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Schaustück der Zoologischen Gärten. Wohl mag cs Vorkommen, daß einer der großen Damvfer auch ein Bischarin hcrübcrbringt; aber wenn es auch hinter dem Gitter täglich sein volles 'Futter' bekommt, so sehnt es sich doch nach der hemmungslosen und primitiven Sonne Arabiens, es wird träge und lahm, die Augen verlieren allen Glanz, und an den Fesseln und Kniegelenken treten harte Knollen hervor. Das ist es, rvarum wir bei uns nie ein echtes Bischarin zu sehen bekommen: das war so und wird auch in Zukunft so sein. Denn das Bischarin gehört zu jenen, die in der Gefangenschaft nicht bleiben können, was sie sind.
Das Tier, von dem ich berichten will, war kein Bischarin landläufiger Art. Es war selbst für arabische Begriffe — das beste seines Stammes, mit einem Rücken wie eine gespannte Bogensehne, mit schmalem Kopf, der im vorgestreckten Lauf die Luft durchschnitt, und mit dünnen Beinen, die aus Gisendraht gemacht schienen. Es war wert, von einenl jungen Scheck im Kriegsschmuck geritten zu werden. Und doch war sein Besitzer, Hussein, ein einfacher Araber ohne Stammbaum und Würden. Das Bischarin war alles, was er besaß, es bedeutete ihm Leben und Familie, Reichtum und einzigen Stolz.
Aber nichts ist des Menschen ungeteilter Besitz. Das sollte auch Hussein erfahren, als das dumpfe Rollen der europäischen Kricgstrommel bis in die schwüle Einsamkeit Arabiens drang. Das Volk der Wüste folgte dem Ruf des heiligen Krieges, die Kamelscheiks traten mit ihren Stämmen in den Dienst des türkischen Heeres, und auch Hussein uiib sein Bischarin wurden in den Sturm gezogen, der von allen Enden der Welt zu blaseiß begann. Die Araber wurden in Kamelreiterkorps formiert, als Späher und Plänkler flogen sie dem Heere voran, das von Damaskus aus seinen schwierigen Marsch nach dem Suez einsetzte. Aber das war nicht mehr der Krieg, von dem die -Väter erzähl« hatten, — die Engländer kämpften nicht mehr in Karrees wie zu Zeit des Sudanfeldzuges, und die Türken führten großkalibrige Geschütze mit sich, im Vergleich zu denen die einstigen Kamelkanonen das reinste Kinderspielzeug waren. Die Arabertruppen lernten das Ausschwärmen und ähnliche schwierige und moderne Tinge, wie alte gedrillte Soldaten. .^>ie schwangen wie einst ihre Gewehre über den Sattelknöpfen der Kamele, aber sie kämpften mit europäischer Berechnung, und auch das Bischarin gewöhnte sich an den Schall moderner Feldsignale. Diese Späher, denen auch Hussein angehörte, kamen sehr begreiflicherweise des öfteren in Plänkereien mit englischen Vortruppen, und bei einem dieser _ Gefechte wurde das Bischarin von der blinden Faust des Schicksals getroffen. Ein Streifschuß warf Hussein von dem Rücken seines Tieres, er landete leichtverwundet auf dem Sand und sah von hier aus, wie die Engländer nach abgeschlagenem Angriff zurückgingen. Aber das Bischarin hatte weniger Glück: es geriet in Gefangenschaft. Bald darauf stand es im englischen Lager, während seine Kameraden die freie Luft der Wüste atmeten.
