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int einsctzenden Ab en-licht in bleichen Tönen mehr und mehr verblaßten.
Fester heftete der Alte sein klares, scharfes Auge auf die nahen Bergpässe. Tort hinauf warm sie gegangen, seine beiden Zungen, mit denen er, der weit über das pflichtige Alter war, zu den Waffen gegriffen, sich zu den Fahnen gestellt hatte. Wie hatte seine Frau daheim gebeten, ihn beschworen: „Bleib' doch Tu hier, überlaß der Jugend, was der Jugend ist!" Und erregt werdend: „Was willst Du, alter Kerl, da vorn in der Front, he? Bist ihnen schließlich nur zur Last!" Was das anbelangte', wollte er's ihnen schon zeigen! Ter Alte lachte grimmig in seiner- Bart. Ja, sein armes Weib tat ihm leid, herzlich lesid, aber cf konnte ihr nicht helfen, er hatte Sckldatenblut in den Adern, er konnte nicht tatenlos in solchen Zeiten zu Haus sitzen, er wollte mrttun, er fühlte die Kraft in sich. Und — er war seinen beiden! Jungen doch nahe.
Nun lwaren diese gegangen, beide zu derselben Patrouille kommandiert, und waren nicht wiedergekommen. Seit 24 Stunden schon harrte man vergebens auf ihre Rückkunft.
Einige graue Sck-atten tauchten aus den nächsten Büschen auf und schlichen vorsichtig näher: die Ablösung.
Hartlieb nahm sein Gewehr und folgte dem führenden Gefreiten talwärts, wo ihre Feldwache in einem der kleinen Gehöfts Stellung genommen. Der Zug war eben auf dem Hofe angetreten: gassend stand die Bäuerin in ihrem blauen Kattunrock und deck hohen Schaftstiefeln, ein feuerrotes Kopftuch um das pechschwarze Haar geschlungen, in der Haustür.
„Eine Patrouille zum Paßsattel!" sagte der Feldwebel. „Freiwillige vor!"
Das galt seinen Jungen! Der alte Hartlieb trat vor, mit einem langen, energischen Schritt, als erster. Mit ihm fast der ganze Zug.
Der Feldwebel wählte die kräftigsten und strammsten aus. Als er an den alten Hartlieb kam, musterte er ihn kurz und sagte: „Na, — Sie wollen auch mit, natürlich! Ihren guten Willen in Ehren, aber das geben die alten Knochen doch wohl nicht mehr her?"
„Herr Feldwebel," erwiderte der Alte sich ausrichtend, „Herz
und Knochen sind noch fest genug und-es sind doch meine
Junget:!"
Der Feldwebel nickte — er war ja selbst Vater. ,>Hartlieb geht mit!" entschied er. Der alte Wehrmann atmete auf und nahm sein Gewehr unter den Arm.
Mit langen, langsamen Schrittet: ging es bergauf: mühsam hatten sich die Soldaten erst den richtigen Bergsteigerschritt au- gewöhnt. Sie überschrittet: die Kammhöhe, auf der ihre Vorposten standen, gedeckt durch ekn dichtes Haselnußgebüsch, und stiegen tvieder abwärts durch einen dünn bestandenen Wald, zwischen dessen einzelnen Stäntmen mächtiges Felsgeröll lag.
„Es soll mich wundern, ob der Bergrücken jenseits besetzt ist," sagte Vizefeldwebel Hinrichs, der die Patrouille führte. „Die Racker haben sich so still gehalten, daß man denket: sollte, sie bähet: abgebaut."
„Wenn das wäre," antwortete der alte Hartlieb, „dann wären meine Jungen zurückgekommen."
Der sinkende Tag ging indes in ein dämmerndes Zwielicht über. Man sah unsicher, :u:d der Fuß glitt aus auf dem wilden Gestnn. Trotz der kühlen Bergluft perlte bald der Schweiß aus der Stirne. Wurzelgeflecht zwischen dem Steingeröll, riesige Farne erschwerten btrtt Anstieg; oft mußte man sich unter dem Gezweig r:esiger Wettertannen hindurchwinden, oft die Hände zu Hilfe nehmen beim Uebersteiget: schräger Felsplatten.
