Ausgabe 
22.7.1915
 
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Lurück zur Scholle.

Koman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Nicht lange daraus trat Doktor Bielschowsky herein. Eben erlvachte der Kranke unter einem neuen Blutsturz. Der Arzt ging sofort an die Arbeit, untersuchte die Wunde, reinigte sie von Knochensplittern und Gewebefasern und suhlte lange nach der Lkugel. Alle größeren Blutgefäße waren unverletzt. Erst als er das Hörrohr zu Hilfe nahm, konnte er ungefähr den Ort bestimmen, wo sie saß. Sie war an der zerschmetterten Rippe nach oben abgelenkt worden und hing irgendwo im Fett des Herzbeutels.' Die veränder­ten Klappengeräusche hatten ihn endlich auf die rechte Spur gebracht

Die Kugel muß heraus!" konstatierte er.Und das auf der Stelle!"

Der Baron, der unter den sicheren Händen des Arztes zusehends auflebte, lächelte trüb.

Ich muß schneiden!" erklärte der Doktor.Den jetzigen Zustand hält kein gesundes Herz aus, viel weniger' Ihr krankes."

Schneiden Sie!" meinte der Baron und schloß die Augen.

Die Sache hat leider einen Halen," sprach der Doktor und ordnete sein Besteck.Ich darf Sie mit diesem Herzen nicht chloroformieren."

Schneiden Sie ohne Chloroform!" murmelte der Baron.

Der Doktor traf sofort seine Anordnungen. Ein langer Tisch wurde hereingeschoben, kochendes Wasser bereitgestellt, das Besteck desinfiziert. Dann hob man den Kranken vorsich­tig aus dem Bette und legte ihn auf die Tischplatte. Der Gärtnerbursche sprang in den Pferdestall und holte ein paar neue Leinen. Damit schnürte Doktor Bielschowsky den Kranken fest, daß er sich nicht rühren konnte. Das Ende des starken Lederriemens steckte er ihm zwischen die Zähne.

Darauf dürfen Sie beißen!" tröstete er ihn und streifte sich die Aermel auf.Wenn's gar zu arg wird, denken Sie an irgend eine gleichgültige Sache, zum Beispiel an den Pvthagoräischen Lehrsatz. Sollte das .Herz für ein paar Augenblicke aussetzen, dann ruhig Blut! Es fängt sofort wieder an, wenn die Kugel heraus ist. Ich muß sofort ein- greifen, denn die Kugel senkt sich bei jedem Herzschlag um den Bruchteil eines Millimeters tiefer, bis sie sich durch die Fettschicht durchgearbeitet hat. Das kann schon heute, sicher aber morgen eintreten. Dann drückt die Kugel auf die Vorkammer, deformiert die defekte Herzklappe, und die Me­chanik versagt. Dies ist meine Diagnose. Und ich setze sie Ihnen auseinander, weil ich ohne Assistenten arbeite. Sie können daraus ersehen, daß die Sache vorläufig nicht allzu gefährlich ist."

Das war eine Notlüge. Am liebsten hätte er Blut ge­schwitzt. In Wirklichkeit hing das Leben Fritz von Winkel­bergs an einem Haar, und Doktor Bielschowsky hatte gar keine Zeit mehr, einen Assistenten herbeizuholen.

Los!" kommandierte der Baron, schloß die Augen und biß auf den Niemen. Der Arzt erweiterte die Wunde durch einen kräftigen Schnitt. Karl Ruppert, der Förster, wandte sich ab und ging hinaus. Moritz Gassel dagegen kämpfte herzhaft gegen die Schwäche an, die auch ihn zu überfallen drohte, und ging dem Doktor mutig zur Hand. Der machte ein möglichst gleichgültiges Gesicht. Ter Kanal des abgelenk­ten Geschosses lag offen. Jetzt nahm der Arzt die stumpfe Sonde und fühlte nach der Kugel. Seine sichere Hand leitete ihn richtig durch die purpurne Tiefe. Die Diagnose stimmte ganz genau. Zwei Minuten später fiel das Bleistück auf den Fußboden. Fritz von Winkelberg lag da wie tot, nur seine Zähne gruben sich immer tiefer in den Riemen. Das Winkel- bergsche Herz schlug weiter, es hatte nicht einen Augenblick ausges-etzt. Dem Schmerze war es gewachsen. Der Verband wurde erneuert, hermetisch abgedichtet, daß die Lungen wieder ordnungsmäßig arbeiten konnten, und die Riemen wurden gelöst. Der Puls, der schon nahe am Versiegen gewesen war, kräftigte sich allmählich. Als man den Kranken wieder ins Bett legte, öffnete er die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. Aber er durfte nicht eher einschlafen, bis er eine kräftige Bouillon genommen hatte.

§)öcb dann schlief er auch tief und ruhig, wenn er auch nur mit dem linken Lungenflügel atmete.

Der Doktor wusch sich das Blut von den Händen und sank erschöpft auf den Stuhl. Moritz Gassel zeigte chm das Ende des Riemens. Das vier Millimeter starke Leder war glatt durchgebissen.

,Er hat eine Pferdenatur!" sagte der Doktor leise. Wenn er die nicht hätte, lebte er mit dem Herzen längst nicht mehr. Die wird ihn auch durchbringen."

Dalin hob -er die Kugel auf, spülte sie ab und sah sie genauer an.

Das ist eine Büchsenkugel!" konstatierte er verwundert. Haben Sie eine Ahnung, wer sie abgeschossen hat?"

Moritz Gassel verneinte.

Da will ich mir doch den Förster beiseite nehmen!" meinte der Doktor und steckte die Kugel in die Westentasche.

,g2ie bkeiben wohl noch ein wenig hier, bis Ablösung folgt. Möglichst viel schlafen und möglichst wenig sprechen!" ' ' Moritz Gast'el setzte sich und dachte an seine Schul­kinder, die mit der schriftlichen Arbeit gewiß schon lange fertig waren.

Aber er hielt aus. August Knorreck mußte jeden Augen­blick kommen.

Der Doktor konnte Karl Ruppert nichts entlocken. Der dachte noch immer an die Rehposten und ließ den Kopf hängen. Wenn die Schießerei herauskam, konnte er mit dem Gericht zu tun bekommen. Denn er hatte nicht aus Notwehr geschossen