Die englischen Soldaten erwiesen sich dem Bischarin gegenüber gutmütig, soweit sie es verstanden. Es bekam Kniefesseln, die so lose waren, daß es sich bequem bewegen konnte, und im übrigen durfte es in der Umzäunung, die die englischen Reiter für ihre Pferde errichtet hatten, herumspazicren so viel es ihm beliebte. Und das Futter war reichlicher, als ein Kamel es sich gemeinhin.- träumen läßt. Aber das Bischarin zeigte sich durchaus nicht dankbar. Es rieb die Beine an den Kniefesseln und röhrte in die Luft, weil es kein besseres Mittel wußte, um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu geben. Es sah zu, wie die Pferde mit plebejischer Gefräßigkeit ganze Futtersäcke voll Hafer verschlangen, während es selbst an wenigen Körnern Genüge fand. Aber Vornehmheit macht selten satt, und so kam es, daß das Bischarin in immer schlechtere Verfassung geriet. Es konnte an nichts mehr Frieden finden, nnd selbst der Anblick getrockneter Datteln veranlaßte es nur zu einer müden Kopfbewegung. Des Nachts aber, wenn die Sterne sprühend am Himmel emporschossen, wenn das Stampfen eines Pferdes im Schlaf und die murmelnde Weise eines fernen Soldatenliedes in weitem Umkreis die einzigen Geräusche waren — in den Nächten, die tief sind wie die Sehnsucht eines lebendem Wesens, ja. in diesen Nächten streckte das Kamel den langen Hals über die Umzäunung, und seine Augen, die in der Dunkelheit wieder blank wurden, ^änderten von rechts nach links und wieder zurück, und es war, als ob der Glanz des Mondes in ihneru schwämme. Tann richtete es die Ohren auf: es hörte die Nacht, es hörte die Wüste, die weit draußen lag, es roch die Lust, die von der Hitze rastet, und ein gedämpfter Klagelaut schnob aus seinen Nüstern.
In einer solchen Nacht zerriß das Bischarin die Fesseln, die es würde gerieben hatte, es brach durch die Umzäunung, bevor das Krachen der Aeste die Soldaten herbeieilen ließ, und setzte mit gewaltigen Sprüngen in die große Einsamkeit hinaus — der Wüste entgegen. In einem Nu lagen Lärm und Signallichter des Lagers weit zurück, nach vorne hin streckte sich der hügelige Sand, der nach dem trockenen Landstrich begann, und das Bischarin fegte darüber hin, während der Flugsand kühl und keusch unter seinen Beinen fortrieselte. Das war kein Lauf mehr, kein Galopp — es tvar ein rasender Flug, ein Federn auf nimmermüden Beinen. Das Tier sauste dahin wie eitle fabelhafte Präzisionsmaschine, seine Lunten atmeten breit in kräftigem, regelmäßigem Takt, es streckte stch in seiner ganzen unwahrscheinlichen Länge, e3 schwamm durch
die Wüste, die sein Element war, durch die Welt von Sand und umschließendem Schtveigcn, die sich endlos dehnte.
Immer weiter jagte das Bischarin, in gerader Richtung, die sein Instinkt ihm genauer angab als der beste Kompaß: es wiegte sich in der Geschwindigkeit seiner Fahrt, es roch die Heimat, es roch die Feuer der Kamelscheiks — ja, das tvar der Gott der Wüste selbst, der sein Reich durcheilte. So vergingen die Stunden, bis das Bischarin den Kopf aufwarf und ein röhrendes Geschrei aus- stieß; es witterte das Ziel — dort hinter dem schweigenden Hügel glänzte ein roter Schein, dort war sein Lager, dort lagerten die Kameraden, dort...
3a, dort ini Schutz des Hügels rastete die arabische Vortruppe öom Marsch des Tages. Die Kamele lagen still auf dem weichen Boden und bewegten wiederkäuend die Köpfe in majestätischem Nicken. Aber auch sie waren Tiere vom Stamme des Bischarins, auch ihre Nüstern rochen den Genossen: sie bewegten die Rücken, sie warfen die Köpfe herum, in einem Augenblick war das Lager erivacht. Die Araber sprangen aus ihren hockenden Schlasttrllmv- gen —: etwas kam auf das Lager zu, ein feiner sausender Ton aus der Wüste, untermischt mit einem schnaubenden Keuchen. Sie griffen nach bcu Gewehren, und Hussein, der am vordersten Wachtfeuer saß, schoß ab. Es war ein kurzer Knall, den die Nacht schnell verschlang. Und gleich darauf rann der Sand die Böschung hinab; das Bischarin, von der Kugel unterhalb des Schulterblattes getrosten. erreichte mit einem letzteil Satz den Rand des Lagers und stürzte dann in die Knie.
Es hatte nicht mehr die Kraft, sich aufzurichten, es sank ganz zusammen, und^sein Kopf stel auf den Sand. Mer während es mit einem letzten Schnaufen die Sandkörner von seiner Nase trieb, umfaßten seine Augen den Kreis des Lagers, es zog den scharfen Geruch von Ammoniak ein, der den Kamelen ensttrömt, diesen herben Duft der Tiere, die seinesgleichen waren. Ja — im Schein der zuckenden Feuer hockten die anderen Kamele und wiegten die Köpfe in neugierigem Staunen. Da streckte das Bischarin seine schlanken Beine von sich, und sein letztes Schnaufen klang wie der Seufzer Eines, der heimgefunden hat.
vermischter.