„Na, gehts noch. Hartlieb?" fragte der Feldwebel, s.'lbft außer Aten, und keuchend.
„Es geht noch, Herr Feldwebel!" antwortete der 9llte mit eiserner Miene.
An einer kleinen Matte, die als ein grüner Fleck die Stein- wuste unterbrach, machte die Patrouille einet: Augenblick rastend halt. lieber d:e nahen Schneekämme stieg eben der zunehmende 5 .. dm fern gezeichneter Sichel. Mondesglanz überflutete die pule Bergwelt. Die tiefe Stille durchdrang nur von ferne der Schrer einer Eule.
. „Wetter! sagte der Feldwebel. Alle atmetet: tiefer und stieget: wieder zu Berg. Den Kamm des vor ihnen liegenden Bergrückens krönte e:ne einzelne Wettertanne, weithin als Landmarke sichtbar. Vom zitternden Mondlicht timflosseu stand sie jetzt da wie ein gigantischer Hüter dieser Bergeinsamkeit.
Der Feldwebel machte hinter einem der großen Fclsblöcke halt und spähte scharf durch se:n Glas. Drüben au der Tanne lag lang ausgestreckt eine Gestalt. Ein feindlicher Posten würde sich nicht so offen zeigen. Er spähte schärfer — es war ein Feldgrauer — ke:n Zweifel: der junge Hartlieb! Ein schneller, besorgter Blick Nichte den Alten. Da legte sich e:ne Hand schwer aus seine Schulter der alte Hartl:eb stand hinter ihm.
„Da ist er!" sa^e er und deutete mit der Hand hinüber, niemand bemerkte e:ne Betoegnng auf seinen eisernen Zügen. „Wenigstens der e:ne!" ' J
.. = dkr Feldwebel. Wieder stieg inan bergwärts,
diesmal »ntt geftugelten schritten. Der alte Hartlieb eilte vorwärts >eu:e Dne zittertet: plötzlich — — welcher denn — welcher von fernen Söhnen tvar s denn- ^
Sic erreichten die Kamnihöhe. Ta kttallteu Schüsse. — „Nieder! Umlegen!" — Wie der Wind tvar alles in Deckung. Der alte >Oarttieb tvarf nur einen halben Blick auf den Sohn, der kaum
-chrttte vor ihn: lag, schwer, wie in den Boden hineingesunken. Tot. Ken: Zweifel. Es war sein Ernst, der Liebling seiner Mutter. Keine Zeit. Geschosse fegten heran — zu furj! Moos und Erde ftogeu aunvirbelnd hoch.
Der Feldtvebel hatte indes die feindliche Stellung entdeckt. Dort hntten lagen sie in Schützenlöchern. Wie Eulen guckten die hohen grauen Baschliks, darunter die dunkeln, schlitzäugigen Mon- golengenchtek-über den Rand der Gruben. Der alte Hartlieb machte langtam letn Gewehr schußfertig — er war mit seiner langsamen Ruhe emer der beiten schützen — legte an — gerade noch Büchsen- l:cht! Krach! Kopfschuß!
Das eine Eulengesicht war weg. Die Kammer flog aus und zu. „Den zweiten nehme ich pränumerando!" dachte Hartlieb gr:mm:g und z:elte aufs neue. Zum zweiten Schuß kam er nicht mehr: den Russen, den er aufs Korn genommen, hatte ihm ein Kamerad vor der Nase tveggcknaltt — so ein Racker!
„Stopfen!" kam der Befehl. Drüben fiel kein Schuß mehr. Stumm und kalt hockten sie in ihren Schützenlöchern, alle durch den Kops geschossen. Ein paar Mann flohen. Man hörte ihre stolpernden Tritte sich talwärts entfernen und die Steine unter :hren Füßen niederprasseln.
. Feldwebel winkte mit der Hand, weiter! Wieder tvarf er e:nen Blick auf Hartlieb, ob er Zurückbleiben tvolle, doch der hatte se:n Gewchr unter dem Arm, schußfertig: er folgte dem Feldwebel auf dem Fuße.
