kommen. Der Geistliche fragte ihn nach dem Lebenslaufe des Verstorbenen, nach den Kindern, und nach diesem und jenem, und was denn nun mit dem Majorat werden würde. August Knorreck verweilte sich dabei länger, als ihn lieb war. Die Sonne hing schon dicht über dem Walde, als er sich wieder auf den Heimweg machte.
Bei der Försterei traf er ans Karl Ruppert. Sie gaben sich die Hände und sprachen nicht. Der Förster begleitete, ihn ein Stück.
„Habt Ihr schon das Testament gelesen?" fragte er plötzlich.
„Testament?" gab August Knorreck verwundert zurück. „Davon ist mir nichts bekannt."
„Cs liegt im Geldschrank!" fuhr der Förster fort. „Herr (Staffel hat s aufgesetzt, und der Baron hat's eigenhändig unterschrieben. Ich war dabei?"
„Wann ist denn das gewesen?"
„Damals, als Ihr noch nicht da wart."
„Was steht denn drin?"
„Ihr seid Vormund und Verwalter, bis der junge Baron großjährig ist."
„Das wären achtzehn Jahre!" sprach der Inspektor und blieb stehen. „Wenn das Vormundschaftsgericht keinen Einspruch erhebt."
„Es wird schon nicht!" meinte der Förster. „Ihr seid doch der Nächste dazu. Viel schlimmer bin ich dran, wenn die Schießerei mit dem Reuschel herauskommt."
„Unsinn!" wies ihn August Knorreck zurück. §.Der Doktor hat „.Herzschlag" auf den Totenschein geschrieben. Ich sage nichts, und Ihr sagt nichts, und der Reuschel hält das Maul schon von selbst."
„Aber der Doktor?" stöhnte Kurl Ruppert. „Wenn der plaudert."
„Hat's denn einen Zweck?" sprach der Inspektor. „Wenn er den Müller ins Zuchthaus bringt, davon steht der Herr Baron nicht wieder auf. Aber wenn wir ihn fre/il herumlausen fassen, dann haben wir ihn in der Hand, und dann muß er kuschen, wenn wir wollen!"
(Fortsetzung folgt.)
Tausch.
Eine heitere Episode von Paul Rosenhayn.
(Nachdruck verboten.)
Er konnte nicht schlafen.
Daran war einesteils die Hitze schuld. Anderseits hatte Oberst Treumann die eiserne Ration an Insektenpulver, die er immer bei sich trug in einem Brustbeutclchen, schon verstäubt. Drei Nächte ohne Schlaf. Und nun ein Bett haben und ein Zimmer . . . und nur wegen dieser verfluchten Quälgeister ... Nervös, wütend schleuderte er mit einem Ruck die Bettdecke auf den Fußbooen. Wohlig spürte er plötzlich die Kühle der Nacht aus seinem müden Körper.
Vielleicht rvar cs auch nur die Kerze an seinem Kopfende, deren flackernder Schein ihn störte: er feuchtete zwei Finger an, hob den Arm. der von der Ueberanstrengung ganz starr war, und klickste das Licht aus. Dann wollte er sich noch das Kissen ein bißchen bequemer zurechtlegen. Aber aus halbem Wege sank ihni der Arm wie betäubt auf den Rand der Bettstelle nieder, und in derselben Sekunde schlief er ein.
Eine halbe Stunde mochte er tief und traumlos geschlafen haben, als er das deutlche Gefühl hatte, als ob eine schwere' Hand an seinem Arm rüttle. „Joszka", er warf sich schlaftrunken herum, „Joszka, verfluchter Kerl, laß Deinen Herrn schlafen!"
„, Das Rütteln dauerte fort. „Joszka!", er schrie es außer sich vor Wut, „elender Halunke ... ich . . ."
„Still . . . oder ich schieße . . .!"
Jäh ermuntert, richtete er sich mit einem blitzschnellen Ruck auf und öffenete die Augen. Tann stieß er eilten halblauten Ruf der Ueberraschung aus.


