Ausgabe 
28.7.1915
 
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Lurück zur Schotte.

Koman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Günther!" rief Hedwig leise und setzte den Fuß aus die Treppe.Güntherckzen, kennst du mich nicht mehr?"

Da leuchtete eine Erinnerung über sein volles, ge­sundes Gesichtchen, er hob die Hände und stand auf.

Bleib sitzen!" flüsterte sie heraus.Du wirst fallen, ich komme!"

Aber der Junge patschte mit beiden Händen an das Geländer, klanimerte sich feft; schüttelte den ganzen Kör­per vor Freude und schrie, daß es wie ein gellender Fan­farenstoß durch das ganze Haus tönte.

Tante Hedwig! Tante Hedwig!"

Weiter kam er nicht, denn Hedwig riß ihn in ihrs Arme und verschloß ihm den Mund mit einem Kuß. Das Kindermädchen sprang auch herbei.

Fritz von Winkelberg aber, der eben an seine Reise nach Halle gedacht hatte, schrak auf. Er hörte Günther schreien, verstand die Worte, und sein Herz begann plötz­lich stürmisch zu pochen. Cäcilie ließ das Buch sinken, schaute den Vater, der auf einmal so ganz anders aussah, verwundert an und stahl sich auf die Seite. Ter Baron, lauschte angespannt. Das lange Krankenlager hatte sein Gehör außerordentlich geschärft. Ein leises Flüstern drang ins Zimmer. Das war Hedwigs Stimme!

Er erhob Tich mit einem Ruck und ging zur Tür. Ohne Stütze und ohne zu schwanken machte er die sechs Schritte.

Oeffne!" befahl er Cäcilie, die sofort hinaussprang und Hedwig freudig entaegeneilte.

Hedwig?" rief er, als er sie sah, trat aus die Schwelle und breitete die Arme aus.

Unwillkürlich wich sie zurück. Sein abgemagertes Ge­sicht schreckte sie. Doch seine Augen, die vom Glück leuch­teten, schlugen sie in Bann.

Hedwig!" flüsterte er tonlos und wagte noch einen Schritt.

Nun erst kam sie mit den beiden Kindern näher.

Da tat das Winkelbergsche Herz den letzten Schlag und stand still. Die Arme sanken schlaff, das Feuer der Augen erlosch wie ein zages Licht im Sturm, und die hohe Gestalt brach wie vom Blitz getroffen in sich zusammen.

Hedwig schrie verzweifelt auf und warf sich über ihn.

In der grenzenlosen Verwirrung, die jetzt hereinbrach, war Frau Knorreck die einzige, die den Kopf nicht völlig verlor. Sie ließ die weinenden Kinder durch das Mädchen in Sicherheit bringen und sprang Hedwig bei. Die war bleich wie das Sterben, hatte weder Worte noch Tränen und ließ sich willenlos sortführen. Tie Mutter brachte sie in das Arbeitszimmer nebenan und setzte sie auf einen Lehn­

stuhl. Dann suchte sie nach tröstenden Worten. Aber Hedwig hörte und sah nichts. Regungslos, mit starren Augen, kämpfte sie gegen den Schrecken, der ihr Hirn wie mit einer Klammer umspannte.

Thomas Hauschild, der sich am schnellsten gefaßt hatte, rief ein paar Leute herauf, trug oen Toten ins Schlaf­zimmer und legte ihn aufs Bett. August Knorreck aber stand unten aus der untersten Treppenstufe und könnt« nicht weiter. Seine Knie wankten und versagten den Dienst. Eine graue Wolke schwamm vor seinen Augen. Er wollte das Treppengeländer packen und griff in die Luft. Die Tienstleute, die Thomas Hauschild geholfen hatten, kamen jetzt auf den Zehenspitzen die Treppe herunter. Der In­spektor sah sie nicht, obgleich er die Augen weit offen hatte. Dann schlug ein Gemurmel an sein Ohr. Durch die graue Wolke erkannte er Thomas Hauschilds Augen.

Soll ich nach Zdurotschin zum Doktor reiten'?" fragte der Gehilfe.

August Knorreck verstand die Frage nicht, aber er nickte. Die graue Wolke verdichtete sich. Dann fühlte er wieder nach dem Geländer. Als er es endlich hatte, hörte er draußen scharfe Hufschläge, die sich das Dorf hinaus verloren. Ta schloß er die Augen und tastete sich die Treppe empor. Als er oben die Augen öffnete, war die graue Wolke bis auf einen dünnen Schleier verschwunden. Er hörte Stimmen im Kinderzimmer und wankte hin. Seine Kniee bebten noch immer, und er fühlte auf seinem Nacken die Last eines Mühlsteins. Als er eintrat und Hedwig sah, die sich noch immer nicht regte, verdichtete sich plötzlich der dünne Schleier vor seinen Altgen. Er fühlte sich zu ihr hin, setzte sich neben sie und nahm ihre Hand, die kraftlos herabhing. Tie streichelte er unausgesetzt und schüttelte dazu mit dem Kopse Die Augen hielt er geschlossen.

Sie muß ins Bett!" sprach Frau Knorreck, die jetzt die Angst überfiel.

Laß Sie!" murmelte er, ohne jede Betonung.Laß sie, ich bleib bei ihr. Sie wird sich schon erholen. tSie kommt wieder zu sich."

Frau Knorreck ließ die beiden allein, um schnell in der Wirtschaft zum Rechten zu sehen und Hedwigs Lager zu richten. Auch die Kinder ließ sie ins Inspektorsusl bringen. Das alles nahm mehr Zeit in Anspruch, als sie erwartet hatte. Außerdem wurde sie in der Küche und im Milcht'ellcr verlangt. Dazwischen warf sie immer einen schnellen Blick ins Kinderzimmer, wo Hedwig und der Vater saßen.

Eine volle Stunde streichelte August Knorreck die blasse Hand, als sei er geistesabwesend, bis diese Hand plötzlich zu zittern begann. Ta öffnete er die Augen. Die graue Wolke war völlig verschwunden. Er sah Hedwigs blerckzes Haupt an der Stuhlroange lehnen. Ihre Augen waren geschlossen. Hin und wieder lies ein starker Schiittelsro-st über ihren ganzen Körper. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie der Vater aus die Arme, trug sie die Treppe hinunter, übe"