Eine kleine Strecke ging's taltoärts, durch Wald, sehr steil. Da schrmmerte schon der Waldrand. Eine kleine Siedlung lag auf der anschließenden Matte, hier und da eine elende Hütte — hinter einer loderte ein Biwakfcuer. Die Streifschar hielt rnne. Wieder beobachtete der Feldwebel durch sein scharfes Glas.
„Sie haben Gefangene von uns," sagte er, den Feldstecher absetzend.
Gefangene! Der alte Hartlieb horchte auf, alle seine Nerven waren gespannt.
tMktte&cI übersah die Lage: nichts rührte sich, drüben d:e Posten schtenen zu schlafet;: von dem Gefecht hatte man hier anjchemend nichts gehört.
„Wir wollen sie überrennen!" sagte der Feldwebel leise, mit verhaltener Stimme. „Marsch! marsch!" In aufgelöster Ordnung ging der Zug über die kleine Lichtung und im Marsch! Marsch! gerade auf das Biwakfeucr los.
Rings aufspringende, aufschreckendc Gestalten — erbarmungslos fuhren die blanken Bajonette dazwischen, Schüsse knallten — dann setzten die Feinde in langen Sprüngen davon — überall huschten s:e w:e graue Schatten im schimmernden Mondlicht über die beschneiten Matten. Ein wohlgezieltes Verfolgungsfeuer streckte noch manchen :n den feuchten Grund.
Der chte Hartlieb schlug die Kammer seines Gewehrs zu und legte b:c Sicherung fest. Er wandte sich zu den Gefangenen, die nun bcfrett waren und lachend und weinend ihren sie befreienden Kameraden die Hände drückten.
.„Ist Fritz hier?" fragte er, seine Stimme klang rauh, trocken vor mnerer Erregung.
„IHier. Vater!" antwortete eine Stimme.
Der alte Hartlieb wandte sich um — in seinem Herzen jubelte es auf, doch keine Miene zuckte in seinem Gesicht — niemand sah d:e Träne, die in seinem Auge glänzte.
„Junge!" rief er, seine Stimme hatte von ihren: rauhen Klang n:chts cmgebüßt, „fangen hast du dich lassen?"
„Vater," sagte der Sohn, „zwölf Stunden waren sie hinter uns her, nachdem Ernst oben an der Tanne . . ." Er brach ab — der Vater winkte heftig mit der Hand, fortzufahren —, „eine ganze Kompagnie stark," erzählte Fritz tveiter. „Immer höher mußten wir in d:e Berge, ein paar verwu:tt»ete Kameraden zogen uttti trugen wir mit, konnten sie doch nicht liegen lasse»!. Schließlich war's aus mit unseren Kräften."
Der Alte sagte nichts mehr. Stumm zog er den Sohn an seine Brust.
Ter Feldwebel hatte ittttes das Tal überblickt. Weiter untett in der Talsohle lag ein kleines Doirf, von dem bleichet: MondliiA übergossen. Wie eit: aufgestörter Bienensckiwarm stürzten dort d:e Russen aus allen Häusern.
.., „Kehrt marsch!" befahl der Feldwebel. Der Mond versteckte sich hmter aufz:chendem Gewölk; im Schutze der Dunkelheit gelang cs der Streifschar, den Wald zu erreichen.
Wieder ging es bergauf mit hastenden Tritten.
Der Feldwebel trieb zur Eile: es bestand die Gefahr, abge^ sckmttten zu werden.
„Vater," sagte Fritz „ich Habs hier so am Herzen, sie haben uns zu toll ge;agt, — ich kann nicht mehr mit!"
„Wirf dein Koppel ab — Kragen auf, daß du Lust bekommst," raunte der Vater, „so! komm!" Er faßte den Sohn um die Schulter und schleppte ihn bergWArts.
Die anderen hatten den Kamm indes glücklich erreicht. Der alte .Hartlieb tvar zurückgeblieben, zu schwer hing ihm der Sohn an: Arme. Jetzt erreichte er die einsame Tanne, wo sein Ernst lag Da sank plötzlich um, — ohne einen Laut knickte er in sich


