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Als Doktor Bielschowsky tvieder die Treppe hinauf- Peigcn wollte, lief ihm eine Frau aus dem Dorfe nach, die ihn unter Tränen beschlvor, zu ihrem Manne zu kommen, der schwer krank sei.
„Wo sehlt's denn?" sdragte er neugierig.
„Am Bein, am Arm und an der Seite!" schluchzte sie unter Tränen. „Ach. lieber Doktor, kommen Sie schnell!"
„Das ist ja eine recht merkwürdige Krankheit?" meinte er argwöhnisch. „Hat er denn das schon lange?"
„Ach, Herr Doktor!" jannnerte sie laut. „Ich glaube, sie haben ihn heut nacht ange-schossen?"
,Mha!" nickte er befriedgit. „Daher also kam die Kugel geflogen."
Er holte sein Besteck, fand den Müller ächzend im Bett liegen und schnitt ihm in aller Gemütsruhe dreizehn Rehposten aus Oberschenkel, Hüfte und Schulter. Edle Teile ivaren nicht verletzt.
„Herr Doktor, Herr Doktor!" schrie die Frau verzweifelt. „Er wird mir doch nicht sterben!"
„Das nicht!" meinte der Doktor grimmig, den: das Schneiden diesmal eine besondere Freude war. „Aber ins Zuchthaus lvird er gesteckt, ivenn Sie nicht besser auf ihn acht geben."
Dann versprach er gegen abend wiederzukommen, ging davon, schaute durch die Fenster der evangelischen Schule, wo die Kinder bereits unruhig zu werden begannen, und eilte, Moritz Gassel abzulösen.
August Knorrcck war endlich auch gekommen. Er hatte sich auf Thomas Hauschilds Gaul gesetzt und war sofort los- gerttten. Doch das Pferd war nicht mehr in Trab zu bringen, so überanstrengt war es. Kurz nach neun erreichte der Inspektor das Gut, w'nrf einem Knecht die Zügel zu und stieg zum Baron hinauf. Auf dem Hausllur traf er den Förster, der noch immer den Kops hängen ließ.
"Wenn's rauskommt, flieg ich rein!" meinte der graue Waldmensch zaghaft, nachdem er dem Inspektor alles erzählt hatte.
„Wird schon nichts rauskommen!" tröstete ihn August Knorreck und klopfte an das Arbeitszimmer.
. Moritz Gassel öffnete und begrüßte ihn mit einem kräftigen Händedruck.
„Gott sei Dank, daß Sie da sind!" flüsterte er. „Bleiben Si^hier, biö der Doktor wiederkommt. Ich muß endlich ln die schule. Er soll schlafen und nicht sprechen!"
.. JvP“? Knorreck nickte, stellte den Stock in die Ecke, hing die Mutze darauf und setzte sich auf den Stuhl, von dem aus er den Kranken im Auge behalten konnte. Der rührte sich vorerst mcht. Plötzlich stöhnte er tief und schwer auf. August Knorreck tE ans Bett und beugte sich über ihn. Jetzt schlug Fritz von Winkelberg, der den- forschenden Blick fühlte, die Augen auf und erkannte sofort seinen Inspektor.
Da setzte das Winkelbergsche Herz aus. Es konnte die Blutniellen der Freude, die es bestürmten, nicht gleich bewältigen. Dreimal holte der Atem vergeblich an. Dann pochte es plötzlich weiter, aber so heftig und heiß, daß der Baron kein Wort herausbringen konnte. Er faßte August Knorrecks Hand und sah ihn an.
„Knorreck!" flüsterte er tonlos.
„Was befehlen der Herr Baron?"
„Nichts! Gar nichts mehr! Jetzt ist alles gut!" f . ^itz von WiNielberg schloß die müden Augen, und über seine Klassen Lippen lief ein glückliches Lächeln.
und ^blicke trat der Arzt ins Krankenzimmer
Ä 'Hob August Knorreck ohne weiteres zur Tür hinaus.
Tage lang b.'.eb Doktor Bielschowsky in Britzkawe. cv C m r t^ bc - Nachmittag auf eine Stunde herüber- gefahr^n. Im Dorfe net man hin und her, reimte sich Ber- schledenes zusammen, das der Wahrheit nahe kam, und brachte ev als schlimmes Gerücht m Umlauf. Und schon am vierten
um übe?d^ der Luschelauer Gendarm bei August Knorreck, um über die Schießerei Erkundigungen einzuziehcii.
, „Kommt morgen wieder!" sagte der, um Keit zu ae- äftgft 1 ' er" mit bem B°r°nRücksprache
«^'^^?^Emeister begnügte sich damit unb ritt wiede nacl !rusche!au, ohne den verwundeten Müller zu besuche,
ttch die^Levitei?^"^ ^giUst. Knorreck und verlas ihm gründ
. „Ihr kommt ins Zuchthaus!" drohte er, „wenn Iß 'HHk/as Maul haltet. Der Herr Baron will aus der Sack nick>tv machen, denn hre Lust aufs Wildern wird Euch woh
vergangen sein mit dem Denkzettel. Und wenn morgen der Wachtmeister kommen sollte: Es kann mich eine Flinte von selbst losgehen. Merkt Euch das!"