* Ein B a h n b a u mit Hindernissen. Die neuerliche Kongreßbewilligung von 35 Millionen Dollar« zum Bau einer weiteren Bahn in Alaska veranlaßt die New Parker in
teressante Einzelheiten au« der Geschichte früherer Bahnbauteil aus dein dainaligeii Goldlande mitzllteilen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Baren, mit denen die Arbeiter bei vielen Gelegenheiterl ill Berührung traten; sie wurden von ihnen zivar nicht angegrifferr, dafür aber ill der schanllosesten Weise — bestohlen. Meister Petz paßte ilämlich genail auf, wenn die ArbeitSlolonnen aiiszogen, dann schlich er sich in ihr Lager cnl und fraß in aller Gemächlich- keit ihr Mittagbrot aus. Dabei paßte er sich den Anforderungen des Bahnbaues geschickt an: wurde eine Svrenglmg vorgenommen lllld staiid ein Steinhagel zu b-Nürchten, so trollte er sich davoii, sobald obeil der Warnrilf des Vorarbeiters ertönte. Was aber den Bahnbau in Alaska besonders erschiverte, da« war die ungeiesselte Natur des Laildes. Währeiid der ersten 40 Meile>i der Strecke mußten iiicht iveinger als 87 Brückeil ausgeführt werden, weil das Gelände von schroff abfallcudeu Schluchten, sogenannten „Canons*, durchschnitteil war. In, Wi-.'ter fielen so gewaltige Schneerilassen, daß o't erst 8 bis 10 Meter Schnee iveggeräumt werden mußten, ehe ein Spatenstich getan werden konnte . . An, schwierigstell gestalteten sich die Verhältnisse an, Eovrer-Flusse. Ter Copper-Rtver stießt ilämlich mit reißender Schnelligkeit zwischen zwei gewaltigen Gletschern, dem Miles- und Childs-Gletscher hindilrch. die im Frühjahr beträchtliche Wassermengen in den Fluß hinabsenden. Nun lnußte der Fluß überbrückt werden, allem diese Aufgabe schien zunächst undllrchführbar. Währelld des Winters ,v,»rden starke, mit dicken Stahlschienen verstärkte Betonpseiler bi« 15 Nieter unter da« Flußbett getrieben und dort verankert. Nach Beendigung dieser Arbeit »ltißte ein stählerner Fahrdamin darübergelegt werden, eine Aufgabe, die bet der bitteren Kälte und den zahlreichen Schnee stürmeil die Kraft der Arbeiter auf eine harte Probe stellte. Kaum war indessen die letzte Schiene gelegt, als sich herausstellte, daß sich die tragenden Pfeiler lim etwa 30 Zentimeter verschoben batten. Der Fluß lag noch unter einer über 3 Meter dicken Eisschicht, seine Wasser rumortel, aber bereit« ,uld fie — denn der Frühling näherte sich schon — hatteil die ganze Eisdecke um 6 Nieter gehoben. Die drückte mm gegen die Brücke l»nd drohte sie -i» verilichteii, sobald das Eis schwand und der Fluß mit seinem starkeil Gefälle die erschütterten Pfeiler vollends »nnriß. Hier war nur ein Entschluß möglich: zur Rcttiina des rvertvollen und mühsam anbeförderten Materials mußte der ganze Bau abgerissen werden! Da nun aber die Pfeiler in der Eisdecke fest eingefroren wareii, so war es zunächst nötig, sie mit heißen Dämpfen, die aus allen möglichen Maschinen durch Schläuche herangeleitet wurden, soiveit zu erweichen, daß sie zertrümmert werden konnten. Mit fieberhafter Schnelligkeit wurde gearbeitet. Hunderte von Querstücken wurden entriegelt und entfernt, ivährend die Eisdecke langfain stieg, 150 Meter des stolzen Brückeiiivcrkes inußten auf diese Weise zerstört werden. Als dam, aber der Frühling kain und der Copper» Fluß schäumend und brausend zwischen den beiden Gletschern an-