Am Abend rückte Frau Knorreck mit den drei Möbelwagen an. Thomas Hauschild leitete den Transport.
Als der Gendarm am nächsten Tage wiederkam, schickte ihn der Inspektor zu Christian Reuschel.
„Der Herr Baron ist noch viel zu schwach, um sprechen zu können. Geht zunr Mütter. Sagt nur, Ihr kommt vom Schloß, da wird er schon nicht lange zaudern mit der Wahrheit."
Der Wachtmeister stiefelte das Torf hinunter und nahm zuersk die Müllerin ins Gebet. Tie aber machte in ihrer Angst und Verwirrung derartige widerspruchsvolle Angaben, daß er nichts damit anfangen konnte.
„Laß ihn herein!" rief der Mütter aus dem Nebenzimmer.
Der Wachtmeister trat ein, setzte sich an den Tisch und zog sein Notizbuch heraus. Und Christian Reuschel erzählte ihm eine sehr harmlose Geschichte, wie er seine Flinte rn die Ecke gestellt hätte und sie vou selbst losgegangen sei.
„Das ist gelogen!" schnauzte ihn der Wachtmeister an.
„Wenn Ihr's besser wißt, warum fragt Ihr mich?" meinte der Mütter und drehte sich der Wand zu. „Das geht doch keinem was an, wenn ich im Bett liege!"
„Oho!" rief der Gendarm und stand auf. „Daß Ihr Euch nur nicht täuscht. Ter Staatsanwalt wird Euch schon packen!"
Dann ritt er zum Torfe hinaus, um beim Förster, lern Glück zu versuchen. Da aber kam er ganz an den Unrechten. Der wußte überhaupt nichts.
„Hat denn jemand geklagt?" fragte er neugierig.
„Das ist erst die Voruntersuchung!" erklärte der Hüter der Ordnung. „Wo habt Ihr den Baron gefunden?"
„Da drüben!" erwiderte der Förster. „Mit einem Schuß rn der Brust. Das kann ich beschwören."
„Wer hat den Schuß abgegeben?"
„Weiß nicht. Müßt ihn schon selbst fragen, wenn er tvieder gesund ist. Wird wohl ein Unfall gewesen sein. Er ist vielleicht gestolpert, und dabei ist seine Büchse losgegangen!"
„Das sieht doch ein Kind, daß das nicht möglich ist!" fuhr der Gendarm aus. „Der Staatsanwalt wird Euch schon die Zunge locker machen."
„Ich wart's ab!" erwiderte Karl Ritppert. „Bis dahin halt ich mich an den Spruch: Wo kein Kläger ist, da ist auch kern Richter!"
Ter Gendarm mußte die Voruntersuchung einstweilen ernstellen.
(Fortsetzung folgt.)
Nriegrsrelwimge.
Dem Leben nacherzählt von C u r t K ü h n s.
. 3 n ^ncr schmalen Talsohle liegt das kleine Karpathendörschen me eingeschachtelt Hohe Bergrücken begrenzen es, und darüber chauen Die schneebedeckten Rücken der Kammhöhen. Einzelne graue verwitterte Gehöfte, die armseligen Wohnsitze einer armseligen' ruthenischen Bevölkerung, liegen an deii Hängen und längs der Bandstraße, die neben der Eisenbahn das Tal durchzieht.
Sonst war's wohl einsam in diesem Tale, kaum anderes zu ehen als innige Ochsengespanne, wie sie dort oben hoch an der Berglehne mühsam dw Ackerscholle stürzten, die schweren weißen Stiere gelenkt von einem ruthenischen Bauern in seiner weißgrauen Jacks Mit den roten Borten und Verschnürungen. Jetzt war's anders. Bor dem Bahnhof. au!f dessen wenigen Gleisen Zug neben Zug stand, hielt eine Laftkrastwagenkolonne, daneben lag ein großes Proviantamt: hohe Mieten von Preßstroh türmten sich aus, die Lacke mit Erbsen, Linsen, Hafer häuften sich zu Bergen, Trainkolonnen hielten aus dem Kleeacker, zu einem riesigen Wagen- park zusammengefahren — Kops an Kopf standen die schnaubenden Werde und von dem ^ach des großen Vichstalles am Bahnhof der als Krieaslazarett eingerichtet war, flatterte im kühlen Berq^ wmd die weiße Flagge mit dem Roten Kreuz.
>. des Dörfchens, unten in der kleinen Zeltstadt,
die leilsetts des Bahnhofs sich aufbante, lag ein Bataillok, dem der schütz der Etam>e anvertrant worden war. Oben aus dem Rucken des nächsten Berges zogen sich die Schützengräben, und man sah zuweilen eine Patrouille die steile Matte hinaussteigen, n, einem, der tiefen Schützcnlöck>er saß ein alter Soldat, kein i! em Kriegsfreiwilliger, grau war das Haar
hiV fpff ° f 11 ' $T> mi starke, struppige Schnurrbart, der
d e fest gezeichneten Mundwinkel deckte. Sein blaues, trotziges Auge sah wert hinaus m die fernen Berge, deren Schneekuppen


